Wenn keine Notwendigkeit für ein Gesetz besteht, besteht die Notwendigkeit, kein Gesetz zu erlassen. Baron de Montesquieu, 1689 - 1755, französischer Schriftsteller und Staatstheoretiker

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Wird Deutschland immer ärmer?

Armutsschwellen im europäischen Vergleich

Schlechte Nachrichten sind in den Medien oft gute Nachrichten. Dies gilt umso mehr für Themen, die persönliche Betroffenheit auslösen. So ist es auch kein Wunder, dass der aktuellen Armutsstudie der Paritätischen Wohlfahrtsverbände hohe Aufmerksamkeit sicher war – erweckt sie doch den Eindruck, Deutschland wäre ein verarmtes und weiter verarmendes Land. Letzteres widerlegt dabei die Studie selbst. Denn im Zeitraum von 2005 bis 2007, also während der Kernjahre des vergangenen Aufschwungs – ist die dort ausgewiesene Armutsquote leicht zurückgegangen, und zwar im Osten merklich stärker als im Westen.

Was ist Armut aber überhaupt? Der Bericht setzt sie mit relativer Einkommensarmut gleich, definiert also jeden als arm, der weniger als 60 Prozent des Einkommensmedians (Wert in der Mitte der Einkommensrangliste) verdient. Damit wird aber lediglich ein recht spezielles Maß von Einkommensungleichheit definiert. Armut hat aber weit mehr als diese eine Facette. Denn die Europäische Kommission definiert eine Person nur dann als arm, wenn Ressourcenmangel auch tatsächlich dazu führt, dass nur ein unzureichender Lebensstandard erreicht werden kann.

Was als unzureichend empfunden wird, ist von Land zu Land verschieden und wandelt sich mit der Zeit. Es zeigt sich aber, dass über viele Merkmale materieller Entbehrung (Deprivation) in der EU ein breiter Konsens herrscht. Und hier ist der Grad der Deprivationsarmut international stärker mit dem Einkommensniveau korreliert als mit der relativen Einkommensarmut. Das gleiche gilt für die subjektiv empfundene Armut. Armutsvermeidungsrelevant ist es daher nicht zuletzt, die Wachstumskräfte zu stärken – am besten über eine höhere Erwerbsbeteiligung und eine bessere Bildung. Denn die Möglichkeit zu haben, sich durch einen Job persönlich einzubringen, ist bereits für sich genommen ein wichtiges Element sozialer Teilhabe.


Zur Grafik: Nach dem Bericht des pariätischen Wohlfahrtsverbandes gilt derjenige als arm, der weniger als 60 Prozent des Einkommensmedians verdient. In Deutschland lag die Armutsschwelle im Jahre 2006 bei 10.624 Euro.

In der Online-Ausgabe der Welt kommentiert Michael Fabricius den Armutsbericht des paritätischen Wohlfahrtsverbands.

  • Autor

    Christoph Schröder

    ist Senior Researcher beim Institut der deutschen Wirtschaft Köln.

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  • chriwi

    Ich denke es sind 60% des Einkommend des Medians der Gesamteinkommen. Beim Mittelwert würde es noch deutlich schlechter aussehen, aber es würde die Sicht aber auch verzerren. Sicher ist die Definition der Armut sehr schwer zu greifen, vor allem in einem hochentwickelten Land. Aber wenn immer Menschen darauf angewiesen sind zur Tafel zu gehen, weil das Geld nicht für die Lebensmittel reicht kann man denke ich schon von Armut reden. Hinzu kommt, dass es noch eine andere Seite gibt. Nicht nur die Armen haben weltweit gesehen ein hohes Niveau, sondern auch das Land. Um so erbärmlicher ist es, dass man armen Kindern keine kostenlosen Schulbücher, kein kostenloses Studium, etc. ermöglicht. Es wird zwar von Bildung geredet und dennoch wird dort auf Kosten der ärmeren Bevölkerung gespart. Wer studiert schon, um hinterher Schulden zu haben. Die Ressourcen für eine gezielte Hilfe sind da in diesem Land im Gegensatz zu ärmeren Ländern. Aber hier wird von denen die viel haben gerne und offen gemauert.

  • Peterson

    Die Frage “Wird Deutschland immer ärmer?” lässt sich für Ökonomen auch ohne diese Studie beantworten: Handels- und Zahlungsbilanzüberschuss bedeuten, dass Deutschland mehr produziert als konsumiert, und diese Differenz zukünftig als Sparkapital und als Forderung gegenüber dem Ausland besitzt. (Hinzurechnen muss man dann noch die Änderung des Kapitalstocks).

    Nun ist es aber so, dass die Banken mit dem Sparkapital in so Dinge wie Lehmanzertifikate oder amerikanische Subprimeanleihen investiert haben. So wird Deutschland um diesen verspekulierten Betrag ärmer. Dieser Effekt ist aber bisher nur bedingt beim Deutschen Michael angekommen, weil zwischen Forderungen auf der Aktivseite der Banken und der Verbindlichkeiten der Kunden (gleich deren Vermögen) noch ein Strich ist, der diese Transmission und damit die Wahrnehmung noch verhindert.

    Die Frage, die die Armutsstudie beantwortet, ist eher, wie in den guten Zeiten der erwirtschaftet Exportüberschuss in der Bevölkerung verteilt worden ist, bzw ob bestimmte Bevölkerungsgruppen nicht nur prozentual weniger beteiligt worden sind, sondern möglicherweise sogar sinkende absolute Anteile bekommen haben.

  • spieker

    Die Studie zeigt vor allem, dass die Armut von 2005 bis 2007 abnimmt – wie immer im Aufschwung. Aber diese Botschaft passt dem Paritätischen Wohlfahrtsverband offenbar nicht, denn in der Presse berichtet er das Gegenteil. Die Wohlfahrtsverbände veröffentlichen schon lange Armutsberichte, wonach es den Deutschen Jahr für Jahr immer schlechter geht. Das ist perfekte Lobbyarbeit, denn schließlich lebt so ein Verband davon, dass die Politik Geld locker macht. Das Medienbild von der steigenden Verarmung hilft dabei. Wir sollten darauf nicht mehr reinfallen, sondern sehen, dass insgesamt der Wohlstand in D. stetig zugenommen hat. Mehr Geld für Hartz IV Empfänger ist übrigens keine Lösung. Langzeitarbeitslosen oder Problemfamilien ist damit nicht geholfen. Der Rundumbetreuungsstaat zwingt die Menschen in die Passivität, was der Betreuungslobby vielleicht ganz recht ist. Mit der Idee vom aktivierenden Sozialstaat waren wir da schon mal weiter.

  • chriwi

    @Spieker
    Du glaubst auch, dass man beim Stuhltanz die Musik nur oft genug ausmachen muss, damit jeder einen Sitzplatz findet. Sind keine vernünftigen Arbeitsplätze da bringt die Erhöhung des Drucks gar nichts. Von einem Rundumbetreuungsstaat sind wir weit entfernt. Wieso ein paar Euro für Hartz 4 keine Lösung ist, aber zig Milliarden für Banken schon verstehe ich nicht. Nach der gängigen Ideologie haben beide keine Leistung erbracht und somit auch faktisch keine kriegen.

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