Eine punktuelle, hier und dort in den Marktzusammenhang eingreifende Wirtschaftspolitik führt, sobald sich diese Eingriffe summieren, zu einer Verwirrung des Ganzen. Alfred Müller-Armack, 1901 - 1978, deutscher Nationalökonom, Kultursoziologe

39 Arbeitsmarkt

Wie gerecht ist der Mindestlohn?

Der Mindestlohn ist vor und seit seiner Einführung wohl genauso viel bejubelt wie beschimpft worden. „Man muss von seiner Arbeit doch leben können“, war und ist der eingängige Slogan der einen Seite. Die andere mahnt an, dass das Ganze ja auch irgendwie einen Wert haben muss. Gerd Maas tendiere – wen wundert es an dieser Stelle – zur zweiten Fraktion. (mehr …)

Mir kommen bei dem Thema immer zwei Schaufler in den Sinn. Zwei Schaufler mit der gleichen Aufgabe, jeweils ein Loch neben dem anderen auszuschaufeln. Alle Löcher ungefähr gleich tief, beide Schaufler ungefähr gleich kräftig, jeder die gleiche Schaufel. Beide recht stetige Gemüter, die die gleiche Arbeitszeit kontinuierlich schaufeln. Aber nur einer denkt mit beim Schaufeln. Dieser eine macht sich Gedanken über den Sinn seiner Arbeit, nämlich Erde auszuheben, damit danach da Löcher sind. Der andere meint, dass allein schon das Schaufeln sinnvoll ist. Und schüttet jedes Mal mit dem Aushub das vorherige Loch wieder zu.

Zwei Arbeiter mit den gleichen Qualifikationsanforderungen – Lochschaufler –, verrichten die gleiche Arbeit, gleich fleißig. Was meinen Sie, verdienen die beiden den gleichen Lohn? Ist es gerecht, wenn beide den gleichen Lohn bekommen? Ist denn statt der Arbeit nicht die erbrachte Leistung viel ausschlaggebender? Das was hinten herauskommt bei der Arbeit? Nach meinem Dafürhalten ist die Antwort einfach: Es gibt diese Arbeit nur, weil Löcher gebraucht werden. Was zählt, ist ausschließlich das Loch. Dem Gemeinwesen nützt nur jemand der Löcher macht, nicht jemand der einfach drauf los schaufelt. Ein Mindestlohnversprechen für Drauflosschaufler ist kontraproduktiv, der Mindestlohn also kein probates Mittel, um Lohnfairness durchzusetzen (gesetzt den Fall man würde hier tatsächlich eklatante Mängel feststellen).

Man könnte die Geschichte mit den Schauflern jetzt noch mit dem bedingungslosen Grundeinkommen weiterspinnen und wie veräppelt sich selbst der unproduktive Schaufler vorkommen müsste, wenn für einen Dritten schon das Zuschauen beim Schaufeln zur Entlohnung reicht. Aber das ist dann eine ganz andere Geschichte. Es geht mir hier ja noch nicht einmal unbedingt um das Schauflerthema – wie gesagt, das kommt mir beim Mindestlohn nur immer gleich in den Sinn. Mir geht es hier um die Freiheit und um die Grenzen der Selbstbestimmtheit.

Keine Freiheit auf Lohnverzicht

Das Schauflerbeispiel zeigt „nur“ wie der Mindestlohn volkswirtschaftlich falsche Anreize setzt. In der nun eingeführten Praxis offenbaren sich aber nach und nach noch schwerwiegendere Folgen. Der Mindestlohn verleitet eigentlich verantwortungsbewusste Bürger zur Unredlichkeit und zum vorsätzlichen Gesetzesbruch.

Ein Beispiel: Beim ehrenamtlichen Engagement kommt es oft einmal vor, dass wachsende Aufgaben einer gemeinnützigen Initiative das ehrenamtlich Machbare überstrapazieren. Man kommt dann gerne einmal überein, einen Teil der Arbeit zu entgelten. Einen Verdienst im wahrsten Sinne des Wortes zu gewähren: eine Anerkennung.

Ein Verein könnte also beschließen, einem seiner Mitglieder eine geringfügige Beschäftigung anzubieten. Womit ein Teil seiner Tätigkeiten nicht mehr ehrenamtlich, sondern hauptamtlich wird. Und – zack! – unterliegt das Ganze dem Mindestlohngesetz. Also mindestens 8,50 Euro pro Stunde und Aufzeichnungspflichten. Nun ist der ehrenamtlich Engagierte, dem man eine Anerkennung zukommen lassen will, ja besonders ehrenamtlich engagiert, und der freut sich sicherlich auch über einen kleinen Lohn, will aber seiner Natur entsprechend nicht auf die Stunden schauen. Das heißt, er wird aller Wahrscheinlichkeit nach auch für seine vom Anstellungsvertrag abgedeckten Aufgaben gerne Mehrarbeiten, Überstunden, leisten. Da muss er jetzt nur peinlich darauf achten, dass er die nicht aufschreibt.

Und weil diesem Vereinsangestellten die Stundenaufschreibung sowieso auf die Nerven geht – er macht seine Arbeit ja um der Sache willen und nicht wegen des Stundenlohns – wird er sich bald eine möglichst einfache Pseudo-Aufschreibung einrichten, die den gesetzlichen Anforderungen genügt, aber kaum etwas mit der Realität zu tun hat. Und wenn das auch nur im Kleinen spielt, wird eben hier gerade ein besonders verantwortungsbewusstes Mitglied der Gesellschaft zu Lug und Trug getrieben.

Das Beispiel ist im gemeinnützigen Milieu angesiedelt, weil es da besonders absurd ist. Es ist aber in der Wirtschaft genauso vorstellbar. Das Mindestlohngesetz nimmt den Bürgern generell das Recht, aus welchen Gründen auch immer auf Lohn zu verzichten. Mündige und selbständige Menschen, die die Anerkennung und auch den Schutz eines Arbeitsverhältnisses suchen, aber nicht unbedingt eine bestimmte Lohnhöhe, werden kriminalisiert.

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  • Frank

    “der gerechte Lohn ist der Lohn, der durch Güterpreise bestimmt wird.” Karl Marx.

  • Herr Maas, die Grundannahme, dass Menschen nach Leistung bezahlt werden ist schon nicht nachweisbar. Weiterhin ist die Frage wie sie zu Tarifverträgen stehen. Dort kriegen auch alle Menschen auf der gleichen Qualifikationsebene den gleichen Lohn. Um ihrem Beispiel ein Gegenbeispiel zu geben. Gleiche Arbeit = gleicher Lohn würde bedeuten, dass Leiharbeiter so viel bekommen wie festangestellte Arbeiter. Das ist aber nicht so. Nach ihrer Modellvorstellung müsste es aber so sein. Denn kein Gesetz zwingt den Unternehmer die Löhne zu senken. Sie tun es trotzdem. Der Mindestlohn ist hierbei ein Korrektiv. Er ist nicht perfekt. Das kann er aber auch nicht sein.

    “(gesetzt den Fall man würde hier tatsächlich eklatante Mängel feststellen).”

    Für mich ist der Fall genau dann gegeben, wenn ein Unternehmen einen Betrag X zahlt und weiß das der Arbeitnehmer noch einen Betrag Y vom Staat bekommt. Diese Aufstocker erhalten auch einen Mindestlohn. Dieser wird zum Teil von der Allgemeinheit bereitgestellt, während aber nur der Unternehmer profitiert. Somit liegt definitiv ein Problem vor.

    Interessant wird ihr Lochbeispiel übrigens erst, wenn man es arbeitsteilig denkt. Wer erbringt die Leistung in einem Restaurant? Der Koch, der Kellner oder die Putzkraft. Fällt ein Teil weg oder bringt schlechte Leistungen, dann sind alle anderen betroffen. Der Koch kann sehr gut sein, ist die Bedienung schlecht und lässt ständig etwas fallen, dann kommen weniger Gäste. Ist das Restaurant dreckig, dann muss es im Grenzfall sogar geschlossen werden. Wie wichtet man in diesem Fall die Produktivität und die Anteile an dieser. Nur gemeinsam kann man Erfolg haben. Genau deshalb ist es schwierig zu sagen, welcher Lohn legitim ist und welcher nicht.

  • JoWo

    Hallo Herr Maas. Was würden Sie denn nehmen pro Stunde, wenn Sie das Loch graben sollten? Ein Mindestlohn setzt keine Anreize, sondern er schützt die Schwachen und er schütz die Gesellschaft vor Unternehme(r)n, die keine Grenzen in ihrem Gewinnstreben kennen.

    “Das Mindestlohngesetz nimmt den Bürgern generell das Recht, aus welchen Gründen auch immer auf Lohn zu verzichten. Mündige und selbständige Menschen, die die Anerkennung und auch den Schutz eines Arbeitsverhältnisses suchen, aber nicht unbedingt eine bestimmte Lohnhöhe, werden kriminalisiert.” – Ihre Behauptung ist absurd. Ich kenne keinen einzigen Menschen, der Ihr geschildertes Problem hat. Meine Kollegen auch nicht und ich frage gerne weiter herum. Wenn einer auf seinen Lohn verzichten will, dann kann er sein Geld spenden.

    Zum Glück wird heute nur noch einer kriminalisiert, und zwar das Unternehmen, welches keine Mindestlohn zahlt!

  • Gerd Maas

    Das beste Entdeckungsverfahren für einen “legitimen” Lohn ist der Markt: Angebot, Nachfrage, Knappheit. Das funktioniert mit ein paar ordentlichen Rahmensetzungen eigentlich hervorragend.

  • Gerd Maas

    Für alle Unternehmer, die ich kenne, ist die ordentliche Entlohnung ihrer Mitarbeiter eine nahezu unantastbare Grenze in ihrem Gewinnstreben.

  • Was ist mit Aktienunternehmen und Unternehmern die sie nicht kennen. Es ist löblich, dass es Unternehmer gibt die ein soziales Gewissen haben. Es gibt genug die es nicht haben. Das zeigen die vielen Skandale wo Mitarbeiter zum Beispiel überwacht worden sind.

  • Sehr schön. Dann widersprechen sie sich aber. Sie sagen es hat etwas mit Produktivität zu tun. Wenn eine Person eingestellt wird, dann wird erst einmal die Qualifikation herangezogen. Die Frage nach dem Tarifvertrag umschiffen sie auch. Dort gibt es auch nicht Angebot und Nachfrage. Dennoch funktioniert das System ganz gut, da man die Verhandlungsphase spart.

    “paar ordentlichen Rahmensetzungen ”
    Darunter verstehe ich zum Beispiel einen Mindestlohn. Kein Mensch darf für weniger beschäftigt werden. Das motiviert den Arbeitgeber die Person entweder zu qualifizieren, sodass das Preis-Leistungsverhältnis steigt, oder er automatisiert.

    Eine Anmerkung noch. Die Lohnquote sinkt, während die Beschäftigungszahlen steigen. In Griechenland ist es sogar umgekehrt. Dort sinken die Löhne massiv und die Beschäftigung sinkt ebenfalls. So einfach ist das mit dem Arbeitsmarkt nicht. Er beeinflusst sich selbst da der Lohn direkt auf die Nachfrage rückkoppelt.

  • Wolfgang Ksoll

    Ja, in Deutschland ist das Bedenkentragen die wichtigste Disziplin. In den beiden größten US-Staaten wird der Mindestlohn gerade auf 15 $/h Mindestlohn erhöht. Im Kapitalismus ist der Mindestlohn seit den 1930er Jahren verankert (New Deal). In Deutschland hatte man andere Prioritäten damals. Und lange Diskussionen, wie man den Kapitalismus vermeiden kann. Ich würde mir auch von Unternehmern mehr Mut zum Kapitalismus wie in den USA wünschen, statt ewig langen abwehrenden Diskussion. Man kann Märkte auch lieben. Wer die Marktwirtschaft leibt, schützt das Funktionieren der Märkte. Antidumping nicht nur bei Schiffen sondern auch auf dem Arbeitsmarkt. Der Marktwirtschaft zu liebe.

  • Gerd Maas

    Da gibt es die sehr berechtigte Regelung des sittenwidrigen Lohns.

  • Gerd Maas

    Glauben Sie wirklich, dass Tarifverhandlungen nicht von Angebot und Nachfrage geprägt sind? Und natürlich wird die Qualifikation herangezogen, für Angebot und Nachfrage muss ja ein gemeinsamer Betrachtungsgegenstand definiert werden. — Qualifizierung liegt für mich zu allererst einmal in der Verantwortung des Arbeitnehmers. — In Griechenland müssen die Löhne so weit sinken, bis wieder Investitionsanreize entstehen. Bei uns steigen die Reallöhne und die Beschäftigung.

  • Stan Lefire

    Ahh….da erkennt jemand, dass gesellschaftlicher (!!) Bedarf eine Bedingung sein sollte und das eingesetzter Arbeitsaufwand vergütet werden sollte.

    So weit so gut, da ist schon mal ein guter Ansatz. Fehlt noch eine Betrachtung welche Anreize ein System schafft in dem Menschen das zehn oder mehrfache innerhalb einer 40 Stunden Woche erarbeiten können während andere auch noch ehrenamtlich ran “müssen” und ob dies gesellschaftlich jeweils die richtigen Anreize sind..

    Dem gemeinen Arbeiter (nun 8,50,- /h) das Ehrenamt vorzuhalten (0,- /h) und nicht den Besserverdiener (50 – 500,- /h oder mehr) ist kreativ.
    Allerdings mag man sich in diesem Zusammenhang eher fragen warum ehrenamtliche Arbeit nicht vergütet wird. Welches geselschaftliche Anreiz- und Vergütungssystem ist denn da schief gegangen?

    Wenn ich das Anreizsystem wie es hier argumentativ genutzt wird zu Ende denke, komme ich zu einer Gesellschaft, in der es nur noch Bänker und Manager gibt (plakativ ausgedrückt) und keine Ehrenämtler mehr, das ist dann sicher sehr lebenswert. (wtf)

    BTW: wenn der Loch-wieder-zu-Schaufler selbständig ist, überlebt er nicht lange. Wenn der Loch-wieder-zu-Schaufler “nur macht was ihm gesagt wird” würde seine Firma nicht lange überleben. Da auch eine sinnlose Leistung nun noch teurer ist, würde Loch-wieder-zu-Schaufler bei Mindestlohn nun noch schneller damit aufhören.

  • “Glauben Sie wirklich, dass Tarifverhandlungen nicht von Angebot und Nachfrage geprägt sind?”
    Sie widersprechen sich. Wenn ein Tarifvertrag, bei dem in einer Gehaltklasse x tausend Menschen zusammengefasst werden, noch von Angebot und Nachfrage die Rede sein. Wo ist der Unterschied zum Mindestlohn? Da wird einer Gruppe ebenfalls ein Lohngruppierung vorgegeben.

    “Löhne so weit sinken, bis wieder Investitionsanreize entstehen”

    Tut mir leid, dass ich da nicht folgen kann. Sie als Unternehmer, wann investieren sie? Sicher nicht, wenn die Löhne niedrig sind, oder? Sie investieren, wenn sie die Hoffnung haben, dass sich diese Investition auszahlt. Diese zahlt sich aus, wenn sie hinterher mehr Gewinne machen, also mehr verkaufen. Wenn die Löhne bei gleichem Output sinken, steigen ihre Gewinne ohne das sie etwas dafür tun. Warum sollten sie investieren? In Deutschland hat das auch nicht funktioniert. Die Löhne stagnieren und die Investionsquote ist niedrig.

    “Qualifizierung liegt für mich zu allererst einmal in der Verantwortung des Arbeitnehmers.”
    Ich sehe beide Seiten in der Verantwortung. Schließlich gibt es Weiterbildungsprogramme bei vielen Firmen. Es ist eine Investition die die Qualität des Personals.

  • Robert Simon

    … und dann sollte man sich Gedanken machen, dass der Unternehmer, der das Loch im Auftrag des Kunden schaufeln lässt nur einen bestimmten Geldbetrag zur Verfügung hat und dass ein Arbeiter vielleicht aus Gründen des Alters, körperlicher Einschränkungen usw. vielleicht doppelt so lange braucht oder vielleicht länger…
    … und dann stellt sich die Frage, ob der Unternehmer so viel Gemeinwohl in sich trägt und diesen Arbeiter dennoch beschäftigt und dabei drauflegt oder sagt und macht: es handelt sich um eine Aufgabe des Gemeinwesens, diese Mitarbeiter mit Einschränkungen zu entlohnen und kündigt diesen Mitarbeiter, der die Arbeit auch gerne für weniger Stundenlohn gemacht hätte, nur dass er Arbeit hat…

    Viele der 50.000 Austräger vom Tip-Verlag (Kaufland) hätten auch gerne weiterhin für 5-6 € die Stunde die Werbung ausgetragen, weil es ein nettes Zubrot war oder einfach nur Beschäftigung… nun haben viele Rentner und Schüler diese Möglichkeit nicht mehr

  • Hallo Robert Simon,

    Sie sprechen im zweiten Teil Ihres Posts ja Personengruppen und Tätigkeiten an, für die mitunter auch Ausnahmeregeln gelten könnten. Aber Sie haben Recht, dass Personen wie Rentner und Schüler mit z.B. Zeitungen austragen eine Beschäftigung gefunden haben, die Spaß macht und dabei ein kleines Zubrot mitbringt. Ihr Beispiel ist jedoch nur eines von vielen. Gerade im Bereich der niedrigschwelligen Arbeiten sind Jobs weggefallen. Man spricht von bis zu 50.000 Mini-Jobs. (kun)

  • Robert Simon

    Die Aussnahmen gibt es in der Tat. Dennoch trifft es im Falle des Tip-Verlags alle!

    Es gibt auch Lohnkostenzuschüsse für Menschen mit sog. Vermittlungshemmnissen, um die im Blog beschriebenen Einschränkungen auszugleichen. Diese sind aber meist nur befristet, während die Einschränkung meist dauerhaft ist und die Zuschüsse stehen im “Ermessenspielraum” des Sachbearbeiters des Job-Centers oder Agentur für Arbeit.

    Ich bin erstaunt, wie von offizieller Seite Statistiken herangeführt werden, bei denen diese Personenkreise (Schüler, Rentner und Menschen, die kurz vor der Rente stehen) gar nicht mehr aufgeführt sind und somit auch die Statistik nicht belasten können. Aber damit lässt sich wunderbar begründen, dass der gesetzliche Mindestlohn nur Vorteile für alle gebracht hat und die es tatsächlich betroffen hat sind durch das statistische Raster gefallen.

  • Ich verstehe die Argumentation nicht. Warum darf ein Rentner denn den Mindestlohn nicht verdienen? Warum darf es ein Schüler nicht? Entweder die Leistung ist wertvoll genug, dass es sich lohnt das Geld in die Hand zu nehmen, oder eben nicht. Die Grenze ist der Mindestlohn. Natürlich gibt es Verlierer. Das hat niemand bestritten. Am Ende ist die Frage ob die Vorteile die Nachteile überwiegen. So lange es keine Statistiken für den Rentner, Studenten und Schülerbereich gibt, bleibt es bei zu belegenden Behauptungen. Wie kun so schön schreibt “bis zu 50000 Mini-Jobs”. Bis zu kann von 0-50000 sein. Er blendet auch aus, dass Mini-Jobs in reguläre Jobs umgewandelt werden.

  • Robert Simon

    Die Fragen “Warum darf ein REntner denn den Mindestlohn nicht verdienen…” ist das klassische Dampfwalzenargument.
    Leider ist die Welt etwas komplexer. Viele namhafte Unternehmen haben sich in einer schönen Regelmäßigkeit von den schwächeren Arbeitnehmern getrennt. Ein Bosch, Daimler oder ein Würth hat kein Problem mit dem gesetzlichen Mindestlohn. Es stellt sich nur die Frage, warum diese einfache Tätigkeiten, die prädestiniert für Schwächere wären, lieber z. B. nach Osteuropa auslagern. Mir fallen da schon ein paar Beispiele ein – Aufträge die jetzt nicht mehr in der Region ausgeführt werden…

    Viele der schwächeren von denen sich die Unternehmen in der Vergangenheit getrennt haben, sind Menschen, die aufgrund Ihrer Einschränkungen irgendwo zwischen WfbM und 1. Arbeitsmarkt sind. Durch die Einführung des gesetzlichen Mindestlohns wird deren Einstieg deutlich erschwert, weil diese schlicht nicht die Leistung bringen um auf dem ersten Arbeitsmarkt mit zu halten. Die flankierenden Maßnahmen, wie z. B. das vorübergehende Abweichen vom Mindestlohn oder befristete Lohnkostenzuschüsse greifen vorsichtig ausgedrückt nicht wirklich.

    Theoretisch mag das durchaus funktionieren, aus 2,3 oder 4 Minijobs eine “reguläre” Stelle zu schaffen – das hängt doch ab von der Art des Arbeitsaufkommens. Bei der Gelegenheit sollten wir uns fragen, warum eine Teilzeitbeschäftigung im geringfügigen Umfang nicht regulär sein soll.

    Darüber hinaus gibt es noch einen ganz wichtigen Aspekt: Einfach einer
    geregelten Arbeit nachgehen, das Gefühl noch was Wert zu sein bzw.
    gebraucht zu werden!

  • Es gibt Ausnahmen für 1.5 Millionen Menschen.
    Gleichzeitig ist eine Zunahme der Arbeitslosigkeit ausgeblieben. Es kamen Stellen hinzu. Ich sehe immer noch nicht das Problem. Es gibt immer Verlierer, egal was sie tun. Wenn sie es deutlich feingliedriger machen, dann steigt auch der Aufwand der Kontrolle. Somit ist es auch nicht praktikabel.

    “Mir fallen da schon ein paar Beispiele ein – Aufträge die jetzt nicht mehr in der Region ausgeführt werden…”
    Genau das ist das Problem. Weil man ein paar Beispiele kennt muss es noch lange kein systematisches Problem sein. Genausogut gibt es viele Positivbeispiele. Oft genug sind die schlecht bezahlten Arbeiten eben nicht auslagerbar. Bspw. macht es für einen Gastronom aus Berlin wenig Sinn sein Restaurant nach Polen zu verlagern.

    Sogar das Handelsblatt schreibt
    “Löhne spiegeln damit allzu oft nicht Angebot und Nachfrage wider,
    sondern die Machtdifferenz zwischen Arbeitnehmern und Arbeitgebern. Darum haben auch die Briten ihren Mindestlohn deutlich erhöht.“

    Es bezieht sich damit auf die USA. In Deutschland sieht es ähnlich aus.
    Wenn wir keinen Mindestlohn haben, dann müssen wir zwangsläufig Arbeit staatlich direkt oder indirekt subventionieren. Irgendwie müssen die Menschen ihre Miete zahlen und etwas essen. Aber warum sollten wir die Unternehmen, welche schlechte Löhne zahlen fördern? Wir sollten jene fördern die gute Löhne zahlen.

  • Robert Simon

    Warum kamen Stellen dazu? Lag es am Mindestlohn oder doch eher am Wirtschaftswachstum oder am demografischen Wandel? Vielleicht wurde der Wegfall in bestimmten Statistiken nicht erfasst?

    In einer wachsenden Wirtschaft bzw. geringer werdenden Zahl an Arbeitskräften muss nicht jeder für 7 € arbeiten, über einen Stellenwechsel haben diese die Chance, ihr Einkommen zu erhöhen.

    Das Hans Böckler Institut (nicht gerade arbeitgebernah) hat kurz vor Einführung des gesetzlichen Mindestlohns festgestellt, dass 10 % (!!!) der tarifvertraglich vereinbarten Lohngruppen unter 8,50 € lagen. Tarifverträge werden von Institutionen verhandelt, die eine erhebliche Branchen- bzw. Arbeitsmarktnähe haben. Für diese Lohnhöhen gab es sicher Gründe…

    Ich nehme nicht für mich in Anspruch, den ganzen Markt zu kennen, Aber ich habe knapp 20 Jahre versucht, für Menschen, die auf dem Arbeitsmarkt niemand will, Beschäftigung zu generieren und bin immer wieder auf die selben Probleme gestoßen:

    Arbeiten, die für diese Menschen realisierbar sind, eignen sich auch gut zur Verlagerung und rufen zusätzlich auch Marktbegleiter auf den Plan. Für ein Unternehmen, dass sich ohne Subventionierung auf dem Markt bewegt, gibt es mit dem WfbMs oder damals die Arbeitsgelegenheiten hochsubventionierte Wettbewerber.

    Zur Kalkulation: wenn ein normal befähigter Mitarbeiter z. B. 10 Teile in der Stunde gut schaffen kann, war die Bandbreite der Leistung meiner Mitarbeiter von 2(!) bis vereinzelt 10 Teile. (die Schwachen, waren weder zu blöd noch zu faul, es waren motivierte Kräfte, die nur erhebliche Einschränkungen haben und deshalb nicht in der Lage waren, mehr zu schaffen) Natürlich ist es so, dass die stärkeren auch für die schwächeren mitarbeiten, so dass für diejenigen, die mehr als 6 Teile leisten noch über eine Quersubventionierung der gesetzliche Mindestlohn machbar ist. Von der leistungshemmenden Situation für die stärkeren möchte ich gar nicht sprechen…

    Nachdem jedes Unternehmen zumindest ein ausgeglichenes Ergebnis erzielen sollte, sind die Möglichkeiten begrenzt. Was passiert mit den Menschen, die nur 2,3 oder 4 Teile schaffen? Auch diese Menschen haben die Arbeit gerne getan und waren froh, gebraucht zu werden.

    Eine Preissteigerung war nicht im gewünschten Maße möglich und es blieb die Erkenntnis für mich: Diese Aufträge müssen nicht in Deutschland ausgeführt werden und werden aktuell auch nciht mehr….

    Das ist nur ein Erfahrungsbericht von jemanden, der durch die Einführung des gesetzlichen Mindestlohns vielen tollen Menschen den Job wegnehmen musste…

  • “Warum kamen Stellen dazu?”
    Das ist vollkommen uninteressant. Die Vorhersage der Wirtschaftswissenschaftler wie Hans Werner Sinn, war ein Wegfall von mehreren hunderttausend Stellen. Das ist nicht eingetreten. Offensichtlich ist der negative Einfluss nicht so groß wie sie behaupteten.

    “über einen Stellenwechsel haben diese die Chance, ihr Einkommen zu erhöhen.”
    So die Theorie. Die Praxis widerspricht ihnen da leider. In strukturschwachen Regionen werden sie kaum die Wahl haben.

    “Für diese Lohnhöhen gab es sicher Gründe…”
    So die Theorie. In der Praxis muss man dann erklären, warum es für die gleiche Arbeit im gleichen Unternehmen neben dem Tarifvertrag auch Werksverträge gibt. Diese sind bei gleicher Produktivität schlechter bezahlt. So einfach, wie sie schon geschrieben haben, ist es leider nicht.

    “das ist nur ein Erfahrungsbericht von jemanden, der durch die Einführung des gesetzlichen Mindestlohns vielen tollen Menschen den Job wegnehmen musste…”
    Sie sehen es aus der betriebswirtschaftlichen Perspektive. Das ist in Ordnung, wenn man ein Unternehmen hat. Auf einer volkswirtschaftlichen Ebene sieht es wieder anders aus. Da sind Löhne auch gleichzeitig Nachfrage. D.h. die gesteigerte Nachfrage nach Produkten und Dienstleistungen, sorgt für eine gesteigerte Nachfrage nach Arbeit.

    Ein letzter Gedanke. Bei der Einführung der Agenda 2010 wurde propagiert, dass die Lohnzurückhaltung zu stärkerem Wachstum und mehr Investitionen führen wird.
    Passiert ist folgendes. Die Gewinne sind gestiegen, die Exportüberschüsse sind gestiegen, die Löhne sind stagniert, die Investitionen ebenfalls. Die Exportüberschüsse muss der Staat jetzt garantieren, da das schöne Geld sonst weg ist. D.h. die Wirtschaftspolitik der letzten Jahre war für die breite Masse der Bevölkerung nicht sehr vorteilhaft. Sie nahm Lohnstagnation hin und darf jetzt noch mit staatlichen Bürgschaften (in Form von Steuern) indirekt für die Exportüberschüsse ihrer Arbeitgeber haften. Das ist alles sehr knapp gehalten. Der Punkt ist, dass die Lohnquote sinkt und der Mindestlohn gegensteuert.

  • Gerd Maas

    “D.h. die gesteigerte Nachfrage nach Produkten und Dienstleistungen, sorgt für eine gesteigerte Nachfrage nach Arbeit.” – Richtig, aber diese neue Nachfrage trifft andernorts auf Angebote – dort werden ggf. gar keine Niedrigqualifizierten beschäftigt oder die Produktion kommt sowieso bereits aus dem Ausland und schafft dort Arbeitsplätze – auch sinnvoll, aber wohl nicht in Ihrem Sinne.

  • Gerd Maas

    Danke, Robert Simon, dass Sie sich hier so ausführlich Zeit nehmen, die Diskussion mit so konkreten Beispielen zu untermauern.

  • Ich kann ihrem Argument nicht folgen. Ich streite gar nicht ab, das es Verlagerungseffekte gibt. Nur scheinen diese nicht besonders stark zu sein. In manchen Bereichen kann es diese gar nicht geben. Man kann ein Hotel aus Berlin eben nicht in irgendeine chinesische Provinz legen. Das funktioniert nicht. Viele dieser Dienstleistungen sind schlecht bezahlt und schwer verlagerbar.
    Ihr Argument mit dem Ausland teile ich auch nur bedingt. Deutschland ist sehr wettbewerbsfähig. Der Mindestlohn wird daran nichts ändern. Es wäre sogar an der Zeit Exportdefizite zu haben, sodass sich die bei uns verschuldeten Ländern entschulden können. Im Moment machen wir nämlich genau das was sie anprangern. Wir halten die Löhne niedrig und exportieren Arbeitslosigkeit, da wir billiger sind als die anderen.

  • Robert Simon

    Warum steht Deutschland aktuell so gut innerhalb der EU da? Warum hat Deutschland die letzten Krisen besser überstanden als andere EU-Staaten? Herr Schröder hat mit seiner Agenda 2010 deutlich mehr richtig gemacht als Fehler produziert. Die strukturellen Reformen haben die Basis für die Robustheit der dt. Ökonomie gelegt.

    Deutschland ist wettbewerbsfähig, aber bei Tätigkeiten, die nicht besonders schwierig, nicht ortsgebunden, aber arbeitsintensiv sind, wiegt der qualitative Vorteil nicht viel. Die Unternehmen stehen in einem globalen Wettbewerb, die Logistikkosten sind überschaubar und kalkulierbar.

    Klar ist es richtig, wenn die Leute mehr Geld in der Tasche haben, können diese mehr ausgeben. Aber das Geld kommt nicht nur aus dem Bankautomat, man muss auch was dafür tun, damit das Geld dort rauskommt!

    Nochmal ein konkretes Beispiel aus meiner Praxis: ein damals wichtiger Kunde, eine Druckerei in der Nachbarschaft, für die wir Endkonfektionierungsarbeiten vorgenommen haben, lässt nun diese Arbeiten im 320 km entfernten Karlsbad in CZ durchführen. Der dortige ges. Mindestlohn beträgt übrigens etwas mehr als 330 € im Monat, die Qualität ist in Ordnung. Aktuell gibt es einen Pendelverkehr von 3 x wöchentlich ein bis zwei große LKW. Die fertige Ware ist in 2 Tagen wieder da, deutlich schneller waren wir damals auch nicht. Sprachprobleme gibt es auch nicht, weil sich der Dienstleister darauf eingestellt hat. Ich kenne die Preise, wenn ich nur die Lohn- und Lohnnebenkosten kalkulieren müsste, wäre ich auch nicht einmal in der Lage gewesen den ges. Mindestlohn zu bezahlen und die weiteren Kosten für die Administration und Infrastruktur blieben sowieso ungedeckt. Man sollte noch wissen, dass die meisten Hauptwettbewerber dieser Druckerei gar nicht mehr in D produzieren, sondern in Polen oder anderen osteuropäischen Staaten.

    Auch das Thema Exportdefizit/-überschuss ist deutlich komplexer, als eine platte Aussage dafür genügen müsste. Die ungleiche Verteilung innerhalb der EU (vor allem der Eurozone) liegt doch eher am Euro, weil der Wechselkurs als Korrektiv für ungleiche Produktivitäts- und Wirtschaftsentwicklung wegfällt und weil bestimmte Länder ihre Hausaufgaben nicht gemacht haben (Agenda 2010). Wenn Sie die Agrarüberschüsse anprangern, sollten Sie die teilweise verfehlte Subventionspolititik genauer ansehen. So ganz nebenbei würden auch die Transferzahlungen deutlich geringer ausfallen.

  • “bestimmte Länder ihre Hausaufgaben nicht gemacht haben”

    Richtig. Unter anderem hat Deutschland seine Hausaufgaben nicht gemacht. Die Löhne sind zu schwach gestiegen. Der Punkt ist, Wettbewerbsfähigkeit ist nichts objektives. Ich kann wettbewerbsfähiger sein als jemand anderer. Das äußert sich darin, dass ich mehr verkaufen. Beim Handel zwischen Staaten können nicht alle gleichzeitig wettbewerbsfähig sein und Exportüberschüsse erwirtschaften. Das ist logisch unmöglich.

    “Nochmal ein konkretes Beispiel aus meiner Praxis:”

    Nochmal. Ich streite diese Dinge nicht ab. Nur geht es hier um ein Land und nicht um eine Firma in einer Region. Mit ihren Argumenten wurde die Kohlesubvention begründet. Dort wurde den Unternehmen Geld gegeben. Jetzt werden die Löhne künstlich niedrig gehalten. Gleichzeitig steigen die Exportüberschüsse und de Gewinne der Unternehmen.

    Das heißt natürlich nicht, dass alle Unternehmen Gewinne machen und zu viel exportieren. In der Summe aber schon.

    “Agrarüberschüsse anprangern”
    Hab ich nicht.

    Ein Punkt noch zu den Löhnen. Nehmen wir an die Senkung der Löhne schafft Arbeit. Wie erklären sie Griechenland, Portugal und Spanien. Eine massive Senkung der Löhne bei gleichzeitiger Massenarbeitslosigkeit.

  • Robert Simon

    Es geht nicht nur um ein Land, sondern um viele Menschen, die ggf. auf der Strecke bleiben.

    Und wenn die anderen Länder ihre Hausaufgaben nicht machen, ist es ein schlechter Stil, diejenigen, die was getan haben, an den Pranger zu stellen.

    Wobei, ich gebe zu, dass das der einfachere Weg ist, ein Land dafür zu bestrafen, das in der Vergangenheit einen dornenreichen Weg gegangen ist, anstatt dem eigenen Volk eine ähnlichen Kurs zuzumuten. Vielleicht sollten wir Fußballmannschaften wie dem FC Bayern auch verbieten, mit 11 MAnn auf dem Platz zu stehen…

  • “Und wenn die anderen Länder ihre Hausaufgaben nicht machen, ist es ein
    schlechter Stil, diejenigen, die was getan haben, an den Pranger zu
    stellen.”
    Wenn ein Land “schummelt” schon. Deutschland hat konsequent das 2% Inflationsziel der EZB unterboten. Frankreich hat es erreicht und dennoch gegen Deutschland Wettbewerbsfähigkeit eingebüsst. Nehmen wir an alle hätten ihre Hausaufgaben gemacht. Was dann?Die Löhen wären global in Europa gesunken und niemand hätte etwas davon gehabt.

    “sondern um viele Menschen, die ggf. auf der Strecke bleiben.”
    Diese Menschen bleiben also nicht auf der Strecke, wenn sie schlecht bezahlt werden? Vor allem fehlt der Nachweis, dass der Mindestlohn schadet. Viele Länder haben ihn und es funktioniert.
    Ich finde ihre Aussagen übrigens sehr interessant. Ich hatte nicht gedacht, dass es Menschen gibt die tatsächlich an die Hausaufgabengeschichte glauben. Es ist ein Märchen mehr nicht. Sobald die anderen europäischen Staaten ihre Löhne tief genug gesenkt haben wird man uns erzählen, dass wir der kranke Mann Europas sind und es geht in die nächste Runde.

  • Robert Simon

    Das ist schon ein gewöhnungsbedürftige Argumentation, einem Land “Schummeln” vorzuwerfen wenn es Geldwert- bzw. Preisstabilität hat. So ganz nebenbei wirkt sich eine geringe Inflation auch positiv auf die Reallohnentwicklung aus und eine geringe Inflation spiegelt auch ein Vertrauen in das Land und dessen Politik wider. Aber auch hier ist ein Blick in die Statistik hilfreich, um zu erkennen in welchem Bereich des Warenkorbs die Ursachen liegen…

    “Diese Menschen bleiben also nicht auf der Strecke, wenn sie schlecht bezahlt werden?” Nun, was ist besser, eine gut bezahlte Arbeit nicht zu haben, bzw. keine Chance auf eine Arbeitsstelle zu haben und komplett von der Stütze zu leben, oder eine schlecht bezahlte Arbeit zu haben und den Rest aufzustocken? Die Menschen, die ich kenne und die in dieser Situation sind, würden sich nicht wenige für die zweite Variante entscheiden. Arbeit ist in unserer Gesellschaft nicht nur “Geld verdienen” sondern auch Anerkennung, das Gefühl zu haben, gebraucht zu werden… Nun kann man sicher argumentieren, dass dies so in einer Stadt sein mag, aber ich kann mir kaum vorstellen, dass dies nur bei mir so ist…

    Sie fordern einen Nachweis: sind 50.000 Austräger beim Tipp-Verlag nicht ausreichend? Einen deutlicheren Nachweis werden Sie wahrscheinlich erhalten, wenn die nächste Krise vor der Tür steht. Alternativ empfehle ich, sich mal einen Tag im Jobcenter aufzuhalten und mit diesen Menschen ins Gespräch zu kommen.

    Zur Hausaufgabengeschichte: es ist immer wieder mal sinnvoll, ideologische Brillen abzunehmen und sich mit der Realität zu beschäftigen. Die Welt wächst zusammen und steht nicht still! Selbst wenn man die Deutsche Nobelmarke Porsche betrachtet. Nach Expertenmeinung kommt nur noch 1/3 der Wertschöpfung im Cayenne aus Deutschland… Andere Nationen holen in riesigen Schritten auf. Es gibt viele Nationen, die z. B. Herausforderungen wie Industrie 4.0 besser meistern als wir und viele andere europäische Länder.

    Und noch ein Nachsatz von Frankreich: ein starrer und verkrusteter Arbeitsmarkt hindert die Jugendlichen massiv ins Erwerbsleben einzusteigen – und da sind wir wieder bei den Hausaufgaben, die in Deutschland mit nicht geringen Schmerzen z .B. durch die Agenda 2010 erledigt haben. Aber auch das ist in manchen Augen wohl auch nur ein Märchen

  • “eine geringe Inflation spiegelt auch ein Vertrauen in das Land und dessen Politik wider”
    Eine geringe Inflation spiegelt eigentlich eine geringe Preissteigerung wieder. Diese wird in der Regel durch eine gestiegene Nachfrage und / oder gestiegene Kosten getrieben. Ein wesentlicher Motor sind die Löhne. Sind die Lohnsteigerungen gering, dann stagniert die Binnennachfrage (siehe Deutschland) und die Inflation ist niedrig (der umgedrehte Fall ist im Vorkrisengriechenland zu sehen)

    “ideologische Brillen abzunehmen”
    Da bin ich bei ihnen. Wenn die EU eine Zielinflation pro Land von 2% hat, einige Länder überbieten diese andere unterbieten diese und andere treffen diese genau. Was passiert?
    Diejenigen die drunter bleiben exportieren mehr, da sie billiger werden. Alle anderen werden mittefristig mehr importieren müssen. Nun schauen wir auf die Realität. Deutschland hält sich nicht an das Ziel und exportiert mehr. Griechenland und Spanien halten sich auch nicht dran und Importieren mehr. Frankreich hält sich dran und hat trotzdem verloren. Sie verlangen jetzt folgendes. Jedes Land soll den deutschen Weg gehen. D.h. alle senken ihre Löhne. Nur was passiert dann? Deutschland wird, wenn es seine Löhne nicht mitsenkt, relativ zu den anderen teurer. Das ist notwendig, damit diese Länder mehr nach Deutschland exportieren können und ihre Defizit reduzieren. Nur so können sie Auslandsverschuldung ohne einen Schuldenschnitt abbauen.
    Wenn nun Deutschland relativ zu den anderen teurer werden muss, denn das ist es was sie verlangen, dann können auch die Löhne erhöht werden.

    “Nun, was ist besser, eine gut bezahlte Arbeit nicht zu haben, bzw. keine
    Chance auf eine Arbeitsstelle zu haben und komplett von der Stütze zu
    leben, oder eine schlecht bezahlte Arbeit zu haben und den Rest
    aufzustocken? ”
    Esist besser eine bezahlte Stelle zu haben von der man leben kann. Diese Option kommt bei ihnen nicht einmal vor. Warum sollte das nicht möglich sein. Im Zweifel könnte der öffentliche Sektor mehr Stellen generieren. Das ist politisch nicht gewollt. Geld dafür gibt es genug. Die Frage ist, ob man es sich holen möchte.

    “50.000 Austräger beim Tipp-Verlag nicht ausreichend”
    Die Leute haben 17 Euro die Woche verdient. Kaufland wieß im übrigen einen Zusammenhang mit dem Mindestlohn zurück. Das glaube ich im Übrigen sofort. Die Prospekte lohnen sich nicht. Da gibt es eine schöne App zum runterladen und die Kosten sind dramatisch reduziert. Eine Frage, woher wissen sie, dass die 50000 nicht unter die Ausnahmeregelung gefallen sind?

    “Aber auch das ist in manchen Augen wohl auch nur ein Märchen”
    Ist es wohl. Schauen sie sich die Daten an. Das Arbeitsvolumen ist seit 1990 gesunken. Gleichzeitig ist die Zahl der Erwerbstätigen gestiegen. Vollzeit hat sich in Teilzeit gewandelt. Das sind die Ergebnisse der Politik. Man hat nicht mehr Arbeit oder bessere. Sie ist einfach nur anders verteilt. Die Reallöhne sind stagniert, trotz Wachstum und angeblichem Fachkräftemangel. Erfolg sieht für mich anders aus. Gleichzeitig haben wir 200 Mrd. EUR Exportüberschuss. Vieles geht immer noch in die Eurozone. Die Güter sind wahrscheinlich weg. Wir schicken Güter ins Ausland und bekommen dafür Schuldscheine. Eine tolle Leistung. Wir haben die Erlaubnis etwas im Ausland zu kaufen, wollen aber nicht.
    Parallel dazu fehlen uns Inlandsinvestionen. Die Infrastruktur ist marode. Die Lösung, um die schwarze Null zu halten ist, Versicherungsunternehmen mit dem Bau zu beauftragen und eine Garantierendite zu zahlen. D.h. man nimmt nicht etwa zu 0% Kredit und baut etwas, nein man lässt es bauen und zahlt 5-7% Zinsen.

    Fazit
    Alles hängt mit allem zusammen. Wettbewerbsfähigkeit ist ein relativer Begriff. A kann schneller sein als B. Aber B kann nicht gleichzeitig schneller sein als A. Genau das fordern sie aber. Verkauft wird der Sozialabbau und die Lohnsenkungen, über Kampfbegriffe des verkrusteten Arbeitsmarkts, etc.

    Was das sein soll, weiß ich nicht.
    Darum jetzt ein Punkt. Sie sind gegen den Mindestlohn. Was müsste der Mindestlohn denn leisten, damit sie sagen es ist eine gute Idee?

    Um meine Annahme es ist eine gute Idee zu widerlegen, muss die Lohnquote sinken, die Löhne im Niedriglohnbereich ebenso und die Abeitslosenquote muss steigen. Das alles ist bisher ausgeblieben.

  • Günther Hönisch

    Das Beispiel mit den Zwei Schaufler ist gut beschreiben, aber taugt es was? Ich kenne ein anderes Beispiel : Zwei EDV Administratoren-der eine arbeitet normal 8h am Tag ) und bekommt 3000,-€ Gehalt und nennen ihn Nr.1. Der andere arbeitet 165 Stunden im Monat ( ist verantwortlich für 4 Netzwerke ) und bekommt 165,-€ wir nennen ihn Nr.2. Klingt wie ein Märchen-ist es aber nicht! Wie geht so was? Genau das Problem Mindestlohn ist dafür verantwortlich. Nr.1 ist genau wie Nr.2 Fachinformatiker. Aber Nr.1 ist 32 Jahre und Nr.2 ist 55 Jahre. Nr. 2 rennt sich die Füße wund, während Nr.1 längst einen Job hat. Für Nr.2 bleibt nur ein 1 Euro Job. Die Firma macht ihm ein Angebot, was er nicht ablehnen kann. Für 1 Euro die Stunde und das 165 mal im Monat. Die Firma weiß ganz genau, das es gesetzlich geregelt ist und Nr.2 bekommt nirgends anders einen Job. Außerdem hat Nr.2 in dieser Firma ein Praktikum gemacht mit eins- er Abschluss.. Lieber Herr Gerd Maas, wenn Ihr Beispiel der zwei Schaufler hingt, dann stinkt das Beispiel Fachinformatiker zum Himmel. Aber genau das passiert, wenn es keine Regeln gibt wie Mindestlohn. 1990 gab es keinen Mindestlohn, aber da wurde weit mehr als der Mindestlohn gezahlt, weil alles noch nach Regeln ging. Dann kam Agenda 2010 und eben dieser 1 Euro Job. Das machte alle Regeln kaputt. Deshalb müssen wieder Regeln als Gesetze gemacht werden. Wer etwas anderes behauptet, der macht die Schere zwischen arm und reich immer größer.

  • Die Geschichte zeigt noch mehr. Nr. 2 ist eine Fachkraft an der es angeblich mangelt. Sie soll deshalb bis 67 oder länger arbeiten. Allerdings bekommt sie hierfür fast nichts. Es gibt sehr viele dieser Beispiele. Mit Lohnsenkungen wurde es probiert und die Probleme wurden nicht gelöst. Bleibt die andere Richtung.

  • Ralph Krachen

    Das empfinde ich prinzipell auch so. Tarifautonomie ist sicher besser als staatliche Vorgaben. Nur was ist, wenn es wesentlich mehr Nachfrage nach Arbeit gibt als Arbeitsangebote ? Menschen sind keine Ware, keine Säcke Kartoffeln, deren Preis keine Untergrenze kennt. Ruft man dann doch nach dem Staat, der dann diese Menschen bezuschussen soll oder unterliegt es der unternehmerischen Verantwortung auskömmliche Löhne zu bezahlen.

  • Gerd Maas

    Die Schauflergeschichte ist kein Beispiel, sondern ein Bild. Ihr EDV-Administrator-Beispiel hingegen ist entweder frei erfunden – denn lt. SGB II §16d sind Ein-Euro-Jobs für Eingliederungsmaßnahmen nur dann zulässig, “wenn die darin verrichteten Arbeiten zusätzlich sind, im öffentlichen Interesse liegen und wettbewerbsneutral sind” – oder der entsprechende Unternehmer handelt gesetzeswidrig. Letzteres wäre bedauerlich, aber in einer halbwegs freien Gesellschaft leider wohl unvermeidlich – das zuständige Arbeitsgericht befasst sich aber ganz sicher ggf. umgehend mit dem Fall. Abgesehen davon, müsste man da schon mal genauer bohren, warum ein EDV-Spezialist heutzutage keine Arbeit bekommt – denn wenn da nicht noch weitere Gründe dahinterstecken, kommt mir das tatsächlich sehr märchenhaft vor.

  • Gerd Maas

    Richtig, Arbeitskraft ist eine ganz eigene Leistung, die in der Wirtschaftsordnung eines besonderen Schutzes bedarf. Deswegen auch Regelungen zur Sittenwidrigkeit, zur Arbeitszeit, die Tarifautonomie etc. Wenn aber jemand dann trotzdem sein Auskommen nicht aus eigener Kraft bestreiten kann, dann ist das doch eine Frage der gesamtgesellschaftlichen Solidarität und nicht ausgerechnet eines Unternehmens, dass aufgrund seiner Produktionsstruktur niedrigqualifizierte Arbeitsangebote hat. Warum sollten an diesen gesellschaftlichen Kosten nicht auch Unternehmen beteiligt werden, die nur hochqualifizierte Arbeitsplätze haben, oder auch Personen, die ihre Einkommen nur aus Finanzmarktgeschäften erlangem. Meines Erachtens muss Solidarität – unabhängig von der Höhe – aus Steuern finanziert werden.

  • Günther Hönisch

    Sehr geehrter Herr Maas,
    sie können mir die Geschichte glauben. Diese ist mir passiert. Ich habe 2006 meine Fachinformatiker Abschlussarbeit mit 100 % bestanden. Zu diesem Zeitpunkt war ich 55 jahre. Ich habe anfangs auch geglaubt, dass mein sehr guter Abschluss zu einem Job führte. Ich wurde abgelehnt, Mitschüler, die mit schlechteren Abschluss sich bewarben, wurden genommen. Sie waren allerding 30 Jahre jung. Mir wurde tatsächlich von einer Firma diese Angebot gemacht, für 1 Euro zu arbeiten. In dieser Firma habe ich auch mein Praktikum gemacht ( 100% ) Ich habe diese Angebot angenommen, in der Hoffnung irgenwann übernommen zu werden. Aber man hat mich nur benutzt und dann einen Absolventen von der Hochschule genommen. Ich glaube heute hätte ich bessere Möglichkeiten.
    Mit freundlichen Grüssen
    Günther Hönisch

    Am 27.04.2016 um 18:41 schrieb Disqus:

  • Axel Sänger

    Allererst müssen wir das Menschenbild korrigieren und untersuchen, was Arbeit ist, und was Sinn ist. Die Sinnfrage muss radikal aufgeworfen werden, es kann nicht sein, dass “Arbeitgeber” eine “Arbeitskraft” konsumieren, die das Ziel der eigenen Arbeit nicht selbst definieren darf. Darin besteht der grundlegende Irrtum in der gesamten Diskussion der Lebensarbeitszeit, nämlich, dass es angeblich “Arbeitnehmer” geben soll, die nicht das Subjekt des Arbeitsmarktes sind. Wenn solche Menschen dann aus der Erwerbstätigkeit ausscheiden, dann beantworten sie die Frage nach einer längeren Lebensarbeitszeit gerne mit dem Verharren in den Altersrenten und Grundsicherungen, weil sie im gesamten Berufsleben nur erfahren haben, dass die “Arbeitgeber” nach ihrer “Arbeitskraft” trachten, wie der Metzger nach dem Fleisch des Schlachtviehs. Zur Abwechslung sollte ab einem gewissen Lebensalter der Arbeitsvertrag für die Menschen untersagt werden. Anstelle des Arbeitsvertrages sollte über einer gewissen Altersgrenze nur noch der Dienstvertrag resp. der Werkvertrag infrage kommen. Allerdings muss es dann auch die Pflicht der Mitgliedschaft in eigenen Verbänden geben, die ihre Mitglieder darin unterstützen, dass ihre Vergütungen am Gegenstandswert der Arbeiten orientiert werden, die sie ausführen. Und man muss ihre Forderungen gerichtlich durchsetzbar machen, gegen wen auch immer. Solange dies so nicht gedacht und getan wird, bleibt alles Denken und Tun eine Farce, weil die Menschen nicht Subjekte ihres pesönlichen Leistungsvermögens sind, also kein eigenes Ziel definieren und damit den Sinn ihrer Lebensarbeit nicht gegenüber Anderen wirksam abgrenzen und anerkannt finden können.

  • Man kann das sicherlich so sehen Herr Maas. Warum ist die INSM gegen Subventionen kritisch eingestellt. Dort ist das Argument, dass man künstlich Industrien am Leben hält, welche sich eigentlich nicht mehr rentabel sind.
    Wo ist der Unterschied zu einer Lohnsubventionierung? Hier sind Unternehmen, die eine Produktionsstruktur haben die niedrigqualifizierte Arbeitsangebote hat. Das sagt aber erst einmal gar nichts über die Bezahlung aus. Wenn es so wäre, würde man die bestverdienenden Personen an den Universitäten finden. D.h. es gibt kein Problem. Alle diese Unternehmen müssen ihre Löhne erhöhen. Damit werden alle Leistungen ein wenig teurer. Da alle die Löhne erhöhen, kann niemand ausweichen. Jede Firma die ihr Gebäude geputzt haben will, muss eben ein wenig mehr dafür bezahlen. Genau das ist der Vorteil des Mindestlohns. Man ersetzt das Lohndumping durch einen Wettbewerb an Qualität. So wie es sein sollte.

  • Leider müssen Gesetze auch kontrolliert werden. Steuerhinterziehung ist schließlich auch verboten. Genau deshalb funktionieren in meinen Augen die Sittenwidrigkeitsgesetze nur bedingt.

  • Ter Webs

    Ich habe Ihren Artikel jetzt erst gelesen und bin erstaunt, wie Sie das Thema betrachten. Es könnte ja sein, dass der ältere Arbeiter es viel schneller und besser macht und der Arbeitgeber soviel Geld hat, dass er irgendwo sein Geld bunkert indem er Immobilien erwirbt, was zu 80 % der Fall sein dürfte. Ich persönlich kenne da einige Pappenheimer, die es genauso machen. Wissen Sie was im heutigen Miteinander abhanden gekommen ist? Das Prinzip” Leben und Leben lassen”. Das Sprichwort: wenn es dem Unternehmer gut geht, geht es auch dem Arbeiter gut ist schon lange nicht mehr aktuell. Ich hatte ja in meinem eingangs geschriebenen Artikel über Nr 1 und Nr 2 dargelegt, dass Nr 2 vier Netzwerke betreute und 168,-€ dafür bekam. Die Auftraggeber Firma hat aber alleine für die Stadtwerke die ich betreute 2800,-€ im Monat bekommen. Mit dem Rest haben die sich das Haus gekauft!!! Mit dem Hauskauf das ist nur hypothetisch aber vom Prinzip richtig und drückt das Elend aus.