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Kuscheln mit China

Buchkritik: Loretta Napoleoni: China, der bessere Kapitalismus – was der Westen vom Reich der Mittel lernen kann, Zürich 2012.  Ist mit dem Ende des Kalten Krieges die Niederlage des Kommunismus und der Sieg des Kapitalismus besiegelt worden? Das hält Loretta Napoleoni für höchst fragwürdig. Die Autorin geht unter anderem der Frage auf den Grund, wie gerecht unser westlicher Kapitalismus ist. Napoleoni behauptet, dass das Reich der Mitte uns einiges voraus hat.

Wer wirklich glaubt, dass China den besseren Kapitalismus hat, wird selig. Insofern ist der Titel des neuen Buches von Loretta Napoleoni eine einzige Provokation. Auf gut 300 Seiten vergleicht sie den westlichen mit dem chinesischen Kapitalismus und kommt zu dem Schluss, dass vor allem das an Verkalkung leidende Wirtschaftsverständnis der USA und der Staaten Europas dringend einer Kur bedarf – und zwar einer chinesischen. „Das westliche Modell des Kapitalismus ist heruntergekommen“, schreibt die italienische Ökonomin. Während die EU um Haushaltsdisziplin ringt und an ihr zu zerbrechen droht, zeigt sich das Reich der Mitte als ein „monolithischer Wirtschaftsgigant“ Stärke. In Asien entstehe der „Nährboden eines modernen Kapitalismus‘“.

In drei großen Abschnitten über den Kommunismus, Kapitalismus und die Demokratie hält sie der westlichen Welt den Spiegel vor, setzt als Gegenbild China, um dann im Schlusskapitel in einem rauen Szenario zu resümieren, dass die Zukunft den Asiaten gehört. Dieser Sieg hat für die Autorin schon kulturgeschichtliche Ursachen – angefangen vom Jesuitenmissionar Matteo Ricci aus dem 17. Jahrhundert am chinesischen Kaiserhof über Mao bis zu heutigen Sonderwirtschaftszone Guangzhou haben die Chinesen im Grunde schon fast immer alles richtig gemacht. Selbst im Umgang mit den Afrikanern zeigen sie dem Westen, wie man sinnvoll Geschäfte macht.

So rosarot haben bisher wenige Autoren die Chinesen dargestellt. Dahinter steckt wohl weniger Blindheit als die Absicht, den Westen aufzurütteln: Unsere Politiker und Wirtschaftler sollen ihr Wirtschafts- und Demokratieverständnis selbstkritisch überdenken, mehr über sozialen Zusammenhalt, persönliche Beziehungen, über mehr Staat und mehr Pragmatismus nachdenken, hofft die Autorin.

Doch Napoleonis prochinesische Haltung nervt mindestens ebenso wie die Vorurteile und Ängste, die viele Europäer den Chinesen gegenüber haben. Und ganz schwer leidet Napoleonis Urteilsvermögen, wenn sie beispielsweise das Demokratieverständnis der Chinesen zu erklären ja fast zu rechtfertigen versucht. „Die liberale Demokratie ist in den Augen der Chinesen ein Instrument in den Händen einer überheblichen und skrupellosen Elite, die die Erde beherrschen will – Nachfahren von Dick Cheney, George W. Bush und ihrer neokonservativer Freunde.“ Diese zweifellos kritisierbare Einstellung der Amerikaner wird von der unerklärlichen Haltung der Autorin übertroffen, kommentarlos zu erwähnen, dass die Chinesen den Tibet zwar besetzt haben, die Amerikaner aber – aus chinesischer Sicht – mit dem Genozid an der indianischen Urbevölkerung kaum harmloser waren. Bei solchen Vergleichen verschlägt’s einem wirklich die Sprache!

Und man kann der Autorin noch mehr vorwerfen. Dass der chinesische Staat laufend in die Wirtschaft eingreift, mögen Ökonomen wie sie gut finden. Dass der geschlossene Kapitalmarkt Chinas möglicherweise aber auch prima verhindert, dass die Regierung in Peking damit ihre Probleme nur in die Zukunft verschiebt, sieht Napoleoni nicht. Kein Wort schreibt sie zum Begriff der Freiheit, wie wir ihn in Europa kennen. Warum soll er nicht auch für China  gelten? Wie zuletzt die Arabellion gezeigt hat, sind das Bedürfnis nach Freiheit und die Wahrung der Menschenrechte wahrlich keine westliche Erfindung. Was würde denn eine wirkliche Demokratiebewegung in China zur Folge haben? Gibt es darauf immer nur eine militärische Antwort? Wie wird China sein Demografie-Problem lösen? Wie steht es mit der Energie- und Ressourcen-Knappheit, an der auch China nicht vorbeikommt? Auch das vieles, was heute so rosig erscheint, der Macht der KP zu verdanken ist, darf nicht unterschätzt werden. Die KP hat ja seit der wirtschaftlichen Liberalisierung des Landes keineswegs abgenommen – sie ist vitaler und stärker als je zuvor – egal ob Militär, Medien, Gerichte, Universitäten und Wirtschaft.

Nun, Napoleoni behauptet nicht, China sei der Heilsbringer. Ihr Appell zur Veränderung, die Vorurteile gegenüber China abzubauen und von China – zumindest hier und da – zu lernen, ist richtig. Für diesen Gedanken, kann man ihr Buch lesen. Für den Rest nicht.