Eine punktuelle, hier und dort in den Marktzusammenhang eingreifende Wirtschaftspolitik führt, sobald sich diese Eingriffe summieren, zu einer Verwirrung des Ganzen. Alfred Müller-Armack, 1901 - 1978, deutscher Nationalökonom, Kultursoziologe

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Die Zukunft der Renten: Erhebliche Besorgnis in der Bevölkerung

Wie ticken die Deutschen bei der Rente? Prof. Dr. Renate Köcher, Geschäftsführerin des Instituts für Demoskopie Allensbach, hat im Auftrag der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft die Deutschen gefragt. In diesem Blogbeitrag fasst die Meinungsforscherin die wichtigsten Erkenntnisse zusammen (hier die vollständige Studie als PDF).
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In der politischen Agenda der Bevölkerung gehört die nachhaltige Sicherung der Renten seit Langem zu den wichtigsten Zielen. Die Bürger wissen, was die demografische Entwicklung für das Rentensystem bedeutet, und sind entsprechend skeptisch, ob die Renten langfristig gesichert sind. Lediglich 15 Prozent sind hier zuversichtlich, während 79 Prozent zweifeln, ob das Rentensystem zukunftsfest ist. Die überwältigende Mehrheit rechnet gleichzeitig mit steigenden Beiträgen zur Rentenversicherung, 34 Prozent sogar mit gravierenden Beitragserhöhungen.

Dass es trotzdem zurzeit keine breite gesellschaftliche Debatte über die Gestaltung des Rentensystems gibt, hat vor allem mit der guten wirtschaftlichen Entwicklung der vergangenen Jahre zu tun. Durch die niedrige Arbeitslosigkeit und die Lohnabschlüsse der letzten Jahre hat sich die materielle Lage der Bevölkerung und auch der heutigen Rentner teilweise spürbar verbessert. Der Anteil der Rentner und Pensionäre, die mit ihren staatlichen Altersbezügen zufrieden sind, hat sich über die letzten 10 Jahre hinweg von 45 auf 57 Prozent erhöht; nur jeder Achte ist mit der eigenen Rente überhaupt nicht zufrieden. Für die nächsten Jahre rechnen 41 Prozent mit weiter steigenden Renten, 44 Prozent mit stabilen Alterseinkünften und nur 7 Prozent mit sinkenden Renten.

Auf Sicht der nächsten Jahre werden damit die Perspektiven für die staatliche Rente entspannt gesehen. Mittel- und langfristig zweifelt die überwältigende Mehrheit jedoch, ob das heutige Rentensystem die demografische Entwicklung verkraften wird. 80 Prozent der Bevölkerung sind überzeugt, dass langfristig kein Weg an einem Umbau des Rentensystems vorbeiführen wird. Nur knapp jeder Dritte geht davon aus, dass das Umlageverfahren, bei dem die heute Erwerbstätigen die gesetzlichen Rentenbezüge der Rentner finanzieren, in Zukunft so beibehalten werden kann. Den Bürgern wird auch zunehmend bewusst, dass die Lasten und Ansprüche der verschiedenen Generationen nicht gerecht verteilt sind und die junge Generation benachteiligt wird.

Auch die Vorstellungen, was angesichts der demografischen Entwicklung zu tun ist, um das Rentensystem zukunftsfest zu machen, haben sich in den letzten Jahren signifikant verändert. Zwar favorisiert die überwältigende Mehrheit stabil eine stärkere Steuerfinanzierung der Rentenkassen, immer mehr halten jedoch auch höhere Rentenbeiträge und eine Verlängerung der Lebensarbeitszeit für unausweichlich – auch wenn diese Optionen nicht populär sind.

Die derzeitige Rentenpolitik wird überwiegend kritisch gesehen. Nur 16 Prozent sind mit der Rentenpolitik der Regierung zufrieden, 54 Prozent unzufrieden; überdurchschnittlich positiv fällt das Urteil der heutigen Rentner aus, überdurchschnittlich kritisch dagegen das der heute Erwerbstätigen. Insgesamt gehen die Bürger davon aus, dass die Maßnahmen und Vorhaben der Regierung das Rentensystem eher belasten als stabilisieren: Lediglich 9 Prozent attestieren der Regierung, dass ihre Pläne und Maßnahmen das Rentensystem stabilisieren, während 44 Prozent vorwiegend Belastungen sehen; ein wachsender Anteil ist unsicher, wie sich die Rentenpolitik mittel- und langfristig auswirken wird.

Trotz dieser kritischen Einschätzung treffen gleichzeitig konkrete Maßnahmen und Beschlüsse bei der großen Mehrheit auf Zustimmung. Das gilt sowohl für die Verpflichtung für Selbstständige, für ihr Alter vorzusorgen, wie für die Aufstockung der Grundsicherung, den Ausbau der Mütterrente, die „doppelte Haltelinie“ oder die Anhebung der Einkommensgrenze, ab der die vollen Rentenbeiträge zu zahlen sind. Bemerkenswert ist, dass es hier keinen Dissens zwischen den Generationen gibt. Auch unter 30-Jährige unterstützen diese Beschlüsse mit großer Mehrheit. Der jungen Generation wird zwar zunehmend bewusst, dass ihre Interessen im Rentensystem nicht angemessen berücksichtigt werden; dies führt jedoch keineswegs zu dem oft beschworenen Generationenkrieg oder zumindest einer konsequenten Vertretung eigener Interessen der jungen Generation.

In der intensiven Debatte über die Aufstockung der Renten von Geringverdienern gab es in der Bevölkerung von Anbeginn an einen breiten Konsens: 80 Prozent der Bürger befürworten die Aufstockung; gleichzeitig votieren jedoch auch zwei Drittel für eine Bedürftigkeitsprüfung. Genauso einmütig reagiert die große Mehrheit auf Forderungen, die Renten stärker zu vereinheitlichen und unabhängiger von den eingezahlten Beiträgen zu gestalten. Die überwältigende Mehrheit unterstützt eine Differenzierung der Renten abhängig von der Beitragsleistung, nur 17 Prozent votieren für eine Angleichung der Renten. Das Gerechtigkeitsempfinden der Bevölkerung hat eine ausgeprägte Leistungskomponente.

Die Rente ist für die Bevölkerung die zentrale Säule ihrer Alterssicherung, die jedoch durch andere Säulen flankiert werden sollte, wie eine betriebliche Alterssicherung, Immobilienbesitz und andere Formen der privaten Vorsorge. Nur jeder Dritte hält jedoch die eigene private Vorsorge für ausreichend, selbst von den 45-Jährigen und Älteren nur knapp jeder Zweite. Die Vorsorgedefizite werden vor allem mit fehlenden finanziellen Spielräumen begründet, aber auch mit der zeitlichen Distanz: 29 Prozent möchten sich noch nicht mit der finanziellen Situation im Alter beschäftigen, da diese Situation noch viele Jahre entfernt ist. Jeder Fünfte führt auch die niedrigen Zinsen an, die Sparen und Vorsorge unattraktiv machen.

Bemerkenswert ist, dass nur eine Minderheit präzisere Vorstellungen von der eigenen Situation im Alter hat, selbst von den 60-Jährigen und Älteren nur jeder Zweite. Vor diesem Hintergrund trifft das Konzept eines individuellen Vorsorgekontos, das einen Überblick über die im Alter zu erwartenden Einkünfte aus staatlicher Rente und privater Vorsorge zusammenführt, auf großes Interesse. 72 Prozent der Bürger bewerten ein solches Konto positiv, von den unter 45-Jährigen rund 80 Prozent. Eine bessere Information über die finanzielle Situation im Alter kann Anreize für eine systematischere Vorsorge setzen, die die Mehrheit auch für notwendig hält.

Allensbach-Studie: „Die Zukunft der Rente – Perspektiven und Reformbedarf aus der Sicht der Bürger

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  • Autor

    Prof. Dr. Renate Köcher

    ist eine deutsche Meinungsforscherin und Geschäftsführerin des Instituts für Demoskopie Allensbach (IfD). Regelmäßig publiziert sie in renommierten Tages- und Wochenzeitungen oder wird von diesen zu Rate gezogen.

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