Dem Geld darf man nicht nachlaufen, man muss ihm entgegenkommen. Aristoteles Onassis, 1906-1975, griechischer Reeder

1 Bildung

Gute Wirtschaftspolitik heißt gute Bildungspolitik

Das Wirtschaftsmodell der Bundesrepublik Deutschland – die Soziale Marktwirtschaft – beinhaltete immer ein doppeltes Versprechen: wirtschaftlicher Wohlstand durch freie Märkte gepaart mit sozialer Absicherung. Es ist vielfach belegt, dass Bildung in der modernen wissensbasierten Wirtschaft zur zentralen Grundlage von Wirtschaftskraft und sozialer Teilhabe geworden ist. (mehr …)

Verbessert ein Land seine Bildungsleistungen um 25 Pisa-Punkte, so würde sich sein jährliches Wachstum um etwa einen halben Prozentpunkt erhöhen. Über einen Zeitraum von 50 Jahre gerechnet entspräche das einem Anstieg im Pro-Kopf-Einkommen um mehr als ein Viertel.

Dabei wirkt sich Bildung nur wirtschaftlich aus, wenn sie auch tatsächlich Kompetenzen vermittelt. Es reicht nicht, möglichst lange die Schulbank zu drücken. Auf das, was gelehrt und gelernt wird, kommt es an.

Mit einer guten Bildung erhalten die Menschen die Startbedingungen, um von den Möglichkeiten einer freien Wirtschaft zu profitieren. Deshalb muss Bildungspolitik als Instrument zur Herstellung gleicher Startchancen ungeachtet des familiären Hintergrundes zur zentralen Säule der Sozialen Marktwirtschaft werden.

So lässt sich auch die viel diskutierte Ungleichheit verringern. Die beste Versicherung gegen Arbeitslosigkeit und Armut ist Bildung. Und unter denen, die eine Beschäftigung haben, führt Bildung zu einem höheren Erfolg am Arbeitsmarkt.

Im 19. Jahrhundert gehörte Deutschland zur Weltspitze in punkto Schulbesuch und Bildungsausgaben. Dies wurde in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts in der höheren Bildung fortgesetzt: Nirgendwohin gingen so viele Nobelpreise wie nach Deutschland.

Diese Tradition einer weltweit führenden Stellung in Sachen Bildung ist in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts etwas abhandengekommen. Doch mit dem Pisa-Schock ist seit Beginn des 21. Jahrhunderts eine gewisse Trendwende zu erkennen: Wie in kaum einem anderen Land haben sich die Bildungsleistungen in Deutschland zwar langsam, aber stetig verbessert.

Diese Anstrengungen müssen weitergehen. Denn viele Aspekte des heutigen Bildungssystems sind nicht mehr zeitgemäß. Dabei spielt der Ordnungsrahmen für das Bildungssystem eine große Rolle. Die Motivation von Lehrern und Schülern ist entscheidend dafür, ob es in einem Schulsystem zur Vermittlung von Kompetenzen kommt. Die Rahmenbedingungen bestimmen die Anreize, ob es sich für die Schulen lohnt, Anstrengungen zu unternehmen und ihren Lehrbetrieb zu verbessern.

Im ausgehenden 18. Jahrhundert konnte die Vergleichbarkeit der Abiturleistungen an den wenigen gelehrten Schulen noch durch lokale Visitationen preußischer Beamter sichergestellt werden. Im 21. Jahrhundert benötigen wir ein gemeinsames Kernabitur und gemeinsame Kernprüfungen in allen Abschlüssen, die hohe Bildungsstandards deutschlandweit sichern. Zusammen mit verstärkter Schulautonomie und freier Trägerschaft ließe sich die Qualität der Schulbildung so weiter verbessern. Schließlich müssen Horte und Kindergärten zu Bildungsinstitutionen werden, die den Entdeckungsdrang aller Kinder wecken und sättigen.

Die aus dem 19. Jahrhundert stammende frühe Aufteilung im dreigliedrigen Schulsystem muss nach hinten verschoben werden, damit alle Kinder unabhängig von ihrer Herkunft ihr volles Potenzial entwickeln können.

Die Kompetenzen der Menschen, ihre Fähigkeit zu Verstehen und zu Innovieren, stellen das „Wissenskapital“ einer jeden Nation dar, von dem ihr Wohlstand abhängt. Deshalb muss Deutschland immer weiter daran arbeiten, erstklassige Bildungschancen für alle zu sichern.

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  • Autor

    Prof. Dr. Ludger Wößmann

    ist Professor für Volkswirtschaftslehre an der Ludwig-Maximilians-Universität München und Leiter des ifo Zentrums für Bildungsökonomik am Münchner ifo Institut.

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  • Axel Sänger

    Ich höre immer nur “Arbeitsmarkt”. Einen “Arbeitsmarkt”, der durch “Bildung” zugänglicher wird, gibt es nicht, solange das Geld und nicht der Sinn der Arbeit für das primäre Kriterium eines “Erfolgs am Arbeitsmarkt” gehalten wird.