Wenn keine Notwendigkeit für ein Gesetz besteht, besteht die Notwendigkeit, kein Gesetz zu erlassen. Baron de Montesquieu, 1689 - 1755, französischer Schriftsteller und Staatstheoretiker

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Kein Wachstum ohne Kinder

Kinder zu zeugen, kann niemand erzwingen – aber kinderreiche Familien endlich fair zu besteuern, schon. Das ist dringend nötig, denn sie sind der Reichtum unserer Gesellschaft. Wir brauchen aber deswegen nicht nur das Familiensplitting, sondern auch endlich mehr familienfreundliche Unternehmen.

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In der deutschen Politik wird schon seit längerem eine neue Berechnung der Einkommenssteuer diskutiert: das Familiensplitting. Beim Familiensplitting wird das Einkommen eines Ehepaares zwar genau wie beim Ehegattensplitting gemeinsam besteuert, aber auch die Anzahl der Kinder fließt in die Steuerberechnung mit ein. Experten erhoffen sich vom Familiensplitting, dass es dadurch für Eltern im kinderarmen Deutschland attraktiver wird, größere Familien zu gründen. Dass keiner den Plan für die neue Berechnung (bisher) umsetzen will, liegt am Geld. Eine Umwandlung vom Ehegatten- ins Familiensplitting würde etwa zehn Milliarden Euro pro Jahr kosten, sagen die Finanzexperten. Doch Hand aufs Herz: Angesichts der Summen, die beispielsweise die Euro-Krise zurzeit verschlingt, dürften diese Milliardenbeträge wenigstens sicher, fair und nachhaltig angelegtes Geld sein.

1,4 Kinder bekommt statistisch gesehen eine Frau in Deutschland. Das ist bekanntermaßen zu wenig – die Bundesrepublik schrumpft. Nun kann man wohl kaum ernsthaft die Deutschen zu mehr Schlafzimmeraktivität aufrufen, um unsere armeselige Kinderquote zu erhöhen. Denn zu einem solchen Vermehrungsdrang gehört mehr, als nur das Versprechen auf steuerlicher Erleichterung. Die Bürger müssen wohl auch endlich wieder den tieferen Sinn erkennen, dass Kinder ein emotionaler Gewinn sind und einen großen Teil der Lebensfreude ausmachen. Von einer solchen Einsicht scheinen wir aber heute so weit entfernt, wie das iPad von der Schriftrolle der Ägypter.

Was man zurzeit erreichen kann, ist aber, diejenigen, die Kinder großziehen, besser zu belohnen als bisher. Denn: Der zum Beispiel wichtigste Beitrag für unsere Rente liegt nicht in der Beitragszahlung, sondern in den finanziellen und zeitlichen Leistungen der Eltern für ihre Kinder. Vor allem die Mütter müssen oft wegen der Kindererziehung auf einen großen Teil ihres Erwerblebens verzichten. Paare mit Kindern müssen ihr Einkommen viel stärker konsumieren als Paare ohne Kinder. Kinderlose sind viel eher in der Lage, zu sparen und Vermögen zu bilden – und später zahlen ihnen auch noch diejenigen Kinder die Rente, in die die anderen investieren mussten. Das ist nicht gerecht. Für Familien mit Kindern muss es deswegen dringend einen fairen Ausgleich geben.

Fragt man die Familien selbst, reichen steuerliche Vorteile allein nicht. Auch strukturelle Änderungen im Arbeitsleben sind notwendig. Einer aktuellen Studie der Unternehmensberatung A.T. Kearney zufolge spielt für die Bereitschaft junger Paare, eine Familie zu gründen, die Leistung des Staates nicht die größte Rolle. Bedeutender ist für sie die Familienfreundlichkeit des Arbeitgebers. Laut A.T. Kearney sind vor allem flexible Arbeitszeiten für potenzielle Eltern extrem wichtig. Nur neun Prozent der 1.800 befragten Personen arbeiten bei Unternehmen, die umfassende Unterstützung anbieten. Ein Drittel der befragten Frauen hält Kinder und Karriere grundsätzlich für nicht vereinbar. Zudem fehlen Vorgesetze, die als Beispiele taugen – also Erfolg und Familie haben.

Wie es laufen muss, zeigen Unternehmen in Schweden und in England. Dort gibt es eine viel größere Vielfalt an Teilzeitangeboten, flexiblen Tages- und Wochenarbeitszeitmodelle und individuell ausgehandelten Arbeitszeitregelungen. Mitarbeiter bekommen während der Elternzeit häufiger Paten an die Seite gestellt. Männliche Mitarbeiter werden jeweils in weit über 50 Prozent der Unternehmen dazu ermuntert, Elternzeit in Anspruch zu nehmen oder Teilzeit zu arbeiten.

In Deutschland wird über solche Maßnahmen zwar oft und gern gesprochen. Doch in der Praxis ist der größte Teil der Unternehmen weit davon entfernt. Das muss anders werden.

 


Dies ist ein Beitrag aus der Reihe “WachstumsBlog”. In einem bis zwei Beiträgen pro Woche beschäftigen sich Wirtschaftsexperten im ÖkonomenBlog mit Themen rund um nachhaltiges Wachstum.

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  • Autor

    Dr. Martin Roos

    ist freiberuflicher Journalist. Er arbeitet als Autor, Ghostwriter und Redenschreiber für Unternehmen und Topmanager.

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