Was Wachstum schafft, darf sehr wohl mit Schulden finanziert werden. Helmut Schmidt, 1918-2015, dt. Politiker

4 UmweltWachstum

Erst wir – dann Klimawandel

Heute beginnt in Rio der UN-Nachhaltigkeitsgipfel. In diesem Jahr erhofft man sich mehr als nur grüne Worthülsen. Die Konferenzen in den Jahren zuvor brachten schon keine nennsenswerten Ergebnisse zu Tage. Doch nicht nur die Teilnehmer des Umweltgipfels können die Blockade lösen.

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Machen wir uns nichts vor. Natürlich bleibt der Klimagipfel in dieser Woche in Rio der Janeiro genauso ergebnislos wie der letzte in Durban und die nächste UN-Klimakonferenz  in Katar Ende des Jahres. Dass man sich regelmäßig über sprachliche Feinheiten im Protokoll streitet, ist noch das kleinste und langweiligste Übel. Das Hauptproblem: Die Erwartungen an Wachstum und Wohlstand in Relation zu Nachhaltigkeit und Klimaschutz sind bei den teilnehmenden Ländern einfach zu unterschiedlich.

Und das wird sich auch so schnell nicht ändern – zumindest, wenn es um die Erwartung der Entwicklungsländer geht. Laut der ETH Zürich ändert sich das Bewusstsein für Umweltzerstörung nämlich erst ab einem bestimmten Wohlstandsniveau:  ab einem Bruttoinlandsprodukt (BIP) von 8000 Dollar pro Kopf. Dass deswegen beispielsweise China nun beginnt, gegen die verpestete Luft in Peking und Shanghai vorzugehen und auch energietechnisch immer kräftiger an Windrädern dreht, ist kein Wunder. 2011 lag das BIP pro Kopf im Reich der Mitte bei rund 8.400 Dollar – kaufkraftbereinigt.

Umwelt- und nachhaltige Energiepolitik wird also weiterhin erst mal ein westliches Experimentierfeld bleiben. Doch selbst in Deutschland, einem Land mit viel Engagement für Umwelt und Nachhaltigkeit, scheint nicht immer sicher, wie ernst wir es mit der Klimarettung meinen. Nachdem der von Bundekanzlerin Angela Merkel eingesetzte Wissenschaftliche Beirat für Globale Umweltveränderungen mehr Engagement für die Entkopplung von Wirtschaftswachstum und Ressourcennutzung fordert, unterstellt ausgerechnet das nicht unbedingt für seinen rechtskonservativen Klang bekannte Magazin „Der Spiegel“ den Umweltforschern, eine „Öko-Diktatur“ einführen zu wollen: Die Ideenliste des Beirats reicht von höheren Steuern auf  Rohstoffe über Pfandsystemen für Mobilfunktelefone und Computer bis zu Fettsteuern auf ungesundes Essen und der Einführung eines elektrisch betriebenen Lastwagenverkehrs. Die Ratschläge sind gut gemeint – auch wenn sie ein wenig wie der Versuch wirken, mit Hilfe eines Wollknäuels das Loch im einbrechenden Staudamm zu stopfen. Doch Spiegel-Autor Alexander Neubacher bescheinigt nicht nur dem wissenschaftlichen Beirat eine gewisse Realitätsferne, sondern spricht auch mit den Umweltschützer von Greenpeace, BUND (Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland) und Attac Tacheles: Die Ökobewegung solle sich daran gewöhnen, Fortschritt und Wachstum nicht als Problem, sondern als Lösung für ihre Umweltsorgen zu betrachten. Es sei hilfreich, wenn sich das Verhältnis der Öko-Szene zur Marktwirtschaft endlich entspanne.

Genauso erstaunlich ist es, in der nicht gerade regierungsfeindlichen Wirtschaftswoche zu lesen, dass Neu-Bundesumweltminister Peter Altmaier im Grunde nichts anderes sei als ein „Umweltzerstörminister“: Chefredakteur Roland Tichy bemängelt, dass in keiner Bilanz auftauche, wie viele Schneisen in Wäldern bundesweit für Strommasten und Windräder geschlagen und wie viel Beton in die Nordsee für Offshore-Anlagen gegossen werden müsste, um die Energiewende durchzudrücken. Ein Hoch auf die Bürger, die sich dagegen wehren, meint er. Dass die Umweltverbände zu diesem „Landsterben“ schweigen würden sei unverständlich – und dass Enoch zu Guttenberg, BUND-Mitbegründer, bereits genau aus diesem Grund aus seiner Vereinigung ausgetreten ist, nur konsequent.

Ohne Zweifel hat die Welt ein Klimaproblem. Ohne Innovation und Wachstum werden wir es nicht in den Griff bekommen. Doch gerade im satten Deutschland muss sich hier jeder mal an die eigene Nase fassen: Würden wir ein gigantisches Windrad in unserem Vorgarten akzeptieren? Interessiert uns wirklich, wie hoch der CO2-Ausstoß in China ist, wenn bei uns die Flüsse immer sauberer werden? Ist bei den meisten von uns die Sehnsucht, fremde Länder zu bereisen, Häuser zu bauen, Luxus in Maßen zu genießen und unsere Kinder in Wohlstand aufwachsen zu lassen nicht immer noch viel größer ist, als der tatsächliche Wille, den Klimawandel aufzuhalten?

Das soll hier kein Moral-Appell werden. Bloß nicht! Aber es soll ein Stück kritisches Bewusstsein dafür schaffen, dass es doch nur verständlich ist, dass es bei einer weltweiten Klimakonferenz, bei der die Mehrheit der teilnehmenden Länder sich unseren Wohlstand erträumt, kaum jemand bereit ist, in irgendeiner Weise Verzicht zu akzeptieren, um die Welt zu retten.


Dies ist ein Beitrag aus der Reihe „WachstumsBlog“. In einem bis zwei Beiträgen pro Woche beschäftigen sich Wirtschaftsexperten im ÖkonomenBlog mit Themen rund um nachhaltiges Wachstum.

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  • Autor

    Dr. Martin Roos

    ist freiberuflicher Journalist. Er arbeitet als Autor, Ghostwriter und Redenschreiber für Unternehmen und Topmanager.

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