Der Griff in die Staatskasse entspricht nicht den Prinzipien des ehrbaren Kaufmanns, des redlichen Bürgers. Paul Kirchhof, *1943, ehem. Bundesverfassungsrichter

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Eine schöne Bescherung

Heiligabend. Überall sitzen die Menschen unter ihren Weihnachtsbäumen und beschenken sich gegenseitig. Die meisten Deutschen ahnten nicht, dass sie genau zu dieser besinnlichen Zeit unfreiwillig Geschenke verteilten – Strom und Geld.

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Wie kann das sein? Pünktlich zur Bescherung bestand in Deutschland akute Black Out Gefahr. Nicht aber etwa, weil es zu wenig Strom gab, sondern im Gegenteil: Die falsch prognostizierte Nachfrage war der Grund, dass sich etwa 8.000 bis 9.000 Megawatt zu viel Energie im Netz befanden. Strom, den zu dieser Zeit keiner brauchte, der aber da war, weil unter anderem zu Weihnachten ein starker Wind wehte und so die Windstromproduktion groß war. Weil im Strommarkt aber zu jedem Zeitpunkt das Angebot genau der Nachfrage entsprechen muss, drohte der Kollaps. Der Strom musste raus – um jeden Preis.

Anders als die Temperaturen  sank der Strompreis am Heiligen Abend sogar unter null, d.h. wir haben auch noch dafür bezahlt, dass uns der Strom abgenommen wurde. Fürwahr eine weihnachtliche Geste.  Strom plus Geld – das ultimative Geschenk. In den Morgenstunden des ersten Weihnachtstages waren es ganze 473,82 Euro pro MWh, die für die Stromabnahme dazu bezahlt wurden.

Das wäre alles nicht weiter schlimm, denn in einer Marktwirtschaft ist es ganz normal, dass Überkapazitäten einen niedrigen Preis zur Folge haben. Spätestens bei negativen Preisen versucht dann jeder Anbieter die Produktion so weit es geht zu drosseln, denn mit jeder produzierten kwh Strom verliert er ja Geld. Jeder Anbieter? Natürlich nicht! Die Erneuerbaren Energien sind ausgenommen. Auch bei negativen Preisen bekommen sie den staatlich zementierten Einspeisetarif. Produce & Forget ist das Motto. Auch bei negativen Preisen lohnt sich für die EEG-Stromerzeuger die ungebremste Produktion. Die Nachfrage und die Entsorgung kann ihnen herzlich egal sein.

Bezahlen dürfen die Verbraucher das Ganze – egal, ob Strom gebraucht wird oder nicht. Fast 17 Milliarden wurden 2012 auf die Stromrechnung umgelegt. Anders gesagt: Die deutschen Stromverbraucher zahlen, damit das Ausland billig Strom einkaufen kann!

Die Situation zu Heiligabend ist noch nicht die Regel. Doch der Zubau der Erneuerbaren Energien geht trotz Förderkürzung ungebremst weiter. Mit dem EEG ist es nicht möglich, den Zubau passgenau auszusteuern. Die gesamte Erzeugungskapazität entwickelt sich völlig losgelöst von der Nachfrage. Der Ausbau der Stromleitungen hechelt hinterher. Wird das EEG beibehalten, sind Situationen wir die an Heilig Abend bald alltäglich. Und dann wird’s noch teurer. Wir brauchen daher einen Systemwechsel bei der Förderung der Erneuerbaren Energien. Die Erzeuger von Strom aus erneuerbaren Energien dürfen sich nicht völlig losgelöst von jeder Nachfrage auf Kosten der Verbraucher eine goldene Nase verdienen.

Bei einem marktbasierten Quotenmodell, wie es von der Monopolkommission, vom Sachverständigenrat und vom Freistaat Sachsen unterstützt wird, würden Stromversorger wie z. B. die Stadtwerke verpflichtet, über das Jahr betrachtet eine bestimmte Menge Strom aus regenerativen Stromquellen zu beziehen. So kann der Zubau passgenau festgelegt werden – unter Berücksichtigung der Netzkapazitäten und des Strombedarfs. Und besser noch: Photovoltaik, Windkraft etc. müssten sich untereinander im Wettbewerb behaupten. So ist sichergestellt, dass am jeweiligen Standort die effizienteste Technologie zum Einsatz kommt. Und es würde sich nicht mehr lohnen, bei negativen Preisen trotzdem Strom zu produzieren. So wird der Zubau an Ökostrom weitaus billiger und die Stromverbraucher machen keine ungewollten Geschenke mehr.

  • Autor

    Prof. Dr. Justus Haucap

    Direktor des Duesseldorf Institute for Competition Economics (DICE) und früherer Vorsitzender der Monopolkommission.

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