Was Wachstum schafft, darf sehr wohl mit Schulden finanziert werden. Helmut Schmidt, 1918-2015, dt. Politiker

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Pseudoökologische Trendwellenreiter

Tagtäglich begegnen wir dem Thema Wachstum – ob im Beruf, im Fernsehen oder in der Zeitung. Martin Roos erzählt im WachstumsBlog “Geschichten aus der Welt des Wachstums”. Heute von Unternehmen, die ihre Gewinnchance in ökologisch-nachhaltiger Produktion sehen.

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Gewinn ist anscheinend doch nicht alles. Einer Umfrage der Beratungsgesellschaft Deloitte zufolge wollen sich 76 Prozent der Führungskräfte weltweit nicht allein am finanziellen Erfolg messen lassen. Für sie spielt auch der positive Beitrag zur Gesellschaft eine wichtige Rolle, heißt es. Doch vieles davon ist Geschwätz. Und manchmal steckt nicht mehr dahinter, als der Wunsch, noch mehr Geld zu verdienen.

Sich grün zu gerieren ist in. Auch wenn der Club der Unternehmen, deren Kerngeschäft grün ist, sich zu der Gruppe der Firmen, die nach alter, eher umweltschädlicher Manier wirtschaften, sich in Proportion so verhält wie die Erde zur Sonne, wächst die Zahl der nachhaltig agierenden Firmen. Die Wirtschaftswissenschaftler Stefan Schaltegger und Holger Petersen von der Lüneburger Leuphana Universität nennen diese wahren ökologischen Unternehmer „Ecopreneure“ – ökonomisch-ökologische und soziale Firmen, die umweltschonende und menschenfreundliche Geschäftsmodelle umsetzen. Dazu zählen zum Beispiel Charaktere wie Götz Rehn (Alnatura), Thomas Jorberg (GLS Bank) oder Heinz Hess (Hess Natur). Oder auch Wolfgang Grupp von Trigema. Dem Publikum ist er wahrscheinlich eher wegen seiner verwunderlichen TV-Werbung bekannt, in der er kurz vor der Tagesschau mit einem Brilletragenden Schimpansen für die Produkte seines Textilunternehmens wirbt. So schräg dieser Spot, so gerade ist Grupp: Noch nie hat auch nur einen einzige Person seines 1200-Mitarbeiter-Betriebes entlassen, nicht einmal Kurzarbeit hat er anmelden müssen. Und auch seine Produktion hat er schon vor langer Zeit auf grün umgestellt: Bio-Baumwolle, Ressourcen sparende Prozesse, kompostierbare T-Shirts.

Dass sich Grupp und Co jetzt aber als Ecopreneure bezeichnen und feiern lassen soll, käme ihm wohl aber nicht in den Sinn. Das, was jetzt als besonders nachhaltig gehypt wird, war schon vor fast hundert Jahren die Überzeugung der Firma und auch heute noch klarer Ausdruck eines solidarisch denkenden und sozial handelnden Unternehmers.

Termini wie „Ecopreneure“ sind nicht ohne Gefahr. Zwar gibt Begriffserfinder Schaltegger zu bedenken, dass der Ecopreneuer „seine Bemühungen in Richtung Nachhaltigkeit an alle Altersgruppen glaubhaft zu vermitteln“ trachtet und sich dadurch von den „pseudoökologischen Trendwellenreitern“ unterscheide. Doch wie soll der Verbraucher das wirklich merken und erkennen? Eben nicht alle Unternehmen, die unter das Etikett des Ecopreneurs fallen, treibt die Lust zur Nachhaltigkeit. Vielmehr wissen sie, dass grüne Themen attraktiv sind und dass der Ritt auf der Öko-Welle ihnen viel Geld verschafft. „Luxusunternehmen“ nennt die FAZ die Vertreter dieses Schlages. Eines von ihnen sei „Dr. Goerg“. Dessen Gründer, Manfred Görg, lebe auf den Philippinen und habe mit „fair“ gehandelten Kokosprodukten im vergangenen Jahr sage und schreibe fünf Millionen Euro Umsatz gemacht.

Für manche Unternehmen ist Gewinn anscheinend doch alles.


Lesen Sie Teil 1 der Serie: „Geschichten aus der Welt des Wachstums“:

* New Yorker Heldin gegen Augsburger Manomama

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  • Autor

    Dr. Martin Roos

    ist freiberuflicher Journalist. Er arbeitet als Autor, Ghostwriter und Redenschreiber für Unternehmen und Topmanager.

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