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22.09.2012 Soziales

Von der Leyens Gespensterdebatte

Ursula von der Leyen bestimmt mit ihrem Projekt „Zuschußrente“ die innenpolitische Spätsommerloch-Debatte. Sie flankiert ihr Anliegen mit einer Angstkampagne vor der drohenden Altersarmut selbst eines Durchschnittsverdieners.

Mit sozialpolitischem Alarmismus schlägt man schnell Wellen der Empörung in Deutschland, erst recht, wenn eine amtierende Bundesministerin für Arbeit und Sozialordnung mit vermeintlich objektiven Horrorzahlen jongliert und so gesellschaftlichen Druck in der Rentenpolitik organisiert.

Doch wie ist es um das gesetzliche Rentenniveau denn heute tatsächlich bestellt? Als im Jahr 2004 durch den Nachhaltigkeitsfaktor in der Rentenversicherung eine Niveauabsenkung begann, rechneten die Experten mit einer Absenkung des Rentenniveaus vor Steuern von damals 51% auf 43% im Jahr 2030. Doch die Entwicklung der vergangenen Jahre stellt sich deutlich anders dar. Seit 2005 musste die Bundesregierung regelmäßig ihre Annahmen für das künftige Rentenniveau nach oben anpassen. Denn der Nachhaltigkeitsfaktor bremst nur dann die jährliche Rentenerhöhung, wenn die Zahl der Rentner schneller steigt als die Zahl der beitragspflichtigen Arbeitnehmer.

Da die Arbeitsmarktentwicklung der vergangenen Jahre weit besser war als erwartet und sich die Beitragszahler stärker vermehrten als die Rentner, sorgte der Nachhaltigkeitsfaktor sogar dafür, dass die Renten stärker stiegen als die Löhne. Dieser relative Rentenanstieg durch den Nachhaltigkeitsfaktor betrug in den Jahren 2007 und 2008 jeweils 0,2 Prozentpunkte, im Jahr 2009 0,3 Prozentpunkte, im aktuellen Jahr sogar 2,1 Prozentpunkte. Im Jahr 2009, dem letzten Bundestagswahljahr, verschonte die Bundesregierung die Rentner sogar vor einer eigentlich notwendigen Rentenkürzung. Mit dieser Maßnahme zu Lasten der Beitragszahler stieg damals kurzzeitig das aktuelle Rentenniveau von 50,5 auf 52 Prozentpunkte.

Jahr für Jahr musste die Bundesregierung deshalb ihre Prognosen für das erwartete künftige Rentenniveau vor Steuern nach oben korrigieren. Ein Jahr nach der letzten Rentenreform – im Jahr 2005 – ging sie davon aus, dass das Rentenniveau bis zum Jahr 2019 auf 46,3% sinken werde. Die bisher letzte Prognose im Rentenbericht von 2011 geht bereits von 47,8% Rentenniveau im Jahr 2019 aus – das sind drei Prozent mehr, als bei der Verabschiedung der Rentenreform erwartet wurden.

Von der Leyens Alarmismus schadet deshalb der gesetzlichen Rentenversicherung in einer Zeit, in der praktisch alle kapitalgedeckten Versorgungssysteme massive Probleme bekommen, ihre Renditeversprechungen zu erfüllen. Und sie leugnet mit einer entscheidenden Grundannahme ihrer Horrorzahlen schlicht die Folgen der Demographie. Woher bitte, Frau von der Leyen, nehmen Sie die Chuzpe, die Zahl von 35 Versicherungsjahren als Maßstab für das künftige Rentenniveau zu nehmen? Wer länger lebt, muss auch länger arbeiten, um sich im Alter halbwegs den gewohnten Lebensstandard zu sichern. Alle Produktivitätsfortschritte werden daran nichts ändern. Das war sogar zwischen Sozial- und Christdemokraten in der Großen Koalition schon einmal Konsens, als die Erhöhung des Renteneintrittsalters auf 67 Jahre beschlossen wurde.

Statt teure Rentenzuschuss-Illusionen bei Langzeitbeschäftigten zu nähren, sollte die Bundesarbeitsministerin lieber auf die in der Tat alarmierenden Armutsrisiken hinweisen, die in unserer Gesellschaft herrschen: Kinder- und Jugendarmut vor allem bei allein Erzogenen, ein erschreckend niedriges Bildungsniveau und die verbreitetste Armutsfalle schlechthin namens Migrationshintergrund. Hier ist gesellschaftliche Prophylaxe gefordert: durch erstklassige Kitas und ein Bildungssystem, das nicht nach der sozialen Herkunft selektiert, sondern die Lern- und Wissbegier jedes Kindes fördert.

 

  • Markus

    Soweit,so gut…

    Das Renteneintrittsalter ist immer wieder das Gesprächsthema. Vergessen wir hier jedoch die Crux der Debatte: Es kommt gar nicht darauf an, bis zu welchem Alter jemand arbeitet, sondern auf 1) die Höhe der Einzahlungen im Saldo des gesamtem Erwerbszeitraums und 2) wie lange jemand Erwersbtätig ist.

    Da wir zB immer mehr Studenten haben, treten diese auch später ins Erwerbsleben ein. Das bedeutet, dass diese wesentlich später Beitragszahlungen leisten und weiterhin in der Studentenzeit den Staat Geld kosten. Studiengebühren fangen dies nicht auf.

    Faktisch muss die Diskussion sich darauf konzentrieren, dass die Menschen länger im Erwerbsleben sind – und dies bedeutet auch – früher!

    Beispiel:
    Bürokaufmann/frau, angestellt: Mit 17 in die Lehre, bis 67 arbeiten. Durchschnittlicher Monatsgehalt: 2500 Euro bei 50 Jahren ergibt total: 1.200.000 Euro

    Ingenieur, angestellt: Abi, studiert, Arbeitsbeginn mit 27 Jahren, bis 67 arbeiten.
    Durchschnittlicher Monatsgehalt: 4000 Euro bei 40 Jahren ergibt total: 2.000.000 Euro

    Würde man nun erreichen können, dass zB dieser Ingenieur 1 Jahr früher zu arbeiten beginnt, dann könnte man in der Summe sehr viel abfangen.
    Sicherlich, es gibt Grenzen. Zur Diskussion steht zB das Turbo Abitur.

    Jedoch möchte ich weiterhin darauf hinweisen bzw. anmerken, dass die massive Zunahme der Studenten die Frage aufwirft, ob Deutschland überhaupt so viele Akademiker benötigt. Laut einem Bericht der FTD sind rund 15-20% der Akademiker im Berufsleben maßlos unterfordert – und völlig überqualifiziert.
    Genau hier kann man ansetzen.
    Ein Beispiel, welche smir hier sehr gut gefällt, ist das System der Dualen Hochschulen in BaWü. Studieren darf nur, wer einen Arbeitsvertrag hat – und damit in Lohn und Brot steht sowie 90% Chance für eine Übernahme nach dem Studium hat. Alleine diese Selektion genügt, um die Studenten – welche aus reiner Entscheidungsermangelung studieren, zu minimieren.

    Wie schon gesagt – es ist nur ein Ansatz bzw. nur ein Instrument, um die Erhöhung des Renteneintrittsalters zu vermeiden bzw. zu minimieren. Ganz ehrlich – Zwar können viele bis 70 arbeiten (viele auch nicht), aber ist es überhaupt notwendig?

    Vielleicht wäre auch zu überlegen, ob man ab 65 nicht eine grundlegende Altersteilzeit (20h/ Woche) bis zum 68 Lebensalter einführt.

    Die Instrumente der Politiker beziehen sich immer auf das Renteneintrittsalter. Das ist nciht nur einseitig und kreativlos, sondern es ist schlicht zu einfach gemacht. Wir haben wesentlich mehr Möglichkeiten in unserem System.

  • J falkenhagen

    Wenn ein Paar z.B. zwei Kinder hat, das Einkommen also auf vier Köpfe aufteilen muss, kann es ein Renenniveau von 43 % oder sogar 51% des früheren Einkommens gelassen hinnehmen, weil damit das pro-Kopf-Einkommen des Haushalts auch nach dem Renteneintritt in etwa unverändert bleibt (sofern die Kinder bis dahin auf eigenen Füßen stehen). Schließlich sinkt die Zahl der aus dem Einkommen zu versorgenden Personen von vier auf zwei.

    Durch abgezahltes Wohneigentum, Erschaften (geerbt wird heute oft erst in den 50ern) usw. kann sich die Finanzlage noch weiter verbessern. Zudem können preiswertere Urlaubszeiten außerhalb der Ferien genutzt werden usw.

    Nur für Kinderlose, die nicht privat vorgesorgt haben, ergibt sich beim Renteneintritt eine signifikante Einbuße.

    Sorge sollte also in der Tat die (Finanz-) Lage der jüngeren Generationen bereiten.

    Besonders ungerecht ist die Tatsache, dass auch auf den für die Kinder benötigten Teil des Einkommens Rentenbeiträge bezahlt werden müssen !!
    Worin liegt der Sinn, wenn beispielsweise für ein Kind und dessen Unterbringung 500 Euro im Monat verdient und ausgegeben werden, auf dieses Einkommen knapp 100 Euro für die Rentenkasse abzuführen?

    Als CDU-Ministerin sorgt sich Frau v.d. Leyen aber offenbar mehr um die ältere Generation, die ja auch die Mehrzahl ihrer Wähler darstellt. Für Familien (die solche Mehrlasten zu Gunsten der Rentner schultern müssten) ist sie ja auch nicht mehr zuständig.

  • http://endlessgoodnews.blogspot.com/ chriwi

    Gratulation Herr Metzger noch populistischer kann man nicht argumentieren. Das Rentenniveau wird aus einer Standardrente berechnet. Diese muss man erst einmal erreichen. Die meisten Versicherten schaffen dies nicht, da man dafür 45 Entgeltpunkte bräuchte. Gerade die Armen schaffen dies nicht, da sie weder das notwendige Einkommen noch die notwendige Lebensarbeitszeit erreichen. Somit ist ihre gesamte Argumentation ist auf Sand gebaut.

    “Wer länger lebt, muss auch länger arbeiten, um sich im Alter halbwegs den gewohnten Lebensstandard zu sichern. Alle Produktivitätsfortschritte werden daran nichts ändern.”
    Würden sie sich mit empirischen Daten beschäftigen, würden sie widerlegt werden Herr Metzger.

  • Kammerjäger

    Innerhalb Deutschland kann innerhalb eines Jahres konsumiert werden, was produziert und nicht exportiert wird, plus dem, was importiert wird. Entscheidend wird also sein, wie hoch in 20 Jahren die Produktion ist, und wie Export minus Import aussieht, denn diese Faktoren geben an, wie groß der zu verteilende Kuchen sein wird. Jede Diskussion über Altersicherung müsste sich mit primär mit der Frage auseinadersetzen, wie eine Wirtschaftsstruktur aussehen müsste, die über einen längeren Zeitraum Exportdefizte erlaubt, ohne die eigene Produktion dabei herunterzufahren.

    Im welchen Anteil und auf welche Weise dieser Kuchen auf die arbeitende und nichtarbeitende Bevölkerung aufgeteilt wird, ist ein rein poilitisches Problem. Dabei ist es egal, ob wir mit Umlagesystemen, Steuerfinanzierungen oder Kapitaldeckung arbeiten.

    Nur bringt die Kapitaldeckung eine Reihe von sehr schwerwiegenden Problemen mit sich, die die Umlagesysteme nicht haben. Das wichtigste, wenn auch nicht das einzige, der “Generationenvertrag” umfasst, dass die arbeitende Generation die ältere unterstützt und die nachfolgende arbeitende Generation großzieht und ausbildet. Eine Kapitaldeckung erlaubt nicht nur, sich aus dem zweiten Teil (Kindererziehung) des Generationenvertrages auszusteigen, er setzt sogar ein starkes Anreizsystem dieses zu tun. Die daraus resultierende demographische Entwicklung ist unser heutiges Problem.

    Die Altersicherungsysteme in Deutschland sind nicht wegen der Pläne von Frau von der Leyen in Gefahr, sondern weil sie immer noch von mikroökonomischen Denken geprägt sind. Hätte man die Umlagesysteme gestärkt, anstatt sie abzubauen, und die Kindererziehung stärker berücksichtigt, dann wäre man heute nicht in der Diskussion über die Absenkung der Leistungen. Hie sind in den letzten Dekaden schwere politische Fehler gemacht worden. Die Absenkung sind nur Reparaturen am kaputtgemachten System, an dessen Demontage der Autor des Artikels ja seinerzeit mitgewirkt hat.

Der Autor:

Oswald Metzger

ist Buchautor und ausgewiesener Haushalts- und Finanzexperte. Von 1994 bis 2002 gehörte er dem Deutschen Bundestag an.

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