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Utopie statt Realismus: Wie Anders Indset die Welt von übermorgen denkt

Der norwegische Wirtschaftsphilosoph mit deutscher Wahlheimat Anders Indset gilt als der „Rock-’n’-Roll-Plato“ unter den aktuellen Welterklärern. Jetzt hat er ein Buch über die sogenannte "Quantenwirtschaft" geschrieben, eine Zukunft, in der Natur- und Geisteswissenschaften besser als bisher kooperieren und in der ein Wechselspiel von Immateriellem und Materiellem gelingen soll. Das klingt vage. Konkreter wird es nicht.
Dr. Martin Roos
Autor

Dr. Martin Roos

ist freiberuflicher Journalist. Er arbeitet als Autor, Ghostwriter und Redenschreiber für Unternehmen und Topmanager.

Wie könnte eine bessere Zukunft aussehen? Auf die uralte und ebenso ewig aktuelle Frage weiß Anders Indset, der norwegische Wirtschaftsphilosoph mit Showtalent und ungebändigter Haarmähne, nun Antwort: technologisch, nachhaltig, demokratisch stabil, kreativ, friedvoll und ökologisch intakt soll sie sein. Das klingt nach schöner neuer Utopie. Doch dem Autor geht es in seinem aktuellen Bestseller vor allem um eins: das Bewusstsein für die Notwendigkeit einer veränderten Wirtschaft zu stärken und eine Agenda zu entwickeln, die den Kapitalismus nicht abschaffen, sondern sinnvoll ergänzen möchte.

Medienmacher und Manager rufen Anders Indset auf die Bühne, wenn es darum geht, die Wirtschaft von morgen zu erklären. Denn der norwegische Wirtschaftsphilosoph mit deutscher Wahlheimat gilt als der „Rock-’n’-Roll-Plato“ unter den aktuellen Welterklärern. Seine frohe Botschaft, die er wie Manna unter seinen Zuhörern aussendet, ist einfach: Turbokapitalismus und Hyperkonsumismus sind bald vorbei, jetzt wartet die „Quantenwirtschaft“ – und das Leben wird wieder gut. Künstliche Intelligenz, gigantische Datenmengen und empathische Roboter werden auf unser Leben einwirken wie heute die Automatisierung und Digitalisierung. „Wir brauchen eine neue Perspektive, um die vorhandenen Strukturen und Modelle anders zu denken und zu optimieren“, schreibt Anders Indset in seinem nun als Bestseller gefeierten Buch „Quantenwirtschaft – Was kommt nach der Digitalisierung?“.

Für den Autor basiert die Wirtschaft „auf der Erkenntnis, dass alles mit allem zusammenhängt: Wir müssen lernen, Ökonomie, Gesellschaft und Ökologie ganzheitlich zu betrachten“. Diese Trias der Nachhaltigkeit ist nun wahrlich nichts Neues. Und Indsets Vorstellung einer Ökonomie der Zukunft klingt schöner, als es in Realität je möglich wäre. Doch trotz aller neuer schöner Utopie, was seinen Gedanken eine gewisse Bodennähe verleiht, ist Indsets Anspruch, den Leser zu motivieren, den „übernächsten Sprung“ unseres sozioökonomischen Systems zu denken – für diejenigen, die die Zukunft mitgestalten wollen also die geeignete Animationslektüre fürs Querbürsten.

Das Ende des Turbokapitalismus

Was ist nun diese Quantenwirtschaft? Für Anders Indset ist die New Economy genauso tot wie die Old Economy. Das Ende einer Ära zumindest in der westlichen Welt, in der sich Wohlstand durch immer mehr Vermögen, Besitztum und Konsum und damit auch mehr Umweltzerstörung zeigt, ist spürbar. Die Menschen ahnen, dass „eine ressourcenverschlingende Lebensweise und auf Materialismus verengte Definition von Grundbedürfnissen“ auf lange Sicht nicht mehr für alle funktionieren kann. Turbokapitalismus und Hyperkonsumismus seien bald vorbei, meint der Autor. Jetzt warte daher die Quantenwirtschaft, in der Natur- und Geisteswissenschaften viel mehr und besser als bisher kooperierten und in der ein Wechselspiel von Immateriellen und Materiellem gelinge. In der Quantenwirtschaft wird der „vermeintliche Gegensatz zwischen materiell und immateriell, physisch und spirituell genauso überwunden, wie in der Quantenphysik jedes subatomare Materieteilchen zugleich Energie ist – und umgekehrt.“

Was sich auf die Forschungen des deutsch-amerikanischen Politikwissenschaftlers Alexander Wendt (Quantum Mind and Social Science, 2015) bezieht und ein wenig verschwurbelt klingt, meint nichts anderes als die Weiterentwicklung des Kapitalismus, wie man ihn im amerikanischen und angelsächsischen Sinn versteht – nämlich die Erweiterung um eine sozialökologische Komponente: „Es geht nicht um Einschränkung, sondern um die Entwicklung neuer, besserer Modelle“, schreibt Indset. Quantenwirtschaft ist die Mischung aus verschiedenen Systemen – aus Kapitalismus und Sozialismus, Old und New Economy, Chaos und Ordnung. Deswegen brauche sie „globale Steuerungsinstitutionen und globale Regulierung“.

Verbraucher werden Gebraucher

Möglich macht Indsets Szenario ein „neuer gewaltiger Technologieschub“ – eine Welt, in der es keine Energieprobleme mehr gibt, in der Wohlstand sich nicht mehr allein auf den Kontostand reduzieren lässt, in der Softskills zu Hardskills werden und Profit und soziale Verantwortung einander nicht ausschließen. Produzenten und Konsumenten geben sich die Hand: „In der Quantenwirtschaft wird die Verantwortung für den gesamten Lebenszyklus der Produkte zum Hersteller verlagert. Und als Nutzer übernehmen wir Mitverantwortung für die Produkte, während wir als Besitzer in der Wegwerfgesellschaft verantwortungslos waren – statt Verbraucher werden wir Gebraucher.“

Ob Indset hier einen Kapitalismus reloaded oder Sozialismus reorganized meint, bleibt letztlich unklar. Zu vage sind die Vorschläge für die Umsetzung seiner im Prinzip richtigen Ideen. Sein Mantra, die Wirtschaft endlich neu zu denken, dürfte zwar bei seinem (vor allem jungen) Publikum auf große Resonanz stoßen. Geradezu fahrlässig hingegen ist, dass er die gesellschafts- und wirtschaftsfördernden Erkenntnisse und ethischen Motive, die die Soziale Marktwirtschaft bereithält, schlichtweg ignoriert. Seine Forderung „Wir brauchen Denker und nicht nur Rechner“ klingt gut. Allerdings sollten die Denker dem Argument einer praktischen Umsetzung gegenüber aufgeschlossener sein als der im akademischen Diskurs gefangene Autor.

Fazit

Ein temporeiches und engagiertes Buch, das mutig genug ist, sich eine Welt nach der Digitalisierung, so wie wir sie heute verstehen, vorzustellen. Die Aussicht, dass die Zukunft gelingen kann, motiviert. Allerdings bleiben Indsets Szenario-Ideen zu vage, um sich eine realistische Vorstellung machen zu können. Utopien haben eben keinen Anspruch auf Realitätstreue. Oder wie Thomas Morus, der berühmte Utopia-Autor, schon vor 500 Jahren schrieb: „Es ist ausgeschlossen, dass alle Verhältnisse gut sind, solange nicht alle Menschen gut sind, worauf wir ja wohl noch eine hübsche Reihe von Jahren werden warten müssen.“

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