Was wir dringend brauchen, um ökonomische Stabilität und Wirtschaftswachstum zu erreichen, ist eine Rückführung des staatlichen Einflusses. Milton Friedman, 1912-2006, amerik. Ökonom, Nobelpreisträger

- BuchkritikOrdnungspolitik

Der erste große Analyst der Gegenwart

Ein Historiker will uns die aktuelle Politik, die Verwirrung der Finanzmärkte und den gesellschaftlichen Wandel erklären. Das klingt nach wissenschaftlicher Vorlesung, getränkt in Formaldehyd. Doch Rödder ist anders. Wer sein neues Buch liest, erhält eine Turbokurs durch die Gegenwart, facettenreich und leichtfüßig erzählt. Und nach der Lektüre ist jedem gewiss, dass unsere Zeit kaum aufregender sein könnte.

Andreas Rödder: 21.0 – eine kurze Geschichte der Gegenwart, C.H. Beck, München 2015

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Die Gegenwart historisch zu erklären, ist ungewöhnlich. Vielleicht sogar unmöglich. Nicht umsonst hat der amerikanische Philosoph Mark Lilla unsere Zeit den Stempel der „Unlesbarkeit“ aufgedrückt. Für Andreas Rödder, Professor für Neueste Geschichte an der Universität Mainz, ist das erst recht ein Grund, das Heute einer solchen Analyse zu unterziehen. In seinem neuen Buch „21.0 – eine kurze Geschichte der Gegenwart“ sind seine wichtigsten Fragen: Was ist nach 1990 aus der Freiheit des Westens geworden? Wie haben sich Digitalisierung und Globalisierung auf unser Denken ausgewirkt? Bedroht der Kapitalismus unsere Demokratien? Wie fällt die Bilanz der europäischen Integration aus? Kurzum: Was sind die Grundprobleme unserer Zeit und wo kommen sie her? Von Big-Data, Eurokrise und Klimawandel über Konsum- und Bürgergesellschaft bis zum den Machtspielen in der Weltpolitik – die Antworten sind tiefschöpfend und bringen ungeheuren Gewinn und mehr Verständnis für unsere Zeit.

Energie und Klimawandel werden zur Machtfrage

Rödder ist ein fulminantes Werk gelungen, knapp 500 Seiten dick, unterhaltsam erzählt, voller Anekdoten und Zitaten von Zeitzeugen und Zeitgenossen. Die Erkenntnisse sind vielfältig: Digitalisierung und globalisierte Ökonomie sind Ursache dafür, dass sich nach den 1980er Jahren der Liberalisierung heute Staat und Politik wieder sehr viel energischer in Fragen, die die Finanzmärkte betreffen, einmischen.

Vor allem das Thema Umwelt und Klimawandel, einst gestartet als ein von den etablierten Parteien nicht für allzu ernst genommenes Projekt einer für nicht allzu voll genommenen außerparlamentarischen Opposition, hat sich heute zum Machtfeld der Moderne entwickelt. Energie ist zu einer der herausragenden Schlüsselfragen geworden, über deren Lösung sich im Bundestag mittlerweile die Mehrheiten entscheiden. Die deutsche Energiewende war weltweit die einzige Reaktion auf die japanische Katastrophe von Fukushima, erklärt Rödder. Das Ergebnis heute sei ein „Kampf um die Deutungshoheit, in dem sich Wissenschaft, Politik, Unternehmen und Medien gegenseitig“ zu beeinflussen suchen und den Klimawandel zu einem Politikum machen, in dem es mehr „um Interessen als um wissenschaftliche Erkenntnis und ihre Grenzen“ geht.

Der Selbstmord des Kapitalismus‘

Als „großer Knall“ bewertet er das kollektive Versagen, das zur Finanzkrise führte. Ursache des Fiaskos war, dass „viele kluge Menschen“ nicht in der Lage waren, „die Risiken des Gesamtsystems zu erkennen“. Das Prinzip der beschränkten Haftung von Kapitalgesellschaften führte dazu, dass amerikanischen Investmentbanken ihren Eigenkapitalanteil minimierten und über den leverage-Effekt Geschäfte tätigten, die ein sehr hohes Risiko für die Gläubiger enthielten. Hinzu kamen Probleme der Bilanzierungsregeln und die Verlockungen des Anreizsystems des shareholder-value-Kapitalismus. Als das Kind schließlich in den Brunnen gefallen war, gab es statt schöpferischer Zerstörung staatliche Rettung, meint Rödder. Ironie der Geschichte: Einer von vielen Verlieren war letztlich der Kapitalismus selbst, der 1989 noch als der strahlenden Sieger aus dem Ende des Kalten Krieges hervorgegangen war und nun unter tüchtiger Beihilfe unkontrollierbarer Finanzmärkte in die Weltfinanzkrise geführt hatte. Vor allem die nicht realisierte, notwendige ordnungspolitische Nachsteuerung des gesamten Finanzsystems prangert der Autor an.

Rödders Analyse streift so ziemlich alle Gesellschaftsgebiete. Er verurteilt die ideologische Aufladung des Gender-Mainstreaming. Oder: Er sieht in der Masseneinwanderung von heute nur die logische und normale Fortsetzung der schon immer existierenden Wanderungsbewegungen der Weltgeschichte. Oder: Er entzerrt den Begriff Neoliberalismus von seiner populistisch gehandelten Bedeutung des „bösen Kapitalismus“ und beschreibt seine semantische Wandlung – vom Freiburger Ordo-Liberalismus der fünfziger Jahre über den Kampfbegriff seiner Kritiker für unreguliert freie Märkte in den achtziger Jahren bis zur wachstumsorientierten Ökonomie und geringer Staatsintervention in Zeiten der Globalisierung.

Gerät die technologische Entwicklung außer Kontrolle?

Einen Blick in die Zukunft möchte der Autor nicht wagen. Der verführerischen Sehnsucht nach Prognosen gibt er sich nicht hin. Er meint: „Es bleibt eine offene Frage, ob sich die technologische Entwicklung weiterhin in exponentieller Form fortsetzen und immer wieder Adaptionen nach sich ziehen wird, oder ob sie eines Tages außer Kontrolle gerät.“ Die historische Erfahrung besage, dass die Realität der Zukunft die Phantasie der Gegenwart ohnehin überhole. Die Geschichte der Phantasie sei immer auch eine Geschichte der Fehlerprognosen. Rödder nennt zwei spektakuläre Beispiele. Erstens: 1978 hielt IBM den Personal Computer für keine zukunftsfähige Idee: „It isn’t a product for big companies that use real computers.“ Zweitens: Einhundertfünfzig Jahre früher prophezeite einer der Mitentwickler des Nadeltelegraphen dem eigenen Produkt: „Was wir mit dem Telegraphen machen sind rein physikalische Dinge, die sich niemals in die Praxis umsetzen lassen.“

Das Rezept für die Zukunft

Wenn es um die Frage geht, was wir aus der Geschichte lernen können, plädiert Rödder für Offenheit. „Nur wer offen dafür ist, dass alles auch ganz anders sein mag als gedacht, kann die Chancen des Unvorhergesehenen nutzen.“ Ganz so wie im persischen Märchen mit den drei klugen Prinzen von Serendip. Auf einer Reise machen sie allerhand nützliche Entdeckungen, nach denen sie gar nicht gesucht haben. So ist nach ihnen das Lebensprinzip der Serendipität benannt.

Fazit

Kompetent, pointiert, intelligent. Das Buch beinhaltet nicht nur das gesammelte Wissen der vergangenen hundert Jahre, für das sich der Autor eine gewaltige Fleißkarte verdient hat, sondern es ist auch die Art des Erzählens, die dieses Werk so attraktiv macht. Rödder ist das Kunststück gelungen, ohne jeden Zusatz von Phantasieelementen aus unserer Gegenwart ein großes Abenteuer gemacht zu haben.

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  • Autor

    Dr. Martin Roos

    ist freiberuflicher Journalist. Er arbeitet als Autor, Ghostwriter und Redenschreiber für Unternehmen und Topmanager.

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