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Das Ende der Welt – oder rettet den Rohstoff!

Buchkritik: Detlef Aufderheide und Martin Dabrowski: Effizienz und Gerechtigkeit bei der Nutzung natürlicher Ressourcen. Wirtschaftsethische und moralökonomische Perspektiven der Rohstoff-, Energie- und Wasserwirtschaft, Berlin 2010 Die Rohstoffversorgung wird die große Herausforderung der nächsten Jahrzehnte. Doch wie verantwortungsvoll gehen wir wirklich mit unseren Lebensgrundlagen und der Welt von morgen um? Eines steht fest, sie wird mit der Welt, die wir kennen, nicht mehr viel zu tun haben. Detlefs Aufderheide und Martin Dabrowskis Sammelband ist ein Weckruf in dringender Zeit. Wir können nicht so weitermachen. Wir brauchen endlich eine systematische, gerechte und schonende Nutzung unserer natürlichen Ressourcen.  Ohne Öl geht nichts. Es gäbe keine Kunststoffe, kein Düngemittel, keine Medikamente, keine Waschmittel, keine Schmierstoffe, keine Kosmetika, kein Asphalt, keine Flugzeuge. Oder glauben Sie, dass ein Flugzeug jemals von Brennstoffzellen oder Batterien angetrieben werden wird? Rohöl gilt als der mit Abstand wichtigste Rohstoff der Welt. Es bestimmt fast 45 Prozent des weltweiten Produktionsvolumens sämtlicher Rohstoffe. Auch deswegen ist der Ölpreis an den Rohstoffmärkten der mit Abstand wichtigste Wert. Wie erschreckend abhängig unsere industrielle Wirtschaft und technische Zivilisation vom Erdöl ist, kann man gar nicht oft und laut genug sagen. Das aktuelle Problem ist der steigende Rohstoffpreis – doch viel dramatischer wird es sein, wenn in nicht allzu ferner Zukunft der Tag kommt, an dem es zu Öl keine Alternative gibt. Wer darauf vorbereitet sein will, sollte den Sammelband von Detlef Aufderheide und Martin Dabrowski lesen.

Erschwert wird der Zugang zwar durch typisches Wissenschaftsdeutsch und auch der akademische Titel des Buches „Effizienz und Gerechtigkeit bei der Nutzung natürlicher Ressource“ lässt nicht gerade auf ein Lesevergnügen schließen. Doch die Kompetenz der 17 Autorinnen und Autoren verschiedener Disziplinen (darunter Volks- und Wirtschaftswissenschaftler, Theologen, Juristen, Priester und Unternehmensberater) beeindruckt. Die Lektüre des Essay-Bandes lenkt den Blick gnadenlos auf das Unvermeidbare  – auf die Veränderung der Welt, wie wir sie kennen.

Neben Öl zählen Erdgas, Wasser und andere Rohstoffe gegenwärtig zu den wichtigsten knappen Gütern. Es gilt heute schon als sicher, dass Verteilungskonflikte die Kriege von morgen weltweit bestimmen werden. Denn anders als bei vielen anderen Gütern scheint die Regelung dieser Konflikte über den Markt zu versagen. Die Gründe: Rohstoffe sind oft nur endlich verfügbar. Mit Rohstoffen wird sehr langfristig geplant. Staaten haben oft strategische Interesse, die einen fairen Verkauf unmöglich machen.

Die Autoren stellen Fragen: Ist die friedliche Zuteilung über Märkte insbesondere unter dem Gesichtspunkt der Nachhaltigkeit überhaupt noch angemessen? Welche Rolle spielt die fehlende Vermehrbarkeit natürlicher Ressourcen? Welche Mechanismen leiten die beteiligten Akteure am besten zu einem sorgsamen Umgang mit dem Vorhandenen an? Was sind die innovativen Alternativen? Wie steht es um angemessene Verfahren für den Umgang mit dem in vielen Regionen der Welt besonders knappen Gut Wasser? Drohen hier Menschenrechte gegen wirtschaftliche Interessen ausgespielt zu werden?

Die vielen historischen Rückblicke der Autoren zeigen zwar, dass das Wirtschaften mit begrenzten natürlichen Ressourcen seit Jahrhunderten die Gemüter erregt und schon seit langem heftig diskutiert wird. Doch beruhigen soll das nicht. Denn angesichts einer Erdbevölkerung von bereits heute sieben Milliarden Menschen und dem nicht auszudenkenden Massentummelplatz Erde in hundert Jahren, müssen schleunigst Lösungen her.

Der Volkswirt Eric Christian Meyer appelliert, die beschränkten natürlichen Ressourcen endlich produktiv zu nutzen. Er zeigt, dass ihre Schonung massiv vom Konsumverhalten und insbesondere von der Entwicklung des technischen Fortschritts abhängt. Rahel Schomaker vom Deutschen Forschungsinstitut für Öffentliche Verwaltung in Speyer sieht gerade durch die stärkere Ökonomisierung der Ressource erhebliche Potenziale. Sie denkt an eine grundsätzliche Privatisierung oder zumindest an öffentlich-private Partnerschaften beispielsweise bei der Wasserversorgung weltweit.

Jean-Gérard Pankert vom bischöflichen Hilfswerk Misereor weist auf den mangelnden Zugang „zu einem so grundlegenden und lebensnotwendigen Element wie Wasser in den Entwicklungsländern“ hin und stellt das Menschenrecht auf Wasser in den Vordergrund. Der Unternehmensberater Rainer Opgen-Rhein fordert einen „Generationsvertrag, in dem aus wohlüberlegtem Eigeninteresse für eine gerechte Nutzung der natürlichen Ressourcen in Gegenwart und Zukunft gesorgt wird“ – nicht einfach angesichts der großen Unsicherheit über zukünftige Entwicklungen.

Koordinationsprobleme und große Teile der Vertragspartner (die zukünftigen Generationen) existieren noch nicht. Und die handelnden politischen Akteure hätten dagegen nur kurze Zeithorizonte, meint Opgen-Rhein. Um zu einer gerecht werdenden Ressourcenverteilung zu gelangen, schlägt der Theologe Christoph Krauß vor, „einen gewissen Anreiz zum Sparen in der Gesellschaft zu schaffen“, und zwar durch Prämien und  Steuererleichterungen wie sie zum Beispiel schon im Energiesektor eingeführt sind. Ökonomische Anreize dieser Art würden seines Erachtens mehr erreichen als ein Modell der Preisregulierung durch den Ressourcenbesitzer oder -verwalter.

Für die Mehrheit der Autoren steht fest, dass ein effizienter Umgang mit natürlichen Ressourcen nur dann zu erwarten ist, wenn die Spielregeln im politischen Sektor die hierfür notwendigen Anreize schaffen. Die Politik müsse so schnell wie möglich auf die heutigen Klagen der Rohstoffverarbeiter über den Kostendruck reagieren.

In Deutschland hat sich in diesem Punkt schon etwas getan. Im Oktober 2010 gründete das Bundeswirtschaftsministerium die Deutsche Rohstoffagentur in Hannover. Sie soll sich mit der globalen Verfügbarkeit von Industriemineralen sowie Metall- und Energierohstoffen befassen und Rohstoff und Bergbaupotenziale ermitteln. Wegen der besonderen Importabhängigkeit Deutschlands legt die neue Rohstoffagentur den Schwerpunkt ihrer Arbeit allerdings zunächst auf Metall- und Hochtechnologierohstoffe. Einverstanden. Aber bitte mehr davon.