6. November 2009

Mehr Mut zum Wettbewerb

Zwischen 2004 und 2008 ist die Apothekenzahl in Deutschland von 21.392 auf 21.602 angestiegen. Im gleichen Zeitraum stieg die Beschäftigtenzahl von 136.804 auf 145.480 an. Von Prof. Dr. Justus Haucap

Warum hat die neue Bundesregierung bei Apotheken Angst vor dem Wettbewerb? Angst vor Verlusten bei etablierten Unternehmen braucht zumindest keiner haben. Das zeigt auch die Entwicklung nach der Liberalisierung der Arzneimittelversorgung. Bis 2004 hatten die Apotheken hier ein Monopol. Seither können Arzneimittel auch an so genannten Pick-up-Stellen, vornehmlich in Drogeriemarktketten, bezogen werden. Die zusätzliche Konkurrenz hat kein Apotheken-Sterben nach sich gezogen. Ganz im Gegenteil. Zwischen 2004 und 2008 ist die Apothekenzahl in Deutschland von 21.392 auf 21.602 angestiegen. Im gleichen Zeitraum stieg die Beschäftigtenzahl von 136.804 auf 145.480 an.

Die neue Regierung will diese Entwicklung jetzt zurückdrehen und die Pick-up-Stellen verbieten. Aus meiner Sicht: unerklärlich und nicht konsistent. Es gibt keine logische Rechtfertigung dafür, Postboten Wettbewerb zuzumuten und Apotheker davor zu schützen. Qualität, gute Beratung und Kontrolle könnte die Politik gesetzlich vorgeben. Der Gesetzgeber könnte zudem Mindeststandards für die Lagerung von Arzneimitteln und die Qualifizierung des Personals festlegen. Wettbewerb braucht einen Rahmen, das ist unbestritten. Wie ein solcher Rahmen aussehen könnte, hat die Monopolkommission schon 2006 dargelegt. Wer allerdings zurück zum Apothekenmonopol spaziert, sollte sich über explodierende Kassenbeiträge nicht wundern.

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6 Reaktionen zu “Mehr Mut zum Wettbewerb”

  1. Tweets die INSM – ÖkonomenBlog, Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft (INSM) » Blog Archiv » Mehr Mut zum Wettbewerb erwähnt -- Topsy.com

    [...] Dieser Eintrag wurde auf Twitter von Rotes Gift, Ilja Ewert erwähnt. Ilja Ewert sagte: Mehr Mut zum Wettbewerb http://bit.ly/3XDPzp [...]

  2. Kammerjäger

    “Es gibt keine logische Rechtfertigung dafür, Postboten Wettbewerb zuzumuten und Apotheker davor zu schützen. ”

    Das nennt man “liberale” Wirtschaftspolitik.

  3. Peter Schütz

    Offen gesagt halte ich nicht viel von dem städigen gerede darüber, das doch der Wettbewerb bitte “erhöht” werden, und das niemand Angst vor ihm haben sollte.
    Wettbewerb, so wie er von der INSM propagiert wird, führt unweigerlich zu mehr Druck für den Einzelnen.
    Es ist nicht nur so, das diesem Druck viele nicht mehr standhalten können, sondern es ist ja auch so, das ein ständiger Wettbewerbsdruck absolut NICHT zeitgemäß ist. Wir leben im 21.Jahrhundert, der sogenannten “Neuen Ökonomie”.
    Kein Einzelner von uns schafft es in dieser stressigen Zeit allein seine Arbeit zu tun.
    Ständiger, zu Höchstleistungen anspornender Wettbewerb (in allen Wirtschaftsbereichen) ist falsch verstandene Erhard´sche Wirtschaftstheorie.
    Vielmehr sollten wir das WIR pflegen, in dieser Zeit. Dies ist heute notwendiger als vor sechzig Jahren. Ständiger, ausufernder Wettbewerb läßt uns nicht nur in unserem Portemonnaie verarmen, sondern er läßt auch unseren Geist verkümmern. Denn jeder trachtet nur nach seinem Vorteil.
    Der Wettbewerb, so wie er derzeit verstanden wird, kann im vereinigten Deutschland für alle Wirtschaftsteilnehmer wohl nicht der richtige Anreiz sein.
    Die Lösung liegt nahe.
    Wir sollten den Austausch pflegen und unsere Vorstellungen. Nur wenn der menschliche Geist ein klares Vorstellungsmodell von der Zukunft hat, kann diese sich auch verwirklichen. Mit Wettbewerb hat dies nicht im Geringsten zu tun.

  4. Adlib

    @ Peter Schütz: Ich sehe das etwas anders. Wettbewerb ist nicht per se schlecht. An der Idee, dass Unternehmen, die im Wettbewerb stehen, schneller Innovationen hervorbringen und effizienter arbeiten, ist ganz sicher etwas dran. Herr Haucap sagt ganz richtig, dass der Gesetzgeber nicht einzelne Branchen vom Wettbewerb ausnehmen kann, während er andere Bereiche von ihm ausnimmt. Wettbewerb führt oft dazu, dass Produkte und Dienstleistungen günstiger werden – und in den Unternehmen Prozesse überdacht und optimiert werden. Gesellschaftlicher Fortschritt basiert zu großen Teilen auf wirtschaftlichem Wettbewerb. Wettbewerb hat also einen großen Benefit für uns alle.

    Aber: Wenn wirtschaftlicher Wettbewerb nur durch Ausbeutung und Missachtung sozialer oder ökologischer Standards erkauft werden kann, dann haben sie völlig recht. Das Ziel muss also sein, Wettbewerb zu ermöglichen, ohne das Menschen dabei in der von Ihnen befürchteten Form zu Schaden kommen. Ist es bspw. nur mit Dumpinglöhnen möglich, im Wettbewerb erfolgreich zu bestehen, dann stimmt etwas am Geschäftsmodell nicht. Hier muss der Gesetzgeber einschreiten uns sagen: Arbeit hat einen Wert an sich. Dieser Wert bemisst sich nicht nur durch das Verhältnis von Angebot und Nachfrage. Branchenspezifische Mindestlöhne sind meiner Meinung nach daher ein Konzept, das wir ausprobieren sollten. Denn die regeln eine Einkommenssituation für alle Unternehmen einer Branchen und sorgen damit auch für gleiche Wettbewerbsbedingungen.

    Klar, für den Verbraucher werden Produkte und Dienstleistungen eventuell teurer. Aber das ist ein Zeichen von gesellschaftlicher Solidarität: Ich zahle Preis X, weil ich will, dass alle Menschen von ihrer Arbeit leben können. Setzte sich ein solches Bewusstsein durch, hätten wir einen gesamtgesellschaftlichen Gewinn. Wir hätten innovationsstiftenden Wettbewerb ohne ruinöse und das Individuum verletzende Strukturen. Vielleicht utopistisch gedacht, aber irgendwo müssen wir ja anfangen. Schwarz-Gelb jedenfalls bietet bislang nur Lösungen, die Solidarität untergraben.

  5. Kristian Niemietz

    >>Die neue Regierung will diese Entwicklung jetzt
    >>zurückdrehen und die Pick-up-Stellen verbieten.
    >>Aus meiner Sicht: unerklärlich
    Wieso “unerklaerlich”? Das ist ganz klassische Klientelpolitk.

    >>Es gibt keine logische Rechtfertigung dafür,
    >>Postboten Wettbewerb zuzumuten und
    >>Apotheker davor zu schützen.
    Doch. Apotheker sind politisch gut organisiert, Postboten nicht.

    >>Qualität, [...] könnte
    >>die Politik gesetzlich vorgeben.
    Ha ha. Qualitaet wird nur dann geboten, wenn der Kunde andernfalls zur Konkurrenz abwandert.

    >>Der Gesetzgeber könnte zudem Mindeststandards
    >>für die Lagerung von Arzneimitteln und die
    >>Qualifizierung des Personals festlegen.
    Wieso? Geht doch viel einfacher: Wer giftiges Zeug verkauft, haftet, und das wird teuer.

    >>Ständiger, ausufernder Wettbewerb läßt
    >>uns nicht nur in unserem Portemonnaie
    >>verarmen, sondern er läßt auch unseren
    >>Geist verkümmern. Denn jeder trachtet
    >>nur nach seinem Vorteil.
    Aha, mehr Buerokratie und hoehere Steuern regen demnach wohl unseren Geist an und foerdern die Naechstenliebe.
    Quark. Mehr Staat heisst einfach nur: weniger Wettbewerb am Markt, dafuer mehr Wettbewerb um politische Vorteile.

    >>Vielmehr sollten wir das WIR pflegen,
    >>in dieser Zeit.
    Aber nicht, indem wir den Staat fetter machen. Mehr Staat heisst nicht mehr Solidaritaet, sondern Wettkampf der Partikularinteressen.

  6. Todor

    Solange die Rahmensetzende Politik durch Spenden der Konzerne und Finanzwirtschaft gelenkt werden gibt es nur die eine Richtung für die Welt nach unten. Wir können uns ja anschauen wohin uns dieses Model der Ausbeutung der Natur gebracht hat. Die Katastrofen werden unsere Politiker nicht fragen ob sie erst demokratisch darüber abstimmen wollen wo sie als erstes eintreffen sollen.
    Das Problem liegt in der Kurzsichtigkeit der Führenden die uns Menschen als getrennt von Einander und von der Natur sehen. Genauso wie in der Ökologie ein Gleichgewicht herrscht, (Nach dem eingreifen der Menschheit nicht mehr) sollte auch ein Gleichgewicht unter den Menschen herrschen um sich als Menschheit höheren Zielne widmen zu können als nur die Selbstbezogenen. Dieser Weg ist für das Überleben unabdingbar, doch ich bezweifle das er von uns aus initiiert wird, wohl eher von der Natur (Katastrofen).

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