Unternehmer wird man nicht in fünfzig oder fünfhundert Wochen. Um Unternehmer zu werden, braucht es eine Nacht, neun Monate und vierzig bis fünfzig Jahre Erfahrung. Helmut Schmidt, 1918-2015, dt. Politiker

9 ArbeitsmarktOrdnungspolitik

Arbeit statt Mindestlohn

Mindestlohn – seit Jahren ist das Thema ein Zankapfel. Ordnungspolitisch ist die Sache eindeutig. Die Tarifautonomie lässt keine Mindestlöhne zu. Es wäre aber töricht, an konservativen und liberalen Konzepten nur wegen der Ideologie festzuhalten. Aber es gibt keine neuen Erkenntnisse – seien sie theoretisch noch empirisch – die einen Grund für einen Richtungswechsel liefern. Daran ändern auch die Erfahrungen mit Mindestlöhnen für einzelne Branchen nichts. Beschäftigungserfolge sind nicht wegen, sondern trotz Mindestlöhnen möglich geworden.

(mehr …)

Der Mindestlohn ist kein geeignetes Mittel zur Armutsbekämpfung. Im Gegenteil: Er ist eine Bedrohung. Noch nie waren im geeinten Deutschland so viele Menschen beschäftigt, noch nie waren so wenig arbeitslos. Viele Langzeitarbeitslose sind jedoch zugleich schlecht qualifiziert. Niedriglöhne sind für Langzeitarbeit eine Chance für den Einstieg in Arbeit. Ein flächendeckender gesetzlicher Mindestlohn bedroht den Beschäftigungserfolg für den uns Europa beneidet. Auch ohne Mindestlohn ist das Armutsrisiko in Deutschland geringer als im EU-Durchschnitt. Es ist fast so niedrig wie in den Vorzeigeländern Niederlande, Schweden und Dänemark. Mit ALG II besteht offenbar ein wirkungsvolles Instrument gegen Armut. Zugleich wird damit ein der familiären Situation angepasster Mindestlohn definiert.

Klüger ist es, die Löhne von bestimmten Arbeitnehmern durch staatliche Zuschüsse zu ergänzen (Kombilohn). Diese müssen aber so gestaltet sein, dass das Gesamteinkommen steigt, wenn der Lohn zunimmt. Dazu gehört es auch, die Abgabenbelastung im Niedriglohnsektor zu senken. Noch immer klafft eine Lücke zwischen Brutto-Arbeitskosten und Nettolöhnen. Die muss geschlossen werden. Das schafft Arbeitsplätze und verringert weiter das Armutsrisiko.


Dieser Beitrag ist eine überarbeitete und gekürzte Fassung  des Namensbeitrags „Mindestsicherung, nicht Mindestlohn”, erschienen am 31.10.2011 im Stern.
 
Weitere Informationen zu Mindestlohn und Beschäftigung:  „Vollbeschäftigung ist möglich“, ein HWWi-Gutachten im Auftrag der INSM.

  • Autor

    Prof. Dr. Thomas Straubhaar

    früherer Direktor des Hamburgischen WeltWirtschaftsInstituts (HWWI) und Universitätsprofessor für Volkswirtschaftslehre, insbesondere internationale Wirtschaftsbeziehungen, an der Universität Hamburg.

    Alle Beiträge

  • Peter Müller

    Und es ist nicht empirisch belegt, dass ein Mindestlohn Arbeitsplätze kostet. Die Menschen sollten von ihrer Tätigkeit leben können, unabhängig von der Qualität der Arbeit!

  • Tim

    @ Peter Müller

    Fragen Sie mal Immigranten, gering Qualifizierte und Jugendliche in Frankreich, wie die die regelmäßigen Mindestlohn-Erhöhungen erlebt haben. Man kann sehr gut zeigen, wie das immer zu höheren Arbeitslosenquoten in diesen Schichten geführt hat.

    In der Beweis-Bringschuld ist aber ohnehin die andere Seite: Wer einen Mindestlohn fordert, muß nachweisen, wo die Einführung eines Mindestlohn denn ein soziales Problem tatsächlich gelöst hat. Wenn sie eine solche Studie kennen, bitte mal anführen.

    Ich kann es Ihnen allerdings schon jetzt sagen: Das ist noch nirgendwo je nachgewiesen worden. Der Mindestlohn hat noch nie einer sozialen Gruppe geholfen. Er ist ein rein symbolisches Deckmäntelchen der Politiker, denen die wahren Probleme der Schwächeren völlig egal sind. Und Leute wie Sie fallen leider immer wieder darauf rein.

  • Kammerjäger

    Kombilohn ist eine klasse Idee: Ich stelle mir einen Koch, eine Wäsche- und eine Reingungskraft an, zahle 0€ Gehalt, und schicke sie in der Mittagspause zur Arbeitsagentur, um ihren Lohnzuschuss abzuholen. Und wenn sie sich weigern, für mich zu arbeiten, dann rufe ich bei der Agentur an, damit die Leistungen gekürzt werden.

    Ich verstehe auch nicht, wie ein Volkswirt ernsthaft so argumentieren kann: Der Kombilohn wird ja durch Steuern (oder Sozialabgaben?) finanziert. Also nicht von demjenigen, der die Arbeitskraft in Anspruch nimmt. Es kommt also zu einer Fehlallokation von Resourcen.

    Und noch ein Punkt: Die Firmen konkurrieren bei Setzung solcher Incentives dadurch, wer am ruchlosesten den Staat oder die Mitarbeiter ausnimmt, in dem er möglichst geringe Eigenleistung bei der Lohnzahlung erbringt. Das Ergebnis kann man sich ausmalen.

    Es mag sinnlos sein mit Volkswirten über Fragen der Ethik, Gerechtigkeit oder der Bedeutung der Kohäsion für die Gesellschaft zu argumentieren. Aber die Argumente des Mindestlohns machen nicht einmal in dem neoklassischen Theorieansatz Sinn.

  • “für Langzeitarbeit eine Chance für den Einstieg in Arbeit.”
    Sicherlich Lagnzeitarbeitslose. Für diese Aussage gibt es so weit ich mich erinnere keinen empirischen Beleg.

    “Ein flächendeckender gesetzlicher Mindestlohn bedroht den Beschäftigungserfolg für den uns Europa beneidet.”
    Was ist das für ein Erfolg, wenn Vollzeitstellen in Teilzeitstellen umgewandelt werden. Die Lohnquote am BIP sinkt. Das heißt, dass mehr Menschen arbeiten aber weniger für sie ausgegeben wird.

    “Auch ohne Mindestlohn ist das Armutsrisiko in Deutschland geringer als im EU-Durchschnitt. ”
    Man nimmt die Statistik die einem passt. Die dauerhafte Armutsgefährdung ist
    tatsächlich gering. Bei der Entwicklung der aktuellen Armutsgefährdung sieht es deutlich schlechter aus (die Gefährdung nimmt zu). Die dauerhafte Gefährdung liegt vor, wenn man 2 von 3 Jahren unter 60% des Medianeinkommens bezieht. Hat man einmal einen Job über ein Jahr fällt man heraus. Anders ist die Diskrepanz zwischen beiden Zahlen nicht zu erklären.

    http://epp.eurostat.ec.europa.eu/portal/page/portal/product_details/dataset?p_product_code=TSDSC350

    http://epp.eurostat.ec.europa.eu/portal/page/portal/product_details/dataset?p_product_code=TSDSC210

    “Mit ALG II besteht offenbar ein wirkungsvolles Instrument gegen Armut.”
    Deshalb steigt die relative Armut in Deutschland stärker als im OECD Schnitt?

    http://www.oecd.org/document/54/0,3746,de_34968570_35008930_41530998_1_1_1_1,00.html

    “Der Mindestlohn ist kein geeignetes Mittel zur Armutsbekämpfung. Im Gegenteil: Er ist eine Bedrohung. ”
    Können sie das irgendwo belegen? 50% der Studien sagen ja, 50% sagen nein. Das heißt doch, dass man es schlicht und einfach nicht belegen kann, ob ihre Aussage stimmt.

    “Klüger ist es, die Löhne von bestimmten Arbeitnehmern durch staatliche Zuschüsse zu ergänzen (Kombilohn).”

    Zwei Artikel vor dem Ihrigen Herr Straubhaar wird gegen Subventionen gewettert. Was ist das denn anderes.

  • Surp

    Ich stimme Herrn Straubhaar zu.

    Ein Mindestlohn schafft nur neue Probleme und löst kein altes.

    Die einzigen die von Mindestlöhnen profitieren sind Singels ohne Kinder, die vollzeitbeschäftigt sind und unter dem Mindestlohn verdienen, dass sind aber nicht die Menschen die den Großteil der Armen in unserem Land ausmachen.

    Es hilft vorallem ein BGE und ein ganz andere Finanzierung des Sozialstaates (nicht direkt über den Faktor Arbeit), um vielen Problemen begegenen zu können.

  • Tim

    @ Surp

    Es gibt in Deutschland im Prinzip ein bedingungsloses Grundeinkommen, nämlich den verminderten Hartz-4-Regelsatz. Mit ihrem Vorschlag, den Sozialstaat nicht (überwiegend) über den Faktor Arbeit zu finanzieren, haben Sie natürlich recht.

  • Markus

    Wenn ich so etwas lese, dann werde ich manchmal sehr, sehr müde.

    Kernfrage: Wie hoch muss der Mindetslohn/ Stunde denn sein? Über welche Summe sprechen wir?

    Kleiner Tip: Wenn man unter ca 8,50 Euro/ Stunde verdient, dann reichen die Abgaben nicht aus, um später über dem Satz der staatlichen Mindestrente zu sein. Also wird faktisch jedem Arbeitnehmer, welcher heute unter diesem Betrag verdient, im Alter ein Zuschuss gewährt. Sie können gerne nachrechnen. Und da macht der Mindestlohn Sinn – denn dann werden die zu erwartenden Staatsbelastungen auf die Unternehmen umgewälzt. Und genau das ist die Aufgabe der Unternehmen, auch im Sinne der sozialen Marktwirtschaft.
    Bei einem Kombilohn ist der Effekt nämlich nicht gegeben – sondern der Staat bezahlt heute aus, was eigentlich erst morgen fällig wäre. Der Beschäftigungseffekt – Vollzeit zu Teilzeit wurde schon angesprochen, die Gefahr des Moral Hazard ebenfalls.
    Vielleicht legen Sie hier mal Ihr unbestätigtes Beschäftigungssaldo beiseite und denken mal an die Zukunft. Denn das hat nichts mit Ethik oder Moral zu tun.

  • Surp

    @ Tim

    Das ist leider nicht bedigungslos, sonst wäre ich arbeitslos.

    Wie gesagt (Erwerbs)arbeit kostet derzeit mehr Wohlstand als jeder Krieg.

    Aber wir werden so weitermachen, weil wir sonst alle Ideal verraten müssen, für die unsere Eltern standen.

    Das demografische Problem besteht nicht durch das Alter und deren Folgeerscheinigungen ansich, es entsteht durch die festgefahrene Denkstruktrur und den übertriebenen Erwartungen an uns (siehe Eichel, wobei er ein kleines Licht ist)

  • Markus

    Was die “Experten” fordern, ist faktisch eine Mindestsicherung – denn der Mindetslohn stellt das Instrument dar. Dass wir eine Mindestsicherung benötigen ist schon im Grundgesetz festgelegt – und dem Aspekt “sozial”.

    Die Varianten sind: Mindestlohn/ Kombilohn oder BGE.

    Es wäre aber auch schon allen geholfen, wenn die Besteuerung auf Arbeit gesenkt werden würde. Denn Arbeit relativ hoch zu besteuern, und auf anderer Seite das Nicht-Arbeiten finanziell zu stützen ist doch ein logischer Widerspruch.
    Der Mindestlohn ist hierbei jedoch nicht geeignet das Problem im gesamten zu lösen sondern kann bestenflass als Teil eines Konzepts neuen darstellen.