Das Gut Freizeit hat den Vorteil, daß es steuerfrei ist - noch! Clemens August Andreae, 1929-1991, österreichischer Nationalökonom

- Wachstum

Gutes Leben ohne Wachstum? Woran die Degrowth-Debatte krankt

Ein Ende des Wachstums. Dies fordert eine Petition des Europäischen Umweltbüros. Den Wachstumsskeptikern schweben alternativ zum Wachstum viele gute und erstrebenswerte Dinge vor. Es sind komischerweise genau die Dinge, die bislang durch Wachstum erreicht wurden.

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Das Europäische Umweltbüro, ein Dachverband von über 140 Umweltorganisationen mit Sitz in Brüssel, hat eine Petition für ein Europa erstellt, das sich unabhängig vom Wirtschaftswachstum entwickelt. Über 80.000 Menschen haben bisher unterschrieben. Die Petition baut auf den Forderungen eines von über 200 „engagierten Sozial- und Naturwissenschaftler*innen“ verfassten Brandbriefs auf, der im Herbst in 15 europäischen Zeitungen veröffentlicht wurde, unter anderem auch in der Zeit unter der Überschrift „Schluss mit WachstumWachstumWachstum.“

Die kühne These lautet: „Um die sozialen Probleme in den europäischen Ländern zu lösen, brauchen wir heute kein weiteres Wachstum. Was wir brauchen, ist eine gerechtere Verteilung der Einkommen und des Reichtums, den wir bereits haben.“ Sie stützt sich auf zwei Überlegungen. Erstens sei Wachstum schlecht, weil „in permanenter Konkurrenz zu den Zielen von Natur-, Tier- und Umweltschutzpolitik“. Zweitens sei Wachstum auch verdammt schwierig geworden, weil die Produktivitätszuwächse abnähmen, die Märkte gesättigt und die Umwelt geschädigt seien. „Wenn sich diese Trends fortsetzen“, so die Prognose der Autoren, „könnte es absehbar innerhalb des kommenden Jahrzehnts in Europa überhaupt kein Wachstum mehr geben.“

Wenn das Wachstum dauerhaft erlahmt, dann wohl am ehesten, weil die EU sich von der beliebten Wachstumsskepsis noch mehr inspirieren lässt, als sie das ohnehin schon getan hat.

Man fragt sich: Wenn in ein paar Jahren das Wachstum ohnehin endet, warum dann noch eine Petition, die von der EU fordert, eine Postwachstumssonderkommission einzurichten, den Stabilitäts- und Wachstumspakt in einen „Stabilitäts- und Wohlstandspakt“ umzuwandeln und ein Ministerium für wirtschaftliche Transformation in jedem Mitgliedstaat einzurichten? Weil Wachstum, wenn man es nicht bekämpft, noch eine große Zukunft hat. Denn weder gibt es einen grundsätzlichen Konflikt zwischen Wachstum und Umweltschutz, noch kommt das Wachstum quasi natürlich zum Erliegen, weil genug Reichtum für den Rest der Zeit da wäre. Wenn es dauerhaft erlahmt, dann wohl am ehesten, weil die EU sich von der beliebten Wachstumsskepsis noch mehr inspirieren lässt, als sie das ohnehin schon getan hat.

Der Brandbrief kritisiert, die EU halte weiter am Wachstumsideal fest und propagiere lediglich „nachhaltiges“, „grünes“ oder „inklusives“ Wachstum. Doch das ist schon ein klarer Schritt in Richtung Postwachstum und müsste daher eigentlich von den Degrowthern gewürdigt werden. Die EU tut schon genug, um Produktivitätssteigerungen zu erschweren.

Wachstum und Fortschritt bedingen sich gegenseitig

Den Wachstumsskeptikern schweben viele gute und erstrebenswerte Dinge vor. Es sind komischerweise genau die Dinge, die bislang durch Wachstum erreicht wurden: Unser Leben ist sicherer, der Lebensstandard ist höher, die Umwelt in besserem Zustand, die Ressourcennutzung effizienter, die soziale Sicherung und die Gesundheitsversorgung umfassender, das Bildungsniveau höher und Armut seltener. Vor 200 Jahren lebten 94 Prozent der Menschen in extremer Armut, heute sind es weniger als 10 Prozent. Wir arbeiten weniger und unsere Jobs sind weniger hart als früher. Und in Ländern mit hohem Wachstum erfolgen all diese Verbesserungen schneller als in solchen mit geringem Wachstum. Mit wachsendem Wohlstand geht überall auf der Welt wachsender Umwelt- und Naturschutz einher.

Der Motor des Wachstums ist technologischer Fortschritt. Und da es für diesen Motor prinzipiell keine Grenzen gibt, gibt es auch keinen Grund anzunehmen, Wachstum müsste irgendwann enden. Vor allem wenn man sich klarmacht, dass genau dieser Motor dafür sorgt, dass Wachstum effektiv von Naturverbrauch entkoppelt werden kann. Die einzige natürliche Ressource, die wir tatsächlich verbrauchen, sind fossile Energieträger. Das wird irgendwann enden, weil wir über Alternativen verfügen, die es erlauben, sehr viel mehr Energie auf andere Weise zu gewinnen. Insbesondere durch Nukleartechnik und in gewissem Maße auch durch erneuerbare Energien, die allerdings unvermeidlich in relativ hohem Maße die zweite endliche Ressource beanspruchen, nämlich Fläche (zumindest solange wir mit der Solarenergie nicht in den Weltraum expandieren). Alle anderen Ressourcen werden nicht ver-, sondern gebraucht, und der technologische Fortschritt wird in dieser Hinsicht mittelfristig eine sehr weitreichende Kreislaufwirtschaft ermöglichen.

Der durch das Wachstum erzielte Reichtum ermöglicht es, wissenschaftlichen und technologischen Fortschritt aufrechtzuerhalten und so weiteres Wachstum zu ermöglichen. Und selbstverständlich werden wir auch der großen Herausforderung des Klimawandels sehr viel besser mit den Technologien begegnen können, die wir heute haben (weil wir nicht auf die Wachstumsskeptiker vor 20, 50, 100 oder 200 Jahren gehört haben) und die wir in Zukunft entwickeln werden, wenn wir hoffentlich nicht vollständig mit der Verteilung des Vorhandenen beschäftigt sein werden.

Wir brauchen Wachstumspolitik. Aber für gute Wachstumspolitik ist auch ein Punkt wichtig, den die Degrowth-Bewegung anspricht, aber nicht sauber von anderen Ideen trennt. Wachstum sollte in erster Linie technologischer Fortschritt und Produktivitätssteigerung bedeuten. Das Maß ist damit nicht notwendig das Bruttoinlandsprodukt (BIP. Der britische Energie-Spezialist Michael Liebreich schreibt in seinem lesenswerten Aufsatz „The Secret of Eternal Growth“ zurecht: „Es sei darauf hingewiesen, dass die Ablehnung des Arguments gegen das Wachstum nicht dasselbe ist wie die Annahme, dass das BIP die einzige oder sogar die beste Metrik für das menschliche Wohlergehen ist. Das BIP ist ein neutrales Maß für die wirtschaftliche Aktivität.“ Das BIP ist ein wichtiges Maß, und wir müssen alarmiert sein, wenn das BIP-Wachstum sinkt. In erster Linie sollten wir uns allerdings in der Wachstumspolitik an Technologie- und Produktivitätsentwicklung orientieren.

Degrowth als Top-Down-Bewegung

Bezeichnend  für das Demokratieverständnis der Postwachstumsfreunde ist die Idee, die EU möge dafür sorgen, dass in jedem Mitgliedstaat ein „Ministerium für wirtschaftliche Transformation“ eingerichtet werde. Das ist ein doppelter Top-Down-Ansatz. Erstens sagt uns nun die EU, welche Ministerien wir haben sollen, und zweitens verordnet sie uns auch noch eines mit technokratischem Auftrag – „Transformation“ ist schon lange ein Lieblingsbegriff derer, die der Meinung sind, eine aufgeklärte Elite müsse unser Art zu wirtschaften und zu leben umkrempeln. (Nein, das war unfair. DIE EU macht das ja nicht. So weit ist es noch nicht. Die Petitionisten fordern es nur von ihr.)

Natürlich gibt es auch in einer Welt mit stetigem Wachstum viele Probleme, Irrwege und Herausforderungen. Aber man muss das Große und Ganze im Auge behalten und für das gilt: Das Ziel von Wachstum ist mehr Wohlstand für alle. Das Ziel von Postwachstum ist ein bisschen Wohlstand für alle.

Dieser Text erschien zuerst bei Novo

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  • Autor

    Thilo Spahl

    ist Diplom-Psychologe und lebt in Berlin. Er ist freier Wissenschaftsautor, Mitgründer des Freiblickinstituts und Novo-Redakteur.

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