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Der (heimliche) breite Konsens: Mehr Kapitaldeckung in der Altersvorsorge

Aktien sind das Mittel der Wahl, um in Zeiten des demografischen Wandels für das Alter vorzusorgen. Um die Renditechancen besser nutzen zu können, müsste die Riester-Rente reformiert werden. Das Drehen an einer einzigen Stellschraube würde helfen, das Einkommen im Alter zu steigern.

Politische Debatten im Bereich der sozialen Sicherung werden normalerweise eher mit dem Holzhammer als dem Florett ausgefochten. Meist sieht es so aus, als stünden selbst die demokratischen Parteien der erweiterten Mitte teilweise meilenweit auseinander. Umso mehr überrascht es den einen oder die andere zu lesen, dass sich zumindest Teile dieser Parteien in einem weitestgehend einig sind – es braucht mehr Kapitaldeckung in der Altersvorsorge. Ob es nun ein Papier der SPD-nahen Friedrich-Ebert-Stiftung ist, ein Vorschlag der schwarz-grünen Landesregierung in Hessen, das Programm der FDP oder die neuesten Anregungen des Arbeitnehmerflügels der Union – alle haben gemeinsam, dass sie mehr echte Kapitaldeckung in die Altersvorsorge und damit unters Volk bringen wollen. Dazu gesellen sich auch noch so unterschiedliche Gruppen wie die Verbraucherzentrale oder der Verband der Jungen Unternehmer – es scheint also durchaus einen heimlichen breiten Konsens für mehr Aktien beim Sparen fürs Alter zu geben.

Niemand möchte dabei eine Revolution anstoßen – das Umlageverfahren der Gesetzlichen Rentenversicherung, also die Finanzierung der heutigen Rentner durch Beiträge der heutigen Arbeitnehmer, wird weiter gebraucht. Aber da der demografische Wandel sich nicht zurückdrehen lässt – die Deutsche Rentenversicherung geht davon aus, dass, wenn heute vier Erwerbstätige zwei Rentner versorgen, es in 2030 nur noch drei auf zwei sein werden – , sollte man nicht weitere Eier in den Korb Umlageverfahren legen. Und auch bei Staatsanleihen als Sparform ist ein Umlageelement enthalten – hier muss eben nicht der zukünftige Beitrags-, sondern Steuerzahler die Rechnung tragen. Doch auch dieser steht in OECD-Staaten demografisch unter Druck. Somit sind Aktien das Mittel der Wahl – hier kann international diversifiziert werden und die Bevölkerung partizipiert an den Gewinnen der Unternehmen, auch wenn diese keine Fabrik in Leipzig, sondern in Asien bauen. Das ist nicht nur für die Altersvorsorge gut.

Die Riester-Rente muss nicht das Ende der Kapitaldeckung im deutschen Altersvorsorgemix sein, sie könnte aber mal wieder den Anfang machen.

Die Frage sollte also nicht das „Ob“ von mehr Aktien in der Altersvorsorge sein, sondern das „Wie“. Die oben genannten Autoren haben hier natürlich unterschiedliche Vorstellungen – aber die Differenzen sind dabei kleiner als die Gemeinsamkeiten. Viele orientieren sich am Schwedischen Modell. Das ist durchaus zielführend, denn zum einen gehen die Skandinavier sehr pragmatisch mit diesem Thema um und zum anderen taugen sie nicht als neoliberales Schreckensbild. Der Mix aus einer nachhaltigen umlagefinanzierten Hauptkomponente mit einer kapitalgedeckten Spitze wird in Deutschland wahrscheinlich leider noch auf sich warten lassen – obwohl wir hier schon einmal weiter waren.

In den Tagen der Rürup-Kommission der Regierung Schröder setzte man ja mit Nachhaltigkeitsfaktor und Riester-Rente genau auf dieses Vorgehen – später kamen dann noch die Rente mit 67 und eine Stärkung der betrieblichen Altersvorsorge hinzu. Leider hat die Riester-Rente nicht die Durchdringung in der Bevölkerung erreicht, welche man sich bei Einführung erhofft hatte. Dies hat wie immer viele Gründe. Einer ist dabei sicher die universelle Beitragsgarantie der meisten Riester-Produkte – also, dass zu Beginn der Rentenphase mindestens die eingezahlten Beiträge aus Eigenbeiträgen und Zulagen zur Verfügung stehen müssen. Das klingt erst mal gut, ist aber sehr teuer und bei einer langfristigen Anlage meistens auch unnötig. Der Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung betrachtet in einer Studie zur Evaluation der Riester-Rente eine beispielhafte 25-Jährige, die bis zu ihrem Renteneintritt mit 67 monatlich 50 Euro anspart. Für Verträge, die zwischen dem Jahr 2000 und 2011 abgeschlossen wurden, lag der durch die Beitragsgarantie entgangene Vermögensgewinn zwischen 20.000 und 50.000 Euro. Im Jahr 2015 war dieser Wert aufgrund des niedrigen Zinsniveaus für Staatsanleihen und andere „sichere“ Anlagen bereits auf ca. 140.000 Euro angestiegen und dürfte sich durch die anhaltende Lage auf den Kapitalmärkten nicht verringert haben.

Selbst wenn man wie ich ein Anhänger einer größeren Lösung à la Schweden ist, ist es offensichtlich, dass die einfachste und schnellste Lösung, etwas mehr Aktien in die Altersvorsorge zu bringen, eine Reform der Beitragsgarantie ist. Anbieter könnten dann Produkte mit oder ohne Beitragsgarantie anbieten. In der betrieblichen Altersvorsorge ist dies schon Wirklichkeit, warum also nicht auch bei der Riester-Rente? Wer unbedingt ein Produkt mit Beitragsgarantie möchte, kann dies ja weiterhin zeichnen – aber vielleicht entscheiden sich jüngere Kohorten dann doch vermehrt, auch für das Alter etwas zurückzulegen, wenn sie sehen, dass wirklich etwas dabei herumkommt. Die Riester-Rente muss nicht das Ende der Kapitaldeckung im deutschen Altersvorsorgemix sein, sie könnte aber mal wieder den Anfang machen.

Dieser Blogpost ist aus der Kurzexpertise „Wege zu mehr Kapitaldeckung in der Altersvorsorge“ (.pdf) entstanden.

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