Die Klage über die Schärfe des Wettbewerbes ist in Wirklichkeit meist nur eine Klage über den Mangel an Einfällen. Walther Rathenau, 1867-1922, dt. Industrieller und Politiker

9 ArbeitsmarktSoziales

Niedriglohnsektor: Besser als sein Ruf

Der Niedriglohnsektor wird oftmals kritisiert. Was aber nicht gesehen wird: Er bietet auch Chancen. Besonders für Geringqualifizierte bietet er Möglichkeiten in die Erwerbstätigkeit einzutreten. Auch der Vorwurf, durch den Niedriglohnsektor würden Vollzeitjobs gefährdet, ist so nicht richtig.

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Niedriglöhne haben einen schlechten Ruf: Ihnen wird vorgeworfen sie würden andere Beschäftigungsverhältnisse gefährden und soziale Probleme der Arbeitnehmer verstärken. Allerdings ging in der Boom-Zeit des Niedriglohnsektors -zwischen 1997 und 2007- der Anteil der Erwerbslosen mindestens in dem Maße zurück, wie der Anteil der Geringverdiener stieg. Der Niedriglohnsektor ist somit nicht auf Kosten normal bezahlter Arbeitsplätze gewachsen – viel mehr blieb der Anteil der Beschäftigten mit höheren Löhnen konstant. Für Arbeitslose oder Geringqualifizierte bietet dieser Sektor die Chance auf Arbeit und soziale Teilhabe. Ein Großteil der im Niedriglohnsektor Beschäftigten findet sich in den Bereichen Einzelhandel und Gastronomie. Gerade dort ist die Chance für Geringqualifizierte einen Job zu finden, besonders gut.

Ebenso können Niedriglohnjobs helfen, den Sprung aus der Armut zu schaffen. Die Mehrheit der ehemals armutsgefährdeten Personen konnte ihre Situation mit der Aufnahme eines solchen Jobs verbessern. Auch andersherum gilt: Die meisten Menschen, die vor ihrem Eintritt in den Niedriglohnsektor nicht arm waren, werden das auch später mit dem Job nicht. Die Alternative zu einer geringbezahlten Stelleist oftmals nur die Arbeitslosigkeit – und dort droht ein viel höheres Armutsrisiko.


Die ausführliche Analyse: Niedriglohnsektor in Deutschland. Entwicklung, Struktur und individuelle Erwerbsverläufe finden Sie hier.

  • Autor

    Holger Schäfer

    ist Arbeitsmarktexperte beim Institut der deutschen Wirtschaft Köln (IW),

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  • Herr Schäfer ihre Aussage “Niedriglohnsektor ist somit nicht auf Kosten normal bezahlter Arbeitsplätze gewachsen” ist in meinen Augen falsch. Denn die Zahl der Vollzeitstellen ging im gleichen Zeitraum ordentlich zurück. Das heißt die nun fehlenden Arbeitsstunden wurden durch den Niedriglohnsektor aufgefangen.

    http://endlessgoodnews.blogspot.com/2011/04/die-widerlegung-von-mythen-ist-so.html

    “Niedriglohnsektor: Besser als sein Ruf”
    Diese Aussage kann ich auch nicht verstehen. Denn nichts wird über die Bezahlung, noch über die Arbeitsumstände beschrieben. Wo ist also der “Beleg” das dieser Bereich besser als sein Ruf ist?

  • Surp

    Mir ist das Gehalt oder der Lohn jedes Menschen total egal, solange er/sie über eine erhebliche Kaufkraft weit über seinen/ihren Grundbedürfnissen vefügt.

    Aber so ist unsere Welt nunmal nich (obwohl sie so sein könnte).

    Jetzt muss man den Fehler finden.

  • LiFe

    Wenn man bedenkt, dass überwiegend Frauen davon betroffen sind. Wer nicht auf Hartz IV abrutschen will macht Kompromisse.

    Auf weiter Sicht ist Altersarmut vorprogrammiert. Wo bitte ist dieses Modell tragbar?

  • Den Niedriglohnsektor versuchen schön zu reden, mit Untersuchungen schön zu rechnen wird wohl nur denen gefallen, die von der Quersubventionierung über Aufstockung profitieren: die zurückgebliebenen Unternehmen. Was der Staat hier veranstalten muss sind Folgen von Ausverkauf der Arbeit in Billiglohnländer. Nun ist die in Deutschland entwickelte Wertschöpfungskette in China u.ä. Welt Werkbänken installiert, Patente werden dort abgekupfert und uns hier fehlt die Spannbreite von Arbeitsmöglichkeiten. Insofern ist diese gigantische Menge an Niedriglohnarbeit, von der man ohne Aufstockung nicht leben kann, ein hausgemachtes Problem – wir haben die Arbeit an den billigst bietenden einfach verkauft. Die, die von der Subventionierung durch Aufstockung gut leben können, sind die, die Niedriglöhne selber zahlen. Wir haben Arbeit in den Kommunismus verkauft und schaffen zu Hause einen Sozialismus ala Kohl/Schröder/Merkel. Sicher keine neue soziale Marktwirtschaft. Von einem guten Kapitalismus der ehrbaren Kaufleute können unsere Arbeitnehmer nur träumen und müssen in neoliberalen Rahmenbedingungen leben, die ein Wachstum für alle verhindern. Eigentlich hat der Neoliberalismus eine beklaute Gesellschaft geschaffen. Wir müssen uns immer fragen, wer profitiert von einer Untersuchung, einer Verordnung, von einem nicht verabschiedeten Gesetz. Verrückte Geschichte, ich hätte nicht gedacht, dass ich nach mehr als 30 Jahren in Deutschland Sozialismus erleben werde, mit CDU, SPD und FDP an der Spitze. Subventionskapitalismus = Lobbyisten Sozialismus. Soweit haben uns solche Untersuchungen wie die oben referierte gebracht. Mit ökonomie eines Gemeinwesens hat es nicht smehr zu tun. Aber als Planung von einer neuen Abzocke der Bevölkerung wird es sich gut eignen…

  • Markus

    Die Diskussion geht über Geringqualifizierte und den Niedriglohnsektor. Beides hat leider nicht miteinander zu tun. Noch besser: Die Grafik beschäftigt sich mit geringfügig Beschäftigten, was wiederum rein gar nichts mit der Definition der “Geringqualifizierten” zu tun hat.

    Geringqualifiziert: Ohne Abschluss, niedriger Schulabschluss. Dies sagt rein gar nichts über das Einkommen aus, sondern tituliert nur den Bildungsstandard

    Niedriglohnsektor: Je nach Definition ein Stundenlohn von unter ca 9,00 Euro. dies sagt jedoch nichts über die Gesamtleistung pro Monat aus.

    Geringfügig beschäftigt: zB 400 Euro Jobber – das hat aber nichts mit dem Stundenlohn oder der Ausbildung zu tun, denn hier fallen auch zB Mütter mit hohem akademischen Abschluss, die Übergangsweise beschäftigt sind sowie Zweitjobs.

    Hier werden unterschiedliche Begriffe zusammengewürfelt und unterstellt, dass diese in jedem Fall positiv korrelieren.
    Die These lautet also nach den Argumenten des Autors: Kein/ niedriger Bildungsabschluss = niedriger Stundenlohn = geringfügig Beschäftigt.

    nun gut, dass man ohne Schulabschluss kein hohes Einkommen erzielen kann, das ist weitgehend verständlich. Dass es aber Massen an akademisch gebildeten Arbeitslosen gibt, wird hier einfach unter den Tisch gekehrt. Bedeutet, dass auch ein Studium keinen Arbeitsplatz mit hohem Einkommen garantiert.
    Weiterhin muss zwingend beachtet werden, dass es eine Vielzahl an 400 Euro Jobber gibt, die genau diese Tätigkeit als Zweitjob ausüben – das verfälscht die Statistik enorm!

    “Die Alternative zu einer geringbezahlten Stelleist oftmals nur die Arbeitslosigkeit – und dort droht ein viel höheres Armutsrisiko”
    –> das obliegt der Gegenrechung zwischen Transferleistungen und Entgelt der Tätigkeit (Lohnabstandsgebot nach Abzug aller entstehenden Kosten für den Arbeitnehmer). Die Aussage halte ich für sehr gewagt und ist auch nicht belegt, obgleich es logisch erscheinen mag. Würde ich so nicht unterschreiben!

  • Surp

    Ich denke, man sollte langsam akzeptieren, dass es im globalen Wettbewerb viele Arbeiten gibt, die das Überleben nicht sichern.

    Das ist auch eigentlich nicht schlimm, nur in unserer kranken Weltsicht, ist es das.

    Dabei gibt es so unglaublich viele Möglichkeiten.

    Manchmal denke ich, dafür müssen alle über 45 sterben, da sie noch so unglaublich behaftet in überholten Systemen sind.

  • LiFe

    @ Dr. M-E. Waelsch

    Wir werden von KAUFLEUTEN regiert!

  • Kammerjäger

    “Allerdings ging in der Boom-Zeit des Niedriglohnsektors -zwischen 1997 und 2007- der Anteil der Erwerbslosen mindestens in dem Maße zurück, wie der Anteil der Geringverdiener stieg. Der Niedriglohnsektor ist somit nicht auf Kosten normal bezahlter Arbeitsplätze gewachsen”

    Wenn man sich auch nur oberflächlich mit Statistik beschäftigt hat, weiß man, dass diese Aussage falsch ist.

    Korrelationen beweisen gar nichts: Wenn A und B gemeinsam Auftreten, dann kann A von B abhängen, oder B von A, oder A und B von einer dritten Größe C, oder es kann sich um reinen Zufall handeln.

    Vielleicht ist für die Besetzung der Position eines “Experten” beim Institut der deutschen Wirtschaft Köln in Zukunft ein Niedriglohn ausreichend, da der Job auch von Geringqualifizierten ausgeübt werden kann?

  • Markus

    @ Kammerjäger
    hinfaällig, da alle drei Faktoren nichts miteinander zu tun haben und falsch interprtiert worden sind. Die Datenbasis war schon falsch – was erwarten Sie dann vom Ergebnis…