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19.06.2012 Allgemein

Hoher Benzinpreis macht nicht mobil

Wenn in diesen Tagen in den ersten Bundesländern die Sommerferien beginnen, wird das Klagelied der deutschen Autofahrer wieder lauter: Der Spritpreis verderbe die Sommerferien. Doch wer trägt die Verantwortung für hohen Benzinpreise? Die Ölkonzerne? Der Staat? Die Tankstellenbetreiber? Das Ergebnis überrascht.

Der Mensch ist ein Gewohnheitstier und Autofahrer bilden dabei keine Ausnahme. Denn trotz der nicht zu überhörenden Klagen an der Zapfsäule macht ein hoher Benzinpreis die Autofahrer nicht mobil. Die Analyse des Tankverhaltens zeigt nämlich: Der Preis ist für die Entscheidung, wo man tankt, nicht vorrangig. Nur 38 Prozent der deutschen Autofahrer fahren eine günstige Tankstelle an, um Geld zu sparen. 40 Prozent tanken stets bei derselben Tankstelle. 43 Prozent tanken nur dann, wenn der Tank fast leer ist und nicht, wenn es günstig ist.

Abhilfe könnten modernen Informationstools schaffen, die den Preisvergleich für Autofahrer erleichtern. Bisher nutzen gerade einmal rund 7% der Autofahrer Onlinesysteme für den Kraftstoffpreisvergleich, die davon leben, dass die Kunden selbst die Preise melden. Solche Systeme leiden daran, dass die Preise oft schneller wechseln als Kunden sie nachtragen können. Das könnte man allerdings dadurch beheben, dass man Tankstellen verpflichtet, aktuelle Preise in eine Datenbank zu übermitteln, die online und mobil per App für den Verbraucher erreichbar ist. Eine solche Plattform müsste auch nicht das Bundeskartellamt betreiben: Verbraucherverbände oder private Anbieter könnten das genauso gut.

Die von der Bundesregierung geplante Markttransparenzstelle schafft hier leider gerade keine Abhilfe – die Preisvergleiche sollen für die Verbraucher nicht zugänglich sein. Es ist daher zu befürchten, dass die Markttransparenzstelle in ihrer heutigen Konzeption ziemlich wirkungslos bleiben wird: Wie soll der Preiswettbewerb befördert werden, wenn die Preisvergleiche nur dem Bundeskartellamt, nicht aber den Autofahrern zugänglich sind?  Richtig wäre: Statt Markteingriffen sollte man die Verbraucher für die Preise sensibilisieren und Suchkosten reduzieren. Denn letztendlich entscheidet der Autofahrer an der Zapfsäule und nicht das Kartellamt, wo getankt wird.

  • Prof. Dr. Marcus Riekeberg

    Das Ergebnis ist alles andere als überraschend und auch nichts neues! Nur die Politik hat das noch nicht begriffen.

    Nach meiner Erinnerung gab es in den 80ern in den USA eine Studie zum Tankverhalten bei amerikanischen Tankstellenkunden. Dabei kam raus (Quelle habe ich leider nicht mehr! Muss ich suchen! Ich habe nur die Charts einer VL gefunden!):
    o 16 % „Straßenkämpfer“ (Männlich, fährt über 40.000 ml/Jahr, tankt Super mit Kreditkarte der Firma, kauft und wünscht Fastfood)
    o 16 % „treue Seelen“ (kaufen immer bei der gleichen Tankstelle, hohes Einkommen, zahlen mit Kreditkarte)
    o 27 % „Generation 3S“ (Stoff, Snack, Schnell; meist unter 25, sehr mobil, ständig unterwegs, kaufen viele Snacks, gutes Einkommen)
    o 21 % „Hausfrauen“ (Fahren den ganzen Tag die Kinder herum, tanken irgendwo ohne Preisvergleich) => Nicht mit Marketingmaßnahmen erreichbar!
    o 20 % „Preisbewußte“ (tanken meist Billigsprit, zahlen bar, knapp bei Kasse, keine Zusatzkäufe)

    Ergebnis: Nur 20 % der Kunden sind aber preisbewußt! Den Rest interessiert es einfach nicht (oder muss es nicht interessieren, weil Firmenfahrzeuge!)

    Ausserdem darf man eins nciht übersehen: Wir fahrne heute genauso teuer wie in den 80er Jahren! Nur in den 90ern war autofahren deutlcih billiger! wie komme ich zu der aussage? Ganz einfach: “Wieviele km kommt man in den Jahren mit einem durchschnittlichen Jahreseinkommen?” Und dieser Wert liegt in etwa auf der Höhe von 1980. Dabei wird nicht nur die Entwicklung von Einkommen und Spritpreisen berücksichtigt sondern eben auch die Effizienzsteigerung (und damit Kraftstoffersparnis!) der “durchschnittlichen” Fahrzeugflotte in D – und der ist extrem gesunken pro 100km! Damit steigen zwar die Spritpreise, man kommt aber trotzdem weiter!

  • Kammerjäger

    Herr Haucamp,

    das ist schon sehr naiv, was sie schreiben. Regulierungen und Deregulierungen von Märkten werden von der Politik ausschließlich dann durchgeführt, wenn es den Anbietern nutzt, aber nicht, wenn die Verbraucher die Nutznießer sind. Die Preismeldungen an das Kartellamt ist ein Feigenblättchen. Am Ende wird herauskommen, dass das Kartellamt nichts machen kann, weil nicht zuständig oder keine ausreichenden Beweise.

    Und auch dann sollten sie als Wirtschaftsprofessor doch zwei Dinge eigentlich wissen: In der oligopolistischen Praxis funktionieren Preiskoordinationen auch ohne formelle Absprachen, und sind dann aus kartellrechtlicher Sicht nicht beanstandbar.

    Und zweitens: Die Preise für Commodities werden nicht am Verbrauchermarkt gemacht, sondern am Futuremarkt, der die Preise über die Costs of Carry am Spotmarkt bestimmt. Und der Futuremarkt ist anfällig für Manipulationen und Herdenverhalten.

  • Markus

    Eine solche Plattform, welche enorme Kosten verursacht (wer pflegt die Daten???) hat nur dann einen Sinn, wenn eine Tankstelle zu finden, deren Preis so niedrig ist, dass sich der zusätzliche Weg (Zeit, Strecke) auch lohnt.
    Bei mir: ich wohne “auf dem Land”, meine tägliche STrecke führt an genau 1 Tankstelle vorbei, jede andere ist ein Umweg von rund 8km (Hin- und Rückweg). Bei dieser einen Tankstelle habe ich eine Kundenkartei, d.h., ich muss erst am Monatsende auf Rechnung bezahlen. Bequemlichkeit. Was bringt mir also eine solche Plattform? Nichts, deshalb werden auch nur eine bestimmter Teil der Autofahrer solche Plattformen nutzen – ausserdem sind die Unterschiede meist derart marginal, dass sich der Aufwand – das App aufzurufen, etc. – völlig überdimensioniert ist – damit Sie beim Tanken 1-2 Euro sparen. Prüfen Sie lieber regelmäßig Ihren Luftdruck und nehmen Sie mal das Fahrrad, das spart wesentlich mehr. Fragen Sie mal die Politiker, wer bei einer Preiserhöhung am Meisten profitiert: Der Pächter, der Ölkonzern oder der Staat.
    Da Sie anscheinend nicht wissen, wie die Preise entstehen, bitte mal genau nachlesen, besonders die doppelte Besteuerung. Rechnen Sie auch gerne mal, wie hoch diese dann bei einer Preiserhöhung ausfallen. Wir brauchen keine Datenbankm wir brauchen einen aufgeklärten Verbraucher über die wahre Preiszusammensetzung an der Tankstelle.

    Wissen Sie was ein interessantes Modell wäre? Optionsscheine!
    Beispie: Heute kostet das Benzin 1,60 Euro. Sie erwarten, dass der Preis steigt, also kaufen Sie für 100 Euro Optionsscheine, einzulösen binnen 2 Wochen. Auf dem Optionsschein ist der Preis garantiert – innerhalb der zB 2 Wochen. fällt der Preis jedoch, dann tanken Sie zu den gegebenen 1,60 und verzeichnen einen Verlust. Das würde ich mal als ein nettes Marketinginstrument seitens der Ölkonzerne bezeichnen.

    Ihre Statistik:
    “Nur 38 Prozent der deutschen Autofahrer fahren eine günstige Tankstelle an, um Geld zu sparen. 40 Prozent tanken stets bei derselben Tankstelle. 43 Prozent tanken nur dann, wenn der Tank fast leer ist und nicht, wenn es günstig ist.”

    So, meine Tankstelle ist stets die billigste (glaube ich), ich tanke immer wenn der Tank fast leer ist, und natürlich immer an der gleichen Tankstelle. Haben Sie diesen Fall auch bei ihrem Zahlenspiel bedacht? Müssten Sie, denn die Summe ist über 100% – eine Beleg für Überschneidungen, die Sie nicht interpretiert haben. Ich frage mal nach, wegen dem “Nur 38%…”. Ihre Zahlen sagen leider rein gar nichts aus.

  • Surp

    Sollte es nicht eher das Ziel sein auf regenerative Quellen umzusteigen?

    Kurzfristig mag es helfen mehr Transparenz zu schaffen, aber mittelfristig ist es der Marktwirtschaft unmöglich die Konsequenzen ihres Handelns einzupreisen, da sie den Preis der Umweltzerstörung eben nicht kennt.

    Den kennt wohl keiner wirklich. Manchmal frage ich mich, ob man dies überhaupt einpreisen kann, weil jede endgültig verbrauchte Ressource den nachfolgenden Generationen nicht mehr zur Verfügung steht.

    Grundsätzlich glaube ich aber schon, dass wir derzeit die Technologien besitzen eine 100% Nachhaltigkeit zu erreichen, nur steht dies scheinbar diametral unserem Wachstumsdogma sowie unserer derzeitigen Erwerbsarbeitsgesellschaft entgegen.

  • HORST

    Ich wundere mich über die Feststellungen des Professors.

    Wenn der Ölpreis steigt, dann werden sämtliche Tankstellen in Deutschld., egal ob markengebunden oder nicht, ihre Preise erhöhen (müssen).

    Was spielt es da für eine Rolle ob man bei der relativ günstigsten einkauft?

Der Autor:

Prof. Dr. Justus Haucap

Direktor des Duesseldorf Institute for Competition Economics (DICE) sowie Mitglied der Monopolkommission.

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