Den Arbeitslosen geht es in Europa besser als den Vollbeschäftigten in Asien. Ich bin aber optimistisch, daß sich Europa aus dem System der letzten 50 Jahre lösen kann. Dr. Helmut Sohmen, *1939, Vorstandsvorsitzender der ?World-wide-Shipping-Group?

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Einfach und gerechte Steuern: Ein Reformvorschlag

Wie kann unser Steuersystem einfacher und gerechter gestaltet werden? Seit Jahren wird darüber diskutiert. Doch viel geändert hat sich bisher nicht. Der Autor beschreibt, wie ein einfaches, gerechtes und effizientes Steuersystem aussehen könnte.

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Das bestehende Steuer- und Sozialsystem in Deutschland ist ungerecht. Zwar sieht der progressive Einkommensteuerverlauf eine steigende Grenzbelastung mit steigendem Einkommen vor, doch betrachtet man die gesamte Abgabenbelastung inklusive der Sozialversicherungsbeiträge ergibt sich eine bizarre Berg- und Tallandschaft. Vor allem Geringverdiener in der Einkommensgruppe zwischen 4.800 Euro und 12.000 Euro leiden darunter. Netto bleibt dort teilweise vom mehr verdienten Euro nichts übrig. Selbst das Kirchhofsche Flat-Tax-Modell könnte diese Problematik nicht auflösen.

Die Besteuerung von Einkommen und die Finanzierung der Sozialbeiträge müssen radikal reformiert werden. Unser Vorschlag geht noch weiter als das Kirchhof Modell und setzt auf ein integriertes Steuer- und Abgabensystem: Ein wesentliches Element dazu ist die Abschaffung des Ehegattensplitting, an dessen Stelle eine vollständige Individualbesteuerung tritt. Der bisherige Steuertarif würde durch einen fünfstufigen Tarif ersetzt, der bei einem Jahreseinkommen von 10.000 Euro mit einem Grenzsteuersatz von 25 Prozent beginnt. Die darunter liegenden Einkommen sind steuerfrei. Der Spitzensteuersatz von 60 Prozent wird bereits bei einem Einkommen von 60.000 Euro fällig.

Zugegeben: Auf den ersten Blick erscheinen die Belastungen sehr hoch. Doch handelt es sich dabei um den Grenzsteuersatz, also um den Steuersatz mit dem ein zusätzlich verdienter Euro belastet wird und nicht um den Durchschnittssteuersatz. Die Grenzbelastung eines Single-Haushalts mit 40.000 Euro Jahresbruttoeinkommen liegt sogar unter dem Status Quo. Außerdem führt die Kombination aus pauschaler Steuerermäßigung von bis zu 2.500 Euro plus einer Werbungskostenpauschale von 2.000 Euro dazu, dass 12.000 Euro Einkommen pro Jahr vollkommen steuerfrei sind. Zum Vergleich: Im geltenden Recht beginnt die Abgabenbelastung bereits bei 400 Euro. Hinzu kommt, dass keine Sozialbeiträge zusätzlich mehr fällig werden. Es gäbe nur noch eine Zahlung an den Staat.

Von diesem System würden vor allem die unteren und mittleren Einkommensschichten profitieren. Die oberen 10 Prozent hätten dagegen eine höhere Belastung zu verkraften. Außerdem würde auf dem Arbeitsmarkt durch dieses Modell eine neue Dynamik entstehen. Die gegenwärtig installierte Anreizbremse für Zweitverdiener würde beseitigt, was insbesondere im Hinblick auf die demographischen Herausforderungen von enormer Bedeutung ist. So könnten etwa 500.000 neue Jobs entstehen. Ein netter Nebeneffekt wäre, dass durch dieses einfache System die Möglichkeiten für Steuergeschenke und Klientelpolitik stark eingeschränkt werden. Die höhere Transparenz macht Klientelpolitik leicht identifizierbar und wird so politisch schwerer durchsetzbar. So werden zukünftige Generationen entlastet.


Das vollständige Steuerkonzept des IZA finden Sie hier.

  • Autor

    PD Dr. Hilmar Schneider

    ist Direktor für Arbeitsmarktpolitik am Forschungsinstitut zur Zukunft der Arbeit (IZA).

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