Inflation ist das erste Wundermittel des schlecht geführten Staates. Das zweite Wundermittel ist der Krieg. Beide führen zu zeitweiligem Wohlstand, und beide führen zu völligem Zusammenbruch Ernest Miller Hemingway, 1899 - 1961, amerikanischen Schriftsteller

26 Arbeitsmarkt

Immer weniger MINT-Fachkräfte durch Rente mit 63

Seit Juli 2014 gilt die Rente mit 63 – eines der umstrittensten Arbeitsmarktprojekte der großen Koalition. Doch was die Bundesregierung nicht bedacht hat, zeigt sich jetzt immer deutlicher: Der subventionierte Vorruhestand entzieht dem deutschen Arbeitsmarkt naturwissenschaftliche Facharbeiter – bisher mindestens 10.000! Und das macht alle früheren Bemühungen zunichte, ältere Mitarbeiter länger im Berufsleben zu halten und Fachkräfteengpässen vorzubeugen.

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Sie werden nach wie gesucht: Mechatroniker, Zerspanungsmechaniker und andere MINT-Facharbeiter (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften, Technik). Die Bundesagentur für Arbeit hatte im September 2015 immerhin 105 offene Stellen je 100 Arbeitslose im Bereich Metallerzeugung/-bearbeitung/Metallbau im Angebot, bei Mechatronik, Energie- und Elektrotechnik lag das Verhältnis sogar bei 185 zu 100. In diesen Berufen gibt es also nicht einmal theoretisch genügend Arbeitslose, um alle offenen Stellen zu besetzen. Und der Blick auf die Praxis zeigt: Die tatsächliche Arbeitsmarktnachfrage liegt noch deutlich höher, denn die Unternehmen melden die Hälfte aller offenen Facharbeiterstellen gar nicht erst, sondern schreiben sie direkt im Internet oder in Zeitungen aus.

Verheerende Auswirkungen – fast 100.000 Vakanzen in Technik und Naturwissenschaften

Im September 2015 gab es mindestens 78.000 offene, unbesetzte Stellen in technisch-naturwissenschaftlichen Facharbeiterberufen, 10.000 Ausbildungsstellen in MINT-Facharbeiterberufen blieben vakant. Dies sind Zahlen, die für sich sprechen. Es ist völlig unverständlich, warum die Regierung mit der Rente mit 63 ein Instrument eingeführt hat, das dem Arbeitsmarkt in einem so großen Umfang MINT-Facharbeiter entzieht. Kaum war die Regelung in Kraft, brach die Beschäftigung von MINT-Facharbeitern der Altersklasse 63plus regelrecht ein: Im dritten Quartal 2014 ging die Zahl der sozialversicherungspflichtig beschäftigten MINT-Facharbeiter gegenüber dem Vorquartal um 8,5 Prozent zurück, im vierten Quartal waren es nochmal drei Prozent weniger. In den übrigen rentennahen Jahrgängen setzten sich die Beschäftigungsgewinne dagegen fort. Insgesamt sind dem Arbeitsmarkt in den ersten drei Quartalen nach Einführung der Rente mit 63 mindestens 10.000 MINT-Facharbeiter im Alter 63plus entzogen worden.

Unternehmen, die vorgebeugt hatten, sehen alt aus

Benachteiligt sind nun vor allem jene Firmen, die in den vergangenen Jahren durch verschiedene Maßnahmen versucht haben, ältere Arbeitnehmer länger im Job zu halten. Durch die Rente mit 63 sind die Früchte dieser Investitionen zum großen Teil verdorben. Und die Hoffnung auf Besserung ist gering: Angesichts der akuten Nachwuchssorgen wird sich das Problem in Zukunft noch verschärfen.

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  • Autor

    Dr. Oliver Koppel

    ist Senior Econimist beim Institut der deutschen Wirtschaft Köln (IW) und forscht in den Bereichen Bildung, Zuwanderung und Innovation.

    Alle Beiträge

  • Brian Fouldner

    die paar Minimints sind ein Dreck zu dem was dem Staat noch blüht. Stichwort Babyboomer – ja daaa werden die alle staunen, wenn die 3 Jahrgänge 61+62+63 demnächst in Frührente gehen, da fehlen dann fast 6 Mio Arbeitnehmer . und zwar solche die noch echte Leistung erbringen. Wer soll die denn mal ersetzen? Etwa due Bachelors und Master???

  • Hallo Brian Fouldner, vielen Dank für Ihre offenen, wenn auch sehr drastischen Worte. In einigen Jahren werden 25 Prozent weniger Arbeitnehmer weniger zur Verfügung stehen. Um diesen Fachkräftemangel auszugleichen, müssen wir verschiedene Wege gehen. Sicherlich werden die viele Flüchtlinge einen erheblichen Teil auffangen. Aber auch sonst müssen wir Rahmenbedingungen schaffen, die es ermöglichen, Arbeitnehmer so lange wie möglich in den Betrieben zu halten., (kun)

  • Diese beiden Aussagen

    “In einigen Jahren werden 25 Prozent weniger Arbeitnehmer weniger zur Verfügung stehen.”

    “da fehlen dann fast 6 Mio Arbeitnehmer”

    halte ich für gewagt. Vor allem unterstellt diese Aussage, dass das ein Problem sein wird. Der Zeitraum wann dies geschieht wird komplett ausgeblendet.

    Schaut man sich das Arbeitsvolumen (gearbeitet Arbeitsstunden aller Menschen im Land) an, dann sieht man, dass es von knapp 52 Millionen Stunden 1991 auf 49.7 Millionen Stunden gesunken ist. D.h. die Produktivität pro Arbeitsstunde ist gestiegen.

    http://doku.iab.de/kurzber/2015/kb0415_Anhang.pdf

  • Hallo Dan Chris, anhand verschiedener Statistiken ist dies schon bewiesen und keinesfalls gewagt. Es gilt jetzt, schon Maßnahmen zu ergreifen, um das Dilemma abzuschwächen. Mit dem zweiten Teil Ihres Posts sind wir auf einer Linie. (kun)

  • “Statistiken ist dies schon bewiesen”
    Man kann mit Statistiken nichts beweisen, wenn es Prognosen sind. Basierend auf welcher Prognose zu welchem Zeitpunkt sind 25% weniger Erwerbstätige zu erwarten?
    Ich tippe mal so 2050. Aktuell haben wir 1 Millionen Flüchtlinge. Wenn davon 20-30% bleiben und Kinder bekommen, stimmt die Prognose nicht mehr.
    Die Geburtenrate an sich ist auch nicht festgelegt. Wenn die Zahl der Erwerbstätigen sinkt, die Nachfrage bleibt, dann steigen die Löhne. Mehr Menschen können und wollen sich eventuell Kinder leisten.

    “Dilemma”
    Welches Dilema? Wenn man% 25 weniger Erwerbstätige hat man vielleicht aber nur noch 50% braucht, dann sind es immer noch 25% zu viel Erwerbstätige.

    Braucht man mehr Menschen in Arbeit, dann müssen die Löhne steigen. Aktuell würden viele Menschen gerne mehr arbeiten, aber sie brauchen nicht (siehe Statistik mehr Erwerbstätige bei geringerem Arbeitsvolumen und höherer Teilzeitquote).

  • JoWo

    Ich bin sehr froh, dass eine Regelung gefunden wurde, nach 45 Beitragsjahren in Rente gehen zu dürfen.
    Was wollen Sie eigentlich mit diesem Artikel? Das die Menschen, die ihr Leben lang gearbeite haben, noch länger einzahlen müssen?

  • Hallo JoWo,
    wir wollen, das jene, die länger arbeiten wollen, dies auch dürfen. (chs)

  • Brian Fouldner

    dazu müssten die Unternehmer – welche ja heutzutage in der Regel eher Unterlasser den Unternehmer sind – mal wieder einen Geist dafür haben, einem der nicht Gewinnmaximierung als Lösung sieht sondern die auch Verantwortung zeigen, da mittlerweile viele Betriebe in der dritten Generation geleitet werden, ist aber eher das Ende der unternehmen abzusehen als eine Reform pro Fertigung Deutschland, man muss aber auhc glasklar sagen das die Rot Grün Regierung mit all den halbherzigen und unüberlegten Reförmchen den Weg in die Katastrophe vorgegeben hat. Die Reformen wirken sich nachteilig aus, sowohl in Sachen Bildung (Bachelor und Master wird niemals ein echter Meister werden weil die ANforderungen von den Leuten vollkommen unterschätzt werden) als auhc Steuerrecht, Forschungsdrang der Deutschen (früher tüftelten die Arbeitnehmer auch nach Feuerabend in Freizeit, die heutigen gehen Saufen) Hartz 4 – Arbeitslosigkeit, Arge und Jobcenter – hier wurden Monster geschaffen die kaum Leistung bringen, die Investitionen in Umweltschutz in 80-gern bis end-90gern sind quasi ausgehebelt weil Volldeppen wie Trittin die Globalisierung und Jobverlagerung weg von Fertigung hin zu Dienstleiste als Allheilmittel sahen – und viele mehr Fehler – das ist nicht so einfach umkehrbar

  • JoWo

    dürfen sie doch; ich kann doch in Rente gehen und danach weiter arbeiten, das verbietet doch keiner.

  • Hallo, Ja, genau das stellt aus unserer Sicht ein großes Problem dar. Die Rente mit 63 führt zu einer neuen Frühverrentungswelle und ist damit doppelt teuer: Mehr Menschen bekommen länger Rente und zahlen gleichzeitig weniger Versicherungsbeiträge und Steuern. Das führt zusammengenommen zu einer Belastung von 126 Milliarden Euro.

    Genau, ein Weiterarbeiten nach der Rente oder auch nach dem Erreichen des Renteneintrittsalter wird durch die Flexi-Rente erleichtert. Das begrüßen wir, denn eine Umfrage ergab bereits vor knapp zwei Jahren, dass viele Menschen länger arbeiten wollen. Hier können Sie die Studie nochmal einsehen: http://www.insm.de/insm/Presse/Pressemeldungen/Allensbach-Umfrage-Renteneintritt.html (kun)

  • “Das führt zusammengenommen zu einer Belastung von 126 Milliarden Euro.”
    Pro Jahr? Das halte ich für etwas zu hoch abgeschätzt. Das sind immerhin knapp 60% der Beitragseinnahmen der gesetzlichen Rentenversicherung.

    “dass viele Menschen länger arbeiten wollen”
    Laut der vorgestellten Studie wollen 80% der Älteren nicht länger arbeiten. Die Aussage der INSM findet man in der Studie im Übrigen nicht. Das sind in meinen Augen Interpretationen aus den Daten die im Text und den Schaubildern nicht auftauchen. Ich lasse mir die Stelle aber gerne zeigen.

    Dafür findet man aber S.13
    “Nur 36 Prozent halten ein späteres Renteneintrittsalter für notwendig, 34
    Prozent höhere Rentenbeiträge.”

    Nur 32 % halten die Beiträge für zu hoch (S. 7)

    Der Glaube an die Notwendigkeit von Arbeitsmarktreformen ist von 79% (2003) auf 48% (2014) gesunken.

    http://www.insm.de/insm/dms/insm/text/presse/pressemeldungen/2014/allensbach-umfrage-rentenpolitik/Kurzfassung%20Allensbach-Umfrage%20zur%20Rentenpolitik.pdf

  • Hallo Dan Chris,

    darin liegt aus unserer Sicht ein großes Problem bei der Bewertung des Arbeitsmarktes. Der Glaube allein kann und darf nicht der Gradmesser beim Reformwillen sein. Schon die nackten Zahlen zeigen, dass die Wahlgeschenke der GroKo gerade die nachfolgenden Generationen stark belasten werden.

    Die Meldungen der letzten Wochen und Monate sprechen eine andere Sprache, nach der viele Menschen auch nach dem Renteneintrittsalter weiterarbeiten wollen:
    http://www.faz.net/aktuell/beruf-chance/arbeitswelt/trend-aeltere-arbeiten-freiwillig-laenger-13578446.html
    http://www.zeit.de/wirtschaft/2015-08/arbeitnehmer-rentner-erwerbstaetige
    Davon abgesehen, sind Menschen mit 63 noch nicht sehr alt. Ein Großteil der Arbeitnehmer mit 63 haben in den Jahrzehnten ein großes Know-how angehäuft, dass den Betrieben verloren geht. (kun)

  • “Schon die nackten Zahlen zeigen, dass die Wahlgeschenke”

    Bitte nicht so kryptisch. Welche Zahlen zeigen das. Die INSM arbeitet in der Regel mit Prognosen. Es wurden 900 tausend Arbeitslose bei der Einführung des Mindestlohns prognostiziert. Wo sind diese zusätzlichen Arbeitslosen?

    “Die Meldungen der letzten Wochen und Monate sprechen eine andere Sprache”

    Die Frage war, wo steht die Aussage in der Studie? Die INSM verweißt auf eine Studie und behauptet die Erkenntnisse seien Ergebnisse eben dieser Studie. Wenn die Erkenntnisse stattdessen vom DIW kommen, warum wird es nicht dargestellt?

    Ein interessanter Punkt beim der DIW Studie ist, dass die Menschen mit 65 Jahren arbeiten, die arbeiten wollen. Das alles funktioniert trotz des Renteneintrittsalters von 65 (der gilt für diese Altersklasse noch). Warum also etwas ändern? Die Erhöhung des Renteneintrittsalters ist eine Rentenkürzung. Wenn jemand nicht so lange arbeiten möchte, dann sinkt seine Rente. Auch heute arbeiten Menschen länger. Mich würde interessieren, wo liegen eigentlich die vielbeschworenen Probleme?

    “Ein Großteil der Arbeitnehmer mit 63 haben in den Jahrzehnten ein großes Know-how angehäuft, dass den Betrieben verloren geht.”
    Stimmt. Daran ändert sich nichts, wenn der 63jährige 2 Jahre später in Rente geht. Weiterhin sind die Arbeitgeber vielleicht nicht attraktiv genug, bzw. müssen sich Modelle für den Wissenstransfer überlegen. Auch glaube ich nicht, dass das ein großes Problem darstellt.

  • Hallo Dan Chris, wie Sie sicherlich in den letzten Monaten beobachtet haben, machen die Anwärter für die Rente mit 63 von ihrem Recht Gebrauch. Das ist legitim, stößt aber gleichzeitig die Unternehmen in eine Zwickmühle. Viele Betriebe können auf den kurzfristigen Know-how-Verlust nicht mehr adäquat reagieren. Ein Wissenstransfer oder ein geeigneter Nachwuchs kann so schnell nicht gefunden werden. (kun)

  • Hallo kun,

    1. Wie lange können denn die Menschen potentiell in Rente gehen? Wenn Unternehmen nicht in der Lage sind das zu planen haben sie Pech.
    2. Die Menschen können trotzdem Kurzarbeiten oder in Rente gehen, nur bekommen sie weniger Rente. Die Unternehmen hätten dann wieder nichts vom Wissenstransfer.
    3. Wenn den Unternehmen an dem Wissen gelegen ist, dann müssen sie dem Mitarbeiter etwas bieten, damit er länger arbeitet. So viel Flexibilität kann man von den Unternehmen erwarten, oder?

    Eine Anmerkung noch. Ich finde es spannend, dass die INSM nach dem Staat ruft, wenn es den Unternehmen nützt. Nützt es dem Arbeitnehmer, dann soll er sich heraushalten.

  • Hallo Dan Chris,

    1. Selbstverständlich kommt der Rentenantrag der Anwärter nicht von heut auf morgen. Nach der gesetzlichen Festlegung konnten die Betriebe reagieren. In den Jahren 2014 und 2015 haben rund 450.000 Arbeitnehmer einen Antrag auf Rente mit 63 gestellt. Gegenwärtig haben alle Jahrgänge ab 1953 und tiefer das Anrecht.
    2. Wir plädieren für eine flexibles Renteneintrittsalter, da wir aufgrund des demografischen Wandels feststellen, dass viele ältere Arbeitnehmer noch so fit sind, dass sie arbeiten wollen. Die neuerlichen Reglungen der Bundesregierung zum flexiblen Renteneintrittsalter gehen in die richtige Richtung.
    3. Ja, ein Anreiz muss geschaffen werden.

    Der Bezug zum Ruf nach dem Staat können wir hier nicht nachvollziehen. Wir halten die Rente mit 63 für einen sozialpolitischen Skandal. Die Gründe finden Sie hier: http://www.insm.de/insm/kampagne/generationengerechtigkeit/stimmen-rentenreform.html (kun)

  • 1. Schiebt man das Rentenalter 2 Jahre höher, dann muss diese Zahl nicht sinken. Selbst wenn sie sinkt, dann hat hat man 2 Jahre später das gleiche Problem.

    2. Das Renteneintrittsalter ist flexibel. Das Rentenalter liegt bei 67. D.h. gehe ich früher in Rente muss ich Abschläge hinnehmen. In welchem Gesetz steht denn bitte, dass es verboten ist nach dem Erreichen des 67. Lebensjahr weiter zu arbeiten? Nur wenn es diesen Zwang auf der rechtlichen Ebene gäbe, wären die Argumente nachvollziehbar.

    “Der Bezug zum Ruf nach dem Staat können wir hier nicht nachvollziehen.”
    Die INSM fordert, dass das Rentenalter vom Staat erhöht wird, um somit die Motivation der Arbeitnehmer (Dank niedriger Renten) zu senken in den Ruhestand einzutreten. Jeder Arbeitnehmer der Arbeiten möchte kann das bereits tun. Nur ist es scheinbar nicht sehr attraktiv. Das erkennt man daran, dass das Renteneintrittsalter einige Jahre niedriger als das Rentenalter.

    Ein anderer Punkt ist folgender. Wenn es einen Mangel an MINT Arbeitnehmern gibt, warum steigen dann die Löhne in dem Bereich nicht deutlich an? Warum landen so viele junge Absolventen in Leiharbeitsfirmen mit Zeitverträgen?

  • Hallo Dan Chris,

    wir stellen fest, dass wir uns im Kreis drehen. Die nachvollziehbare Argumentation unsererseits wischen Sie beiseite. Gerne gehen wir aber nochmal auf Ihre Anliegen ein.

    1. Höhere Beschäftigungsquoten auch für Ältere gelingen nur, wenn am gesetzlichen Rentenalter von 67 Jahren künftig keine Zweifel gelassen werden. Nicht Formeln wie die „Rente mit 63“ oder Pläne für eine vereinfachte Teilrente ab 60 Jahren sollten die Rentenpolitik prägen, sondern ein flexibles Renteneintrittsalter. In Zeiten des demografischen Wandels und damit einhergehenden Fachkräftemangels ist es Wunsch vieler Unternehmen, verdiente und erfahrene Mitarbeiter über das gesetzliche Renteneintrittsalter hinaus zu beschäftigen. Die aktuelle (Arbeits-) Rechtslage erschwert es Arbeitgebern und Arbeitnehmern jedoch, diesen Wunsch zu realisieren.

    2. Die Einführung der Rente mit 67 war die richtige Antwort auf die steigende Lebenserwartung. Zusammen mit dem 1997 eingeführten demografischen Faktor konnte der Beitragssatz der Rentenversicherung nicht nur stabilisiert, sondern sogar unter 19 Prozent gesenkt werden. Mit der Rente ab 63 will die Große Koalition Versicherten mit 45 Beitragsjahren nun die Möglichkeit einräumen, sich bereits mit 63 ohne Abzüge aus dem Erwerbsleben zu verabschieden. Die Rente mit 63 dürfte dabei deutlich teurer werden als von der Bundesregierung veranschlagt: Statt etwa 35 Milliarden wird sie etwa 126 Milliarden Euro kosten.

    Die Erfahrung mit früheren Frühverrentungsregelungen zeigt: Wer zur Rente mit 63 berechtigt ist, wird diese auch in Anspruch nehmen. Die Rente mit 63 wird so eine neue Frühverrentungswelle auslösen. Damit wird der Fachkräftemangel verschärft – das steht im Widerspruch zu den Plänen der Großen Koalition, ältere Beschäftigte in den Arbeitsmarkt zu integrieren. Die Rente mit 63 ist ungerecht, weil sie die jüngeren Generationen zusätzlich belastet und die Probleme des demografischen Wandels noch verschärft.

    Eine hohe Bedeutung kommt den sogenannten MINT-Fachkräften aus den Bereichen Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik zu: Branchen mit einem hohen Anteil an MINT-Mitarbeitern sind im Schnitt deutlich innovationsfreudiger als andere Wirtschaftszweige. Eine wichtige innovations- und bildungspolitische Aufgabe besteht daher darin, die Basis an MINT-Arbeitskräften nachhaltig zu stärken. Dafür ist es notwendig, die Lebensarbeitszeit zu verlängern, mehr junge Menschen für MINT-Ausbildungen zu gewinnen und die Zuwanderung zu erhöhen. Andernfalls droht bis zum Ende des Jahrzehnts ein Mangel an 1,3 Millionen MINT-Fachkräften. (kun)

  • Wir drehen uns im Kreis, das ist richtig. Nur werden wesentliche Fragen von der INSM nicht beantwortet. Die wichtigste Frage ist es verboten

    “verdiente und erfahrene Mitarbeiter über das gesetzliche Renteneintrittsalter hinaus zu beschäftigen.” ?

    Genau das ist der Punkt. In welchem Gesetz steht, dass sie das nicht dürfen? Ist es irgendwo verboten, dann kann ich der INSM Argumentation in Teilen folgen. Ist es nicht verboten, dann verliert sie ihre Basis. Denn wenn es nicht verboten ist, dann entspricht eine Erhöhung des Rentenalters eine Rentenkürzung.

    “Zusammen mit dem 1997 eingeführten
    demografischen Faktor konnte der Beitragssatz der Rentenversicherung
    nicht nur stabilisiert, sondern sogar unter 19 Prozent gesenkt werden. ”
    Gleichzeitig wurden die Menschen zu die privaten Rentenversicherungen getrieben. Wieviel Prozent zahlen sie eigentlich, wenn sie noch 4-5% ihres Einkommens privat anlegen? Stimmt 23-24%. Es ist also eine Milchmädchenrechnung. Die Kosten des Einzelnen, der eine ähnliche Leistung wie vorher will, sind eben nicht gesunken, sondern gestiegen. Das Risiko ist ebenfalls gestiegen. Gewonnen haben sehr wenige.

    “Statt etwa 35 Milliarden wird sie etwa 126 Milliarden Euro kosten.”
    Betrachtet auf welchen Zeitraum?

    “Wer zur Rente mit 63 berechtigt ist, wird diese auch in Anspruch nehmen. ”
    Wenn ein Arbeitnehmer keine Arbeit findet, wird von ihm erwartet flexibel zu sein. Die Unternehmen müssen den Menschen etwas bieten. Die Frage ist doch, wie motiviert die Menschen sind, wenn sie bei der erstbesten Möglichkeit das Unternehmen verlassen.

    Alles was danach kommt würde ich gerne mit Zahlen belegt sehen. Wieder die nicht beantwortete Frage. Wenn Unternehmen einen Mangel an MINT Personal haben, warum kriegen viele Absolventen in diesem Bereich nur einen befristeten Vertrag bei einer Leiharbeitsfirma? Warum besteht bei großen Unternehmen ein Einstellungsstopp? Warum steigen die Löhne in diesem Bereich nicht sehr stark?

    “Andernfalls droht bis zum Ende des Jahrzehnts ein Mangel an 1,3 Millionen MINT-Fachkräften.”
    Was reine Spekulation ist. Vor allem, weil ein MINT Absolvent keine 45 Jahre arbeitet bis er 67 ist. D.h. für ihn würde diese Regelung nicht zutreffen. Auch eine Verlängerung der Arbeitszeit, im Durchschnitt von 1-2 Jahren würde das Problem nur um 1-2 Jahre verschieben und nicht beheben.

  • Hallo Dan Chris,

    die Frage nach einem Verbot stellt sich doch gar nicht. Es ist nur so, dass die Möglichkeit, auch über
    das Renteneintrittsalter hinaus zu arbeiten, erleichtert werden muss. Im Jahr 2029 wird die Anhebung des Renteneintrittsalters auf 67 Jahre abgeschlossen sein. Doch die Lebenserwartung wird auch über diesen Zeitpunkt hinaus noch weiter steigen, sodass sich die absolute Rentenbezugsdauer weiter verlängert. Ziel ist es, das Verhältnis aus Arbeitszeit und Rentenbezugsdauer dauerhaft konstant zu halten. Mit der Kopplung des Renteneintrittsalters nach der Maßgabe „Ein Jahr mehr Lebenserwartung gleich vier Monate länger arbeiten und acht Monate mehr Rente“ wird dies erreicht und sichergestellt, dass die Rentenkasse auch über das Jahr 2029 hinaus finanzierbar bleibt. (kun)

  • Zitat:

    “Wir plädieren für eine flexibles Renteneintrittsalter, da wir aufgrund
    des demografischen Wandels feststellen, dass viele ältere Arbeitnehmer
    noch so fit sind, dass sie arbeiten wollen.”

    “die Frage nach einem Verbot stellt sich doch gar nicht. Es ist nur so, dass die Möglichkeit, auch über das Renteneintrittsalter hinaus zu arbeiten, erleichtert werden muss.”

    Was muss denn bitte erleichtert werden? Jeder der arbeiten möchte kann das tun. Sie schreiben, dass viele ältere Arbeitnehmer arbeiten WOLLEN! Wenn sie wollen und dürfen, dann können sie es auch tun. Es erschließt sich mir nicht, wozu ein Gesetz geändert werden muss? Das macht genau dann Sinn, wenn es nicht erlaubt wäre zu arbeiten und die Menschen es wollten. Ein anderer Fall wäre, wenn die Politik meint die Menschen sollten länger arbeiten, weil es Gesellschaftlich sinnvoll ist, egal ob die Menschen wollen oder nicht.

    In beiden Fällen sehe ich die Behauptung, dass es dem Arbeitnehmer der gerne länger arbeitet nützt nicht bestätigt. Er gewinnt nichts. Alle die nicht länger arbeiten wollen verlieren. Entweder kriegen sie eine geringere Rente oder müssen länger arbeiten.

    “Ziel ist es, das Verhältnis aus Arbeitszeit und Rentenbezugsdauer dauerhaft konstant zu halten.”

    Dumm nur, dass man die Bezugsdauer nicht kennt. Praktisch würde das bedeuten, dass man den Renteneintritt an den Wohlstand koppeln müsste. Schließlich leben reiche Menschen länger als arme. Raucher dürften auch früher starten und gesunde etwas später.

  • Mordred

    “”die Frage nach einem Verbot stellt sich doch gar nicht. Es ist nur so,
    dass die Möglichkeit, auch über das Renteneintrittsalter hinaus zu
    arbeiten, erleichtert werden muss.””
    Da wir gerade einen Rentner eingestellt haben, der die Regelaltersgrenze schon erreicht hat: Der darf soweit ich unsere Personalabteilung verstanden habe genauso viel arbeiten und verdienen wie normale Arbeitnehmer und zahlt auch die gleichen Steuern. Das alles geht zu seiner Rente ontop. Was kann man da noch erleichtern?

  • Die INSM sagt sie möchte etwas erleichtern für diejenigen die arbeiten möchten. Gleichzeitig will sie die Motivation in den Ruhestand zu gehen abmildern. Das heißt die INSM will mittels einer Erhöhung des Rentenalters die Freiwilligkeit erzwingen. Das alles ist im perfekten Neusprech versteckt.

  • Mordred

    “Freiwilligkeit erzwingen” <- köstlich :)

  • Hallo Dan Chris, wir denken, dass wir letzte Woche bereits mehrmals dieses Punkte ausgetauscht haben. Die ständigen Wiederholungen Ihrer Annahmen bringen uns nicht weiter. Es bleibt dabei, dass wir die Flexibilisierung für Menschen, die nach dem Renteneintrittsalter weiterarbeiten möchten, attraktiv gestalten wollen.

    Die Rente mit 63 ist keine Frage von Freiwilligkeit, sondern eine Frage der Gerechtigkeit für jetzt und für später. Das heisst: Um unsere Rente auch zukünftig tragbar machen zu können und den demografischen Wandel abmildern zu können, braucht es ein höheres Renteneintrittsalter. (kun)

  • “Es bleibt dabei, dass wir die Flexibilisierung für Menschen, die nach
    dem Renteneintrittsalter weiterarbeiten möchten, attraktiv gestalten
    wollen.”
    Habe ich bereits geschrieben “Freiwilligkeit erzwingen”. Die Menschen finden es “attraktiv” zu arbeiten, weil sie sonst eine niedrigere Rente bekommen würden. Eine schöne Umschreibung für eine Rentenkürzung. Auch wenn sie es 100x “Flexibilisierung für Menschen…” schreiben. Die Menschen können arbeiten, wenn sie wollen. Warum gesetzlich eingreifen?

    “Die Rente mit 63 ist keine Frage von Freiwilligkeit, sondern eine Frage der Gerechtigkeit für jetzt und für später.”
    Auf einmal ist eine Frage der Gerechtigkeit. Was gerecht ist und was nicht muss ausgehandelt werden. Nur warum ist es gerecht, dass Menschen länger arbeiten müssen? Milliardäre fordern auch viele Ressourcen von der Gesellschaft ein. Ist das gerecht? Es ist interessant, dass die Gerechtigkeit und Moral immer dann vorgeholt wird, wenn es keine Argumente gibt. Entweder es ist volkswirtschaftliche notwendig das Rentenalter zu verlängern, oder nicht. Wenn es notwendig ist, dann braucht man kein Märchen von der Attraktivität erzählen.

    “Das heisst: Um unsere Rente auch zukünftig tragbar machen zu können und
    den demografischen Wandel abmildern zu können, braucht es ein höheres
    Renteneintrittsalter. ”
    Das trifft genau dann zu, wenn die arbeitende Menschen zum Zeitpunkt t nicht mehr genug produzieren, um alle nicht arbeitenden Menschen zu versorgen. Das halte ich für Unsinn. Wenn man sich anschaut wie die Produktivität zunimmt, gleichzeitig das Arbeitsvolumen seit 20 Jahren stagniert, viele Menschen langzeitarbeitslos sind, dann sind noch sehr viele Potentiale offen.
    Am Ende ist es also eine Verteilungsfrage, mehr nicht.