Dass Haftung und Risiko zusammengehören, ist keine linke Idee, sondern ein Grundprinzip der Marktwirtschaft. Peer Steinbrück, *1947, dt. Politiker

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Neues aus der Enquete – Ohne Wohlstandsdefinition geht nichts!

Vor gut einem Jahr nahm die Enquete-Kommission „Wohlstand, Wachstum, Lebensqualität“ ihre Arbeit auf. Ziel der Kommission ist es „den Stellenwert von Wachstum in Wirtschaft und Gesellschaft ermitteln“ und die Entwicklung eines „ganzheitlichen Wohlstands- und Fortschrittsindikator“. Am 05. März fand die letzte Sitzung statt. Wie ist der Stand der Dinge?

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Die Projektgruppe 2 der Enquete-Kommission beschäftigt sich mit der „Entwicklung eines ganzheitlichen Wohlstands- bzw. Fortschrittsindikators“ und hat am 5. März einen Zwischenbericht ihrer Ergebnisse vorgestellt. Nahezu alle Kommissionsmitglieder waren voll des Lobes über die sachliche und konstruktive Zusammenarbeit der Projektgruppe, die aus Parlamentariern aller Fraktionen und vier Sachverständigen besteht. Trotz des Lobes fiel das Ergebnis allerdings bescheiden aus.

Schon die Aufteilung des Berichts zeigt, dass die Projektgruppe bisher wenig Eigeninitiative gezeigt hat. Ganze 45 Seiten beschäftigt sich der Text mit dem bisherigen Stand der Wohlstandsmessung, bereits existierenden Wohlfahrtsindikatoren und Länderinititativen zur Wohlstandsmessung. Zusätzliche 12 Seiten sind Gutachten und Studien gewidmet, welche die Projektgruppe in Auftrag gegeben hat. Lediglich sechs Seiten wurden dazu genutzt, eigene Ergebnisse vorzustellen und zu diskutieren. All das mag an der schieren Menge bereits vorliegender Modelle zur Wohlstandsmessung liegen. 20 Indikatoren, Indices und Indikatorensätze wurden alleine im Zwischenbericht genannt, fünf davon sind entweder in Deutschland oder in Kooperation mit deutschen Institutionen entwickelt worden. Zudem gibt es in Australien, Kanada, Großbritannien, in der EU, den USA und Frankreich Initiativen, die sich damit ausführlich beschäftigen. Die Frage drängt sich auf: Ist der Drops nicht schon längst gelutscht?

Das durchgängige Problem der bestehenden Modelle ist, dass sie entweder sehr leicht angreifbar, schwer kommunizierbar oder nicht vergleichbar sind. Ein Kommissionsmitglied bemerkte richtig, dass das Dilemma der Wohlstandsmessung ist, dass jeder anders definiere was Wohlstand sei und Akteure nach Belieben eigene Modelle entwickeln können. Kann es dann zielführend sein, noch ein Modell oben drauf zu setzen? Mit Sicherheit nicht! Dementsprechend schwach fällt dann auch das Ergebnis aus. Was ist wirklich neu an dem geplanten Indikatorensatz des Bundestages? Eigentlich nichts, außer einer sogenannten Warnlampenfunktion von einigen wenigen Schlüsselindikatoren. Die Erkenntnis, dass Wohlstand nicht alleine über das BIP gemessen werden sollte ist nun wirklich nicht neu.

Schlau ist der Versuch, den „neuen“ Satz bestmöglich kommunizierbar und international vergleichbar zu machen. Valerie Wilms von den Grünen bemerkte allerdings, dass  es erschreckend sei, wie wenig bekannt sogar die nationale Nachhaltigkeitsstrategie unter Bundestagsabgeordneten sei. Ach, wir haben schon einen Indikatorensatz? Wie wunderbar! Dieser wird vom Statistischen Bundesamt betreut, enthält sogar Schön- und Schlechtwettersignale. Wir brauchen also gar keine Warnlämpchen mehr. Und international vergleichbar ist er in fast allen Punkten auch.

Warum also nicht verbessern was schon mühsam erarbeitet wurde, anstatt einen 21. Wohlstandsindikator ins Rennen zu schicken. Und wenn internationale Vergleichbarkeit betont wird, sollte die Einsicht nicht fern bleiben, dass man wenig bezweckt – vor allem im Sinne der Nachhaltigkeit – wenn man sein eigenes Süppchen kocht. Denn globale Probleme, wie das Allmendeproblem, können nur international gelöst werden.

Es kommt zu Ende der Sitzung dann auch endlich ans Tageslicht, was wirklich zählt: Die Debatte über einen Wohlstandsindikator ist solange fehl am Platze, solange sich die Kommission nicht einigen kann, wie sie Wohlstand definiert. Das ist Aufgabe der Projektgruppe 1. Diese taumelt momentan aber zwischen Arbeitsverweigerung und politischen Grabenkämpfen hin und her. Das ist das eigentliche Dilemma dieser Enquete-Kommission: Es ist einfach, den Stand der Wohlstandsforschung in einem 73-seitigen Bericht zusammenzufassen; es geht aber erst dann ans Eingemachte, wenn sich die Mitglieder konstruktiv für einen konsensualen Wohlstandsbegriff entscheiden.

Was gibt’s neues aus der Enquete-Kommission? Den Stand der Dinge finden Sie hier im ÖkonomenBlog.


Dies ist ein Beitrag aus der Reihe „WachstumsBlog“. In einem bis zwei Beiträgen pro Woche beschäftigen sich Wirtschaftsexperten im ÖkonomenBlog mit Themen rund um nachhaltiges Wachstum.

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  • Autor

    Markus Mill

    ist wissenschaftlicher Mitarbeiter des Direktors beim Institut der deutschen Wirtschaft Köln (IW).

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