Würden die Menschen das Geldsystem verstehen, hätten wir eine Revolution noch vor morgen früh. Henry Ford, 1863-1947, US-amerikanischer Unternehmer

9 Steuern und Finanzen

Rente mit 63: Wider der Generationengerechtigkeit

Gesetzliches und tatsächliches Renteneintrittsalter im internationalen Vergleich.rDie deutsche Bevölkerung altert im internationalen Vergleich überdurchschnittlich schnell. Gleichzeitig liegt das Renteneintrittsalter immer noch unter der Regelaltersgrenze und niedriger als im Durchschnitt der OECD. Durch die Rentenpläne der Großen Koalition wird das Rentensystem zusätzlich unter Druck gesetzt.

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Die demografische Herausforderung, die in Deutschland besonders stark ausgeprägt ist, macht die Rente mit 67 unumgänglich. Denn trotz „Riester-Reform“ und Einführung des Nachhaltigkeitsfaktors ist absehbar, dass die gesetzlich definierten Obergrenzen für den Beitragssatz von 20 Prozent im Jahr 2020 und 22 Prozent bis zum Jahr 2030 ohne Erhöhung der Regelaltersgrenze nicht eingehalten werden können.

Deutschland befindet sich damit in bester Gesellschaft, denn mittlerweile wird die Regelaltersgrenze EU-weit an die steigende Lebenserwartung angepasst. Wenn im Jahr 2020 hierzulande die Rente abschlagfrei erst mit 65 Jahren und 9 Monate bezogen werden kann, dann gilt in Dänemark, Irland oder in Großbritannien bereits eine Regelaltersgrenze von 66 Jahren, in Estland, Griechenland, Italien, den Niederlanden oder Polen liegt sie sogar darüber.

Die Regelaltersgrenze alleine sagt allerdings noch nichts darüber aus, wann die Menschen tatsächlich vom Arbeitsleben in den Ruhestand wechseln. Frühverrentungsregelungen können beispielsweise dafür sorgen, dass Menschen auch früher aus dem Erwerbsleben scheiden. Und hier hat Deutschland Aufholbedarf:

  • Im Jahr 2012 kehrten deutsche Männer fast drei Jahre vor Erreichen der Regelaltersgrenze dem Arbeitsleben den Rücken zu, bei den Frauen waren es sogar fast dreieinhalb Jahre.
  • Noch früher schieden die Arbeitnehmer vor allem in Österreich, Italien, Frankreich und Belgien aus dem Arbeitsmarkt. Umgekehrt gingen zum Beispiel Dänen, Niederländer oder Briten später in den Ruhestand.
  • Aber alle genannten Länder blieben – vor allem mit Blick auf männliche Arbeitnehmer – unter dem OECD-Durchschnitt. Das liegt auch daran, dass die OECD Länder einbezieht, die üblicherweise für Deutschland nicht als Referenz herangezogen werden – zum Beispiel Japan, Mexiko oder Südkorea. Gleichwohl zeigen die Werte der beiden europäischen Wohlstandsgesellschaften Schweiz und Schweden, dass ein längeres Erwerbsleben über die Regelaltersgrenze hinaus durchaus „normal“ sein kann, ohne gleich in den Verdacht zu geraten, dass die Versicherten durch eine schlechte gesetzliche Versorgung dazu gezwungen seien.

Mit der Einführung der Rente mit 63 schlagen wir nun genau die verkehrte Richtung ein. Statt Möglichkeiten für Frühverrentung zu schaffen, brauchen wir Anreize, die das reale Renteneintrittsalter erhöhen.

Die Ausgaben für die Altersversorgung steigen in Deutschland ohnehin schon überdurchschnittlich schnell. Auch ohne zusätzliche Leistungsversprechen werden dadurch künftig die wirtschafts- und sozialpolitischen Handlungsspielräume eingeschränkt. Die Finanzierungslasten schultern vor allem die kommenden Generationen. Nach Berechnungen der Europäischen Kommission wird in Deutschland der Anteil der Ausgaben für die Alterssicherung am Bruttoinlandsprodukt (BIP) von 10,8 Prozent (2010) um rund ein Sechstel auf 12,7 Prozent (2040) steigen. Zum Vergleich: Im Durchschnitt aller EU-Mitglieder rechnete die Kommission lediglich mit einem Anstieg um knapp ein Neuntel.

Im Hinblick auf den demographischen Wandel in Deutschland würde die Einführung einer abschlagsfreien Rente mit 63 die Finanzierbarkeit eines angemessenen Rentenniveaus gefährden. Dies führt zu einer Verschärfung der ohnehin bestehenden Lastverschiebung auf die Schultern nachfolgender Generationen. Generationengerechte Politik sieht anders aus.


Hier finden Sie das IW-Kurzgutachten “Deutschland in guter Gesellschaft – Zur Entwicklung der Regelaltersgrenze und des Rentenzugangsalters im internationalen Vergleich”.

  • Autor

    Dr. Jochen Pimpertz

    ist Leiter des Kompetenzfelds Öffentliche Haushalte und soziale Sicherung beim Institut der deutschen Wirtschaft Köln.

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  • Dan Chris

    Das Interessante an den Aussagen ist, dass sie zur Argumentation der Riesterrente vor einigen Jahren in ähnlicher Form schon einmal verwendet worden sind. Aktuell wird über eine Senkung des Beitragssatzes diskutiert. Wenn man die Zuschüsse in die private Rente der gesetzlichen zukommen lassen würde, sähe das Ganze noch besser aus. Fakt ist, dass eine Rente sich nur über eine gesunde Wirtschaft finanzieren lässt. Wenn die Löhne wenigstens so stark steigen würden wie die Produktivität + Inflationsrate wäre schon viel gewonnen. Das würde die Rentenzahlungen ebenfalls steigen lassen.
    Nun noch kurz zur leidigen Prognose bis 2040. Solche Rechnungen wurden vor einigen Jahren auch aufgestellt. Dann kam die Volkszählung und viele für die Propaganda verwendeten alten Menschen gab es gar nicht.

  • Steffen Brose

    Hm, man könnte meinen, man hebe das Rentenalter an und vieles wird sich
    sicherlich biologisch klären und schon hat man Renten gespart. Da sollt
    eman schon differenzieren, in welchen Jobs man länger arbeiten kann oder
    nicht. Ich kann mir keinen Dachdecker oder Maurer mit 65 oder älter vorstellen,
    der noch malochen geht bzw. überhaupt noch kann, oder Feuerwehr, Polizei etc.

  • Klaus Jungblut

    Schwachsinn !! Mein beispiel…wenn ich ´28 in Rente gehe habe ich 49,5 Jahre geklebt…wem koste ich dann etwas ?? Meine Rechnung geht anders; 3 Gänge Menue bestellt + trockene Scheibe Brot bekommen…wenn überhaupt !! Ich hab noch 3 Wahlen vor mir + schlaue Köpfe ebenfalls reichlich…
    Die Franzosen müssen 40 Jahre geklebt haben um eine Rente zu erhalten…das ist ´ne klare Ansage.Liege ich da falsch ??

  • Nicht nur die Alten

    Den Anreiz könnte man der “älteren Generation” geben indem leichtere Arbeiten geschaffen werden, die eine Generation mit 60+ auch schaffen kann. Aber wie sieht die Wirklichkeit aus. Junge Leute sitzen zuhause. Teils kein Bock zur Arbeit, teils auch schon durch Unmengen an Absagen jede Perspektive verloren. Eine Familie mit Kinder wird entweder gar nicht geschaffen, oder durch hz4 Amt finanziert. Meist fangen sie dann erst, nach Studien, Lehrgängen, Schulen und endlose Praktika mit 30+ an Vollzeit zu arbeiten, wenn sie den Sprung aus die Langzeitarbeitslosigkeit überhaupt schaffen oder wollen.

    Von 20 Jugendlichen zwischen 20-30 kenne ich alleine 17 die Zuhause Chillen ( Wie sie es so schön selber ausdrücken) Von den restlichen 3 wollen 2 schon keine Kinder haben da die Zukunft zu unsicher ist.

    Auf der anderen Seite soll ein 60 bis 67 Jahre alter Mensch weiterhin die Körperlich schwere Arbeit machen. (Es ist ja keine Jungend da)

    Sie Schleppen Steine, arbeiten in Lagern, auf den Bau, Wälzen in Altenheimen alte Leute rum die teilweise nicht älter sind als sie selber. Arbeiten in Akkord zu immer längeren Arbeitszeiten mit weniger Pausen.

    Meiner Meinung nach sollte gerade die Jüngere Generation in Thema Arbeit hinzu gezogen werden, nicht zu dumpinglöhnen sondern um eine Perspektive zu schaffen, eine Familie zu gründen.

    Was ist wichtiger? Die Jungend die Kinder in die Welt setzt , oder das man die Alten in Leichentüchern aus den Arbeitsstellen zieht.

    Es sollte eine faire Pflichtjahresarbeitszeit geben. Kinder müssen mit angerechnet werden. Ein Mensch der keine Kinder bekommen möchte weil er Kariere machen will, soll dementsprechend auch länger arbeiten. Schließlich kommt dieses Schlamassel nur dadurch das so wenige Kinder in die Welt setzen möchte.

    Gleichzeitig müssen Familien ein Recht auf vernünftig bezahlte Arbeit haben, um ihre Kinder Großziehen zu können.

    Es kann nicht sein das ein Mensch der 45 Jahre gearbeitet hat und Kinder in die Welt gesetzt hat, die gleiche länge arbeiten muss wie jemand der erst mit 30 anfängt zu arbeiten, nur 37 Arbeitsjahre auf den Buckel hat und für dem Kinder nie ein Thema war.

    Soviel zu Gerechtigkeit!

  • Ralf Rauschenplat

    Es fehlt hier einfach eine differenzierte Betrachtungsweise. Wer sein Leben lang am Schreibtisch geistig gearbeitet hat, dem ist es sicherlich zuzumuten, dass er bis zum vollendeten 67. Lebensjahr arbeitet. Wer aber 45 Jahre schwer körperlich gearbeitet hat, der muss auch die Chance haben, früher verrentet zu werden – und zwar ohne Abzüge.

  • Heinz Dieter Haferkorn

    Es gibt immer noch diverse Möglichkeiten der Erhöhung der Einnahmen bzw. Senkung der Ausgaben der Rentenkasse.
    1. die Einführung einer gesetzlichen Rentenpflicht für alle Bürger mit Heranziehung des gesamten Bruttoeinkommens einschließlich Kapitalerträge zur Berechnung der Rentenversicherungsbeiträge. Bisher werden Vielverdiener, Selbstständige, Unternehmer, Beamte, Kirchenangestellte usw. viel zu sehr bevorteilt und nehmen ungenügend oder gar nicht am gesellschaftlichen Solidarprinzip teil.
    2. Abschaffung rentenfremder Ausgaben
    Es ist also kein Generationsproblem, sondern ein Problem zwischen Arm und Reich, das unser Land hat – die Ärmeren teilen ihr bisschen Anteil an der Gesellschaft und die Reichen verprassen den großen Rest.

  • Kristijonas

    Als Bismarck die Altersrente überhaupt erst einführte, galt sie ab 72 (bei Lebenserwartung von 74 Jahren). Jetzt wollen “Malocher”schon mit 63 aussteigen, während die 500 Milliarden Euro Kosten von Kleinrentnern getragen werden müssen und das Rentenniveau vorhersehbar auf 30% der Nettolöhne absinkt. Wer körperlich “bei Wind und Wetter” nicht mehr arbeiten kann, soll Erwerbsunfähigkeitsrente beantragen. Wird das abgelehnt, ist er weiter erwerbstätig und kann mit Abschlag vorzeitig ausscheiden. Bei “Wind und Wetter” gibt es bekanntlich Schlechtwettergeld, da bleiben die Bauarbeiter zuhause. Wer weiterhin meint, ihm stehe wegen 45 Beitragsjahren (auch als Stift von 14 Jahren, der kaum was arbeitete) Rente mit 63 zu, ist m.E. ein Sozialparasit, der seine Luxusrente auf dem Buckel von Minirentner beziehen möchte. Höchst unmsozial!

  • Kristijonas

    Wenn diese “Politiker” vorgezogene Wahlgeschenke machen wollen (auf Kosten aller Rentner, deren Rente daher ins Bodenlose absinkt), sollen sie das aus Steuermitteln bezahlen, statt den Bankstern hunderte von Milliarden zu schenken, damit sie vor den Folgen ihrer kriminellen “Finanzderivate” geschützt bleiben. Die Lobby lässt grüßen!

  • Gudrun Eisenblätter

    Auch ich gehöre zu den Verlieren dieser Rentenpolik,mit 30 Jahren Diagnose Brustkrebs mit anschhl.Amputation, dann nach der Wende Neuaufbau. 6 Jahre danach Lymphfödem, heute Athrose in beiden Schultern, Fingergelenken und Kniegelenken! Seit einen halben Jahr Entzündung im rechten Arm, alles therapierbar sagt meine Rentenversicherung kann bis zu 6 St. und mehr arbeiten auch mit den gesundheitl.Einschränkungen! Habe seit fünf Jahren keinen Job und werde unter den gegeb. Vorraussetzungen auch keinen bekommen. Erwerbslosenrente immer wieder abgelehnt,kann ja vom kleinen Gehalt des Ehemannes mitleben!Hatte auch nach dem Brustkrebs noch viele Jahre gearbeitet, aber mit Krankheits und Arbeitslosenzeiten kommen mit 63 Jahren keine 45 Arbeitsjahre zusammen.Habe sohn Hals auf die staatlichen Behörden, sollen lieber die jungen gesunden Leute die zu Hause rumhängen arbeiten gehn. Ich denke habe trotz Krankheit meinen Beitrag geleistet um vor 65 Jahren in Rente zu gehen!