INSM – ÖkonomenBlog, Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft (INSM) Welche Reformen braucht unser Land? Wie erreichen wir mehr Wachstum und Beschäftigung? Experten geben Antworten – diskutieren Sie mit!

 
01.03.2013 Bildung, Soziales

Studiengebühren schaffen Chancengerechtigkeit

Wer über seinen Lebensstatus nachdenkt, vergleicht sich meist mit vermeintlich besser Gestellten. Das gilt auch für die Gesamtgesellschaft. So wähnt sich Deutschland zusehends in einer Klassengesellschaft. Mit der Realität hat das wenig zu tun: Heute geht es vielfach gerechter zu als früher. Nur im Bildungssystem steckt noch viel Potenzial – mit Studiengebühren zum Beispiel.

Die Antwort auf die Frage, wie sich unsere Gesellschaft entwickelt hat, hängt davon ab, womit wir die Entwicklung vergleichen. Schon ein Blick in die jüngste Vergangenheit würde reichen, um festzustellen, dass es mit der Behauptung, wir würden in einer Klassengesellschaft leben, nicht weit her ist. So hat das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in seiner neuesten Analyse der Einkommensentwicklung nicht nur gezeigt, dass das verfügbare Einkommen der privaten Haushalte von 2005 bis 2010 gestiegen ist. Gleichzeitig hat auch die Ungleichheit in der Einkommensverteilung merklich abgenommen. Das liegt vor allem an der gestiegenen Beschäftigtenzahl, durch die mehr Menschen Teilhabe am Wohlstand und Aufstieg möglich ist. Eine gute Arbeitsmarktpolitik ist also eine wichtige Voraussetzung für mehr Gerechtigkeit. Doch ohne eine ausgewogenere Verteilung der Chancen durch Bildung stößt auch sie an ihre Grenzen.

Hier bleibt in der Tat noch viel zu tun. Wie kein anderes hat das deutsche Bildungssystem die Vererbung von Bildungschancen zementiert. Nach einer empirischen Untersuchung des DIW vom Januar 2013 bedingt der familiäre Bildungshintergrund knapp die Hälfte der Ungleichheit zwischen den Arbeitseinkommen und über die Hälfte der Unterschiede im formalen Bildungserfolg.

Wenn nun allerorts die Studiengebühren abgeschafft werden, hilft dies finanziell schwächerer Familien kaum, da deren Kinder ohnehin nur vereinzelt studieren. Andererseits, müssen sie nun, stärker als vorher über ihre Steuern das Studium vor allem von Kindern wohlhabender Eltern von ihrem spärlichen Einkommen mitfinanzieren.  Demgegenüber schaffen es die Kinder gut verdienender Akademiker mit Unterstützung des Elternhauses einfacher zum Abitur und damit an die Uni. Der Wegfall von Studiengebühren verfestigt somit die Ungerechtigkeiten im Bildungssystem. Ein gebührenfreies System führt dazu, dass im Vergleich der sozialen Herkunftsgruppen der Studierenden die unterste Einkommensgruppe kaum weniger belastet wird als die höchste.

Ein System aus Studiengebühren, -Krediten und Stipendien, sowie einkommensabhängigen und nicht rückzahlbaren BAföG-Zuschüssen wäre dagegen effizienter und könnte einen fairen Hochschulzugang für alle schaffen – ein entscheidender Schritt für mehr Chancengerechtigkeit.


Dieser Beitrag ist in einer längeren Fassung auf Welt.de erschienen.

  • Florian Zeller

    Ich fasse es nicht, dass ein Prof. solch eine dumme Behauptung aufstellt und auch noch vertritt.

    Nach seiner Meinung (siehe letzten Absatz) führt ein kostenpflichtiges Studium zu mehr gerechtigkeit zwischen den Schichten. Das ist absoluter Schwachsinn!

    Ich selbst komme aus der Mittelschicht, habe mein Abitur über den zweiten Bildungsweg (in Bayern) gemacht und habe mich für mein Studium (Studiengebühren und Unterhalt) von der KfW schön verschuldet und muss sagen…Die Studiengbühren haben einen SCH…gebracht !!! Ich habe 4000 Euro Studiengebühren für nichts bezahlt…da das Geld auf mein Studium keine Auswirkung in Form von besserer Lehre gehabt hat.
    Zum Anderem führten diese nicht zu mehr gerechtigkeit, obwohl ein wohlhabenderer Student genau so viel zahlen musst, da bei Ihm seine Mamma und Pappa bezahlt haben, ich es mir aus meiner eigenen Tasche (Schulden) finanzieren musste…das soll zur Gerechtigkeit führen, wenn der überwiegende Teil der Studenten sich verschulden muss um studieren zu dürfen?

    Zum anderen hielten die Studengebühren (ich weis es aus eigener Erfahrung mit Freunden) viele vom Studium erst ab! Wiederspricht also auch der These des Prof. hier!

    Das grundlegenste Problem in unserem Bildungssystem mit den gefestigten Herkünften, wie er es so schön geschrieben hat, liegt nicht erst beim Studium, sondern schon viel viel früher. Die beschriebene Zementierung wird von unserem dreigliedrigen Bildungssystem automatisch am Anfang unserer Bildung durchgeführt. Wenn wir diese Zementierung durchbrechen wollen, dann müssen wir unser Bildungssystem grundlegend von einem dreigliedigen System zu einem Einglidrigen umbauen wo jeder nach seinen Fähigkeiten in seinen Fächer einen Abschluss bekommt, der dem Abitur gleicht. (Bolemieallgemeinbildung ist heutzutage keine gute Bildung mehr und ebenfalls absolut unsozial) Dann kann JEDER seine Fähigkeiten in den unterschiedlichen Fächern voll zur Geltung bringen (ohne 13 Fächer gleichzeitig zu haben) und wenn er es möchte auch diesbezüglich weiter studieren.

    Aber von Gerechtigkeit durch Studiengebühren zu sprechen, nachdem unser Bildungssystem die Zementierung bereits schon durchgeführt hat grenzt an Blasphemie!

Der Autor:

Prof. Dr. Thomas Straubhaar

ist Direktor und Sprecher der Geschäftsführung des Hamburgischen WeltWirtschaftsInstituts (HWWI) und Universitätsprofessor für Volkswirtschaftslehre, insbesondere internationale Wirtschaftsbeziehungen, an der Universität Hamburg.

Alle Beiträge von