Wenn wir die D-Mark noch hätten, wäre unser Export zusammengebrochen. Helmut Schmidt, 1918-2015, dt. Politiker

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Kurzarbeit bremst Strukturwandel

Laut einer Umfrage wollen 62 Prozent der befragten Unternehmen die Zahl ihrer Angestellten reduzieren.

Zweifelsohne ist Kurzarbeit ein probates Mittel, um einen starken, konjunkturell bedingten Auftragsrückgang in der Wirtschaft zu überbrücken. Dabei liegen die Vorteile für Unternehmer, Arbeiter und den Staat auf der Hand. Die Arbeitnehmer behalten ihren Arbeitsplatz. Somit droht ihnen keine Dequalifizierung infolge von Arbeitslosigkeit. Unternehmer müssen kein qualifizierten Personal entlassen. Geht es mit der Wirtschaft wieder bergauf, sind sie personell gut aufgestellt und werden nicht durch Such- und Einarbeitungskosten für neues Personal belastet. Und auch die Bundesregierung profitiert von der Kurzarbeit, drückt sie doch damit die offizielle Arbeitslosenquote. Vor dem Hintergrund der im Herbst stattfindenden Bundestagswahl kein zu unterschätzendes Argument. Mittlerweile sind bereits 1,4 Millionen Beschäftigte in Deutschland von Kurzarbeit berührt. Ist Kurzarbeit also das ultimative Instrument zur Überwindung von Wirtschaftskrisen, ohne negative Begleiterscheinungen?

Leider nein. Zum einen verliert die deutsche Arbeitslosenstatistik zunehmend an Aussagekraft, da sie den Grad der Unterbeschäftigung nur noch unzureichend abbildet. Die Arbeitsmarktlage wird dadurch in der Öffentlichkeit verzerrt wahrgenommen. Hierdurch droht der Reformeifer der Bundesregierung zu erlahmen, denn aufgrund der umfangreichen Kurzarbeit blieb in Deutschland im internationalen Vergleich ein markanter Anstieg der Arbeitslosenzahlen aus.

Das gravierendste Problem dauerhafter Kurzarbeit besteht aber darin, dass sie – zu erheblichen Kosten – einen notwendigen Strukturwandel bremst. Kurzarbeit kann zwar zur Überbrückung von konjunkturellen Engpässen dienen, aber nicht dauerhaft eingesetzt werden. Bei der gegenwärtigen Krise handelt es sich jedoch mitnichten um eine rein konjunkturelle Krise. Branchen wie beispielsweise die Automobilindustrie stehen aufgrund von strukturellen Überkapazitäten unter einem massiven Anpassungsdruck. Daher wäre es unredlich, wenn der Eindruck vermittelt würde, dass nach Überwindung der Konjunkturkrise alle Beschäftigten der Branche wieder Vollzeit arbeiten könnten. Ehrlicher und hilfreicher wäre es, den drängenden Strukturwandel aktiv anzugehen, Chancen zu entwickeln für Weiterbildung, Umorientierung und alternative Beschäftigungen.

  • Autor

    Prof. Dr. Reinhold Schnabel

    ist Inhaber des Lehrstuhls für Volkswirtschaftslehre an der Universität Duisburg-Essen.

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  • Yan

    Lassen wir den (finanziellen) Hintergrund des Blog-Sponsors (INSM) mal außen vor. Der Beitrag ist nicht nur zynisch gegenüber all jenen, die durch Kurzarbeit ihren Arbeitsplatz behalten konnten. Er ist auch nicht einmal betriebwirtschaftlich schlüssig argumentiert – oder der Autor traut dem deutschen Management keine ökonomisch sinnvollen Entscheidungen zu.

    Das Argument, Kurzarbeit verhindere einen notwendigen Strukturwandel (womit der Autor recht eindeutig Personalabbau meint), zieht so nicht:

    1.: Kein Unternehmen wird gezwungen, Kurzarbeit anzumelden und einzusetzen. Wer die Krise dazu nutzen will, sich “umzustrukturieren” und Personal dauerhaft abzubauen könnte das ja tun.

    2.: Bundesarbeitsminister Olaf Scholz argumentiert zurecht: “Wer denkt, dass er sich dauerhaft von seinen Mitarbeitern trennen muss, kalkuliert falsch, wenn er auf Kurzarbeit setzt. Die meisten, die mit ihren Betriebsräten Kurzarbeit vereinbart haben, rechnen [deshalb] damit, dass sich die Auftrags- und Beschäftigungslage in ihrem Unternehmen wieder bessern.” Quelle: http://www.einblick.dgb.de/2009/e13/e13s3.htm/
    Richtig. Wer als Unternehmer der Überzeugung ist, oder wessen Zahlen sagen: ‘Wir haben zuviel Personal’, der würde betriebswirtschaftlich unlogisch handelt, wenn er Kurzarbeit einsetzt und weiterhin einen Anteil des Gehalts zahlt.

    Könnte es also sein, dass der hier propagierte, angeblich notwendige, Strukturwandel (=Entlassungen) selbst aus Sicht eines Großteils der deutschen Unternehmen nicht wirklich nötig ist?

    3.: Erst zum Schluss kommt der Autor (ganz kurz) auf Themen zu sprechen, die man wirklich mit dem Begriff “Strukturwandel” verbinden kann. Z.B. Weiterbildung. Der Autor schreibt: “Ehrlicher und hilfreicher wäre es, den drängenden Strukturwandel aktiv anzugehen, Chancen zu entwickeln für Weiterbildung, …”. Hilfreicher wäre es, Chancen zu entwickeln für Weiterbildung? Genau das hat die Bundesregierung mit der Förderung von Qualifizierung in Kurzarbeit ja getan. Nur: Die Wirtschaft ruft die Förderung nicht ab.

  • Helmuth Coqui

    Sehr geehrter Herr Professor Schnabel,
    wäre es nicht auch – analog zu Ihrer Argumentation – dringend geboten, eine gründliche Reform unseres Bildungssystems durch jederzeit vom Arbeitgeber kündbare Arbeitsverträge für Lehrer und Hochschullehrer zu ermöglichen?