Gewinn ist so notwendig wie die Luft zum Atmen, aber es wäre schlimm, wenn wir nur wirtschaften würden, um Gewinn zu machen, wie es schlimm wäre, wenn wir nur leben würden, um zu atmen. Hermann Josef Abs, 1901-1994, deutscher Bankier, Vorstandssprecher der Deutschen Bank AG (1957-1967)

15 Soziales

Von wegen arme Kinder: Wie die OECD auf Deutschland schaut

Eine aktuelle Studie der OECD räumt mit einer ganzen Reihe liebgewonnener Allgemeinplätze wohlfahrtsstaatlicher Politik auf. So enttarnt das Schwerpunktthema „How’s Life for Children?“ im diesjährigen “How’s Life“-OECD-Bericht so manches lang gepflegte Jammertal als Garten Eden.  Das heißt nicht, dass hierzulande alles im Lot wäre. Das liegt aber gerade auch daran, dass uns die allgegenwärtigen paternalistischen Schimären blenden und den politischen Diskurs an den falschen Stellen binden.  (mehr …)

1) Das ewige Spiel mit der relativen Armut

Alle Jahre wieder – meistens mehrmals – inszeniert der Paritätische Wohlfahrtsverband die Tragödie der aufklaffenden Armutsschere, stets verbunden mit Forderungen nach massiven Ausweitungen des Sozialstaates wechselweise zu Gunsten von Arbeitslosen, Alten oder eben Kindern. Von „skandalös hoher“, „dramatischer“ oder „verheerender“ Kinderarmut wird da Jahr für Jahr gesprochen, auf „Rekordniveau“ oder gar in „historisch neuen Dimensionen“. Zuletzt, im Frühjahr dieses Jahres, hieß es, „Kinderarmut ist in Deutschland ein Massenphänomen“. Vor dem geistigen Auge sieht man nachgerade die Lumpenbanden durch Dickens’sche Szenarien geistern und rußgeschwärzte Knirpse aus engen Minenstollen kriechen.

Um die Wirklichkeit zu sehen, könnte man eine Smartphone-Kontrolle in den Hauptschulen der Republik durchführen oder man schaut sich eben einmal den Vergleich mit den anderen Industrienationen auf diesem Globus an. Der Anteil der Kinder, die in Haushalten leben müssen, die beim verfügbaren Haushaltseinkommen relativ schlechter gestellt sind – weniger als 50 Prozent des Medians der Gesamtbevölkerung haben – ist nur in Dänemark, Finnland, Norwegen, Island und Schweden noch geringer. Nachdem Deutschland gleichzeitig beim absolut verfügbaren Haushaltseinkommen pro Kind im oberen Drittel der OECD-Skala liegt, lösen sich die schwarzgemalten Rauchschwaden über Nimmerland schlagartig auf. Nur sehr, sehr wenige Kinder sind irgendwo oder waren irgendwann materiell besser gestellt als unsere heute.

2) Die Mär von der verlorenen Kindheit

Keine bildungspolitische Diskussion, bei der nicht jemand mit Verve den überbordenden Leistungsdruck, dem unsere Kinder heutzutage angeblich ausgesetzt wären, beklagt. Auf der Suche nach „Schulstress“ bekommt man bei Google 189.000 Treffer („Schulschlaf“ bringt nur 728 Links – wobei nach täglich durchschnittlich über fünf Stunden Bildschirmmedien-Konsum gewiss Tag für Tag mehr müde in der Schule hängen, als Stress haben).

Nachdem inzwischen Heerscharen von Psychotherapeuten ihr Brot erwerben müssen, ist der simple Leistungsdruck inzwischen selbstredend zum Burn-out mutiert. Da meinte etwa ein Professor für Jugend-Psychiatrie unlängst im ZEIT-Interview, „Schüler müssen heute ein unglaubliches Arbeitspensum bewältigen“, und schwadronierte von einer „durchökonomisierten Gesellschaft“ in der gilt: „wer nicht leistet, hat verloren“. Aha. Tja, was auch sonst, oder? Das real existierende Schlaraffenland hat noch keiner eingerichtet.

Unsere Kinder und Jugendlichen tangiert es jedenfalls nicht. Unter allen OECD-Staaten fühlen sich die deutschen Schüler von Schularbeiten am allerwenigsten unter Druck gesetzt. Sie empfinden fast dreimal weniger Stress als der OECD-Durchschnitt. Und sie fühlen sich mehrheitlich pudelwohl in unseren Schulen. Nur die norwegischen und isländischen Schüler mögen die Schule mehr als die deutschen.

3) Keine Chance

Gerade in Steuerdebatten mimen die Kollektivsten in den unterschiedlichsten Lagern gerne den Bildungs-Robin-Hood, schürzen eine Zweckbindung der Steuern vor und wollen es den Reichen nehmen, um es unter den Bildungsarmen auszuteilen. Im Namen der Chancengerechtigkeit. Selbst drei Verfassungsrichter versteigen sich in einem Sondervotum zum Erbschaftsteuerurteil vom 17.12.2014 zu der Aussage: „Die Erbschaftsteuer ist ein Beitrag zur Herstellung sozialer Chancengleichheit“. Eine  leichtfertig in den Mund genommene Formulierung. Denn ohne ein totalitäres Regime wird sich etwas, das von Natur aus unterschiedlich ist, nicht egalisieren lassen. Die Kindererziehung durch die leiblichen Eltern wäre unter solchen Prämissen zum Beispiel undenkbar. Da könnten sich ja tatsächlich noch einige darum kümmern wollen, dass es ihre Nachkommen mal zu was bringen.

Und dann kommt in einer freien Gesellschaft noch ein Momentum dazu, das in allen wohlfahrtsstaatlichen Träumen ganz unterschlagen wird: Zum „Chancen geben“ muss das „Chancen wahrnehmen wollen“ dazukommen, damit eine Erfolgsgeschichte daraus wird. Und beim „Chancen geben“ brauchen wir uns nicht in die Ecken stellen lassen. Die Rate der Jugendlichen im Alter von 15 bis 19 Jahren, die nicht zur Schule gehen oder in einer Ausbildung sind, ist die geringste in der ganzen OECD. Und nachdem unsere PISA-Ergebnisse durchweg überdurchschnittlich sind, wird in diesen Schulen schon auch ein bisschen was vermittelt und unsere duale Berufsausbildung genießt Weltruhm. Wenn da noch etwas nötig sein sollte, dann ist es individuelles Streben nach Unabhängigkeit. Und das ist keine Frage von staatlichen Finanzen, sondern ein Frage der Freiheit, die einem gelassen wird, um sich selbst zu bewähren.

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  • Axel Sänger

    Armut gibt es immer dann, wenn zugleich auch die Ansprüche mitgeliefert werden, die der Mensch – angeblich – haben muss. Wenn man genau hinsieht, dann geht es mehr darum, dass junge Menschen die Möglichkeiten, die in ihnen selbst stecken, wieder entdecken müssen. Wer kann als Schüler überhaupt noch singen, ohne dabei gleich teure Instrumente oder ein Aufnahmestudio im Sinn zu haben? Die Laienchöre klagen über den Mangel an Nachwuchs-Sängern. Wer das alles zu “altbacken” findet, der sollte sich danach fragen, ob er nicht gerade aktiv seine Menschwerdung verpasst. Kinder und Jugendliche sollen wieder lernen, miteinander zu sprechen, statt sich – in dem selben Bus sitzend – einander E-Mails zuzusenden, an deren Texten das Sprachgefühl verkommt. Lasst uns erst einmal das alles lösen, dann wollen wir sehen, wer noch darüber nachdenkt, arm zu sein.

  • JeanFairtique

    Ach du Herrje, ein Unternehmer erklärt die Armut… vielleicht wären etwas mehr statistische Zahlen zum Wohlfühlen besser gewesen?
    Trotz sprudelnder Steuereinnahmen und Rekordbeschäftigung droht 16,5 Millionen Menschen in Deutschland die Armut. Von 2013 bis 2014 ist die Zahl um 300 000 gestiegen, berichtete das Statistische Bundesamt. 300.000 mehr als im Vorjahr. Sozialverbände sprechen von einem Verteilungsskandal. Im vergangenen
    Jahr lag der Anteil der Betroffenen an der Gesamtbevölkerung bei 20,3 Prozent. Die Daten
    stammen aus der Erhebung „EU-SILC“. Als armutsgefährdet liegt der Schwellenwert laut EU-SILC 2014 für eine alleinlebende Person bei 987 € im Monat. (Beim Mikrozensus
    lag die Einkommensgrenze für Singels bei 917 € monatlich. Die Differenz erklärt sich durch methodische Unterschiede so Destatis).
    In die SILC-Armutsstatistik fließt auch das Kriterium „erhebliche materielle Entbehrung“
    ein. Davon sind fünf Prozent der Menschen in Deutschland nach ihrer eigenen Einschätzung betroffen. Sie gaben in dem Fragebogen unter anderem an, Probleme mit der Bezahlung von Miete oder Rechnungen zu haben oder sich keinen einwöchigen Urlaub im Jahr leisten zu können.
    Was der Staat verschweigt: Ende Oktober jubelte man die Arbeitslosigkeit auf ein »neues Rekordtief von nur noch 2,65 Mio. Betroffenen«… gab BA-Chef Weise (der mit der
    Pinocchionase) bekannt. Auf die Zahl kam die Behörde wieder einmal durch eine „spezielle“ Auslegung des Begriffs »arbeitslos«. Das offenbart eine nun veröffentlichte Studie des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB). Von sinkender Erwerbslosigkeit und Armut kann demnach nicht die Rede sein. Laut IAB beziehen derzeit gut 6,1 Millionen Menschen Hartz IV. Das sind etwa genauso viele wie 2012… Von
    den rund 4,4 Millionen »erwerbsfähigen Hilfebedürftigen« waren in den vergangenen beiden Jahren 3,1 Millionen Menschen mindestens 21 Monate auf HartzIV angewiesen. Die »Langzeitleistungsbezieher« sind nicht alle erwerbslos, sondern erhalten oft so wenig Lohn, dass sie aufstocken müssen. Hinzu kommen 7,37 Mio. Minijobber, Tendenz steigend. Zugleich weist die BA aktuell 600.000 offene Stellen aus. Deren Qualität benennt sie nicht. Die 1,6 Millionen, die mittlerweile zur Tafel müssen, laufen dann wahrscheinlich unter dem Deckmantel “Fröhliches Beisammensein”…

  • Gerd Maas

    Bei unserer relativen Armutsdefinition ist unabhängig vom Niveau immer ein erklecklicher Anteil der Bevölkerung, den man arm nennt, garantiert. Die entsprechenden Verlautbarungen der Sozialverbände sind daher mehr als scheinheilig – freilich: trommeln gehört zum Geschäft, aber die Wohlfahrtsverbände gehen da m. E. deutlich zu weit (siehe dazu auch: http://blog.insm.de/8856-schaffen-wir-die-relative-armut-ab/). — Langzeitsozialleistungsbezieher sind vorwiegend ohne Schulabschluss, mit Migrationshintergrund oder Alleinerziehend. Das macht die Sache nicht besser, erklärt aber einiges. Mit solcher Einsicht wird es auch deutlich schwieriger dieses Problem dem “System” anzulasten und rückt zumindest teilweise die Eigenverantwortlichkeit für die gegebene Situation wieder mehr in den Vordergrund. — Minijobs einfach als große Zahl in eine Armutsdiskussion mit reinzuwerfen ist sehr billige Meinungsmache. — Und was die Tafeln betrifft, erlaube ich mir die Frage, ob da nicht auch vielerorts das Angebot die Nachfrage schafft?

  • “Bei unserer relativen Armutsdefinition ist unabhängig vom Niveau immer
    ein erklecklicher Anteil der Bevölkerung, den man arm nennt, garantiert.”

    Das ist falsch, da sich die Armutsdefintion auf das Medianeinkommen und nicht auf das Durchnittseinkommen bezieht. D.h. wenn die unteren 50% ihr Einkommen näher an den Median bringen, gibt es weniger relative Armut.

    Auch ansonsten haben sie die Idee der relativen Armut nicht im Ansatz verstanden.
    “Nachdem Deutschland gleichzeitig beim absolut verfügbaren
    Haushaltseinkommen pro Kind im oberen Drittel der OECD-Skala liegt,
    lösen sich die schwarzgemalten Rauchschwaden über Nimmerland schlagartig
    auf. ”
    Das absolute Einkommen muss mit den “absoluten” Ausgaben, sprich den Lebenshaltungskosten, in Relation gesetzt werden. Erst dann ist eine Aussage, ob es viel oder wenig ist möglich. Davon abgesehen sollte man sich die Frage stellen, ob man toll ist weil man “nur” 15% armutsgefährdeter Jugendlicher hat und es in anderen Ländern noch viel schlimmer ist. Im Grunde zeigt dies die Absurdität unserer Gesellschaft auf. Zum Einen jammern wir, dass wir mehr Nachwuchs brauchen, weil wir sonst “aussterben”. Andererseits wachsen 15 von 100 Kindern in Armut auf und deren Potentiale werden nie voll genutzt werden.

    “Nur sehr, sehr wenige Kinder sind irgendwo oder waren irgendwann materiell besser gestellt als unsere heute.”
    Das Problem ist, dass Menschen vergleichen. D.h. ist die Ungleichheit hoch, dann steigen die sozialen Spannungen und daraus resultierend der Stress. Kinder haben ein Smartphone. Ein großartige Erkenntnis. Haben sie keins werden sie in der Schule gemobbt, weil sie arm sind. Hartzer ist ein Schimpfwort unter Kindern. Soll heißen, relativ ärmere Kinder leiden sehr wohl unter der relativen Armut, auch wenn sie vielleicht satt sind. Weiterhin sind gute Lebensmittel teuer. D.h. Kinder aus relativ armen Haushalten bekommen im Durchschnitt schlechtere Nahrungsmittel. Das betrifft viele Kinder ~30% Abb.4.8

    “Und was die Tafeln betrifft, erlaube ich mir die Frage, ob da nicht auch vielerorts das Angebot die Nachfrage schafft?”
    Genau. Das Angebot ist da, weil die Menschen von den Sozialleistungen nicht leben können. Gut erkannt.

    Ein letzter Punkt.
    “Die Erbschaftsteuer ist ein Beitrag zur Herstellung sozialer
    Chancengleichheit“. Eine leichtfertig in den Mund genommene
    Formulierung. ”
    Ist es nicht. Im Grundgesetz steht, dass Eigentum verpflichtet und das wir in einem Sozialstaat leben. D.h. die starken Schultern sollen mehr tragen.
    Und diefolgende Aussage ist auch falsch
    “Denn ohne ein totalitäres Regime wird sich etwas, das von
    Natur aus unterschiedlich ist, nicht egalisieren lassen. ”
    Es geht nicht darum alle gleich zu machen, sondern gleicher. In den USA wurde eine Umfrage gemacht die verdeutlicht was Menschen wollen, wie sie denken wie es ist und wie es tatsächlich ist

    https://www.youtube.com/watch?v=QPKKQnijnsM

    In Deutschland würde es ähnlich aussehen.
    So oder so, wer oben steht kann prima runter schauen. Vielleicht sollten sie mal mit Menschen reden die zur Tafel gehen, vielleicht sollten sie mit armen Kindern reden. Dann können sie sich eine Meinung bilden und die Statistik einordnen. Es ist eine Sache mit anderen Ländern zu vergleichen. Allerdings ist immer die Frage ob es uns gut geht, wenn es immer noch sehr vielen Menschen schlech geht (halt nur weniger Menschen als in anderen Ländern.)

  • JeanFairtique

    Alles schön recht und gut. Aber offensichtlich wird ja hier “gebloggt” frei nach der Devise: Was interessieren mich Fakten, ich habe meine eigene Meinung!

  • JeanFairtique

    Seltsam nur, dass wir die eine Million von Langzeitsozialbezieher schon seit Jahrzehnten haben… lief früher unter Sozialhilfe. Allerdings muss man dann schon fragen, was ist mit den anderen 15,5 Millionen Abgehängten, die gerade bis zu 917 Euro im Monat zur Verfügung haben? Da bleiben nach Miete, Strom, Krankenkasse und weiteren unabdingbaren Kosten gerade mal vielleicht 250 Euro im Monat…
    Lustig wird es eher, wenn man weiß, dass in D mittlerweile über 135 Milliardäre und weit über 1.100.000 Millionäre gibt. Die Zahl steigt schneller. als die Armen nachkommen können…

  • Gerd Maas

    Wenn sich der Median der Einkommen nach oben verschiebt, bleibt der Anteil der Armen trotzdem gleich. Deswegen ist eine relative Armutsdefinition Unsinn, weil sie das Niveau nicht berücksichtigt. — Die OECD macht ihre Vergleich selbstverständlich kaufkraftbereinigt, die unterschiedlichen Lebenshaltungskosten sind also bereits berücksichtigt. — Dass man unter gefühlten Ungleichheiten gegebenenfalls leidet, ist menschlich, erfordert aber deswegen noch lange kein staatliches Eingreifen. — Über die Gerechtigkeit von Erben hab ich ein ganzes Buch geschrieben; da dürfen Sie mir glauben, nehme ich absolut gar nichts leichtfertig in den Mund – Sie können sich da gerne selbst davon überzeugen: https://www.m-vg.de/finanzbuchverlag/shop/article/3831-warum-erben-gerecht-ist/

  • Gerd Maas

    Oje, JeanFairtique, und so jemand wirft mir hier weiter unten Faktenlosigkeit vor: die 917 Euro sind netto, d.h. nach Steuern und nach allen Sozialabgaben – Krankenkasse kommt also keine mehr weg. Das ist der aktuelle Grenzwert der Armutsgefährdung für einen Ein-Personen-Haushalt. Von relativer Armutsgefährdung sind in D 15,5 Prozent der Bevölkerung betroffen und nicht 15,5 Mio. Menschen . Die leben aber nicht alle in Ein-Personen-Haushalten (ganz abgesehen, dass hier auch Haushalte von Studenten u.ä. dabei sind). Für eine kleine Familie mit einem Kind unter 14 Jahre ist der Grenzwert z.B. knapp 1.800 Euro (netto nach Sozialabgaben). — Und, ja, es ist wirklich lustig (oder eher traurig), wenn jemand glaubt, dass man nur die Starken zu schächen bräuchte, um die Schwachen zu stärken.

  • “Wenn sich der Median der Einkommen nach oben verschiebt, bleibt der Anteil der Armen trotzdem gleich.”
    Der Median verschiebt sich aber nicht nach oben, wenn die Armen mehr haben. Das kann man sich einfach verdeutlichen.
    Bei einer Verteilung
    500 1000 1000000

    ist der Median 1000 und eine Person würde in Armut leben.

    Wenn man dem oberen Einkommen 0.03% wegnimmt, dann gibt es bei gleichem Median von 1000 keine Armut mehr.

    800 1000 999700

    Es gibt also keine Verschiebung nach oben.

    Der Reiche verliert 0.03% seines Verteilungswertes. Diese immense Belastung sorgt bei gleichbleibendem Reichtum für eine gleichere und zufriedener Gesellschaft. Der Reiche stärkt hierdurch die gesellschaftliche Stabilität. Sein Vorteil ist, dass die Armen nicht irgendwann vor seiner Haustür stehen. In meinen Augen nützen die Sozialsystemen den Reichen mehr als den Armen, auch wenn diese immer das Gegenteil behaupten.

    “Über die Gerechtigkeit von Erben”
    habe ich in diesem Zusammenhang nichts geschrieben. Hierzu aber folgender Gedanke.
    Uns wird eine Leistungsgesellschaft gepredigt. Jeder der eine Leistung erbringt, soll bitte auch dafür vergütet werden. Wenn man das fordert, dann darf der Startpunkt im Wettrennen um die beste Leistung unterschiedlich sein?
    Ein anderer Gedanke. Warum werden nur Guthaben vererbt? Warum kann man bei Schulden sagen, dass man diese nicht erben möchte? Ich halte das für vernünftig. Es zeigt aber, dass erben ein gesellschaftliches Kontrukt ist und als solches an den Bedarf der Gesellschaft angepasst werden kann und falls nötig sollte. Das die Erben das nicht toll finden ist mir klar. Es würde mir auch nicht gefallen. In einer Gesellschaft muss man aber schauen wie man die Lasten verteilt und den größtmöglichen Nutzen generiert. Auf dieser Basis wird in der Regel nicht diskutiert. Es wird nur versucht seinen eigenen Nutzen zu maximieren und gerade die Erben von großen Vermögen jammern auf unglaublich hohem Niveau.

  • Gerd Maas

    Nettes Beispiel. In der Wirklichkeit verschiebt sich aber der Median der Einkommen in D stetig nach oben.

  • “Nettes Beispiel. In der Wirklichkeit verschiebt sich aber der Median der Einkommen in D stetig nach oben.”
    Schön wie sie einen Fakt zerschreiben. Der Median muss sich aber nicht durch eine Umverteilung nach oben bewegen. Wenn die Verteilung gleich bleibt und alle Menschen nur den Inflationsausgleich erhalten, dann haben wir einen steigenden Median und keine Änderung der Verteilung.

  • Gerd Maas

    Tatsächlich werden aber üblicherweise Realeinkommen verglichen, also inflationsbereinigt. Offen gestanden, bin ich es jetzt aber leid, mich weiter mit so unsachlichen Zurechtlegungen auseinanderzusetzen.

  • Wie sieht ein sachlicher Kommentar ihrer Meinung nach aus?

    Aussage Maas:
    “Bei unserer relativen Armutsdefinition ist unabhängig vom Niveau immer
    ein erklecklicher Anteil der Bevölkerung, den man arm nennt, garantiert.”

    Ich zeige das dies nicht stimmt.
    Die Antwort auf die exemplarische Umverteilungsdarstellung, welche für beliebige Komplexität gültig ist, kommt die qualifizierte Antwort, dass der Median in aller Regel steigt.

    “In der Wirklichkeit verschiebt sich aber der Median der Einkommen in D stetig nach oben.”

    Leider stimmt das nicht
    http://www.diw.de/documents/publikationen/73/diw_01.c.388567.de/11-45-1.pdf

    Weiterhin spielt das für das Beispiel keine Rolle. Denn der Median kann nach oben gehen. Die unteren Einkommen müssen nur stärker steigen als das Medianeinkommen. Im dargestellten Beispiel steigt das Medianeinkommen gar nicht und das untere Einkommen um 300. In einer wachsenden Wirtschaft würde das obere Einkommen nicht einmal ein Minus erhalten, sondern müsste nur schwächer zuwachsen.

    Das ist dann nach Maas eine “unsachlichen Zurechtlegungen”. Danke für die Diskussion.

  • Gerd Maas

    Inflationbereinigt entspricht der Wert von 2012 (19.595 EUR) für 1995: 15.173 EUR. Der Median des Nettoäquivalenzeinkommen ist also von 1995 (13.439 EUR) bis 2012 kaufkraftbereinigt um 13% gestiegen.

  • Stimmt, allerdings stagnierte, bzw, sank das Einkommen von 2096 (2000) zu 1941 (2010).

    (siehe Tabelle 4)
    http://www.diw.de/documents/publikationen/73/diw_01.c.388567.de/11-45-1.pdf)

    Interessant wären natürlich die Zahlen bis 2015.
    So oder kann man zwei Dinge sehen.

    1. Wann setze ich meinen Startwert. Ich persönlich halte Zeiträume über 20 Jahre etwas lang.
    2. Man sieht, dass die Löhne selbst bei den 20 Jahren sehr schwach gewachsen sind. 13% über 20 Jahre sind extrem wenig, wenn das BIP pro Kopf in der gleichen Zeit um 35% höher lag.

    Die Frage ist, ob diese Entwicklung ein Problem darstellt oder nicht. Ist Ungleichheit ein Problem und wenn ja ab wann. Herr Maas sie scheinen kein Problem zu sehen, obwohl 15.5% der Menschen in relativer Armut leben. Selbst wenn man sagt, dass 10% davon gut durchkommen, bleiben noch 5.5% (immerhin über 4 Millionen Menschen). Als eines der reichsten Länder der Welt ist es uns zu teuer diesen Menschen vernünftig zu helfen. Allerdings haben wir Geld (als Gesellschaft gesehen), um eine kleine Elite durchzufüttern, welche unglaublichen Reichtum akkumuliert hat. Der einzige Grund, dass diese Elite von uns durchgefüttert wird sind ein paar Stücke Papier (Gesetze die Eigentum und Besitz regeln) und die Akzeptanz der Bevölkerung. Leider wird das oft vergessen.