Nicht alle Reformen kosten Geld, und nicht alles, was Geld kostet, ist deshalb schon eine Reform. Helmut Schmidt, 1918-2015, dt. Politiker

2 Europa

Die EZB sägt an dem Ast, auf dem Juncker sitzt

Die lockere Geldpolitik der EZB senkt die Produktivität und Innovationskraft europäischer Unternehmen. Wieso das zu wachsender Europaskepsis und mangelndem Vertrauen in etablierte Parteien führt, erklären Sebastian Müller und Prof. Dr. Gunther Schnabl.

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EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker will die Europäische Währungsunion erweitern, um die Spaltung Europas zu überwinden. Und er hat noch mehr auf dem Wunschzettel: einen gemeinsamen Finanzminister, eine Sozialunion sowie Transfers für alte und neue Euroländer. Wer das alles bezahlen soll, bleibt unklar. Die EU-Finanzminister haben bereits abgewinkt. Juncker geht wohl davon aus, dass die Europäische Zentralbank (EZB) einspringt. Die kauft bereits jetzt in großem Umfang Staatsanleihen und könnte in Zukunft die Schuldpapiere der EU erwerben.

Doch mit der sehr lockeren Geldpolitik spaltet die EZB statt zu einigen, weil sie das wirtschaftliche Fundament Europas unterhöhlt. Das Wachstum auf dem Kontinent wurde lange Zeit von der Wirtschaftsordnung deutscher Prägung getragen: Freie Märkte und Preise sowie eine stabile Währung begünstigten Investitionen und Wachstum in Deutschland und seinen Nachbarländern. Diese Ordnung wurde in Form der vier Freiheiten – freier Güter-, Dienstleistungs-, Personen- und Kapitalverkehr – auf die europäische Gemeinschaft übertragen. Die so erzielten Produktivitätsgewinne finanzierten lange Zeit steigende Löhne, den Ausbau der Sozialsysteme und auch eine wuchernde Brüsseler Bürokratie.

Doch nun lähmt die EZB über den Umweg der Finanzmärkte die Produktivitätsgewinne. Weil sie das Geld immer billiger macht, haben sich die Unternehmen an Gewinne aus sinkenden Finanzierungskosten gewöhnt. Die Innovationsbereitschaft und das Effizienzstreben haben hingegen nachgelassen, so dass das Wachstum gegen null tendiert. Im Ergebnis gibt es immer weniger zu verteilen. Zusätzliche Ausgaben werden zum Nullsummenspiel: was der eine erhält, muss ein anderer verlieren!

Das zeigt sich bereits länger in den Verteilungseffekten der lockeren Geldpolitiken, wie sie weltweit seit Beginn der 1990er Jahre verfolgt werden. Weil das billige Geld die Aktien- und Immobilienpreise nach oben treibt, profitieren vor allem die wohlhabenden und älteren Menschen, bei denen sich die Vermögen konzentrieren. Hingegen werden für junge Menschen nicht nur das Lohnniveau und die Rentenansprüche abgesenkt, sie müssen auch höhere Immobilienpreise und Mieten bezahlen. In jedem einzelnen EU-Land wächst die Anzahl der Frustrierten.

Die Abbildung zeigt den durchschnittlichen Geldmarktzins für die EU28 seit 1990. Ab 2012 – seitdem der Leitzins bei null liegt – sind die immensen Wertpapierkäufe der EZB in Zinssenkungen umgerechnet, so dass der Zinsindex ins Negative fällt. Zusammen mit den Zinsen sind die Produktivitätsgewinne abgesunken. Ebenso ist die Unterstützungsrate für die etablierten Parteien gefallen, weil sich immer mehr Wähler extremen linken und rechten Parteien zugewandt haben. Die etablierten Parteien erhöhen zwar die Staatsausgaben, um dem Missmut der Wähler entgegenzutreten. Doch deshalb muss die EZB noch mehr Staatsanleihen kaufen, was die negativen Wachstums- und Verteilungseffekte nochmals verstärkt.

Die EZB sägt damit an dem Ast, auf dem Juncker sitzt. Denn aus unseren Daten ist auch erkennbar, dass seit 1990 im Durchschnitt in der EU28 die – meist europakritischen – Parteien am rechten Rand stärker gewachsen sind als die Parteien am linken Rand. Das könnte daran liegen, dass der sinkende Wohlstand wachsender Bevölkerungsschichten in der Öffentlichkeit den freien Märkten, der Globalisierung und der Mobilität der Arbeiter innerhalb der EU angelastet wird. Die Politik ist dann dazu verführt, mit mehr Regulierung, Handelsschranken und Barrieren für die Zuwanderung von Arbeitskräften einzugreifen. Doch das lähmt die Produktivitätsgewinne und das Wachstum noch mehr.

Der Teufelskreis aus billigem Geld, schwindenden Produktivitätsgewinnen und steigender politischer Polarisierung unterminiert die wirtschaftliche Ordnung Europas. Deshalb sollten zusammen mit der sehr lockeren Geldpolitik Junckers kostspielige Vertiefungspläne schnell ad acta gelegt werden. Nur die Rückkehr zu den Prinzipien der freien Märkte und einer stabilen Währung, die Europas Integrationsprozess erst ermöglicht haben, kann langfristig den Zusammenhalt in Europa sichern.

Literatur:
Schnabl, Gunther (2017): The Failure of ECB Monetary Policy from a Mises/Hayek Perspective. CESifo Working Paper 6388.

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  • Autor

    Prof. Dr. Gunther Schnabl und Sebastian Müller

    Prof. Schnabl ist Leiter des Instituts für Wirtschaftspolitik an der Universität Leipzig. Sebastian Müller ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Wirtschaftspolitik.

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  • Bild 9 zeigt sehr schön, dass die Summe der Verschuldung gleich der Überschüsse ist. Die Forderung nach mehr deutschen Importen, durch höhere deutsche Löhne, wird von vielen Ökonomen als unsinnig abgetan.

    Daher ist die Aussage “Die so erzielten Produktivitätsgewinne finanzierten lange Zeit steigende Löhne” zwar nett, aber es wäre noch netter, wenn man die Behauptung durch Zahlen belegen würde. Die Produktivität schlug sich eben nicht in den Löhnen wieder. Daher das Handelsungleichgewicht, daher die Krise, daher die EZB Intervention. Eine für mich deutlich schlüssigere Analyse, anstatt die EZB an den Anfang zu stellen.

    Auch ist die Behauptung, dass niedrige Zinsen die Verteilung von Vermögen negativ beeinflusst mehr als fragwürdig. Wer reich ist, wechselt dann eben von Immobillien zu anderen Geldanlageformen. Die Schuld der EZB verschleiert schlicht das politische Versagen und die schlechte ökonomische Beratung der letzten Jahrzehnte. Niemand hindert den deutschen Staat in seien Infrastruktur zu investieren und Vermögen aufzubauen. Jetzt sind die Zinsen bei Null Prozent. Da unsere Politiker und Ökonomen nur über Staatsschulden, nie über Staatsvermögen reden, kann es nie zu einem vernünftigen Diskurs kommen. Wenn ich mir ein Haus kaufe und nur auf die Schulden schaue, dann stehe ich schlecht da. Wenn ich das Haus gegenrechne, stehe ich gut da.
    Die Verschuldung der Unternehmen hat deutlich mehr zugenommen. Keinen interessiert es. Soll heißen, wenn der Staat investiert, sein Personal wieder auf ein vernünftiges Maß aufstockt, dann lösen sich viele Probleme von selbst. Es ist gesamtwirtschaftlich wesentlich besser, viele Menschen im Staatsdienst zu haben, anstatt sie arbeislos zu halten. Diese Menschen konsumieren etwas und schaffen Mehrwerte, wenn sie richtig eingesetzt werden.

    Solche Ideen hört man aber nicht. Weder Ökonomen bringen solche absurden Möglichkeiten ins Gespräch, noch Politiker. Genau das ist es, was die AfD stark macht. Sie gibt den Menschen die Scheinhoffnung, die Ökonomen in Form der Politik ihnen nehmen.

    Wichtig ist nämlich in der Ökonomie dieser Tage. Niemals sind die Modelle falsch und immer sind die anderen Schuld, sei es die Politik oder EZB, wenn die Vorhersagen nicht passen.

  • Kammerjäger

    Das ist aber eine abenteuerliche Umkehr von Kausalketten, die sie uns da vorlegen Herr Schnabel.

    Niedrige Zinsen lähmen Produktionsgewinne? Den kausalen Zusammenhang würde ich gerne einmal erläutert haben. Ich würde eher vermuten, dass niedrige Produktivitätsgewinne durch Investitionen dazu führen, das entsprechende Investitionen nur noch bei entsprechend niedrigen Zinsen durchgeführt werden und nicht umgekehrt.

    “Zusätzliche Ausgaben werden zum Nullsummenspiel: was der eine erhält, muss ein anderer verlieren!”. Interessant das das hier als Problem vermerkt wird. Wenn ich in eine Geschäft gehe, dann bekommt der Besitzer nur so viel Geld, wie ich ihm gebe. Klassisches Nullsummenspiel. Hat das schon einmal anders funktioniert? Ist das nicht der fundamentale Unterschied zwischen der Chrematistik (BWL) und der esoterischen Wirtschaftslehre (VWL), das in der VWL der Input des einen exakt der Output der anderen ist und umgekehrt?

    Und vielleicht noch einmal für den HiWi, der die Grafik ausgwählt hat: Korrelation begründet keine Kausale Abhängigkeit. Zum Beispiel ist die Scheidungsrate in Maine mit dem Magarineverbrauch pro Kopf in den USA hochkorreliert (0,998). Was sagt uns das? (http://www.tylervigen.com/spurious-correlations)