Dem Geld darf man nicht nachlaufen, man muss ihm entgegenkommen. Aristoteles Onassis, 1906-1975, griechischer Reeder

11 SozialesSteuern und Finanzen

Pflegebombe systematisch entschärfen

Zahl der Pflegefälle nach Altersgruppen.

Rente, Krankenkasse, Pflegeversicherung – diese gesetzlichen Sicherungssysteme basieren auf einem umlagefinanzierten Modell, d. h. hier werden Leistungen an eine Generation durch die nachfolgende finanziert. Solche Systeme sehen sich angesichts des demografischen Wandels bedrohlichen Herausforderungen gegenüber. Die Alterung der Gesellschaft schlägt sich in einer Erosion der Einnahmen nieder, bei einem gleichzeitigen Anstieg der Leistungsausgaben. Die Zeche zahlen die jungen Generationen. Mit einer stark alternden Gesellschaft werden umlagefinanzierte Systeme nicht fertig. Die Kostenbombe tickt überall – auch bei der Pflege.

Systematische Probleme erfordern systematische Reformen. Mit einer Kapitaldeckung der Pflegeversicherung kann man die Lasten für die zukünftigen Generationen zumindest einschränken. Kapitalgedeckte Systeme ermöglichen eine nachhaltige Finanzierung der Versicherungsleistungen, weil die gesamten Kosten einer Kohorte über den Lebenszyklus in deren Prämien einkalkuliert werden – ohne Rückriff auf kommende Generationen. Einkommensunabhängige, risikoadäquate Kalkulationen der Versicherungsprämien ermöglichen dabei außerdem effizienten Wettbewerb zwischen Versicherungen. Davon profitieren alle.

Wird politisch der Bruch mit dem Umlagesystem gescheut, weil dies die Misere der impliziten Verschuldung offenbaren würde, so spricht viel dafür, die bestehende gesetzliche Pflegeversicherung zumindest nicht weiter auszuweiten, sondern mit einer kapitalgedeckten Zusatzversicherung zu flankieren. Wie im Koalitionsvertrag vorgesehen. Soviel Mut muss die Politik aufbringen.


Dr. Steffen J. Roth ist Geschäftsführer des Instituts für Wirtschaftspolitik an der Universität zu Köln. Die Langfassung dieses Beitrags ist am 04.1.2011 als „Ordnungspolitischer Kommentar“ des Instituts erschienen.

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    Dr. Steffen J. Roth

    ist Geschäftsführer des Instituts für Wirtschaftspolitik an der Universität zu Köln.

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  • “Kapitalgedeckte Systeme ermöglichen eine nachhaltige Finanzierung der Versicherungsleistungen, weil die gesamten Kosten einer Kohorte über den Lebenszyklus in deren Prämien einkalkuliert werden – ohne Rückriff auf kommende Generationen.”

    Ein Artikel über die nachhaltige Finanzierung bei den Lebensversicherern.

    http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,738714,00.html

    Wie will man das Problem der sicheren Anlagen lösen. Es sollte ihnen als promovierter Wirtschaftsforscher klar sein Herr Roth, dass die HRE unter anderem zum Schutz der Allianz gerettet wurde. Viele Versischerer investierten in vermeintlich sichere Anlagen und dann platzte die Blase. Nachhaltige Finanzierung sieht für mich anders aus. Auch der Hinweis, dass nicht auf die kommende Generation zurückgegriffen wird ist falsch. Wer zahlt denn die Zinsen von denen die Pflegeversicherer ihnen ihre Pflege bezahlen? Wer produziert in diesem Zeitraum die Nahrungsmittel, oder pflegt sie? Nur die aktuelle Generation kann dies tun. Nur weil ich Geld vorher auf den Finanzmarkt bringe, ändert das gar nichts an der Erwirtschaftung der Leistung.
    Sie gehen von der irrigen Annahme aus, dass das Geld der Pflegeversicherer in die Realwirtschaft zur Steigerung des Wertes der Volkswirtschaft verwendet wird. Bei einer Sparquote von 13% müsste Deutschland blühen und andere Länder Probleme haben. Nur leider stimmt das nicht.

  • Johannes

    Wo und in welcher Form soll das Kapital gesammelt werden? Vor unseren Augen vollzieht sich zur Zeit der Systembruch in Zeitlupe. Die bisher hauptsächliche Form des “Sammelns von Kapital”, Staatsanleihen (also Schuldscheine eines Staates), scheint sich nicht dauerhaft zu bewähren. Denn die Sammler des Kapitals sind einfach zu sehr davon Abhängig, wie gut der Schulder haushaltet (s. griechenland, Portugal, Spanien; Irland ist ein Sonderfall). Und wenn der nicht gut haushaltet, dann steht es schlecht um das gesammelte kapital (dass müssen aktuell die Amerikaner erleben, denn die Pensionfonds um die Ohren fliegen). Oder wie in Irland, wo zur Sanierung des Staaatshaushaltes ca. 20 Mrd. Euro aus einem Pensionsfond eingesetzt werden. Von Ungarn ganz zu schweigen; dort wurde die private, kapitalgedeckte Altersvorsorge, kurzerhand zwangsverstaatlicht. Zwar gab es ein Wahlrecht für die Ungarn, aber es war kein wirkliches.

    Diese Zeit lehrt auch schmerzhaft, dass politischen Stabilitätsversprechen wenig Vertrauen geschenkt werden kann.

    Wie also soll Kapital Zukunfts- und Staatssicher gesammelt werden, wenn “der Staat” aus Opportunitätsgründen den gesellschaftlichen Konsens verlässt?

    Darauf hätte ich gerne eine Antwort.

  • Surp

    “Sie gehen von der irrigen Annahme aus, dass das Geld der Pflegeversicherer in die Realwirtschaft zur Steigerung des Wertes der Volkswirtschaft verwendet wird. Bei einer Sparquote von 13% müsste Deutschland blühen und andere Länder Probleme haben. Nur leider stimmt das nicht.”

    Sehe ich genauso, wenn man es global betrachtet mag die Annahme von Herrn Roth stimmen, aber das ist nunmal Blödsinn, vorallem bei der Funktionsweise unserer Finanzwirtschaft, die überhaupt nicht fähig ist sinnvolle Kapitalallokation zu betreiben, das einzige was sie tut ist Gelddrucken und eine Balse nach der anderen produzieren.

    Eine systematische Reform wäre

    a) eine radikale Gesundheitsreform, da sowohl GKV als auch PKV nicht sinnvoll funktionieren und durch die Verwaltung etc. viel zu teuer sind.

    b) ein hohes BGE (ich halte 2000 Euro, für nicht utopisch bei einer sinnvollen Finanzierung sowie einem gewaltigen Arbeitsplatzabbau in unproduktiven Bereichen), dann kann nämlich dieses Geld für einen Heimplatz verwendet werden. Ein Heimplatz kostet zurzeit ca. 3000 Euro, wobei auch dort großes Einsparpotential besteht.

    Des Weiteren funtionieren kapitalgedeckte Systeme schlecht, da dieses Geld selten sinnvoll investiert wird (das zeigt die aktuelle Krise sehr klar) noch verkonsumiert werden kann. Dann muss die FED wieder Geld drucken, damit die Aktien etc. wieder steigen und die kapitalgedeckten Systeme funktionieren.

    Die größte Zeche zahlt die junge Generation an Renter und Pensionäre, die ohne Rechtfertigung dieses Geld für sich beanspruchen, da sie es sich selbst einmal versprochen haben. Da muss was passieren, ein Haircut (alle Renten und Pensionen über 2000 Euro auf diesen Betrag kürzen) wäre hier wohl das, was der Generationsgerechtigkeit am ehesten dienen würde. Wer jetzt kommt, das ist ungerecht, hat keine Ahnung wie Pensionen und Renten finanziert werden.

  • Karl-Heinz

    “Da muss was passieren, ein Haircut (alle Renten und Pensionen über 2000 Euro auf diesen Betrag kürzen) wäre hier wohl das, was der Generationsgerechtigkeit am ehesten dienen würde. Wer jetzt kommt, das ist ungerecht, hat keine Ahnung wie Pensionen und Renten finanziert werden.”

    Gibt es Rentner die mehr als 2000 Euro aus der GRV erhalten?
    Wenn ja, wieviele?

    “Die größte Zeche zahlt die junge Generation an Renter und Pensionäre, die ohne Rechtfertigung dieses Geld für sich beanspruchen, da sie es sich selbst einmal versprochen haben.”

    Wenn ich das Geld was ich für meine Kinder bis zum 25. Lebensjahr aufgebracht habe, in eine Lebensversicherung gesteckt hätte, wäre ich auch mit 500 Euro Rente zufrieden.

  • Surp

    @ Karl-Heinz

    Ja, diese Rentner gibt es, kenne ca. 30 die 2000 Euro + betriebliche und private Rente. Pensionäre noch weit mehr, da seh ich auch das Hauptproblem. Ich kenne aber auch vorallem Frauen, die nichtmal 400 Euro bekommen.

    Der Generationsvertrag ist eine Illussion, die gerne auf Kosten der Armen hochgehalten wird. Denn solange die Kinder bzw. später die jungen Erwachsenen es extrem schwer haben auf dem Arbeitsmarkt, da die Alten sich durch einen abartigen Kündigungsschutz schützen lassen, den sie auch noch selbst erfunden haben (genau wie Renten und Pensionen), wird unser gesamtes Sozialssystem nicht funktionieren (sollte jeder jetzt schon merken).

    Außerdem ist die Entscheidung Kinder zu bekommen eine persönliche. Daher bekommen doch junge Hochqualifizierte, die nicht im Staatsdienst (Beamte) tätig sind, keine mehr. Dafür sind die Zeiten zu unwägbar und die Ansprüche an die Erziehung oft sehr hoch, da man das System verstanden hat. Also ist die Entscheidung klar. Vorallem ist für viele Männer die Entscheidung zu Gunsten von Kindern schwierig, da man nicht mehr an die “ewige” Liebe glaubt und für den Beruf mobil bleiben muss etc..

  • Markus

    @ Surp
    ” Vorallem ist für viele Männer die Entscheidung zu Gunsten von Kindern schwierig, da man nicht mehr an die “ewige” Liebe glaubt und für den Beruf mobil bleiben muss etc..”

    — der zeitgeist hat sich geändert. Freiheit steht über Allem. Schauen Sie nur mal die “Ehequote” an. Wir müssen uns endlich von dem klassischen Bild verabschieden. Nix mit Frau zu Hause, Familie mit 2 Kinder, … und was macht die Politik? Streitet sich endlos über Bahnhöfe…

    Der Generationenvertrag wird nicht ewig existieren. Dieser wird kollabieren. Gleiches gilt für die GKV. Unser Gesundh.-Minister hatte seine Chance. Aber auch er hat keinen frischen Wind reingebracht. Lobbyismus ist eben ein verführerisches Instrument.
    Der nächste bitte.

  • “Der Generationenvertrag wird nicht ewig existieren.”

    Er würde in anderer Form ebenso bei der kapitalgedeckten Altersvorsorge existieren.

  • Surp

    “Der Generationenvertrag wird nicht ewig existieren.”

    Er würde in anderer Form ebenso bei der kapitalgedeckten Altersvorsorge existieren.”

    Jein, wenn fast die gesamte produktive Arbeit durch Maschinen erledigt wird, ist das total egal (diesen Zustand haben wir im Prinzip schon erreicht, setzten ihn aber wegen den Arbeitsplätzen nicht komplett um). Dann brauch man Menschen fast nur noch für den Konsum (damit dies funktioniert brauch man das hohe BGE) und Innovationen sowie für neue “echte” Dienstleistungen (damit mein ich für Menschen nicht gegen Menschen, wie wir es zurzeit erleben).

    Die wenigen Arbeiten (z.B. Pflege), die “wirklich” noch gemacht werden müssen, dafür werden sich immer Menschen finden (Angebot und Nachfrage). Bei so einer Welt ist der demografische Wandel total egal, außer wir sterben wirklich aus. In dieser Welt braucht man keinen Generationsvertrag.

    Daher bin ich auch für Gerechtigkeit, nach einer ganz simplen Logik, wer nix macht bekommt das BGE, wenn also Rentner und Pensionäre nix machen bekommen sie diesen Betrag, das ist GENERATIONSGERECHTIGKEIT und nicht sich Versprechen auf Kosten anderer geben und das auch noch für Berufsbilder, die es am besten nie gegeben hätte.

  • “wenn fast die gesamte produktive Arbeit durch Maschinen erledigt wird, ist das total egal”

    Im Prinzip ändert sich auch dann nichts. Die Menschen die Produzieren, füttern diejenigen die es nicht tun mit durch. Wenn die Automatisierung massiv ausgebaut wird, dann ist die Produktivität deutlich größer und man kann die veränderte Altersstruktur ohne weiteres bewältigen. Das man faktisch jeden produktiven Prozess aktuell mit Robotern bewältigen kann ist falsch. In bestimmten Bereichen sind die Fertigkeiten von Menschen, den Maschinen weit überlegen. Vor allem in den Bereichen wo es sehr variable Umweltbedinungen gibt, wie zum Beispiel auf Baustellen.

    Zum BGE muss ich folgendes sagen. Der Wert dieses Einkommens muss auch erwirtschaftet werden. Somit ist es in meinen Augen nichts anderes als die aktuelle Rente. Nur das sie jeder bekommt.

  • Surp

    “Zum BGE muss ich folgendes sagen. Der Wert dieses Einkommens muss auch erwirtschaftet werden. Somit ist es in meinen Augen nichts anderes als die aktuelle Rente. Nur das sie jeder bekommt.”

    Das ist richtig, bis auf, dass die Renten unbegründet (nicht arbeitender Rentern/Pensionär = Arbeitsloser) unterschiedlich hoch sind, da es sowas wie eine Rentenkasse oder Pensionskasse niemals gab, aber
    a) ist das System weit gerechter und fördert dieses Gefühl ind der Bevölkerung, da es nicht über Arbeit fianziert ist und einer allen verständlichen Logik folgt
    b) erwirtschaftet es sich in großen Teilen selbst, Amerika bezieht 70% seines BIP (ich weiß blöder Messwert) aus dem privaten Konsum (ich lass deren Finanzierung mal ausen vor)
    c) es ermöglicht einen riesigen Arbeitsplatzabbau in volkswirtschaftlich contraproduktiven bzw. nutzlosen Branchen
    d) Arbeit ist ein Hinzuverdienst, was arbeitsmarkttechnisch eine riesen Vorteil bietet, da man viele nötige Reformen durchführen kann, ohne die Schwächsten stark zu belasten
    e) es entspricht absolut den Gedanken einer “sozialen” Marktwirtschaft
    f) es macht unser Land fit für das 21. Jahrhundert
    g) kein demografisches Problem
    h) kein Fachkräftemangel, da viele theoretische HPs plötzlich arbeitslos sind
    i) es fördert Innovationen
    j) es emöglicht einen Dienstleistungssektor, der den Menschen dient
    k) die Finanzierung bändigt unsere Finanzwirtschaft
    l) es ermöglicht tatsächliche (nicht volkswirtschaftliche) Vollbeschäftigung

    das sind nicht alle Vorteile und die einzigen Gegenargument sind, die Finanzierung ist keines, da unser Sozialstaat jetzt schon 1 Billionen/Jahr kostet

    a) Negativleister verlieren ihr Einkommen (für mich marktwirtschaftlich)
    b) alle werden faul (was in meinen Augen Blödsinn ist, da man durch Arbeit immer mehr Einkommen zur Verfügung hat)
    c) bestimmte Arbeiten werden nicht erledigt (auch Blödsinn, für diese Arbeiten steigt nur der Preis)