Gewinn ist so notwendig wie die Luft zum Atmen, aber es wäre schlimm, wenn wir nur wirtschaften würden, um Gewinn zu machen, wie es schlimm wäre, wenn wir nur leben würden, um zu atmen. Hermann Josef Abs, 1901-1994, deutscher Bankier, Vorstandssprecher der Deutschen Bank AG (1957-1967)

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Der Niedriglohnsektor: Risiko oder Chance?

Die Niedriglohnbeschäftigung in Deutschland nimmt zu: Hatten 1994 noch 16 Prozent der Beschäftigten einen Lohn unterhalb der Niedriglohnschwelle, so waren es 2009 bereits mehr als 22 Prozent. Eine besorgniserregende Nachricht, könnte man meinen. Und viele leiten aus diesem Befund auch bereits Forderungen nach staatlicher Regulierung ab. Ist der Niedriglohnsektor eine Gefahr, weil besser bezahlte Arbeit immer seltener wird und Arbeit wenn überhaupt nur noch zu Niedriglöhnen zu finden ist? Oder ist er vielleicht eher eine Chance, weil er Beschäftigungsgelegenheiten für Menschen bietet, die ohne ihn auf dem Arbeitsmarkt nicht Fuß fassen würden?

Um dieser Frage näher zu kommen, haben wir die Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter nach ihrem Lohnstatus eingeteilt. Demnach gibt es

– Geringverdiener, deren Bruttostundenlohn unter der Niedriglohnschwelle von zwei Dritteln des Durchschnittslohns liegt (das waren 2009 knapp 9 Euro)
– Normalverdiener, deren Lohn oberhalb der Niedriglohnschwelle liegt
– Sonstige Erwerbstätige, für die keine oder keine sinnvollen Informationen zum Stundenlohn vorliegen (zum Beispiel Auszubildende oder Selbstständige)
– Nicht erwerbstätige Personen (zum Beispiel Schüler, Studenten, (Früh-)Rentner)

Betrachtet man die Entwicklung seit 1994, so zeigt sich: Der Anteil der Niedriglohnbeschäftigung ist kräftig gestiegen. Er stieg aber nicht auf Kosten des Segments der Normalverdiener. Deren Anteil liegt vielmehr stabil bei rund 45 Prozent. Zuletzt ist er sogar leicht angestiegen. Der Niedriglohnsektor wuchs vielmehr auf Kosten des Anteils der nicht erwerbstätigen Personen. Mit anderen Worten: die Niedriglohnbeschäftigung entstand in Form von zusätzlichen Arbeitsplätzen, die es vorher nicht gab.

Diese neuen Arbeitsplätze boten nicht zuletzt Beschäftigungschancen für Menschen mit geringen Qualifikationen. Für 46 Prozent der Jobs im Niedriglohnbereich ist keine abgeschlossene Berufsausbildung erforderlich. Unter den Arbeitsplätzen im Normalverdienersegment sind das nur 20 Prozent. Zwar verfügen viele Geringverdiener über eine abgeschlossene Berufsausbildung. Doch entweder wird diese für ihre Tätigkeit gar nicht benötigt oder die Ausbildung fand in einem ganz anderen Berufsfeld statt, als für die ausgeübte Tätigkeit eigentlich erforderlich wäre.

Wächst nun mit zunehmender Niedriglohnbeschäftigung neue Armut heran? Wer wenig verdient, kann schließlich auch wenig ausgeben. Bedacht werden muss, dass sich das Haushaltseinkommen, was für die Frage der Armut entscheidend ist, häufig aus mehreren Quellen speist. Zu dem Einkommen aus einem Niedriglohnjob kommt häufig das Einkommen eines Partners hinzu. Erwerbseinkommen aus Niedriglohnbeschäftigung hat oft nur ergänzenden Charakter für das gesamte Haushaltseinkommen. Im Ergebnis ist nicht einmal jeder sechste Niedriglohnempfänger gleichzeitig auch arm. Die Armutsquote der Niedriglohnempfänger von 16 Prozent ist zwar höher als die der Normalverdiener. Sie ist aber erheblich niedriger als das Armutsrisiko der Arbeitslosen, die auf eine Quote von 60 Prozent kommen. Wer mit einen Niedriglohnjob aus der Arbeitslosigkeit herauskommt, verbessert seine soziale Lage in der Regel deutlich.


Weitere Informationen zur Studie finden Sie hier

  • Autor

    Holger Schäfer

    ist Arbeitsmarktexperte beim Institut der deutschen Wirtschaft Köln (IW),

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  • Komisch, dass Arbeitsvolumen ist gesunken zwischen 2000-2009, die Vollzeitstellen sind auch um 2 Millionen gesunken, die Gesamtbeschäftigten sind um 0.8 Millionen gestiegen. Die Teilzeitstellen sind um 3 Millionen gestiegen. Wenn man Normalverdiener als
    “(mit Bruttostundenlöhnen oberhalb der Geringverdienergrenze)”
    definiert dann man zwar zeigen, dass die Zahl darüber etwa gleich geblieben ist. Das heißt alles über 400 Euro Monatsverdienst ist laut INSM schon normal. Ich weiß nicht in wie weit dort noch mit Hilfe von Kombilöhnen gefördert wird, allerdings sollte der Normalbereich dort anfangen, wo Förderungen durch den Staat nicht mehr notwendig sind. Dann sieht die Statistik deutlich schlechter aus.

    http://doku.iab.de/grauepap/2011/tab-az10.pdf

  • Surp

    Mich würde mal wirklich interessieren:

    wieviele Menschen über 18 Jahre über ein Nettoeinkommen von mindestens 1200 Euro verfügen incl. Rentnern etc..

    Kinder sollte man mit mindestens 500 Euro ansetzten, also eine Familie mit 2 Kindern müsste dann über ein Nettoeinkommen von 3400 Euro verfügen.

    Ich glaube das Ergebnis würde sehr nachdenklich stimmen.

    Des Weiteren würde mich mal interessieren, wieviel Geld indirekt in die Schaffung von Erwerbsarbeitsplätzen fließt, sei es duch Gesetze, Subventionen, sinnlose Bildung etc..

    Das Ergebnis ist glaube ich erschreckend.

    Alle Modelle, die die Probleme unserer Zeit lösen könnten, stellen indirekt ein Kombilohn-Modell dar. Es gibt einfach bei weitem nicht genug produktive Arbeitsplätze, die ein ausreichendes Einkommen ermöglichen würden. Außerdem kann man dann schnell feststelllen, dass es mittelfristig weder ein demografisches Problem noch einen Fachkräftmangel geben kann. Allein diese Feststellung wäre schon hilfreich genug und würde wieder ein paar unproduktive Menschen freisetzten.

    Allein wenn ich sehe wieviele Menschen sich mit sinnlosen Statistiken und Problemen beschäftigen, die wir niemals hätten, wenn wir (bzw. sie) sie nicht einfach erfunden hätten. Allein diese bescheurte Forsa-Umfrage wie die Deutschen wählen würden, wofür welchen Sinn soll die machen?

  • Markus

    Folgende Info habe ich heute in der zeitung gelesen:

    Jeder Vierte im Niedriglohnbereich steigt in eine höhere Einkommensklasse auf. Insofern ergänze ich hier den Beitrag mit der These, dass dieser Sektor auch für eine Qualifizierung dient und damit eine Einstiegschance beinhaltet.

  • Surp

    Mal ne Gegendarstellung:

    http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,783355,00.html

    Schon wieder von beiden Seiten soviel verschwendete Zeit und Geld, aber naja.

  • Markus

    SURP, es ist die rhetorische Kunst, aus einem Aspekt zwei Seiten ableiten zu können. Dann kann man auch in der Opposition streiten, obgleich beide dasselbe meinen. Tja, so kommunizieren täglich unsere Politiker. Diskutieren über Nonsens.

    Aber der Beitrag ist sehr typisch für den Spiegel – ohne dies qualitativ zu werten. Aber auch nur eine Ergänzung.

    Aber wir sind bei der alten Diskussion: Sind 9,50 Euro Stundenlohn viel oder wenig? Wenn die Antwort lautet “kommt darauf an”, dann ist die gesamte Statisik hinfällig. Ergo SURP: Verschwendete Zeit.

  • Surp

    @ Markus

    INSM: Marktradikal (nicht ernsthaft neoliberal) und Besitzstandswahrend
    Spiegel: Gewerkschaftsnah und damit auch Beitzstandswahrend

    Für mich spielen beide Meinungen keine große Rolle, jede Seite verachtet Menschen und denkt nur an ihre Klientel.

    So ist leider unsere Welt, die Ideale die die westlichen Gesellschaften hatten, haben sie verkauft.

    Mein Vater (der nur einen Volksschulabschluss besitzt) hat gesagt, als der Staatssozialismus zusammenbrach, jetzt sind wir einem menschenverachtenden System ausgeliefert, da es kein anders mehr gibt. Dabei war er beim besten Willen kein Sozialist, er hat aber die Konsequenzen extrem früh erkannt.

  • Markus

    @ Surp
    Welche Ideale der westlichen Welt meinen Sie hierbei?

  • Surp

    Freiheit, gesellschaftliche Teilhabe (Wohlstand) und Frieden, das ist kein linker Spruch.

    Ich finde derzeit steht nichts anderes auf dem Spiel als die Demokratie an sich, sie wird von innen ausgehölt.

  • Markus

    Sind diese Ideale noch zeitgemäß?
    Welche Werte sind denn heute wichtig?

    ich denke, es hat sich doch schon einiges geändert, und nichit alles muss gleich negativ sein. der Spruch “früher war alles besser” ist grausam und rückständig. Vielleicht definiert die Mehrheit neue Werte, welche unserm Ideal nicht entsprechen.

    Das Problem mit der Demokratie ist allgegenwärtig, und ein ernstes Problem. Die MAsse langweilt sich und ist desinteressiert – siehe Wahlbeteiligungen. Aber das liegt an der Unglaubwürdigkeit, am Lobbyismus und der Müdigkeit der Bürger. Es fehlen aber auch fähige Politiker, echte Charakterköpfe. Stoiber ist eine der letzten gewesen (egal welche Inhalt, die Person ist als Politiker gut).

  • Surp

    @ Markus

    Wieso sind diese Werte rückständig?

  • Markus

    @ Surp
    das hab ich nicht behauptet, sondern lediglich angemerkt, dass auch Werte wechseln können. Und wenn wir von Werteverfall sprechen, dann sagen wir damit auch gleicvhzeitig, dass die heutige Gesellschaft ohne Werte lebt. Aber so ist es ganz und gar nicht, sondern die Werte haben sich geändert. Was vor 20 Jahren wichtig erschien, ist heute eben unwichtig. Und warum sollte dies falsch sein. Vielleicht werden dei werte auch anders definiert: zB Freiheit. Heute sieht man eher die persönliche Freiheit. Und will dies auch durchsetzen (stark abnehemde Zahl der Eheschliessungen), Wohlstand (der Jugend ist der Führerschein wesentlich unwichtiger als vor 20 Jahren), usw.

    Werte sind m.E. individuell zu definieren. Einen Wert kann man nicht verkaufen, denn in genau diesem Moment ist es keiner mehr. Dann ist der Wert der Kapitalismus.