Jede Ausgabe des Staates beruht auf einem Verzicht des Volkes. Ludwig Erhard, 1897-1977, deutscher Wirtschaftsminister, Bundeskanzler

2 BuchkritikWachstum

Grün ist nicht genug

Gerhard Schick: Machtwirtschaft – nein danke! Für eine Wirtschaft, die uns allen dient, Campus Verlag, Frankfurt am Main 2014Gerhard Schick: Machtwirtschaft – nein danke! Für eine Wirtschaft, die uns allen dient, Campus Verlag, Frankfurt am Main 2014

Ein Ende des Wachstums hält er für unverantwortlich. Eine absolute Entkopplung von Wirtschaftswachstum und Ressourcenverbrauch bleibt für ihn nur ein Traum. Was Gerhard Schick will, ist eine faire Wirtschaft, die der Gesellschaft und ihrer Entwicklung wirklich nachhaltig nutzt – so weit entfernt das Ziel, so sympathisch das Buch.

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Ziemlich flott legt Schick los: Die Wirtschaft sei nicht mehr für die Menschen da, die  Bedürfnisse von uns allen würden kaum noch eine Rolle spielen. Das einzige, was  zähle, seien Macht und Geld. „Ich nenne diese Wirtschaftsordnung, in die wir eingebunden und der wir ausgesetzt sind, deshalb Machtwirtschaft“, schreibt der Autor. Gerhard Schick ist Politiker bei den Grünen, promovierter Volkswirt und zählt in seiner Partei zu den besten Experten in der Wirtschaftspolitik. Angesichts seiner starken Thesen, die er in seinem jetzt erschienenen Buch „Machtwirtschaft – nein danke!“ gegen die Macht der Daten, die Macht der Agrarkonzerne, die Macht der Mafia und die Macht der Finanzmärkte formuliert, könnte man meinen, Schick sei die männliche Inkarnation Sahra Wagenknechts. Das ist nicht der Fall.

Schick, der im Walter-Eucken-Institut und bei der Stiftung Marktwirtschaft gearbeitet hat, sieht sich als „überzeugter Marktwirtschaftler“: „Die Überlegenheit dezentraler Steuerung leuchtet mir ein. Freiheit und Selbstbestimmung sind mir wichtig.“ Auf die wirtschaftlichen Probleme und Zwänge unserer Zeit findet er „in den wissenschaftlichen Arbeiten des Ordoliberalismus die besten Antworten“.

Da ist es kein Wunder, dass er in seinem lesenswerten Werk rechts und links austeilt: „Mutti Staat kümmert sich – nur leider nicht um die Vielen, sondern um die Wenigen“, meint er. Die Konservativen seien für einen „Staat, der sich um die Oberschicht sorgt und in deren Interesse sehr wohl und sehr effizient die Dienste der zentralen Ordnungsmacht einspannt“. Den Linken wirft er ein taktisch falsches Verhalten vor: Sie reagierten häufig mit dem „reflexhaften Ruf nach mehr Staat, um ungerechte Marktergebnisse auszubügeln“. Das sei jedoch der völlig falsche Ansatz:  „Linke müssen viel früher ansetzen und die Regeln für den Markt so gestalten, dass er gerechtere Ergebnisse produziert.“

Grundsätzlich hält er die Gegenüberstellung von „links gleich staatsorientiert“ und „rechts gleich marktorientiert“ für nicht brauchbar. Schick stellt sich eine Wirtschaft vor, die nicht „darauf angelegt ist, wachsen zu müssen und dafür immer neue Bedürfnisse zu wecken“. Er fordert ein System, „in der man Gewinne machen kann, ohne Gegenleistung zu erbringen, die Kundinnen und Kunden so wie der Gesellschaft von Nutzen sind“.

Auch die Meinung der Optimisten aus seinen eigenen Parteireihen, die glauben, man müsse nur grüner wirtschaften und Wachstum und Nachhaltigkeit zu nachhaltigem und grünem Wachstum verbinden, teilt er nicht unbedingt. „Während relative Entkopplung, also ein Weniger an Ressourcenverbrauch und Umweltverschmutzung pro Einheit des Bruttoinlandprodukts, durch technische Neuerungen tatsächlich stattfindet, sind wir weit davon entfernt, Ressourcenverbrauch und Emissionen absolut zu senken.“

Ebenso reiht er sich nicht in den Chor derjenigen ein, die Wohlstand ohne Wachstum proklamieren. „Ein Ende des Wachstums zu fordern, bei dem unser Wirtschaftssystem in seiner heutigen Verfasstheit in die Instabilität gleiten würde, wäre unverantwortlich“, erklärt Schick. Er will die Wachstumszwänge anders überwinden: Er setzt auf den Green New Deal – „kein grünes Konjunkturprogramm“, wie er meint, sondern ein „Projekt der Transformation“: Darin geht es um Neuregulierung der Finanzmärkte, den ökologischen Umbau der Wirtschaft und einen neuen sozialen Ausgleich in der Gesellschaft.

Das klingt gut. Und es klingt vor allem auch nach Parteiprogramm.

Individueller ist da schon seine Prognose, dass wir uns zukünftig auf eine wachstumsärmere Wirtschaft vorbereiten sollten. Eine solche Aussicht wird vor allem den Industrienationen kaum schmecken.

Sein Buch ist dennoch nicht bitter. Im Gegenteil. Es ist anregend. Auch für seine Gegner. Schon deswegen lohnt sich die Lektüre.

  • Autor

    Dr. Martin Roos

    ist freiberuflicher Journalist. Er arbeitet als Autor, Ghostwriter und Redenschreiber für Unternehmen und Topmanager.

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  • Lieber Herr Schick, den Tipper “Machpolitik” haben wir korrigiert. Herzlichen Dank für den Hinweis.

  • Martin Roos

    Lieber Herr Schick,
    danke für Ihr Schreiben. Schön, dass Sie sich zunächst einmal über die Besprechung gefreut haben. Ich schätze, sehr, dass Sie – anders als viele Wachstumskritiker – die Begriffe Wachstum und Wohlstand auf eine angenehm moderate und reflektierte Weise auf den Prüfstand stellen. Dass es eine Neuvereinbarung gesellschaftlicher Ziele geben muss, steht außer Frage – und auch mit grüner Technologie allein wird es wohl nicht gehen. Mit der Verwendung von Ludwig Erhard als eine Art Allheilmittel fürs richtige Wirtschaften sollte man grundsätzlich aufpassen. Es scheint mir, dass ihn zurzeit jeder, egal welche Partei, nach Lust und Laune bis zur Unkenntlichkeit herbeizitiert, um sich letztlich nur ein Stück von seiner Autorität wie von einem leckeren Kuchen abzuschneiden.
    Was Ihren letzten Kritikpunkt (Gewinn und Gegenleistung) anbelangt, habe ich Sie schon richtig verstanden, tatsächlich aber falsch zitiert. Natürlich geht es um eine Wirtschaft, in der sich Nehmen und Geben mindestens die Waage halten.
    Viele Grüße,
    Martin Roos