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Bologna-Proteste: Sie wollen doch nur forschen

Die Bachelor- und Master-Studiengänge an den deutschen Hochschulen laufen nicht rund. Im Ökonomenblog-Podcast haben dazu bereits der Bonner AStA-Vorsitzende Johann Wolfgang Schoop und die Hochschul-Expertin des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln, Christiane Konegen-Grenier, debattiert. Ihren Podcast hat sich Merih Ates, bildungspolitischer Referent des AStA Köln, angehört und kommentiert. Lesen Sie hier seine Replik auf Schoop und Konegen-Grenier. In einem sind sich alle drei einig: die einseitige Ausrichtung auf das Forschen muss zugunsten des Lehrens aufgebrochen werden.
Johann Wolfgang Schoop im Ökonomenblog-Podcast zum studentischen Engagement: „Dass dort (an den Fakultäten) viel schief gegangen ist, hat sehr viel mit mangelndem Engagement auf studentischer Seite zu tun. Und deshalb hoffe ich, das sich doch der ein oder andere Protestler überlegt, sich doch in den Gremien der Universität zu engagieren.“
Kommentar von Merih Ates: Ja, es ist richtig, dass es eine Verfasste Studierendenschaft und studentische Mitbestimmung in den Hochschulgremien gibt - wenn auch bedauernswerter Weise nicht in allen Bundesländern. Es ist auch richtig, dass in diesem Rahmen viele Möglichkeiten geboten werden, die studentischen Interessen und Belange zu vertreten. Leider ist es aber nicht so einfach, wie es im Streitgespräch dargestellt wird. In allen universitären Gremien haben Professorinnen und Professoren die absolute Mehrheit und können so wichtige Entscheidungen „durchdrücken“. Oft können sich Studierende in genau diesen Gremien nicht durchsetzten. In einigen Hochschulen werden sie bspw. nicht ernst genommen. Aus genau diesem Grund ist es so wichtig und notwendig, neben den institutionellen Strukturen weitere demokratische Möglichkeiten auszunutzen. Nur so können unsere Interessen in die Öffentlichkeit getragen werden und studentische Vertreter in den entsprechenden Gremien Durchsetzungsfähigkeit erlangen.

Christiane Konegen-Grienier im Ökonomenblog-Podcast zur Revision oder Abschaffung der neuen Studiengänge: Wir sollen Bologna auf keinen Fall abschaffen. Die Bologna Reform ist ja mit dem Ziel angetreten, den europäischen Hochschulraum stärker zu vereinheitlichen, was wichtig ist in Sachen Mobilität, und sie ist auch mit dem Ziel angetreten, ein System des lebenslangen Lernens an den Hochschulen zu etablieren, also Studiengänge zu schaffen.“

Kommentar von Merih Ates: Auch in diesem Punkt wird deutlich, dass die Proteste von einer heterogenen Bewegung und nicht von einer bestimmten Organisation getragen werden. Es herrscht nämlich keine Einigkeit zu diesem Thema. Ich finde es deshalb gut, dass diese unterschiedlichen Meinungen aufeinander prallen und Studierende diese Diskussion auch öffentlich führen. Dies ist gelebte Demokratie und kein Manko der Proteste. Persönlich stimme ich der Kollegin zu. Der Bologna-Prozess beinhaltet durchaus unterstützenswerte Aspekte. Stichwort lebenslanges Lernen oder internationale Vergleichbarkeit und Mobilität. Hinzu kommt, dass auch die alten Studiengänge ebenfalls mit genug Problemen behaftet waren. Doch leider wurden die Bologna-Ziele nicht erreicht und die schlechten Studienbedingungen weiter verschärft. Die Umsetzung ist also katastrophal. Die Vergleichbarkeit der Studiengänge ist schon national nicht gegeben. Ein extremes Beispiel an der WiSo-Fakultät der Universität zu Köln macht dies deutlich: Studierende der VWL oder BWL können sich ihre Statistik Module nicht anrechnen lassen, wenn sie auf Sozialwissenschaften wechseln wollen. Und dass, obwohl sie ein und dieselbe Vorlesung hören und dieselbe Prüfung absolvieren müssen.

Johann Wolfgang Schoop im Ökonomenblog-Podcast zur neuen Kultur des Lehrens: „Wenn man Studiengänge stärker strukturiert, dann heißt das vor allem, dass die Lehrenden mehr Betreuung leisten müssen, also das sie sich mehr um ihre Studenten kümmern, und da ist ein sehr großes Defizit.“

Kommentar von Merih Ates: An diesem Punkt stimme ich der Kollegin und  dem Kollegen, die am Streitgespräch teil genommen haben, zu. Die Lehre wird überwiegend als eine lästige Pflicht wahr genommen. Ihr Stellenwert ist im Gegensatz zur Forschung erschreckend gering und deshalb verkümmert sie an den deutschen Hochschulen stetig. Schuld sind in erster Linie die falsch gesetzten Anreize, die bereits im Gespräch thematisiert wurden. Stichwort: Drittmitteleinnahmen und Exzellenzinitiative der Bundesregierung. Hierzu müssen Alternativen erarbeitet werden.        

Johann Wolfgang Schoop im Ökonomenblog-Podcast zu den Demonstrationen und Protesten: „Wir haben in Nordrhein-Westfalen fast 500.000 Studenten. Wen man sieht, wie viele sich wirklich an Hörsaal-Besetzungen beteiligen, dann ist das eine sehr kleine Gruppe. Ich hoffe aber, auch wenn ich die Protestform nicht teile, dass der Protest bei der Politik die Aufmerksamkeit auf das Bildungsthema lenkt.

Kommentar von Merih Ates: Den Vorwurf, dass die Protestierenden nicht die gesamte Studierendenschaft repräsentieren, möchte ich zurückweisen. Im Sommer sind bis zu 270.000 Menschen an den bundesweiten Demonstrationen beteiligt gewesen. Im Herbst waren es selbst bei schlechtem Wetter noch ca. 80.000. Diese Zahlen sprechen erst einmal für sich! Das sich nicht noch mehr Studierende an den Protesten beteiligen, hat meines Erachtens zwei Gründe. Zum einen fehlt den Studierenden die Zeit dazu. Besonders die prüfungsüberladenen Bachelor/Master Studiengänge sorgen dafür, dass die Studierenden weder die Zeit, noch die Kraft  haben sich zu Engagieren. Auf welche Art und Weise auch immer. Zum anderen stehen jegliche soziale Bewegungen vor diesem Problem. Für eine so lose und nicht professionalisierte Struktur ist es schwierig, ein Deutungsmuster (Frame) zu finden, mit dem sich alle identifizieren können. Dass dieses Problem existiert, ist durchaus bewusst – doch es benötigt Zeit, um es anzugehen. Der Wille dazu ist jedoch da.

An dieser Stelle noch ein Kommentar zu den Besetzungen. Sie finden nicht als Selbstzweck statt, was zu kritisieren wäre. Sie werden z.B. genutzt, um sich in unterschiedlichen Arbeitskreisen zu vernetzen und inhaltliche Vorderrungen zu erarbeiten. Diese werden in regelmäßigen Plena anschließend Debattiert. Zudem finden unterschiedliche Vorträge zu den bildungspolitischen Themen statt.


Ökonomenblog-Podcast „Master of Desaster“. AStA-Vorsitzender Johann Wolfgang Schoop und Hochschul-Expertin Christine Konegen-Grenier im Gespräch zur Bologna-Reform.

IW-Gutachten zu Bologna „Akzeptanz und Karrierechancen von Ingenieuren mit Bachelor- und Masterabschluss“.