Verfüge nie über Geld, ehe du es hast. Thomas Jefferson, 1743-1826, US-amerikanischer Politiker

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Das wirtschaftspolitische Kamikaze von Ministerpräsident Abe?

Trotz expansiver Geldpoltik stagniert das Wirtschaftswachstum in Japan.Seit Jahrzehnten kommt Japans Wirtschaft nicht von der Stelle. Seit Anfang April versucht sich das Land mithilfe der Notenpresse aus der Stagnation zu befreien. Nach zweitägiger Sitzung hat die japanische Notenbank nun eine Pause der weiteren Expansion der Geldpoltik beschlossen.

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Der neue japanische Premierminister Shinzo Abe hat den Bogen gespannt. Mit drei gebündelten Pfeilen will er das Land der aufgehenden Sonne aus dem wirtschaftlichen Siechtum reißen: Beschleunigung der Geldpresse, mehr Staatsausgaben und Strukturreformen. Nach der jüngsten Sitzung der japanischen Notenbank macht die geldpolitische Expansion zwar zunächst Pause. Die japanische Zentralbank behält sich aber eine weitere monetäre Expansion vor.

Denn der bisherige Erfolg der Abenomics, der bisher überwiegend aus der bereits deutlichen Ausweitung der Geldbasis resultiert,  ist überwältigend: Die Aktienkurse zeigten steil nach oben, eine lang ersehnte Yenabwertung beflügelt den Export, die Wirtschaft ist wie lange nicht mehr gewachsen und die politische Zustimmung für das entschlossene Staatsoberhaupt ist deutlich nach oben geschossen. Bei den nahenden Wahlen zum japanischen Oberhaus könnte sich Abe eine breite Mehrheit sichern, die ihn politisch noch handlungsfähiger macht.

Veränderungen sind wahrlich dringend: Das Platzen einer Blase auf den Aktien- und Immobilienmärkten im Dezember 1989, das mit expansiver Geld- und Fiskalpolitik therapiert wurde, hat in die schleichende Verstaatlichung von Finanz- und Unternehmenssektor geführt (Schnabl 2013). Wirtschaftliche Anreize wurden gelähmt und Investitionen durch Staatsnachfrage substituiert. Die realen Einkommen sind gesunken und Unterschiede zwischen Arm und Reich sind gewachsen. Der fortschreitende Verlust der wirtschaftlichen Führungsrolle in Ostasien an das dynamische China verletzt den japanischen Stolz. Die Regierung Abe verspricht nun Besserung.

Ob Abe’s wirtschaftspolitische Zaubermischung gelingt, ist zweifelhaft. Die Wirtschaftsgeschichte lehrt, dass inflationäre Kräfte – wenn sie einmal entfesselt sind – die Lage weiter verschlechtern. Die Gründe sind vielfach: Erwartungen werden destabilisiert, Reallöhne sinken, willkürliche Umverteilungseffekte demoralisieren, Verteilungskonflikte mehren sich und die Risiko- und Inflationsprämien auf Zinsen steigen an. Bei wachsender makroökonomischer Instabilität ist auch der Erfolg von Strukturreformen unsicher. Aus dieser Sicht sind die „Abenomics“ mehr wirtschaftspolitisches Kamikaze als eine nachhaltige Konsolidierungsstrategie.

Doch vielleicht denkt die japanische Politik schon über den großen Krach hinaus.  Exzessive geldpolitische Expansion und hohe Inflation können als schöpferische bzw. in diesem Fall geplante Zerstörung gesehen werden, die das Land der aufgehenden Sonne von der unerträglichen Bürde überbordender Staatsverschuldung und grundlegender Reformunfähigkeit befreit. Durch die  Entwertung der Währung und damit der Schuldner- und Gläubigerpositionen würde die Grundlage für einen Neuanfang gelegt. Sind die bestehenden Strukturen erst einmal zerstört, könnte die hoch qualifizierte und hoch motivierte Bevölkerung Japans den Neuaufbau ohne die Lasten struktureller Verkrustungen leisten. Doch die Risiken der Inflationspolitik sind hoch. Nachhaltige Reformen und makroökonomische Konsolidierung wären sicherlich der vielversprechendere Weg zu mehr Wachstum.


Eine ausführliche Studie zur japanischen Wirtschafts- und Geldpolitik finden Sie hier.

  • Autor

    Prof. Dr. Gunther Schnabl

    ist Leiter des Instituts für Wirtschaftspolitik an der Universität Leipzig.

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  • Kammerjäger

    Herr Prof. Schnabel,

    wollten Sie eine Polemik oder einen ernstzunehmenden Artikel schreiben? Falls Sie doch letzteres vorhatten, sollten Sie sich einmal kurz an den Fakten orientieren: Zunächst hat die expansive Geldpolitik das Ziel, Inflation zu erzeugen, Japan steckt seit zwei Dekaden in einer Deflationsspirale fest. Wenn Sie jetzt anprangern, die Geldpolitik würde zur Inflation führen, dann haben Sie das Thema verfehlt.

    Zudem fehlt zu dem von ihnen beschriebenen Mechanismus eine größere Geldbasis führt zur Inflation jedwede Basis. Sowohl die Ableitung über die Multiplikatortheorie (gibt nur ein statisches Maximum der Geldschöpfung an), wie auch die Quantitäsgleichung (erfordert konstante Umlaufgeschwindigkeit) sind nicht anwendbar. Empirisch haben schon 20 Jahre expansive Fiskal- und Geldpolitik in Japan bisher nicht zur Inflation geführt. Ebenso wartet man in den USA trotz QE seit Jahren auf die Inflation. Woher kommt da eigentlich die Erkenntnis entgegen jede Erfahrung, dass es in Japan jetzt plötzlich zur Hyperinflation kommt?

    Sie führen an, dass die expansive Geldpolitik zu Vermögensungleichgewichten führt, und fordern stattdessen Reformen. Wenn Sie einmal nach Deutschland schauen, dann haben die Reformen der letzten Jahre zur erhöhten Ungleichgewichten und zur Deflation geführt. Wie können Sie eigentlich ernsthaft den Japanern so einen kontraproduktiven Unfug vorschlagen, Deflationspolitik zu machen?

    Für Japan versucht die Inflation derzeit vornehmlich durch eine Abwertung der Währung zu erreichen. Das ist bei einer Alterung der Bevölkerung und geringer Importquote für Japan auch deshalb zielführend, weil die Repatrierung von Auslandskapital zu höheren nominalen Inlandskaufkraft führt. Auch wäre die reale Entwertung der Schuldenstände eine wichtige Folge einer Inflation.

    Für Japan ist die Politik daher richtig. Das Problem wird sein, dass Japan auf diesen Weg seine Deflation exportiert. Und zwar speziell in die stark exportabhängigen Nationen wie China, Korea, Deutschland. Auch wird der Druck auf die LB-Defizitnationen wie GR, IR, FR, PO, SP in der EU höher.

    Bisher hat Deutschland seine Deflation exportiert. Das wird in Zukunft nicht mehr gehen. Die Frage ist, welche Reformen Deutschland durchführen muss, um seine interne Nachfrage zu erhöhen und nicht in eine deflationäre Dekade abzugleiten?

    Im ganzen scheint der Artikel nur eine Reihe von Anwendungen fehlerhafter neoklassischer Modellvorstellungen zu umfassen, die mit der realen Außenwelt nichts zu tun haben. Leider ist das exemplarisch für Niveau der volkswirtschaftlichen Lehre in Deutschland.

  • Dan Chris

    “Im ganzen scheint der Artikel nur eine Reihe von Anwendungen
    fehlerhafter neoklassischer Modellvorstellungen zu umfassen, die mit der
    realen Außenwelt nichts zu tun haben. Leider ist das exemplarisch für
    Niveau der volkswirtschaftlichen Lehre in Deutschland.”
    Besser kann man es nicht formulieren. Im Grunde müsste eine volkswirtschaftliche Analyse immer verschiedene Modellsichten gegeneinander Stellen. Dann kann man bewerten, welches Modell die Realtität am wahrscheinlichsten widerspiegelt.