Das Gut Freizeit hat den Vorteil, daß es steuerfrei ist - noch! Clemens August Andreae, 1929-1991, österreichischer Nationalökonom

8 Soziales

Was ist gerecht?

In modernen Wohlstandsgesellschaften gehören Gerechtigkeitsdebatten nicht nur zu Wahlkampfzeiten zur Tagesordnung.  Wie viel darf ein Manager höchstens verdienen? Welches Einkommen muss ein Arbeitnehmer mit seiner Hände Arbeit mindestens erzielen? Unklar bleibt aber oft: Was ist (soziale) Gerechtigkeit?

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Menschen wollen, dass es gerecht zugeht. Im juristischen Sinne bestimmen Gesetze was gerecht ist und was nicht. Darüber hinaus haben moderne Gesellschaften einen Ordnungsrahmen, der Regeln und Rahmenbedingungen des wirtschaftlichen Handelns festlegt – und somit (mit-) entscheidend ist für den Zuwachs an Gütern und Dienstleistungen – aber auch für deren (Um-)Verteilung. Denn neben der juristischen Gerechtigkeit, ist modernen Gesellschaften viel an sozialer Gerechtigkeit gelegen. Dabei ist oft nicht klar, was mit Gerechtigkeit gemeint ist und wie sie sich messen lässt.

Grundsätzlich lassen sich sechs Gerechtigkeitsprinzipien unterscheiden:

  1. Einkommensgerechtigkeit: Darunter  versteht man, dass Güter und Lasten möglichst gleich zwischen den Menschen verteilt sein sollen. Absolute Einkommensgerechtigkeit wäre demnach erreicht, wenn alle Gesellschaftsmitglieder genau das gleiche Einkommen hätten.
  2.  Bedarfsgerechtigkeit: Eine Gesellschaft ist dann gerecht, wenn ein –wie auch immer definierter- Mindestbedarf an Gütern jedem Menschen zusteht. Über die Höhe des Mindestbedarfs lässt sich trefflich streiten, wie die Vielzahl der Auseinandersetzungen um die Höhe der Sozialhilfe zeigt.
  3. Leistungsgerechtigkeit: Danach gemessen ist es sozial gerecht, wenn jeder Mensch das verdient, was er erwirtschaftet. Offenkundig besteht zwischen Einkommensgerechtigkeit und Leistungsgerechtigkeit ein Trade-Off. Menschen besitzen unterschiedliche Talente. Absolute Einkommensgerechtigkeit und Leistungsgerechtigkeit können nicht gleichzeitig erreicht werden.
  4. Chancengerechtigkeit: Alle Menschen sollen die Chance habe, ihre gegebenen Talente zu nutzen und die eigene Lebenssituation zu verbessern.
  5. Regelgerechtigkeit: Regeln des gesellschaftlichen Zusammenlebens müssen fair und allgemeingültig sein.
  6. Generationengerechtigkeit: Sie gilt als erfüllt, wenn die nachfolgenden Generationen die gleichen Voraussetzungen vorfinden als die Lebenden und wir heute nicht auf Kosten zukünftiger Generationen leben.

Welche Schwerpunkte gewählt werden, ist in einer pluralistisch demokratischen Gesellschaft schwer vorherzusagen. Es sind jeweils die politischen Mehrheitsverhältnisse, die über die Umsetzung oder Nichtumsetzung gewisser Gerechtigkeitsprinzipien entscheiden. Während in sozialistischen Regimen vor allem auf Einkommensgerechtigkeit – vielfach zu Lasten der Leistungsgerechtigkeit – gezielt wird, wird in rein kapitalistisch geprägten Ländern der Fokus auf die Leistungsgerechtigkeit gelegt.

Die Soziale Marktwirtschaft geht einen Mittelweg. Sie verbindet die marktwirtschaftlichen Vorzüge mit sozialem Ausgleich. Der Ordnungsrahmen stellt sicher, dass durch Umverteilung die übrigen Gerechtigkeitsdimensionen erfüllt werden. So werden die Stärken einer freien Marktwirtschaft mit den Vorzügen sozialer Absicherung  verknüpft. Die Kunst ist es ,ein Maß zu finden, das auf der einen Seite die verteilungspolitischen Gerechtigkeitsdimensionen berücksichtigt, auf der anderen Seite aber die Leistungsanreize und die Regelgerechtigkeit nicht aushebelt.

Wie gerecht geht es in Deutschland denn zu? Gemessen an allen sechs Gerechtigkeitsdimensionen belegt Deutschland im internationalen Vergleich Rang 7. Vor allem den skandinavischen Ländern ist die Verbindung aus Markt und Staat besser gelungen als Deutschland. Aufholbedarf besteht insbesondere in puncto Chancengerechtigkeit (Platz 14) – dem zentralen Versprechen der Sozialen Marktwirtschaft. Hier ist die Bildungspolitik gefragt. „Mehr Arbeit und mehr Bildung gleich mehr Chancen“ – so lautet die Faustformel. Auch die Einkommensgerechtigkeit steigt in Folge dessen: Je gleicher die Bildungschancen verteilt sind, umso besser steht es am Ende um die Einkommensgerechtigkeit. Und wenn weniger umverteilt werden muss, steigt die Leistungsgerechtigkeit. „Wohlstand für Alle“ heißt „Bildung für Alle“.


Weitere Informationen zum Gerechtigkeitsmonitor finden Sie hier.

  • Autor

    Prof. Dr. Dominik H. Enste

    leitet das Kompetenzfeld „Institutionenökonomik“ am Institut der deutschen Wirtschaft Köln (IW).

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