Jede Ausgabe des Staates beruht auf einem Verzicht des Volkes. Ludwig Erhard, 1897-1977, deutscher Wirtschaftsminister, Bundeskanzler

- Europa

Bildung: MINT und internationale Mobilität stärken

Im Zuge von Digitalisierung und einem international intensiveren Forschungs- und Innovationswettbewerb steht die EU vor großen Herausforderungen. In den nächsten Jahren sollten zügig die Forschungsausgaben in der EU deutlich ausgeweitet werden. Hierzu ist auch eine Stärkung der so genannten MINT-Bildung in Europa nötig. Ferner sollten erfolgreiche Programme zur Internationalisierung der Bildung – wie das Erasmus-Programm – ausgeweitet werden. // (Hier finden Sie alle Folgen der Serie „Europa macht stark“.)

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Die EU hatte bereits im Jahr 2000 im Rahmen ihrer sogenannten Lissabon-Strategie vereinbart, die EU innerhalb von zehn Jahren, also bis 2010, zum wettbewerbsfähigsten und dynamischsten wissensgestützten Wirtschaftsraum der Welt zu machen. Hierzu sollten die Volkswirtschaften der EU 3,0 Prozent des BIP in Forschung und Entwicklung (FuE) investieren.

Im Jahr 2017 weist die EU aber lediglich 2,0 Prozent des BIP als FuE-Investitionen aus. Globale Konkurrenten investieren gemessen am jeweiligen BIP deutlich stärker in FuE wie Korea mit 4,6 Prozent oder Japan mit 3,2 Prozent. Die USA liegen bei 2,8 Prozent des BIP. China hat in den letzten Jahren die Forschungsausgaben sehr dynamisch gesteigert und übertrifft inzwischen sogar die EU mit einem BIP-Anteil der Forschungsausgaben von 2,1 Prozent. Deutschland liegt mit einer Quote von 3,0 Prozent zwar bereits auf Höhe der EU-Zielmarke, sollte aber als relativ forschungsstarke Volkswirtschaft Europas einen Wert über dem Durchschnitt erreichen. Die Bundesregierung bekennt sich folgerichtig zu einem 3,5-Prozent-Zielwert. Wichtig ist auf europäischer Ebene, dass das Forschungsprogramm Horizon Europe deutlich gestärkt wird. In Deutschland sollte eine nachhaltig und dauerhaft angelegte steuerliche FuE-Förderung eingeführt werden.

Ein internationaler Vergleich von Ausgaben für Forschung und Entwicklung und der Anzahl der Forscher gemessen an der Gesamtzahl an Erwerbstätigen zeigt einen linearen Zusammenhang von Forschungsausgaben und der Anzahl an Forschern. Rund 85 Prozent der Forscher haben eine MINT-Qualifikation.

Übertragen auf die Gesamtzahl an MINT-Erwerbstätigen in Forschungsabteilungen bedeutet dies, dass das FuE-Ziel zu einer Zunahme der Anzahl an MINT-Erwerbstätigen in Höhe von 220.000 allein für Deutschland führen würde. Auch andere EU-Staaten müssten entsprechend zusätzliche Forscher beschäftigen und die MINT-Qualifikationen stärken. Hierzu müsste die EU die Hochschulkapazitäten in MINT weiter ausbauen.

Langfristig wichtig ist es aber auch, MINT in den Schulen deutlich zu stärken. So erreichen die Schüler in der PISA-Studie 2015 in Mathematik in der EU im Durchschnitt nur 493 Punkte und in den Naturwissenschaften 495 Punkte. Damit liegt die EU hinter Japan mit 532 beziehungsweise 538 Punkten, Korea mit 524 beziehungsweise 516 Punkten und China mit 531 beziehungsweise 518 Punkten – der Rückstand entspricht etwa dem Lehrzuwachs knapp eines Schuljahres.

Damit die EU zu einem der wettbewerbsfähigsten Wirtschaftsräume werden kann, sollte langfristig die MINT-Bildung in Europa in den Fokus rücken. Die MINT-Profile der Schulen sollten gestärkt werden, MINT-Fächer ein höheres Gewicht in den Stundentafeln erhalten, europäische MINT-Wettbewerbe initiiert und ausgeweitet werden. Bei der Bildungspolitik sollte europaweit stärker von den besten Ländern gelernt und erfolgreiche Modelle umgesetzt werden. Positivbeispiele hierzu gibt es bei der Struktur der Bildungsfinanzierung für Schulen in den Niederlanden, zur digitalen Bildung in Estland, zur dualen Berufsausbildung in Deutschland.

Die Bologna-Reformen haben den europäischen Hochschulraum vereinheitlicht. Wichtig ist es, die Mobilität der Studierenden und anderer Bildungsteilnehmer in Europa zu erhöhen. Erasmus und das daraus entstandene Erasmus+ können mit Fug und Recht als europäische Erfolgsstory bezeichnet werden. Das übergeordnete Ziel von Erasmus+ besteht darin, das Engagement der Mitgliedsländer für eine gut ausgebildete Bevölkerung zu unterstützen. Gut die Hälfte der Erasmus-Mittel wird für die grenzüberschreitende Mobilität von Schülern, Studenten, Dozenten und Professoren aufgewendet, der Rest wandert in Kooperationsprojekte. Zum Programm-Portfolio von Erasmus+ zählen neben Förderangeboten im Bereich der Hochschulbildung auch Angebote in der beruflichen Aus- und Weiterbildung, der Schulbildung, der Erwachsenenbildung sowie für Jugend und Sport.

Im Etat von Erasmus+ sind für den Zeitraum zwischen 2014 und 2020 insgesamt 18,2 Milliarden Euro vorgesehen. Der Bedarf an Mitteln ist jedoch größer als das vorhandene Budget – in Deutschland kamen in der jüngsten Vergangenheit nur jeder zweite interessierte Student und Hochschulmitarbeiter in den Genuss eines Erasmus-Stipendiums. Daher sollten die Mittel für den Zeitraum nach 2020 deutlich erhöht werden, um eine weitere Stärkung der Mobilität und damit des Voneinanderlernens innerhalb Europas zu ermöglichen.

Alle Folgen der Serie „Europa macht stark“ lesen.

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  • Autor

    Prof. Dr. Axel Plünnecke

    ist stellvertretender Leiter des Wissenschaftsbereichs Bildungspolitik und Arbeitsmarktpolitik und Leiter des Kompetenzfelds Humankapital und Innovationen beim Institut der deutschen Wirtschaft.

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