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Johan Norberg: Die beste aller bisher möglichen Welten

Ein Blick in die Nachrichtenlage des Tages reicht, um sich enttäuscht von der Welt abwenden ⎼ zu viel Krieg, zu viel Hunger, zu viel Pandemie. Doch ist die Dauerkaterstimmung berechtigt? Nein, sagt der schwedische Ideengeschichtsforscher Johan Norberg. Für ihn leben wir heute in der bisher besten aller Welten. Der Grund: der Fortschritt. Er ist nicht nur die größte Errungenschaft der Menschheit, sondern auch Garant für eine gelingende Zukunft. Und Norberg sagt auch, warum wir optimistisch bleiben sollten.

„Die gute alte Zeit ist jetzt!“ Mit diesem Satz beginnt Johan Norberg sein Buch „Fortschritt ⎼ ein Motivationsbuch für Weltverbesserer“, das jetzt auf Deutsch erschienen ist. Und mit diesem Einstieg ist sofort klar, wohin die Reise führt: Trotz Pandemien, Kriegen, Hungersnöten und Tausenden von täglichen Hiobsbotschaften leben wir in einer der besten aller bisher möglichen Welten. Die Erfolge unserer Zeit: Seit 1990 schrumpfte die Armut weltweit von 37 Prozent auf unter neun Prozent. In der gleichen Zeit sank der Anteil der an Analphabetismus und Unterernährung leidenden Weltbevölkerung um 40 Prozent. Die Kindersterblichkeit halbierte sich, „wodurch der Tod von sechs Millionen Kindern jedes Jahr verhindert werden konnte“, rechnet Norberg vor. Und wer hat’s möglich gemacht? Natürlich der Fortschritt, erklärt der Autor.

Dass jemand dermaßen zuversichtlich und hoffnungsvoll auf unsere Welt schaut, ist selten – und man ist angesichts der vielen Untergangsszenarien, die viele Experten regelmäßig verfassen, schnell geneigt zu glauben, dass dieser Norberg doch eigentlich nur naiv, ja nur ein Kitschkopf sein kann. Aber das ist der Mann beileibe nicht. In seinem Buch geht es nicht um Selbstzufriedenheit und schon gar nicht um den Triumph der Menschheit. Es ist vielmehr eine Warnung: „Es wäre ein furchtbarer Fehler, diesen Fortschritt für selbstverständlich zu halten. Es gibt in dieser Welt Kräfte, die die Grundlagen dieser Entwicklung zu zerstören suchen.“ Die Bedrohung gehe nicht nur von Diktatoren und Terroristen aus, sondern auch von nationalistischen und autoritären Politkern. Und sie betrifft unsere individuellen Freiheiten, die offenen Märkte und den technologischen Fortschritt. In seiner Analyse geht es daher um den „Fortschritt und darum, was geschehen ist, wie es geschehen ist und warum wir es bisweilen verpasst haben“.

Anekdotisches Schreiben mit Vernunft

Seit fast 20 Jahren schreibt der schwedische Politikwissenschaftler über die Globalisierung und ist – wie er selbst meint – „bei Weitem nicht der einzige Optimist da draußen“. Norberg, Senior Fellow am Cato Institute in Washington D.C. und Träger der Goldmedaille der deutschen Hayek-Stiftung, schaut sich als Ideengeschichtsforscher „das gesamte Gebäude an und nicht nur den einen Stein“ eines wie auch immer gearteten Problems. Sein Buch, gerichtet an eine breite Leserschaft, ist unterhaltsam geschrieben, mal lässig, mal engagiert, fakten- und zahlenreich, und niemals polemisch.

Seine rund 250 Seiten Text sind mit zahlreichen Ausflügen in Geschichte und Vergangenheit der letzten 400 Jahre gespickt und gleichzeitig hochaktuell. So nutzt er neben vielen anderen wichtigen Köpfen der Ökonomie auch den frisch nominierten Gewinner des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels, den indischen Wirtschaftsnobelpreisträger Amartya Sen, als Kronzeugen seiner Argumentation.

Und obwohl die Originalversion des Buches („Progress – Ten Reasons to Look Forward to the Future“) bereits 2016 und damit vier Jahre vor Corona, erschienen ist, analysiert Norberg die Auswirkungen der Pandemien so, als ob er seinen Text mit aktuellem Corona-Wissen gerade erst geschrieben hätte.

Zu den zehn Handlungsfeldern für ein besseres Lebens gehören für ihn Ernährung, Hygiene, Lebenserwartung, die Bekämpfung der Armut, die Gewalt in Bürgerkriegen, in politischen Kriegen und im Alltag, die Umwelt, Alphabetisierung, Gleichberechtigung und Zukunft sowie die Freiheit und die Sklaverei als die „brutalste Form der Unterdrückung“.

Fortschritt ohne Freiheit nicht denkbar

Wachstum – vor allem qualitativ und nicht nur quantitativ betrachtet – und Umweltschutz sind für Norberg keine Widersprüche. Sie bedingen sich. Sie setzen Fortschritt und technologische Offenheit voraus.

Auch bei der Armutsbekämpfung zeigt sich für den Autor, dass die beste Art, Wachstum „armenfreundlich“ („geteilter Wohlstand“) zu gestalten, diejenige ist, das Wachstum zu steigern: „Eine Untersuchung von 180 Ländern über vier Jahrzehnte hinweg zeigt, dass beinahe jeder Einkommenszuwachs für die Ärmsten einer Gesellschaft auf die durchschnittliche Wachstumsrate eines Landes folgt“ und nicht durch Umverteilung zustande gekommen ist. Die Überlegung, dass „wenn nur Reiche reich werden, auch ein paar Krümel für die Armen abfallen“ (Trickle-Down-Theorie), ist falsch, erklärt Norberg. Arme Menschen, so der Autor, nehmen lieber selbst das Heft in die Hand, anstatt darauf zu warten, dass jemand anders etwas für sie tut.

Fortschritt ist auch ohne Freiheit nicht denkbar. Der Garant für Freiheit ist die demokratische Staatsform mit einer lebendigen Zivilgesellschaft und vielen unterschiedlichen sozialen, kulturellen und wirtschaftlichen Kräftezentren, die sich bedingen und ergänzen – auch in puncto Gleichberechtigung und Wissensvermittlung. „Wenn es um die Voraussetzungen für ein gutes Leben geht, ist der Startpunkt für jemanden, der heute geboren wird, Welten entfernt von der Situation unserer Vorfahren vor 200 Jahren“, schreibt Norberg. Doch der größte Unterschied sei „psychisch und intellektuell“, denn den Menschen der Vergangenheit standen nicht die kommunikativen und technischen Möglichkeiten und damit nicht annähernd der Zugang zu Ausbildung und Wissen zur Verfügung, den wir heute haben.

Dass wir den Fortschritt, den wir heute erreicht haben, kaum wahrnehmen oder gar für selbstverständlich halten, ist zwar menschlich, aber ein Problem: Der Gabminder Foundation zufolge glaubten nur zehn Prozent der Menschen in Großbritannien, dass die Armut weltweit in den vergangenen 30 Jahren zurückgegangen sei. Mehr als die Hälfte von ihnen dachte, sie sei gestiegen. In den USA war nur fünf Prozent der Befragten bewusst, dass die Armut in den vergangenen 20 Jahren weltweit nahezu halbiert wurde. 66 Prozent waren überzeugt, dass sie verdoppelt worden sei.

Der Fortschritt, den wir heute erreicht hätten, meint der Autor, könne natürlich nicht darüber hinwegtäuschen, dass es nach wie vor große wirtschaftliche, soziale und ökologische Probleme gebe. Doch er bedeutet, dass „mehr Menschen als je zuvor die Probleme der Menschheit erkennen können und dass mehr Gehirne daran mitarbeiten können, nach Lösungen zu suchen“.

Fazit

Norbergs „Fortschritt“ ist eine wohldosierte Analyse unserer Zeit, die uns vor Augen führt, was tatsächlich möglich ist. Es verschweigt nicht die Probleme unserer Wohlstandsgesellschaft, führt uns aber vor Augen, wie wir sie trotzdem lösen können ⎼ mit Fortschritt, der allen zugutekommt.

Johan Norberg: Fortschritt ⎼ ein Motivationsbuch für Weltverbesserer“ , FBV, München 2020.

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