Die Marktwirtschaft ist die gutmütigste, verdauungskräftigste, vitalste Wirtschaftsordnung, die sich denken läßt. Sofern nur ein Minimum an Kernbedingungen erfüllt ist, ist es erstaunlich, wie lange sie mit Giften, Fremdkörpern, Zentnerlasten fertig wird - schlecht und recht. Wilhelm Röpke, 1899 - 1966, deutscher Ökonom, einer der geistigen Väter der Sozialen Marktwirtschaft

6 Soziales

Die Rente mit 63 ist absurd

Seit 1960 hat sich die durchschnittliche Rentenbezugsdauer verdoppelt.Obwohl die Lebenserwartung stetig steigt, können Menschen dank der Rente mit 63 abschlagsfrei früher in Rente. Das torpediert nicht nur die Nachhaltigkeit der Rentenkasse, sondern ist auch zutiefst unsozial.

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Die Bundesbürger leben immer länger und bekommen deshalb auch immer länger Rente. Dies verdeutlichen aktuelle Zahlen der deutschen Rentenversicherung. Seit 1960 hat sich die Rentenbezugsdauer in Deutschland etwa verdoppelt. Damit das Verhältnis von Rentenbezugszeit zu Beitragszeit heute jenem von früher entspräche, müssten wir eigentlich schon heute bis 69 arbeiten. Die Anhebung des Renteneintrittsalters auf 67 ist somit die logische Folge und trägt dazu bei, dass die Rentenbeiträge auch in Zukunft bezahlbar bleiben. Doch auf Dauer wird nicht einmal die Rente mit 67 reichen, um Rentenbeiträge und das Rentenniveau nachhaltig zu stabilisieren. Pro Generation, also alle 30 Jahre, steigt die Lebenserwartung um fünf Jahre. Entsprechend muss sich die Lebensarbeitszeit erhöhen. Perspektivisch muss die Politik sogar die Rente mit 70 ins Visier nehmen.

Es ist daher gerade zu absurd, dass die Große Koalition mit der Rente 63 das Reformrad wieder zurückdreht. Die Rente mit 63 ist zutiefst unsozial. Sie privilegiert die Privilegierten. Der typische Arbeitnehmer, der die Rente mit 63 beanspruchen kann, ist männlich, Facharbeiter und mit einer guten Betriebsrente ausgestattet. Diesen Rentnern gibt der Staat nun noch etwas oben drauf, was andere bezahlen müssen. Frauen hingegen kommen wegen der Kinder seltener auf die erforderlichen 45 Beitragsjahre, genauso wenig wie der vielzitierte Dachdecker, weil es beim konjunkturanfälligen Baugeschäft häufig Phasen von Arbeitslosigkeit gibt.

Die Zeche dafür zahlen einseitig die Jungen. Die Rente mit 63 kostet bis 2050 immerhin 61 Milliarden Euro. Die Mütterrente schlägt nochmal mit 115 Milliarden zu Buche. Gewinner des Rentenpakets sind die Jahrgänge, die vor 1964 geboren wurden. Die Jahrgänge ab 1965 werden dagegen belastet. Bis 2040 könnte der Rentenbeitrag nun sogar auf über 26 Prozent steigen. Da auch Betriebe und Unternehmen Rentenbeiträge zahlen, setzt die große Koalition mit dem Rentenpaket auch noch Arbeitsplätze aufs Spiel. Mit generationengerechter Politik hat dies alles rein gar nichts zu tun.

  • Autor

    Prof. Dr. Bernd Raffelhüschen

    ist Direktor des Forschungszentrum Generationenverträge an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg und Botschafter der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft.

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  • Dan Chris

    “Die Anhebung des Renteneintrittsalters auf 67 ist somit die logische
    Folge und trägt dazu bei, dass die Rentenbeiträge auch in Zukunft
    bezahlbar bleiben.”
    Das ist keine logische Folge. Das Renteneintrittsalter ist willkürlich. Wie lange darf jemand Rente erhalten? Das ist eine gesellschaftliche Festlegung und keine Logik. Ob die Renten bezahlbar bleiben hängt

    1. von der Zahl der Rentner ab und

    2. von dem was produziert, bzw. wie es verteilt wird.
    Wenn Roboter alles produzieren könnten, könnte man immer in Rente sein.

    “Die Rente mit 63 kostet bis 2050 immerhin 61 Milliarden Euro.”
    Oder 1.6 Mrd je Jahr. Klingt gar nicht mehr so schlimm oder?

    “Bis 2040 könnte der Rentenbeitrag nun sogar auf über 26 Prozent steigen.”
    Oder auch nicht. Diese Prognose wurde, u.a. von Ihnen Herr Raffelhüschen schon öfter gemacht. Steigen die Löhne, sinkt der Rentenbeitragssatz wieder.

    “Da auch Betriebe und Unternehmen Rentenbeiträge zahlen, setzt die große Koalition mit dem Rentenpaket auch noch Arbeitsplätze aufs Spiel.”
    Das ist ein Totschlagargument. Da alle Firmen höhere Kosten haben, fällt das bei der Binnenmarktkonkurrenz nicht wirklich ins Gewicht. Beim Außenhandel sieht es anders aus. Aber da haben wir ein nettes Polster.

  • Hubert Daubmeier

    Ich “höre” es zwischen den Zeilen: da war (ist?) der Professor reichlich stinkig. Das macht es authentisch. Zu Recht wie ich meine.

  • Dan Chris

    Authentizität heißt nicht, dass es stimmt was erzählt wird. Es heißt eventuell nur, dass man seiner eigenen Ideologie treu ist. Wenn ein Professor über die Renten jammert, aber die Pensionen die er erhält ausklammert, halte ich das für unseriös.

  • Hubert Daubmeier

    Authentizität heißt für mich, dass einer der Ahnung von einem Thema hat ehrlich und überzeugend rüberkommt. Er meint es, es ist nicht eingekauft, ihm ist das Thema wichtig. Nicht mehr und nicht weniger wollte ich hiermit sagen.

    Was das mit Ideologie zu tun hätte versteh ich nicht. Es soll Menschen geben die fachlich kompetent und nicht käuflich sind. Was mir hier der Fall zu sein scheint. Siehe ersten Satz.

    Umso besser wenn so einer sich dann noch die Mühe macht einen Sachverhalt prägnant dar zu stellen und auf inhaltsleeren Käse wie Verwendung aller Geschlechtsformen verzichtet. Oder im dem Fall nicht alle Formen von Altersbezügen auflistet. Ihm daraus grundlos den Strick drehen zu wollen er würde Gruppen ausgrenzen, nur weil sie nicht erwähnt werden halte ich für grob böswillig.

  • Werner Spachmüller

    Wenn es so wäre, müsste einer der noch Arbeitet 1000 Jahre arbeiten um die RV für alle zu bezahlen, da sieht man den logischen Unsinn. Die Rationalisierung der AG muss in Zukunft berücksichtigt werden, d. h. Computer oder Maschinensteuer zum wohl der Rentner. Ich persönlich habe nichts dagegen wenn die Rentenbeiträge steigen, damit ein anständige Rente bezahlt werden kann und nicht Altersarmut. Bei Beamten gibt es keine Altersarmut warum wohl? Außerdem ist der Herr Professor für eine private Rentenversicherung die jeder Abschließen sollte, er ist ja auch deren Vorsitzender.

  • Dan Chris

    “Was das mit Ideologie zu tun hätte versteh ich nicht. Es soll Menschen geben die fachlich kompetent und nicht käuflich sind. ”

    Die gibt es. Ob Bernd Raffelhüschen dazugehört oder nicht weiß ich nicht. Er steht den der privaten Versicherungswirtschaft sehr nahe und hält bei diesen bezahlte Vorträge.

    Neben der Kritik an Raffelhüschens Nebentätigkeiten für die private Versicherungswirtschaft wird auch die Kofinanzierung seines Institutes kritisch betrachtet. Zu den Sponsoren zählen u. a. die HDI-Gerling Pensionsmanagement AG, die Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft, die Süddeutsche Krankenversicherung a.G., die Union Asset Management Holding AG sowie der Verband der privaten Krankenversicherung e. V.[2].
    Als weiterer Kritikpunkt gilt sein mediales Auftreten als unabhängiger
    Experte, ohne dass er seine berufliche Verknüpfung mit den
    Versicherungsunternehmen kenntlich macht.[3].

    http://de.wikipedia.org/wiki/Bernd_Raffelh%C3%BCschen

    “Was das mit Ideologie zu tun hätte versteh ich nicht.”
    Nur weil Menschen länger leben müssen sie nicht länger arbeiten. Das kann so sein, oder auch nicht. Bernd Raffelhüschen meint es sei logisch, dass man länger arbeiten muss. Er vergisst die Produktivität und die Sozialkosten allgemein. Im Endeffekt müssen alle die Arbeiten für die, die nicht arbeiten aufkommen. Dabei ist es egal ob es Rentner, Kinder oder Arbeitslose sind. Selektive Darstellung der Zusammenhänge wird gerne verwendet, um dann die Selbstverantwortung und die privaten Versicherungen aus dem Hut zu zaubern.