Alle Bemühungen, eine Wettbewerbsordnung zu verwirklichen, sind umsonst, solange eine gewisse Stabilität des Geldwertes nicht gesichert ist. Walter Eucken, 1891-1950, deutscher Ökonom

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Plädoyer für Wachstum

Paque

Rezension: Karl-Heinz Paqué: Wachstum! Die Zukunft des globalen Kapitalismus, München 2010

Kritik am Wirtschaftswachstum ist nichts Neues. Neu ist aber, dass die Diskussion über die Notwendigkeit von Wachstum nicht mehr ein Phänomen des Feuilletons oder gesellschaftlicher Randgruppen darstellt. Längst zweifeln breite Teile der Bevölkerung, Politik und Wirtschaft, ob Wachstum die Lösung oder nicht vielmehr die Ursache für gegenwärtige und zukünftige Probleme ist. Bezeichnenderweise sinkt gleichzeitig die Zuversicht am gesellschaftlichen Fortschritt. In der Regel herrscht dabei eine eindimensionale Vorstellung darüber, was Wachstum ist: Eine fortwährende quantitative Steigerung – die Gier nach immer mehr. Zur Recht kritisiert der Autor „diese Vorstellung als grob irreführend. Tatsächlich verbindet sich mit dem Wachstum eine stete Veränderung der Produktionspalette und der Qualität der Erzeugnisse“.

Unerwähnt bleibt in der Regel auch, dass Wachstum aus Freiheit resultiert. Der unternehmerischen Freiheit selbst zu entscheiden, welche Produkte auf welchem Wege hergestellt und am Markt angeboten werden. Soll diese Freiheit tatsächlich staatlich beschnitten werden? Der Motor des Wachstums ist Wissen, transformiert in technischen Fortschritt. Insofern erscheint dem Autor die Forderung nach Verzicht auf Wachstum recht merkwürdig: „Sie bedeutet nämlich den Verzicht auf die Umsetzung von neuem Wissen in eine qualitativ bessere und vielfältigere Produktwelt, und zwar privatwirtschaftlich und gemeinnützig.“ Nicht alle werden mit einer staatlichen Wachstumsbeschränkung einverstanden sein. Wer einen Ausstieg aus dem Wachstumspfad fordert sollte sich deshalb der absehbaren Konsequenzen bewusst sein: „Eine drohende Massenabwanderung von Leistungsträgern“.

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Jenseits dieser grundsätzlichen Überlegungen geht Paqué aber insbesondere der Frage von potentiellen Wachstumsgrenzen und -gefahren nach. Seit der Finanzkrise ist die Ansicht weit verbreitet, dass ein von grenzenlosem Wachstum beseeltes Spekulantentum eine unvorstellbare Kapitalvernichtung zu verantworten habe. Stimmt nicht, entgegnet der Autor: „Der Konkurs sorgt allein für eine Abwertung des Kapitalbestands und im Regelfall für einen Wechsel des Eigentümers“. Und die Geschichte gibt ihm Recht: Nachdem der Boom beim Eisenbahnbau ab Mitte des 19. Jahrhunderts im Gründerkrach einen harschen Absturz erlitt, führte dies keineswegs zu einer Vernichtung der Eisenbahnnetze. Gleiches gilt für die Dotcom-Krise an der Wende zum 21. Jahrhundert: Schließlich blieb das Internet auch nach dem Crash bestehen.

Als Geburtsstunde des „modernen“ Wachstumsskeptizismus gilt allgemein die Veröffentlichung der Studie „Die Grenzen des Wachstum“ vom Club of Rome. Letztlich hat sich die zentrale These vom nahenden Ende des globalen Wachstums infolge von Ressourcenknappheit als falsch erwiesen. Völlig unterschätzt wurde von den Autoren der Studie das Potential des technischen Fortschritts: „Das Ausmaß beziehungsweise die Geschwindigkeit dieser Innovationen wurde stets so niedrig angenommen, dass sie die Wirkung des Verbrauchs auf die Ressourcenknappheit nicht auffangen konnte“.

Die Befürchtung, der Menschheit könnten die Energieressourcen ausgehen, hat sich nun umgekehrt in die Befürchtung, der stetig wachsende Energieverbrauch müsste zwangsläufig in einer klimatischen Katastrophe münden. Wie schon bei der These von der Ressourcenknappheit wird aber auch hier sehr statisch argumentiert. Fast unberücksichtigt bleibt beispielsweise, dass mit zunehmender Problemlage die Forschung in diesem Bereich intensiviert wird oder die Möglichkeit eines Wertewandels in den Entwicklungs- und Schwellenländern in Richtung mehr ökologischen Bewusstseins. Ein Wandel der in Europa auch erst nach Erreichen eines gewissen Wohlstandsniveaus eingesetzt hat. Am Ende seines Buches mahnt Paqué die Wachstumskritiker sich auch die sozialen Konsequenzen ihrer Forderung bewusst zu machen: …ohne Wachstum reduziert sich die Politik auf ein Nullsummenspiel, in dem jemand nur gewinnen kann, wenn er jemand anderem etwas wegnimmt.“


Prof. Dr. Karl-Heinz Paqué leitet den Lehrstuhl für internationale Wirtschaft an der der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg.