INSM – ÖkonomenBlog, Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft (INSM) Welche Reformen braucht unser Land? Wie erreichen wir mehr Wachstum und Beschäftigung? Experten geben Antworten – diskutieren Sie mit!

 
08.09.2012 Europa, Finanzmarkt

EZB öffnet die Büchse der Pandora

Am Donnerstag kündigte die EZB unbegrenzte Anleihenkäufe an. Die Krisenstaaten haben nun garantierten Zugang zu neuen Krediten. Das beruhigt die Märkte. Doch wie lange hält die Euphorie? Und welche Gefahren drohen von der EZB-Politik? Mutiert Europa zur Transferunion?

Die Europäische Zentralbank (EZB) hat diese Woche endgültig alle geldpolitischen Schleusen geöffnet. Künftig werden auch in Europa ungeniert mit der Notenpresse direkt Staatsschulden finanziert. Denn nichts anderes stellt im Ergebnis der unbegrenzte Kauf von Staatsanleihen der Krisenländer durch die EZB dar, um deren Zinsen zu senken.

Mit diesem Aufkaufprogramm der Notenbank wird vor allem der politische Reformdruck in Griechenland, Italien, Spanien oder anderswo rasch erlahmen. Dabei hat die Notenbank nach Buchstaben und Geist ihrer Gründungsakte genau für dieses Anleihen-Kaufprogramm kein Mandat. Sie ist ausschließlich der Geldwertstabilität verpflichtet. Nur noch Bundesbankpräsident Jens Weidmann stimmte gegen diese radikale Abkehr von der alten Notenbanktugend, die einstens von der Deutschen Bundesbank in Frankfurt vorbildhaft gelebt wurde.

Die Bundesregierung, allen voran die Bundeskanzlerin und der Bundesfinanzminister, fahren dabei augenzwinkernd eine Doppelstrategie. Offiziell stehen sie auf der Seite des Bundesbankpräsidenten, dessen Haltung in der deutschen Bevölkerung viel Rückhalt findet. Inoffiziell aber goutieren Angela Merkel und Wolfgang Schäuble die Ausputzerrolle der EZB, weil ihnen damit eine ansonsten bald anstehende Aufstockung des ESM oder ein weiteres Griechenland-Rettungspaket erspart wird.

Europa mutiert mit dieser Entscheidung endgültig zur Transferunion. Der politische Putsch gegen die nationale Souveränität der Mitgliedsstaaten ist gelungen. Statt des Subsidiaritätsprinzips, das jedes Mitgliedsland letztlich verpflichtet, für die eigenen politischen Fehler – Überschuldung etwa und/oder unterlassene Strukturreformen – eigenverantwortlich zu haften, gilt jetzt ein uneingeschränktes Solidarprinzip, das in organisierte Verantwortungslosigkeit mündet.

Eine gigantische Umverteilung zu Lasten der größten Volkswirtschaft droht. Dabei haben gerade die Deutschen über mehr als ein Jahrzehnt hinweg einen hohen Preis für den wirtschaftlichen Wiederaufstieg gezahlt: Zuerst erzwang der ökonomische Wiedervereinigungsschock Lohnzurückhaltung, Mehrarbeit und Strukturreformen, dann die Euroeinführung. Fast fünfzehn Jahre lang stieg die Kaufkraft der Bundesbürger nicht, während sie speziell in den europäischen Krisenländern teilweise um mehr als 40% wuchs.

Während in vielen Kreisen die Sorge vor künftiger Inflation vorherrscht, ist die massive Enteignung der Sparer durch die Niedrigzinspolitik der Notenbanken bereits voll im Gange. Dies stellt die hinterhältigste Strategie der staatlichen Entschuldung dar. Und sie erschüttert ganz nebenbei eine Grundsäule jeder nachhaltig funktionierenden Gesellschaft im Kern: das eigenverantwortliche Sparen für die Unwägbarkeiten des Lebens – für Alter, Krankheit, die Nachkommen.

Tags: , ,
  • Besorgter Bürger

    Mal ganz salopp ausgedrückt: dieses Land kotzt mich nur noch an. Irgendwie konnte man das ganze schon vorhersehen, da immer mehr Grenzen überschritten wurden. Was folgt nun als nächstes?

    Die beteiligten Organe haben mich überzeugt. Nachdem ich mein Studium auf Kosten der Steuerzahler abgeschlossen habe, werde ich diesem Land und diesem Kontinent dem Rücken kehren. Egal ob Rettungspolitik oder Energiewende, hier läuft so ziemlich alles in die falsche Richtung und wird irgendwann wie ein Kartenhaus zusammenbrechen. Leider begreift ein Großteil der Menschen das nicht.

  • http://josttrier.blogspot.com Jost Trier

    Die Sache erfordert größte Handlungsfreiheit für die EZB, gleich wie ihr Mandat ist. Alles Geld ist Gutschein auf Teilnahme am Wohlstand im Währungsgebiet. Gibt es zu viele Gutscheine in Verbraucherhand, wird das realwirtschaftliche Potential des Währungsgebiets überfordert (Inflation), gibt es zu wenig, bleibt ein Teil dieses Potentials brach liegen (Depression, Arbeitslosigkeit wie z.Zt.). Die einzige Institution, die die Geldmenge in Verbraucherhand direkt bestimmen und optimieren kann, ist die Zentralbank. In dieser Aufgabe muss sie uneingeschränkt freie Hand haben, das erfordert die Sache, gleich was ihr Mandat ist. Die Großmutter der EZB hat 1948 Kopfgeld gezahlt, um die Realwirtschaft in Gang zu setzen, das darf auch heute kein Tabu sein. Aber auch das Gegenteil, die Vernichtung zu vieler Gutcheine durch Steuererhebung der EZB muss möglich sein. Die zwischenstaatlichen Probleme unserer Zeit wären in einer Realwirtschaft, die nicht durch die Geldwirtschaft stranguliert wird, viel leichter zu lösen!
    Dies habe ich heute auch an DIE WELT als Leserbrief geschrieben.

  • http://www.avalia.de Thomas

    Europapolitik… auf dem Finanzsektor solidarisch und wo bleibt die politisch, solidarische Mitbestimmung? Bereits 2004 berichtete die FAZ über den unzulässigen Beitritt: http://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/konjunktur/euro-raum-griechenland-erschwindelte-euro-beitritt-1189739.html Die Frage, die sich stellt: Warum hat man jene Staaten überhaupt aufgenommen? Hat es in Deutschland vielleicht sogar die Exporte angekurbelt aufgrund der dortigen Kaufkraft?

  • http://www.mcrass.de Michael Crass

    Würde die Regierung mal “liefern”, bräuchte die EZB nichts machen.

  • http://endlessgoodnews.blogspot.com/ chriwi

    “Eine gigantische Umverteilung zu Lasten der größten Volkswirtschaft droht. Dabei haben gerade die Deutschen über mehr als ein Jahrzehnt hinweg einen hohen Preis für den wirtschaftlichen Wiederaufstieg gezahlt: Zuerst erzwang der ökonomische Wiedervereinigungsschock Lohnzurückhaltung, Mehrarbeit und Strukturreformen, dann die Euroeinführung. Fast fünfzehn Jahre lang stieg die Kaufkraft der Bundesbürger nicht, während sie speziell in den europäischen Krisenländern teilweise um mehr als 40% wuchs.”
    Herr Metzger, dass was sie beschreiben war politisch gewollt. Sie waren im Bundestag mit dabei und waren wahrscheinlich dafür. Aufgrund der Lohnsenkungspolitik und der Fehler bei der Euroeinführung (keine gemeinsame Wirtschaftspolitik) haben wir jetzt Probleme. Deutschland wuchs aufgrund seiner Exporte innerhalb der Eurozone. Das ging nur in diesem Maße, da unsere Produkte billiger wurden. Irgendwie glaubten alle daran, dass das ewig so weiter gehen könnte. Wer konnte denn ahnen, dass wenn Deutschland massive Exportüberschüsse hat, irgendjemand ein Defizit haben muss?

  • http://www.deweles.de Stefan Wehmeier

    Theologische Debatten des Mittelalters

    “Ich glaube – und hoffe – auch, dass Politik und Wirtschaft in der Zukunft nicht mehr so wichtig sein werden wie in der Vergangenheit. Die Zeit wird kommen, wo die Mehrzahl unserer gegenwärtigen Kontroversen auf diesen Gebieten uns ebenso trivial oder bedeutungslos vorkommen werden wie die theologischen Debatten, an welche die besten Köpfe des Mittelalters ihre Kräfte verschwendeten. Politik und Wirtschaft befassen sich mit Macht und Wohlstand, und weder dem einen noch dem anderen sollte das Hauptinteresse oder gar das ausschließliche Interesse erwachsener, reifer Menschen gelten.”

    (Profile der Zukunft – Über die Grenzen des Möglichen)

    Interessanterweise umfasste die Lebensspanne des bedeutendsten Futurologen der Neuzeit, Sir Arthur Charles Clarke (1917 – 2008), den Zeitraum zwischen der Erstveröffentlichung von “Die Natürliche Wirtschaftsordnung durch Freiland und Freigeld” (Silvio Gesell, 1916) und dem Beginn der “Finanzkrise” (korrekt: globale Liquiditätsfalle nach J. M. Keynes, klassisch: Armageddon). Wer das für einen “Zufall” hält, glaubt möglicherweise auch an das Märchen, wir hätten in der Bundesrepublik Deutschland bereits eine Soziale Marktwirtschaft:

    http://opium-des-volkes.blogspot.de/2012/08/personliche-freiheit-und-sozialordnung.html

    Dass sich die Menschheit noch immer im zivilisatorischen Mittelalter (Zinsgeld-Ökonomie) befindet und der eigentliche Beginn der menschlichen Zivilisation, ab dem allgemeiner Wohlstand auf höchstem technologischem Niveau, eine saubere Umwelt und der Weltfrieden selbstverständlich und sowohl die “hohe Politik” (Machtausübung) als auch die Religion (Machterhalt) überflüssig werden, bis heute auf sich warten lässt, beruht auf dem überlieferten Aberglauben, das Paradies sei ein “Obstgarten” und die “Frucht vom Baum der Erkenntnis” wäre auf einem “Apfelbäumchen” gewachsen:

    http://opium-des-volkes.blogspot.de/2012/07/der-zins-mythos-und-wahrheit.html

  • Surp

    Die wirkliche “Büchse der Pandora”, wird erst geöffnet, wenn es um reale Werte wie Rohstoffe, Lebensmittel etc. geht.

    Das ist so eine pseudo Panikmache, aber was soll man schon von einem gescheiterten Juristen erwarten (immerhin hat Herr Gutenberg, das erste Staatsexamen geschafft^^).

  • hajac

    Die Büchse der Pandora wurde geöffnet, als amn den Artikel 125 des Lissabonvertrags ignorierte.
    Was ich in allen Kommentaren vermisse ist der Zusammenhang des Artikels 125 mit dem Jahr 2005, als dieser Vertrag beschlossen wurde.
    2005 War Deutschland Schlusslicht in der EU. Man sprach von der Trägerin der roten Laterne.
    Genau diesem Tatbestand ist dieser Artikel 125 (die “no-bail-out-Klausel) geschuldet.
    Kein Land der EU war gewillt, möglicherweise für die Schulden Deutschlands in die Haftung genommen zu werden. Man hatte nämlich die Folgen einer Gemeinschaftswährung damals noch erkannt. Die früheren wirtschaftspolitischen Korrekturmöglichkeiten waren mit dieser Gemeinschaftswährung je entfallen (Au- bzw. Abwertungen, Zölle etc.).
    Artikel 125 sollte sicherstellen, dass jeder Staat die Folgen seines Tuns selbst zu tragen hatte. Die Schwierigkeiten, die ein Land zu erwarten hatte, wenn es fällige Verbindlichkeiten nicht (mehr) bedienen konnte, sollten es zur Besinnung bringen.
    Zudem sollte es auch ein Signal an die Investoren sein, die Bonität der Staaten bei der Vergabe von Mitteln zu prüfen und zu bewerten.
    Draghi macht nun die Euro-Länder zu Gesamtschuldnern und egalisiert damit die Diversifikationen der Investoren. Die Euroländer kommen nicht nur für den erhötren Zins auf, sie garantieren dann auch noch gleich die Tilgungen.
    Konsquenz, die betroffenen Länder können theoretisch Kredite zu jedem beliebigen Zins aufnehmen.
    Ob aber die Investoren so dumm sind, nicht auch darüber nachzudenken, ob nicht auch die Sicherheit der Gesamtheit der Euroländer für die gegebenen Kredite fraglich wird, darf stark bezweifelt werden.
    Der Vergleich mit der Pandora-Büchse trifft in der Tat den Kern.

  • http://endlessgoodnews.blogspot.de/ chriwi

    @Hajak

    “Konsquenz, die betroffenen Länder können theoretisch Kredite zu jedem beliebigen Zins aufnehmen.”

    Das mag ja stimmen. Allerdings sind die Optionen nicht sehr vielfälltig. In den Ländern über die wir reden leben Menschen. Man kann natürlich wie es jetzt geschieht eine Rosskur verlangen. Aber schon jetzt sterben deswegen Menschen. Das geschieht nur wegen Geld. Nicht etwas weil die Ressourcen nicht da wären. Ganz schön absurd.

  • J falkenhagen

    Die rote Linie wurde für mich damit überschritten, dass nun auch Griechenland weiterhin frisches Geld bekommen soll.

    Bei den anderen PIGS bzw. PIIFS-Staaten hätte man ja noch freundlich unterstellen können, dass sie ohne die Zinsspreads noch einigermaßen zurecht kommen könnten und auch einige Sanierungsanstrengungen unternehmen.

Der Autor:

Oswald Metzger

ist Buchautor und ausgewiesener Haushalts- und Finanzexperte. Von 1994 bis 2002 gehörte er dem Deutschen Bundestag an.

Alle Beiträge von