Konsumprodukte erlöschen durch ihre Verwendung. Sie sind da, um nicht mehr da zu sein. Günther Anders, (eigentlich: Günther Stern), 1902-1992, deutscher Schriftsteller, Kulturphilosoph

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Seien wir auf der Hut!

Die führenden Konjunkturforscher sehen optimistisch ins Jahr 2014.Die konjunkturellen Stimmungsbarometer zeichnen für Deutschland ein positives Bild. Mehr Wachstum, mehr Beschäftigung und steigende Löhne. Doch Vorsicht ist angebracht. Hochmut kommt bekanntlich vor dem Fall.

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„Wird‘s besser? Wird’s schlimmer?“ fragt man alljährlich. Seien wir ehrlich: Leben ist immer lebensgefährlich. (Erich Kästner)

Angesichts der Fülle von Konjunkturprognosen und gesellschaftlichen Stimmungsbildern, die zum Jahresbeginn traditionell produziert werden und die heuer erstaunlich positiv ausfallen, ist Erich Kästners nachdenklicher Zweizeiler eine kleine, wenngleich sarkastische Mahnung vor zu viel Übermut. In Deutschland, der vermeintlichen ökonomischen Insel der Seligen, spekulieren viele auf eine ordentliche wirtschaftliche Entwicklung. Die stabile respektive anziehende Konjunktur in den Schwellenländern und in Nordamerika soll es für die deutsche Exportindustrie wieder einmal richten. Denn angesichts der fragilen Reformbestrebungen und der weiter steigenden Verschuldung in vielen Ländern Europas ist hier kein positiver Stimulus für die ökonomische Entwicklung zu erwarten. Die oft mehr herbeigeschriebene als reale Kauffreude der deutschen Verbraucher ist außerdem nicht die Folge eines soliden Einkommenszuwachses, sondern eher der Bestrafung des Sparens durch negative Realzinsen und der Flucht in Sachwerte geschuldet. Die überschäumenden Rallyes an vielen Börsenplätzen der Welt sind ebenso weniger der Realwirtschaft als der grenzenlosen Billigstliquidität geschuldet, die von den Notenbanken in das Geldsystem gepumpt wird.

Es ist verrückt: Obwohl zum ökonomischen Einmaleins der Grundsatz gehört, dass Sparen und Investieren die zwei Seiten einer Medaille sind, klingt der Grundsound im Finanzmarkt, aber auch in Teilen der Politik ganz anders. Konsumiert auf Teufel komm raus! Sparen war gestern, obwohl der demographische Wandel nicht nur in Europa nach mehr Vorsorgesparen geradezu schreit. Verschuldet euch, die Kreditzinsen sind ja legendär niedrig. Kauft endlich Aktien, egal wie hoch die Einstiegskurse inzwischen auch immer sein mögen.

Kurzum: Verhaltet euch genauso dämlich, wie sich die Lemminge an den Märkten in den beiden letzten Jahren vor dem Crash 2008 verhalten haben. Der Absturz kam, vernichtete echtes wie virtuelles Vermögen. Vor allem die Realwirtschaft, die Sparer und die Steuerpflichtigen zahlten und bezahlen noch heute die Zeche.

Dazu kommt in Deutschland das politische Risiko der Großen Koalition: Auf Strukturreformen bei der Pflege- und Krankenversicherung wird verzichtet. Strukturelle Einsparvorschläge für die öffentlichen Haushalte sucht man vergebens. Dafür gibt es neue Frühverrentungsanreize, die aber Gift für die Sozialsysteme und den Arbeitsmarkt sind. Der jahrelange Beschäftigungsaufbau wird massiv bedroht durch neue Markteintrittsbarrieren (Mindestlohn, Rechtsansprüche auf Teilzeit etc.). Die Leichtfertigkeit der Politik, gerade in Zeiten dieser GroKo, kann brandgefährlich für die ökonomische Entwicklung im Jahr 2014 werden. Seien wir auf der Hut!

  • Autor

    Oswald Metzger

    ist Botschafter der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft. Von 1994 bis 2002 gehörte er dem Deutschen Bundestag an. Er ist Geschäftsführer des Konvent für Deutschland.

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  • Dan Chris

    “Obwohl zum ökonomischen Einmaleins der Grundsatz gehört, dass Sparen und Investieren die zwei Seiten einer Medaille sind”

    Zeigen sie mir in diesen beiden Bildern, dass dies so ist Herr Metzger.

    http://www.wirtschaftundgesellschaft.de/wp-content/uploads/2012/09/Sparquoten.jpg

    http://www.wirtschaftundgesellschaft.de/wp-content/uploads/2012/09/Investitionsquoten.jpg

    Komisch, dass in Dänemark die Investitionsquote sinkt als die Sparquote steigt. Tolles Einmaleins.

    Vor allem widersprechen sie sich selbst Herr Metzger. Sie behaupten, dass der Staat nicht vernünftig investiert und keine Schulden machen soll. Irgendjemand leiht dem Staat aber Geld. Wenn der Staat nun nur soziales mit dem Geld finanziert und nicht investiert (wie oft genug vorgeworfen), dann verletzen entweder alle Staatsanleihen ihre Grundannahme (Sparen=Investition) oder die von neoliberalen Ökonomen propagierte These ist falsch.

  • Dan Chris

    Genau das sieht man aktuell ja auch. Die Zinsen sind sehr niedrig, es kommt aber zu keinem Investitionsschub. Bei der Entscheidung ob jemand investiert oder nicht spielen Erwartungen an die Zukunft eine Rolle. Wäre dem nicht so, dann würde es auch keine Blasen geben. Dort wird ja, u.a. aufgrund zu guter Erwartungen, fehlinvestiert.