Arbeit ist häufig der Vater des Vergnügens. François-Marie Arouet Voltaire, 1694-1778, franz. Philosoph und Dichter

11 SozialesSteuern und Finanzen

Einfach und gerechte Steuern: Ein Reformvorschlag

Wie kann unser Steuersystem einfacher und gerechter gestaltet werden? Seit Jahren wird darüber diskutiert. Doch viel geändert hat sich bisher nicht. Der Autor beschreibt, wie ein einfaches, gerechtes und effizientes Steuersystem aussehen könnte.

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Das bestehende Steuer- und Sozialsystem in Deutschland ist ungerecht. Zwar sieht der progressive Einkommensteuerverlauf eine steigende Grenzbelastung mit steigendem Einkommen vor, doch betrachtet man die gesamte Abgabenbelastung inklusive der Sozialversicherungsbeiträge ergibt sich eine bizarre Berg- und Tallandschaft. Vor allem Geringverdiener in der Einkommensgruppe zwischen 4.800 Euro und 12.000 Euro leiden darunter. Netto bleibt dort teilweise vom mehr verdienten Euro nichts übrig. Selbst das Kirchhofsche Flat-Tax-Modell könnte diese Problematik nicht auflösen.

Die Besteuerung von Einkommen und die Finanzierung der Sozialbeiträge müssen radikal reformiert werden. Unser Vorschlag geht noch weiter als das Kirchhof Modell und setzt auf ein integriertes Steuer- und Abgabensystem: Ein wesentliches Element dazu ist die Abschaffung des Ehegattensplitting, an dessen Stelle eine vollständige Individualbesteuerung tritt. Der bisherige Steuertarif würde durch einen fünfstufigen Tarif ersetzt, der bei einem Jahreseinkommen von 10.000 Euro mit einem Grenzsteuersatz von 25 Prozent beginnt. Die darunter liegenden Einkommen sind steuerfrei. Der Spitzensteuersatz von 60 Prozent wird bereits bei einem Einkommen von 60.000 Euro fällig.

Zugegeben: Auf den ersten Blick erscheinen die Belastungen sehr hoch. Doch handelt es sich dabei um den Grenzsteuersatz, also um den Steuersatz mit dem ein zusätzlich verdienter Euro belastet wird und nicht um den Durchschnittssteuersatz. Die Grenzbelastung eines Single-Haushalts mit 40.000 Euro Jahresbruttoeinkommen liegt sogar unter dem Status Quo. Außerdem führt die Kombination aus pauschaler Steuerermäßigung von bis zu 2.500 Euro plus einer Werbungskostenpauschale von 2.000 Euro dazu, dass 12.000 Euro Einkommen pro Jahr vollkommen steuerfrei sind. Zum Vergleich: Im geltenden Recht beginnt die Abgabenbelastung bereits bei 400 Euro. Hinzu kommt, dass keine Sozialbeiträge zusätzlich mehr fällig werden. Es gäbe nur noch eine Zahlung an den Staat.

Von diesem System würden vor allem die unteren und mittleren Einkommensschichten profitieren. Die oberen 10 Prozent hätten dagegen eine höhere Belastung zu verkraften. Außerdem würde auf dem Arbeitsmarkt durch dieses Modell eine neue Dynamik entstehen. Die gegenwärtig installierte Anreizbremse für Zweitverdiener würde beseitigt, was insbesondere im Hinblick auf die demographischen Herausforderungen von enormer Bedeutung ist. So könnten etwa 500.000 neue Jobs entstehen. Ein netter Nebeneffekt wäre, dass durch dieses einfache System die Möglichkeiten für Steuergeschenke und Klientelpolitik stark eingeschränkt werden. Die höhere Transparenz macht Klientelpolitik leicht identifizierbar und wird so politisch schwerer durchsetzbar. So werden zukünftige Generationen entlastet.


Das vollständige Steuerkonzept des IZA finden Sie hier.

  • Autor

    PD Dr. Hilmar Schneider

    ist Direktor für Arbeitsmarktpolitik am Forschungsinstitut zur Zukunft der Arbeit (IZA).

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  • BKKopp

    Bei allem Respekt für die sehr gründliche Ausarbeitung von Alternativen, insgesamt ist aber von ‘Einfachheit’ noch nicht viel zu sehen. Ausserdem, das Steuerrecht besteht natürlich nicht nur aus EKSteuer und Sozialabgaben. EKSteuer kann wohl nur im Gesamtsystem von Steuern auf Einkommen, Ertrag und Vermögen aller Steuersubjekte gesehen und sinnvoll reformiert werden. Jeder Couponschneider zahlt immerhin nur 25% Abgeltungssteuer, plus dies und das. Cash-GmbHs gibt es wohl auch noch. Bei Kapitalgesellschaften, im Inland und grenzüberschreitend, gibt es auch noch mehr als ein Ungereimtheit. Und, enorme Möglichkeiten die Steuerbasis deutlich zu verbreitern. Dann brauchen Sie nicht dem ‘armen Professor’, der vielleicht 60k-80k pro Jahr verdient, mit dem Höchststeuersatz von 60% drohen. Das sind nun wirklich nicht die 10% Reichen in Deutschland.

  • Surp

    Warum soll man Arbeit (damit mein ich nicht schmarotzen, sondern produktive Arbeit) überhaupt besteuern, oder mit Sozialabgaben versehen?

    Das ist wohl die größte Ungerechtigkeit die es in unserem System gibt, daher spaltet sich die Gesellschaft auch so sehr.

    Kapital (Maschinen) produziert derzeit fast alle Güter, daher muss Kapital auch den Konsum bezahlen.

  • Markus

    Gerechtigkeit bedeutet vor Allem eines: Dass alle gleich belastet werden. Also wäre unter dem Stichwort Gerechtigkeit kein Stufensystem, sondern ein einheitlicher Satz zu nennen, zB alle Einkommen (Kapitalertrag inkl.) mit 30%.
    Keine Freibeträge, gar nichts. Keine Kirchensteuer (soll die Kirche selbst eintreiben), kein Soli, usw. 30% Abzug und fertiugt. Wie das verteilt wird, ist eine andere Frage.

    Was ist daran gerecht, Gutverdiener mehr zur Kasse zu bitte, und Niedriglöhner zu entlasten durch einen Freibetrag? Das ist ungerecht gegenüber den Besserverdienern.
    Weitere Freibeträge wie zB Werbekostenpauschale sind nur kompliziert und bringen den meisten Arbeitnehmern nur einben marginalen Wert. Das kann man auch komplett streichen.

    Option 1: 30% auf alles
    Option 2: 3 Stufen nach zB Kirchhoff (oÄ)

    Alles andere sind doch nur Modifikationen und Rechenbeispiele, aber keine echte Entlastung bzw. Abbau der unübersichtlichen Bürokratie. Muss sich denn nun jeder eine Symbol setzen für das beste Steuersystem? Das beste ist das einfachste, weil jeder sofort durchblickt. Nehmen Sie Option 1. Da wissen Sie sofort, wieviel geld Sie verdienen, wenn Sie eine Lohnerhöhung bekommen oder wenn Sie am Kapitalmarkt 100 Euro Zinsen einstreichen.

  • itseler

    @ Markus

    erst bist Du gegen ein Stufenmodell, dann schlägst Du es vor. Was jetzt?

    Nach Deinem Vorschlag müsste jeder auf jedes Einkommen 30% Steuern bezahlen. Macht Sinn wenn eine Hausfrau im Nebenjob 400 Euro verdient. Wer macht sowas dann noch? Natürlich braucht man Freibeträge.

    Wie glaubst Du trägt sich ein sozialer Staat sonst, wenn nicht durch Starke die geben? Woher sollen die Schwachen denn nehmen können, wenn die Starken egoistisch auf ihrem Geldberg sitzen und nichts abgeben?

    So läuft das nunmal in einem Sozialstaat.

    Das Problem ist nicht das System an sich. Sondern die Umsetzung. Das Problem ist, dass die Einnahmen falsch ausgegeben werden. Das Problem ist auch, dass es zu Vielen zu einfach gemacht wird, am System vorbei zu leben. Es auszunutzen.

    In unserem Land trifft jede Entscheidung immer zuerst die Kleinen und Schwachen. Statt Sinnvolle Reformen umzusetzen wird sich in Politik mit Sinnfreien Gesetzen befasst die Datenhandel in Ämtern erlauben.

    Bin gespannt wann der nächste Vorschlag für eckige Münzen oder runde Scheine kommt…

  • Markus

    @ itseler
    da haben Sie mich falsch verstanden. Wenn man absolute Gerechtigkeit möchte, dann ist jedes Einkommen, unabhängig von der Höhe, mit dem gleichen Satz zu besteuern. Es ist also völlig egal, ob man 400 Euro verdient oder 500.000 Euro. Jeder mit zB 30% – somit hat jeder die prozentuale gleiche Belastung. In dem Moment, wo Sie Freibeträge einführen, führt dies zu einer Ungleichheit. Denn Sie bevorteilen eine Gruppe und benachteiligen eine andere Gruppe. Sicherlich ist das – so wie Sie es auch sagen – nicht wünschenswert. Betrachtet man die absoluten EInkommen, so wird Gerechtigkeit vor Allem so interpretiert, dass es gerecht ist, dass hohe Einkommen höher besteuert werden (gegen jede Logik!).
    Dies erreicht man mit dem aktuellen Steuersystem (progressiv) als auch mti Freibeträgen. Da dies jedoch höchst intransparent ist, ist die alternative ein Stufensystem – und je einfacher (weniger Stufen) desto besser – weil übersichtlicher. Setzt man die Stufen verbünftig, so gibt es zB nur noch den Grundfreibetrag bis zu einem Einkommen zB 10.000 Euro p.a. und folgende die Staffelungen, die vielleicht so aussehen könnten, wie es Kirchhoff beschrieben hatte.
    Wenn Sie jedoch zusätzliche Freibeträge für dies und jenes einführen, wird das System kompliziert, es entstehen wiederum Benachteiligungen und Sie haben praktisch nichts gewonnen. Natürlich gibt es viele die von einem Stufensystem nach Krichhoff profitieren und viele, die verlieren. Wie aktuell auch.

    Sie können also niemals ein “gerechtes” Steuersystem umsetzen, weil es gesellschaftlich und politisch nicht umsetzbar wäre. Denn Gerechtigkeit bedeutet auch, auf seine Vorteile zu verzichten und sich anzupassen. In einem “gerechten” System würden die hohen EInkommensklassen profitieren und NIedrigelöhner verlieren. Warum? Weil unser System ungerecht zu Lasten der Reichen ist (überproportionale Besteuerung): Jetzt kommt ein Sturm der Entrüstung, aber sorry, ich hab das System nicht entwickelt und den Begriff “Gerechtigkeit” auch nicht in die Debatte eingeführt.

  • @Markus
    “Wenn man absolute Gerechtigkeit möchte, dann ist jedes Einkommen, unabhängig von der Höhe, mit dem gleichen Satz zu besteuern. ”

    Wieso ist die gleiche prozentuale Besteuerung denn gerechter? Müsste man dann nicht sogar einen Schritt weiter gehen und den gleichen absoluten Steuerwert verlangen? Jeder zahlt 100 Euro? Dann wäre es doch gerecht oder? Das heißt in jedem Falle zahlen die Spitzeneinkommen mehr.

    Ein zweiter Punkt ist, dass die 30% von den niedrigen Einkommen entrichtet werden würden. Die Spitzenverdiener können ihr Einkommen immer klein rechnen. Dazu müssen sie nur Selbstständig sein. Das heißt in jedem Fall liegt das Problem auch weiterhin in der Einkommensbestimmung und nicht in der Berechnung der Steuern. Die komplizierten Rechnungen kann jeder Computer in Millisenkunden durchführen. Die Definition von Einkommen und deren Abrechnung wird umso schwieriger je höher die Einkommen werden. Egal welche Steuermaske ich darüberlege, das Problem bleibt. (warum sonst sind 20-30 Billionen Dollar in Steuerparadisen?)

  • Markus

    @ chriwi
    Sie haben natürlich recht wenn Sie anprangern, dass man das Einkommen kleinrechnen kann. Insofern sollten (so auch mein Gedanke im Sinne der Gerechtigkeit) diese Möglichkeiten wegfallen – darum auch die Streichung aller Freibeträge. Ich habe mich jedoch in meinem Kommentar nur mit dem Einkommen beschäftigt, nicht mit dem Gewerbe. Deshalb habe ich es nicht benannt – aber Sie haben damit völlig recht.

    Gerechtigkeit:
    Ich verstehe unter Gerechtigkeit, dass jeder gleich belastet wird – und zwar proportional und nicht absolut. Also wäre bei einem gerechten Steuersystem eine lineare Abgabe (prozentual fix) ab dem ersten Euro.
    Wenn Sie absolut bei jedem die gleiche Steuerlast ansetzen, zB 100 Euro – was machen alljene die nur 60 Euro pro Monat verdienen? Diese müssten Abgaben leisten über dem Einkommen. Darum ist es nicht möglich. Um das zu verhindern müssten Sie einen Freibetrag einräumen – was wiederum verkompliziert und die Gerechtigkeit nicht entspricht.
    Die Idee der Gerechtigkeit ist für mich nicht das erklärte Ziel, ich würde auch nicht dafür stimmen, sondern ich versuche nur die Tatsache zu erklären, wenn irgendwelche Menschen von Steuergerechtigkeit sprechen – was dies denn wirklich bedeuten würde.

    Ich bevorzuge die Stufenmodelle wegen der Einfachheit. Schauen Sie, ich bin z.T. freiberuflich. Mein Jahreseinkommen (netto) kenne ich jedoch erst am 31.12. des Jahres. D.h., wenn Sie mir heute für eine Dienstleistung 100 Euro geben, dann kann ich nicht sagen, wieviel das netto ist. Also kann ich das Geld nicht ausgeben, nicht investieren, nicht damit arbeiten. Denn die Einkommenssteuernachzahlung im nächsten Jahr verhindert dies. Und genau das halte ich für absoluten Überfluss. Ich möchte ein System, inbdem ich sofort weiss, wieviel von den 100 Euro mir gehören und wieviel der Staat erhält. Ok, im Stufensystem kann ich dadurch auch in eine höhere Stufe fallen. Aber dies zu erkennen scheint mir wesentlich einfacher.

  • @Markus
    “Sie haben natürlich recht wenn Sie anprangern, dass man das Einkommen kleinrechnen kann. ”

    Das wird man kaum vermeiden können. Schließlich werden schon heute illegale oder halblegale Methoden verwendet, um sich vor der Steuerzahlung zu drücken. In meinen Augen sollte man vor der Reform des Steuersystems, dass Eintreiben der Steuern reformieren. Das beste System nützt nichts, wenn die Kontrolle nicht funktioniert.

    “Die Idee der Gerechtigkeit ist für mich nicht das erklärte Ziel, ich würde auch nicht dafür stimmen, sondern ich versuche nur die Tatsache zu erklären, wenn irgendwelche Menschen von Steuergerechtigkeit sprechen – was dies denn wirklich bedeuten würde.”

    Im Grunde ist das auch nicht gerecht. Gerechtigkeit wird gesellschaftlich definiert.

  • Markus

    @ chriwi
    Da ich selber die Möglichkeiten des System nutze (zu meinem Vorteil), kenne ich die Schlupflöcher. Legal natürlich. Aber auch völlig überflüssig. Es ist eben die Frage, ob man all diese Möglichkeiten benötigt.

    Das Eintreiben der Steuern ist eine andere Seite, hier nicht beachtet. Der erste Punkt ist, dass das System super einfach sein muss, um Transparenz zu schaffen. Dadurch sind auch die Spielwiesen für Steuertricks kleiner.

    Gerechtigkeit (Duden): “Prinzip eines staatlichen oder gesellschaftlichen Verhaltens, das jedem gleichermaßen sein Recht gewährt”

    Übrigens: Die meisten Definition von Gerechtigkeit nennen nicht das Adjektiv “gleich” bzw. Gleicheit. Insofern haben Sie auch recht, dass es gesellschaftlich definiert ist. Ich definiere es mit objektiver Gleichheit.

  • HartmutD

    Ein herumdoktorn an Symptomen bringt nichts mehr. Es muss eine neues, einfaches und transparantes Steuersystem her. Ohne Schlupflöcher, Steueroasen und Steuersparmodelle. Steuer werden einfach gezahlt. Punkt. Alle Steuersubventionen und Vergünstigungen werden gestrichen.

  • Markus

    Ich noch von einer Idee ganz angetan. ICh glaube, dass es in Japan ist. Dort werden auf Rechnungen im Restaurant Nummer abgedruckt, welche die Teilnahme an einer Lotterie bestätigen. Also wird jeder Gast auf eine Rechnung bestehen, um an dieser Lotterie teilzunehmen. Die dadurch zusätzlichen Stuereinnahmen werden die Lotteriesumme weit übersteigen, so dass es sich für den Fiskus lohnt. Weiterhin könnte man mutmaßen, dass dadurch dei Restaurantbesuche zunehmen und es sich letztlich für die Betreiber positiv auswirkt.

    Die Idee finde ich super. Aber für Deutschland mal wieder zu einfach, zu kreativ und zu clever.