Ja zur Machtkontrolle, zum Grundsatz gleicher Marktchancen, ja zum Wettbewerb. Helmut Kohl, 1930 - 2017, dt. Bundeskanzler

- Bildung

Nationaler Bildungsbericht: Zehn Punkte für eine bessere Bildung

Der heute veröffentlichte Nationale Bildungsbericht 2018 „Bildung in Deutschland“ macht deutlich, dass sich Bildungsinvestitionen sowohl für den Einzelnen als auch gesamtfiskalisch lohnen. Der Bericht beschreibt Fortschritte, betont aber auch gewaltige Herausforderungen und Versäumnisse bei Durchlässigkeit, Fokussierung auf Qualität und Versorgung an Lehrkräften. Diesen Befunden sollte sich die Politik dringend annehmen. Wie eine konkrete Reformagenda aussehen könnte, haben wir beim INSM-Bildungsmonitor 2017 gezeigt und den Finanzbedarf der öffentlichen Hand von zwölf Milliarden Euro pro Jahr beziffert.
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Der Nationale Bildungsbericht 2018 fordert einen Aus- und Umbau des Bildungssystems – zum Beispiel durch zusätzliche Plätze und mehr Qualität an Kitas und mehr Ganztagsschulen. Die Durchlässigkeit im Bildungssystem sollte deutlich erhöht werden, Chancen von der Herkunft stärker entkoppelt werden. Generell wichtig ist laut Bericht auch eine stärkere Verständigung über Qualitätsmaßstäbe im Bildungssystem und eine koordinierte Steuerung als Gemeinschaftsaufgabe. Wie ein Aus- und Umbau des Bildungssystems konkret erreicht werden könnte, um Durchlässigkeit zu erhöhen und Wachstumschancen zu stärken, zeigte der INSM-Bildungsmonitor im Vorjahr in einem Zehn-Punkte-Programm:

  1. Die Durchlässigkeit muss weiter erhöht werden: Trotz Verbesserungen ist in Deutschland der Bildungsstand weiterhin eng mit dem sozialen Umfeld verknüpft. Um diesen Zusammenhang abzubauen, kommt der frühkindlichen Bildung eine wichtige Rolle zu. Um aber weitere Fortschritte zu erzielen, ist es besonders wichtig, die Qualität der frühkindlichen Bildung zu stärken und Rahmenbedingungen für eine bessere Schulqualität zu setzen.
  2. Flüchtlingsintegration verbessern: Um vor allem Flüchtlinge zu qualifizieren, sind zusätzliche Maßnahmen in den Bereichen, Kita, Schule, Berufsvorbereitung und -ausbildung sowie Hochschule notwendig. Das bedeutet Mehrausgaben von 3,5 Milliarden Euro. Der Nutzen dieser Anstrengungen dürfte mittelfristig die Kosten aber überkompensieren.
  3. Kita-Qualität stärken und zusätzliche Plätze schaffen: Es müssen dringend weitere Plätze in der U3-Betreuung geschaffen werden. Dazu sollte die Qualität der Kitas verbessert werden, indem beispielsweise der Betreuungsschlüssel verkleinert wird. Für diese Maßnahmen wären zusätzlich jährlich fünf Milliarden Euro notwendig.
  4. Schulfrieden schaffen: Statt weitere Strukturdebatten über Schulform oder -zeit zu führen, sollte Schulfrieden geschaffen und darüber nachgedacht werden, wie die Schulqualität weiter verbessert werden kann.
  5. Qualität für Digitalisierung in Schulen sichern: Mit fünf Milliarden Euro will die Bundesregierung die digitale Infrastruktur an Schulen in den kommenden Jahren stärken. Entscheidend wird aber sein, dass digitale Medien im Unterricht als Lehrmittel richtig eingesetzt werden. Dazu müssen Konzepte noch erarbeitet und Lehrer entsprechend qualifiziert werden.
  6. Rahmenbedingungen für gute Schulen schaffen: Für mehr Qualität im Bildungssystem braucht es vergleichbare Bildungsstandards, Vergleichsarbeiten und im Gegenzug mehr Autonomie für die Schulen, um Impulse für einen Qualitätswettbewerb setzen zu können.
  7. Berufsorientierung stärken: Wichtig ist eine Stärkung der Berufsorientierung an allen Schulformen der Sekundarstufe, um auch über Einkommens- und Karriereperspektiven der beruflichen Bildungswege zu informieren.
  8. Kapazitäten für Zuwanderung über das Bildungssystem schaffen: Die Zuwanderung über das Bildungssystem stellt den Königsweg der Zuwanderung dar. Die Hälfte der Absolventen bleibt in Deutschland, sie sind zu einem hohen Anteil erwerbstätig und arbeiten häufig als Experten in Engpassberufen. Deshalb sollten zusätzliche Hochschulkapazitäten für 100.000 ausländische Studenten geschaffen werden. Die Kosten hierfür beliefen sich auf 800 Millionen Euro.
  9. Arbeitsplatzbezogene Grundbildung stärken: Lesen und Schreiben ist die Grundvoraussetzung für eine gesellschaftliche Teilhabe. Die von Bund und Ländern ausgerufene Dekade der Alphabetisierung bietet große Chancen, die Lese und Schreibfähigkeiten von Erwachsenen zu verbessern. Die Digitalisierung der Wirtschaft wird die Anforderungen an kommunikative Kompetenzen deutlich erhöhen. Eine Stärkung arbeitsplatzbezogener Grundbildung ist dringend nötig, um die Potenziale der Geringqualifizierten zu stärken und ihre Chancen am Arbeitsmarkt zu verbessern.
  10. Bildungsfinanzierung vom Kopf auf die Füße stellen: Aus bildungsökonomischer Sicht sollte der Anteil der öffentlichen Bildungsfinanzierung in den frühen Stufen des Bildungssystems höher sein als in marktnahen späteren Stufen.

Wichtig ist, durch eine Mischung aus Anreizen und zielgenauen Investitionen in Integration, frühkindliche Förderung, Ganztagsschulen und Hochschulkapazitäten die Qualität zu stärken.

Es geht bei der Bildungsoffensive nicht darum, Ausgaben für Bildung pauschal zu erhöhen. Mehr Geld führt nicht automatisch zu höherer Bildungsqualität. Wichtig ist, durch eine Mischung aus Anreizen und zielgenauen Investitionen in Integration, frühkindliche Förderung, Ganztagsschulen und Hochschulkapazitäten die Qualität zu stärken. Für diese Agenda wäre eine Ausweitung der Bildungsausgaben um jährlich zwölf Milliarden Euro notwendig. Hiermit würden sich die am BIP gemessenen Ausgaben für Bildung und Forschung der Zielmarke von zehn Prozent annähern.

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  • Autor

    Prof. Dr. Axel Plünnecke

    ist stellvertretender Leiter des Wissenschaftsbereichs Bildungspolitik und Arbeitsmarktpolitik und Leiter des Kompetenzfelds Humankapital und Innovationen beim Institut der deutschen Wirtschaft Köln (IW).

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