Eine punktuelle, hier und dort in den Marktzusammenhang eingreifende Wirtschaftspolitik führt, sobald sich diese Eingriffe summieren, zu einer Verwirrung des Ganzen. Alfred Müller-Armack, 1901 - 1978, deutscher Nationalökonom, Kultursoziologe

5 OrdnungspolitikSteuern und Finanzen

Heimliche Steuererhöhung vermeiden!

Mit steigendem Einkommen nimmt die zu entrichtende Einkommensteuer überproportional zu. Um diese „heimliche Steuererhöhung“ zu vermeiden, sollten die Freibeträge und der Tarifverlauf regelmäßig angepasst werden. So sieht das Dr. Alfred Boss, Steuerexperte des Kieler Instituts für Weltwirtschaft (IfW). Eine Korrektur der Einkommensteuer sei in diesem Sinne keine echte „Entlastung“, sondern in Wahrheit nur eine Kompensation der Steuerzahler, die ansonsten durch die Hintertür stärker belastet würden.

Seit Jahrzehnten ist das deutsche Einkommensteuerrecht so gestaltet, dass bei einem Anstieg des Einkommens die darauf zu entrichtende Einkommensteuerschuld weit überproportional zunimmt. Bei unverändertem Steuerrecht kommt es zu progres­sionsbedingten Mehreinnahmen des Staates. Manche nennen dieses Phänomen „heimliche Steuererhöhung“, andere „kalte Progression“. Nicht nur abhängig Beschäftigte sind davon betroffen, auch Unternehmer oder Personenunternehmer, die einkommensteuerpflichtig sind, also nicht Körperschaftsteuer zahlen müssen.

Für die heimliche Steuererhöhung gibt es zwei Gründe. Erstens: Bestimmte Beträge, die bei der Ermittlung des zu versteuernden Einkommens abgesetzt werden dürfen (z. B. die Werbungskostenpau­schale von aktuell 920 Euro je Jahr), sind in absoluten Beträgen festgelegt; dies hat zur Folge, dass der Betrag, der zu versteuern ist, rascher steigt als das Einkommen. Zweitens: Der Einkommen­steuer­tarif ist so konstruiert, dass der durchschnitt­liche Steuersatz mit steigendem zu versteuerndem Einkommen zu­nimmt; der Grundfreibetrag ist absolut (aktuell 8 004 Euro je Jahr) festge­legt, der Grenzsteuersatz steigt mit zunehmendem zu versteuern­dem Einkom­men von 14 auf 45 Prozent.

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In unregelmäßiger Folge wurde das Ein­kommen­steuerrecht in den vergangenen 60 Jahren geändert, zumeist in wenig systematischer Weise. Die jüngste Anhebung des Grundfreibetrags verbunden mit einer geringen Korrektur der Grenzsteuersätze ist jene, die Anfang 2010 in Kraft trat.

Zu Beginn des Jahres 2011 wurden die Regeln nicht verändert. Bleibt es auch im Jahr 2012 bei den Regelungen des Jahres 2010, so fließen dann fast 10 Mrd. Euro mehr in die Kassen des Bundes, der Länder und der Gemeinden, als es bei einer Zunahme des Einkommensteueraufkommens im Gleichklang mit der Einkommensentwicklung der Fall wäre. Berücksichtigt ist dabei, dass auch der Solidaritätszuschlag überproportio­nal mehr Geld in die öffentlichen Kassen spült, ist er doch – von geringfügigen Aus­nahmen abgesehen – ein fester Prozentsatz der Steuerschuld (5,5 %).

Wenn für das Jahr 2012 eine „Entlastung“ um 10 Mrd. Euro in Aussicht gestellt wird, dann handelt es sich nicht wirklich um eine Entlastung, sondern nur um den Verzicht auf eine Steuererhöhung, die bei Nichtstun entsteht. Würde der Steuertarif mit Blick auf die Bundestagswahl erst zum Jahresbeginn 2013 mit einem Effekt von 10 Mrd. Euro korrigiert, so würde die Belastung im Jahr 2013 über der des Jahres 2010 liegen. Der Staat würde 5 Mrd. Euro mehr an Einkom­men­steueraufkommen kassie­ren; dies sind die für das Jahr 2013 zu erwartenden progressionsbedingten Mehr­einnahmen.

Ändert man den Steuertarif nicht regelmäßig, so werden die Leistungs- und die Investitionsanreize geschwächt. Es spielt dabei keine Rolle, ob die Einkom­men nur inflationsbedingt oder auch real steigen.

Man kann argumentieren, eine progressionsbedingte Mehrbelastung, also eine Steuererhöhung, sei hinzuneh­men, führe sie doch zu geringeren Budgetdefiziten bei Bund, Ländern und Gemeinden. Dies entlaste künftige Generationen dadurch, dass die öffentlichen Schulden und die darauf zu zahlenden Zinsen kleiner als sonst seien. Eine solche Entlastung sei umso notwendiger, als das Sparpaket des Bundes arg „gerupft“ worden sei und nicht das angestrebte Maß an Konsolidierung bringe. Zudem sei das Sparpaket in seiner ursprünglichen Form unzureichend gewesen; es seien daher weitere Konsoli­die­rungsschritte nötig, um den Vorgaben der Schulden­bremse gerecht zu werden.

Diese Argumentation wäre überzeugend, wenn bei einem Verzicht auf Korrekturen des Tarifs die Defizite tatsächlich kleiner ausfielen. Viel wahrscheinlicher erscheint es aber, dass dies nicht der Fall wäre, weil bei konstantem Einkommensteuerrecht Mehrausgaben beschlossen würden. Mehr­ausgaben wären wohl vor allem bei den Finanzhilfen des Staates zu erwarten (Subventionierung der Entwicklung des Elek­troautos, Förderung der Energieeffizienz bei privaten Gebäuden). Ein Verzicht auf eine „Steuerentlastung“ führte wohl kaum zu einer Ver­rin­ge­rung der strukturellen Budgetdefizite des Bundes, der Länder und der Gemeinden, die größer wäre als sonst. Ein positiver Defiziteffekt entstünde wohl nur bei jenen Ländern, die „mit dem Rücken zur Wand“ stehen und denen bei einem Einsatz der progressions­bedingten Mehrein­nahmen für zusätzliche Aus­gaben ein Verlust der Konsolidie­rungshilfen drohte, weil sie bei der Reduktion ihrer strukturellen Neuverschuldung nicht plangerecht voran­kommen.

In der aktuellen Debatte geht es vor allem darum, die Bezieher kleiner und mittlerer Einkommen zu „entlasten“. Von den heimlichen Einkommensteuererhöhungen sind aber alle Steuerpflichtigen betroffen. Es liegt daher nahe, alle Steuerzahler in relativ gleichem Maße zu „entlasten“, besser: nicht verstärkt zu belasten. Die Abschaffung des Soli­daritätszuschlags zum Jahresbeginn 2012 hätte dies zur Folge. Sie bietet sich auch deshalb an, weil sie im Bundesrat nicht auf Widerstand stoßen würde. Die Förderung der neuen Länder wäre bei Abschaffung des Solidaritäts­zuschlags nicht gefährdet; dessen Auf­kommen ist – anders als immer wieder behauptet – nicht zweckgebunden.

Im Übrigen sollte das gesamte Einkommensteuerrecht entsprechend der Nominal­einkommensentwicklung indexiert werden. Die Debatte um progressionsbedingte Mehreinnahmen wäre dann für alle Zeiten beendet. Andere Länder sind in dieser Hinsicht Deutschland weit voraus.


Weitere Informationen

*Marc Beise, Steuern senken? Jetzt erst recht! – Videoblog 29. Juni 2011

*Prof. Dr. Rolf Peffekoven, Gibt es Chancen für eine Steuersenkung – Ökonomenblog vom 28. Juni 2011

*Michael Hüther: Mit der Steuersenkung weiter konsolidieren – Handelsblatt vom 24./25.06.2011

*Ralph Brügelmann, Die Progression schlägt kalt zu! – Ökonomenblog vom 22. Juni 2011

 

  • Autor

    Dr. Alfred Boss

    war langjähriger Wissenschaftler im Institut für Weltwirtschaft in Kiel. Seine Forschungsschwerpunkte sind öffentliche Haushalte, Sozialversicherung, Steuerpolitik, Subventionswesen und Sozialpolitik.

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  • Markus

    Dieser Beitrag beweist eines ganz klar: Dass aufgrund der Vielzahl der Komponenten für ein “gerechtes” System dasselbe derart komplex geworden ist, dass es dem Bürger missfällt. Und welche Beträge aufgrund der Unkenntnis und der enormen Komplexität verschwendet werden kann kaum noch erfasst werden.

    Die Bürger und die Unternehmen sehen sich nach einer klaren Linie, nach einem einfachen System.
    Der Wahnsinn im aktuellen System ist dieser, dass sehr viele, vor Allem aber Selbständige, ihr Nettoeinkommen erst nach einem Jahr kennen. Habe ich als Selbständiger (Einkommenssteuer) zB im Februar Einnahmen in Höhe von 5000 Euro, so ist es unmöglich zu wissen, wieviel ich damit wirklich verdient habe. D.h., um sicher zu gehen, muss ich sämtliche Einnahmen zu fast 50% als Rückstellung innehalten. Dies geht zu Lasten der Investition. denn fehlt das Geld rund ein Jahr später, weil ggf eine Steuernachzahlung erfolgen muss, hat der Unternehmer ein Problem und muss ggf Güter schnell liquidieren.
    Was alleine diese Unsicherheit birgt ist der Beweis für ein Unternehmerfeindliches System für Start-Ups. Die Steuerfallen sind enorm.

    Es geht doch nicht um Entlastungen – es geht um die Vereinfachung und den radikalen Weg aus dem Dschungel!
    Fragen Sie mal auf der Strasse, was man unter “klater Progression” versteht. Nur wenige wissen dies. Und damit werden auch diese Menschen diesen Fakt nicht sehen – weil es viel zu komplex ist! Das ist das Kernproblem. Und es wäre so einfach, alles zu ändern. Aber dazu gehört Mut. Und den haben unsere verwantwortlichen Politiker nicht. >Da gehts immer um “Gerechtigkeit” einkommensschwacher Gruppen als Ausrede. Wie falsch diese Argumente doch immer sind.

  • Johannes

    Nur um das nochmal sicherzustellen. Was indexiert werden muss sind Start und Ende der Progressionsstufen nicht die Steuersätze. Daher ist die Abschaffung des Solidaritätszuschlags denkbar ungeeignet, da er überproportional Menschen in hohen Progressionstufen entlastet, welche von der kalten Progression aber gar nicht betroffen sind.

    Jemand der sowieso dem Spitzensteuersatz unterliegt hat keinerlei negative Effekte durch die Kalte Progression. Das selbe gilt auch für die Einkommensgruppe von 52.882 bis 250.731, solange die letztgenannte Grenze nicht nur wegen der Inflation überschritten wird (und selbst dann ist der Schaden relativ gering).

    Am stärksten sind niedrige Einkommen betroffen, für die Steuersätze rapide ansteigen: http://www.insm-oekonomenblog.de/steuern/die-krux-mit-der-steuer-paul-kirchhof-lasst-grusen/
    Nur würde diese Gruppe vom abschaffen des Solidaritätszuschlag kaum profitieren.

  • Eric

    @ Johannes : Voll d’accord. Die wirklich armen Schweine dieser Gesellschaft können garnicht profitieren, da sie oftmals kaum bis gar keine Steuern zahlen, sondern ihren “fairen” Lohn noch aufstocken müssen, damit er überhaupt zum Leben reicht.

    Sobald es um Steuergeschenke geht, sind wir Deutschen immer gleich mit dabei, alles andere geht uns am Allerwertesten vorbei. Die aktuelle Diskussion zeigt doch wieder, wir werden wohl eher wieder die Steuern senken, bevor wir z.B. einen Mindestlohn oder eine Bürgerversicherung haben.

    Dabei sind die letzten 20 Jahre doch nur von Geschenken für die Bessergestellten geprägt ( Abschaffung der Vermögenssteuer, Senkung des Spitzensteuersatzes , Senkung des Körperschaftssteuersatzes , Steuerbegünstigung für Zinseinkünfte ).

  • Surp

    Das Problem ist und bleibt unser A(sozialsystem). Ich glaube es wird sich niemals ändern, da die meisten Menschen nichtmal ansatzweise verstehen, warum es so asozial ist.

  • Jan

    Eine Indexierung wäre wünschenswert, richtig, effizient und auch gerecht. Allerdings gibt es keinen politischen Anreiz, diese einzuführen:
    1.) Es wird nicht gefordert, da viele Bürger das System der Progression nicht verstehen – es herrscht hier also kein öffentliches Bewusstsein und auch kein öffentlicher Druck.
    2.) Zweitens würde sich die Poltik (i.d.R. im Jahr der Bundestagswahl) die Möglichkeit nehmen, die Steuern “zu senken”. Dass diese Senkung in Wirklichkeit nur eine “Nicht-Erhöhung” ist, wird nicht erkannt (siehe Punkt 1).