Was wir dringend brauchen, um ökonomische Stabilität und Wirtschaftswachstum zu erreichen, ist eine Rückführung des staatlichen Einflusses. Milton Friedman, 1912-2006, amerik. Ökonom, Nobelpreisträger

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Bilden statt besteuern: Warum Piketty für Deutschland keine Botschaft hat

Seit Veröffentlichung seines Buches „Kapital im 21. Jahrhundert“ wird Star-Ökonom Thomas Piketty von allen Seiten bejubelt. Die Forderung nach mehr Chancengerechtigkeit ist zwar richtig, Pikettys Weg aber der falsche.

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Thomas Pikettys Buch ist mutig. Doch für das Ziel einer gerechteren Verteilung zwischen Arm und Reich ist seine Forderung nach einer globalen progressiven Kapitalbesteuerung der falsche Weg. Für Deutschland gilt das besonders.

Pikettys Daten zeigen: Sowohl für den Anteil der oberen 10 Prozent der Einkommensbezieher am Volkseinkommen als auch für die obersten 0,1 Prozent sind die Anteile für Deutschland seit 1950 im Trend stabil. Wären die Vermögen kleinerer Gruppen in diesem Zeitraum gestiegen, hätte das zu wachsenden Ungleichheiten in der Einkommensverteilung führen müssen. Zudem entspannt die seit 2005 in Deutschland zu beobachtende steigende Beschäftigung die Verteilungssituation.

Trotzdem gibt es Handlungsbedarf, wie die schwächer werdende Aufstiegsmobilität zeigt. Die politische Antwort ist ebenso banal wie bekannt: Investiert in Bildung! Das erfordert in einer schrumpfenden Gesellschaft Mut. Demografisch bedingte Einsparungen müssen im System bleiben (die Pro-Kopf-Ausgaben also steigen) und die Organisation des Bildungssystems endlich von ineffizienter Ländervielfalt befreit werden.

Die Mehrheit der Deutschen deutet, wie Studien des Allensbach Instituts belegen, Gerechtigkeit als Chancen- und Leistungsgerechtigkeit. Das hat mit Bildung, guter Infrastruktur und einer verlässlichen sozialen Sicherung zu tun. Aus guten Gründen haben wir eine progressive Einkommensteuer. Diese führt zur Steuerlastverteilung: Die oberen 25 Prozent der Einkommensteuerzahler tragen 75 Prozent der Einkommensteuerschuld. Piketty bleibt ohne Botschaft für Deutschland.

  • Autor

    Prof. Dr. Michael Hüther

    ist Direktor des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln (IW).

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  • Dan Chris

    Warum widersprechen diese Daten ihren Aussagen? Scheinbar öffnet sich die Schere zwischen Arm und Reich in Deutschland ebenfalls. Sicherlich nicht so stark wie in den USA, aber immerhin.

    http://www.bpb.de/nachschlagen/zahlen-und-fakten/soziale-situation-in-deutschland/61769/einkommensverteilung

    S.7
    http://www.diw.de/documents/publikationen/73/diw_01.c.402879.de/diw_sp0451.pdf

  • Hallo Dan Chris – Die von Ihnen zitierten Quellen reichen frühestens bis ins Jahr 1984. In seinem Artikel zitiert Prof. Dr. Hüther jedoch Daten, die einen langfristigen Trend seit 1950 beschreiben. (jb)

  • Tom Colico

    Und warum widersprechen auch diese Daten Hüthers aussagen?

    http://topincomes.g-mond.parisschoolofeconomics.eu/

    Das sind immerhin die Daten von Piketty selbst. Man schlage dort die top 10% income shares including capital gains nach.

    Und was ist mit den Vermögensstatistiken, die steigende Vermögen der oberen 10, 5 oder 1 % seit Jahrzehnten ausweisen?

    Was Herr Hüther da schreibt, scheint zu großen Teil einfach falsch zu sein, wie jeder selbst nachprüfen kann. Dass Piketty keine Bedeutung für Deutschland hat, ist wohl eher Wunschdenken. Solche Normationen kann Herr Hüther für sich selbst treffen, aber glücklicherweise wird auch hierzulande sehr über das Buch diskutiert, das sich in eine sowieso schon stattfindende Verteilungsdebatte einbringt. Die wird sich mit Sicherheit auch noch verschärfen, solange Milliardäre in einem Land leben, in dem Leute Flaschen aus Mülltonnen holen, um nicht zu hungern und andere ihr Leben lang malochen, um dann eine Rente auf Existenzminimum zu bekommen.

  • steinweg

    Eine schafsnasige Darstellung.

  • Dan Chris

    Aussage Herr Hüther
    “Sowohl für den Anteil der oberen 10 Prozent der Einkommensbezieher am Volkseinkommen als auch für die obersten 0,1 Prozent sind die Anteile für Deutschland seit 1950 im Trend stabil.”

    Stabil heißt, dass sich Zustände über den Zeitraum kaum ändern. Die Kurven von 1984-heute zeigen, dass dem nicht so ist. Wenn ich eine Parabel habe kann ich mir nicht die spiegelsymmetrischen Punkte aussuchen und behaupten das Verhalten sei stabil. Mich würde interessieren, ob Herr Hüther seinen Studenten eine so wackelige Argumetationskette auf Basis einer ihm genehmenen selektiven Datenauswahl (siehe Kommentar Tom Colico) in einer Bachelor- oder Masterarbeit akzeptieren würde.

  • Kevin Kreckel

    Es mag sein dass wir keine Zustände haben wie in Amerika und man bei uns bessere Chancen hat aufzusteigen… aber eine Konzentration des Vermögens in der Oberschicht findet durchaus statt, eine höhere Besteuerung ist schon längst überfällig!