Inflationen sind wie Diktaturen. Wenn sie erst einmal an der Macht sind, wird es um so schwieriger, gegen sie anzukämpfen. Hermann Josef Abs, 1901-1994, deutscher Bankier, Vorstandssprecher der Deutschen Bank AG (1957-1967)

2 Soziales

Das Kreuz mit der Gerechtigkeit

Wohl mit keinem Wort wird in gesellschaftspolitischen Debatten mehr Schindluder getrieben als mit dem Wort „Gerechtigkeit“. Es hat sich zu einem Wieselwort entwickelt – inhaltsleer, wie ein vom Wiesel leergesaugtes Ei, von dem nur die Schale übrigbleibt. Soziale Gerechtigkeit ist längst zu einer reinen Anspruchsnorm verkommen, die das Verteilen vor das Verdienen stellt.

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Wie in der Streitfrage eines gesetzlich verordneten Mindestlohns: Immer wird mit dem Gerechtigkeitspathos argumentiert! Ein Mensch soll von den Früchten seiner Arbeit anständig leben können – egal, über welche berufliche Qualifikation er verfügt, gleichgültig ob sich Kunden finden, die den dafür notwendigen Preis für Güter oder Dienstleistungen zu zahlen bereit sind. Schnäppchenjäger finden sich in allen Gesellschaftsschichten. Bei der Kaufentscheidung ist vielen der Wert der Arbeit gleichgültig. Aber den Mindestlohn befürworten laut Umfragen 80%.

Das ist Pharisäertum. Wie oft bekomme ich in Gesprächen mit, wie Durchschnittsbürger von der Pflege ihrer Eltern durch osteuropäische Frauen reden, die man für 1.000 Euro monatlich im Rund-um-die-Uhr-Dienst, alle zwei bis drei Monate im Wechsel, einsetzt. Wenn man hier die Stundenlöhne ausrechnet und diese privaten „Arbeitgeber“ dann für den Mindestlohn verbal trommeln hört, dann wird ihr Einsatz für eine gerechte Entlohnung der Arbeit zur leeren Phrase. Damit ist aber auch das Ventil vorgezeichnet, in das hohe gesetzliche Mindestlöhne führen: Die Schattenwirtschaft wird blühen. Die Forderung nach gerechten (= hohen) Löhnen ist das eine, die tatsächliche Bezahlbereitschaft das andere.

Bei den Mietpreisen, die der Staat jetzt gesetzlich deckeln will, der gleiche Gerechtigkeits-Unsinn. Wir erleben seit Jahren eine Flucht in Immobilien, die von der Nullzinspolitik der EZB als Folge der Eurokrise angeheizt wird und in einer Blase zu münden droht. Außerdem können wir als Folge des demografischen Wandels einen Trend zur Stadt beobachten. Ältere verkaufen ihre Einfamilienhäuser auf dem Land, wo sie um ihre Nahversorgung fürchten – und ziehen Eigentum in den Zentren mit kurzen Wegen und kompletter Infrastruktur vor. Wer diese beiden Megatrends mit einer Mietpreisbremse stoppen will, wird das Gegenteil bewirken. Investitionen in Mietwohnungen werden unrentabel. Damit verknappt sich das Angebot und die Mieter bleiben bei der Wohnungssuche in den angesagten Städten komplett auf der Strecke.

Wer leidenschaftlich für Gerechtigkeit in einer Gesellschaft kämpft, der muss dafür sorgen, dass Menschen dazu imstande sind, für sich selbst zu sorgen und nicht auf die Alimentation durch die Gesellschaft spekulieren. Das bedeutet Bildungschancen für alle, egal wie groß oder klein der Geldbeutel der Eltern ist. Das bedeutet die Anerkennung der individuellen Einsatzbereitschaft auch durch ungleiche Einkommen. Denn wer unter der Flagge der Gerechtigkeit für Einkommensgleichheit plädiert, der unterminiert die Einsatzbereitschaft von vielen Millionen Arbeitnehmern wie Unternehmern. Und riskiert damit den Wohlstand der ganzen Gesellschaft.

  • Autor

    Oswald Metzger

    ist Botschafter der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft. Von 1994 bis 2002 gehörte er dem Deutschen Bundestag an. Er ist Geschäftsführer des Konvent für Deutschland.

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  • Melanie Janssen

    Lieber Herr Metzger, Ihre Argumente hören sich gut und logisch an, nur leider, so einfach ist es nicht! Meine Tochter hat ihren Bachelor mit sehr gut abgeschlossen ( ein Master wird hier nicht angeboten) und bewirbt und bewirbt sich. Die Argumente in den Absagen sind immer die gleichen: Ihr fehlt die Berufserfahrung. Die sie bitte wie bekommen soll, wenn keiner ihr die Chance gibt? Ich selbst habe drei verschiedene komplette, sehr gute, Ausbildungen und möchte nun beruflich wieder durchstarten. Aber sorry, mit 54 Jahren bin ich doch zu alt, man möchte dreissigjährige. Nun mach ich meine vierte Ausbildung und mich Selbstständig. So ist das 2014 in Deutschland! Mit den Mieten genau das gleiche. Wir leben in einer Kleinstadt im Nordwesten, wo die Einkommen bedeutend geringer sind als in Süddeutschland. Die Mieten sind aber exorbitant hoch, fas kann sich ein Normalverdiener kaum noch leisten. Bei mir gehen 60% m. E.für die Miete weg, und die Wohnung ist wriss Gott nichts besonderes und ich denke mein Einkommen liegt über dem Durchschnitt. Es läuft was gewaltig schief in Deutschland!

  • Dan Chris

    “Schindluder getrieben als mit dem Wort „Gerechtigkeit“. Es hat sich zu einem Wieselwort entwickelt”

    Diese Grundaussage setzt voraus, dass es die Gerechtigkeit gibt. Es gibt aber mehrere und das Gerechtigkeitsempfinden kann sich ändern. So finden wir es gerecht wenn reiche Menschen höher besteuert werden. Sollten diese Menschen reich werden, dann finden sehen sie das vielleicht anders. Gerechtigkeit ist nicht objektiv. Vor diesem Hintergrund ist ihre Argumentation etwas hinfällig. Im Übrigen gibt es noch mehr solche Worthülsen. Freiheit nehmen sie ganz gerne. Chancengerechtigkeit gibt es auch oft hier im Blog.

    “Die Forderung nach gerechten (= hohen) Löhnen ist das eine, die tatsächliche Bezahlbereitschaft das andere.”

    Genau hier sieht man ihre Kurzsichtigkeit. Dieser Fakt ist kein Widerspruch. Menschen vergleichen sich. Wenn Nachbar X weniger zahlt, warum soll ich mehr bezahlen? Es gibt eben keinen objektiven Markt, sondern nur eine Summe von subjektiven Entscheidungen.

    “Denn wer unter der Flagge der Gerechtigkeit für Einkommensgleichheit plädiert, der unterminiert die Einsatzbereitschaft von vielen Millionen
    Arbeitnehmern wie Unternehmern.”
    Gut das ihnen die Wissenschaft widerspricht gleichere (nicht gleiche) Einkommen sorgen für eine höhere Lebenserwartung in Gesellschaften, weniger Übergewicht, weniger Krankheitenund zwar für alle Einkommensschichten. Eine gleichere Gesellschaft hat im Schnitt weniger Abstiegsängste und somit weniger Stress. Ziel einer Gesellschaft sollte das bestmögliche Leben und nicht die höchste Einsatzbereitschaft sein. Das durch gleichere Löhne die Einsatzbereitschaft unterminiert würde, ist meiner Ansicht nach ein Mythos. Milliarden unbezahlte Überstunden widersprechen ihnen da sehr deutlich.