Wer viel Geld hat, kann spekulieren; wer wenig Geld hat, darf nicht spekulieren; wer kein Geld hat, muss spekulieren. Andre Kostolany, 1906-1999, US-amerikanischer Finanzexperte

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Amerikanisch sind wir geworden

Deutschland hat bei der ökonomischen Aufholjagd nach der Krise die Nase vorn. Die Konjunktur brummt: Bei den Exporten wie auch beim privaten Verbrauch. Warum kann gerade die deutsche Volkswirtschaft die Krise so kraftvoll bewältigen?

Sicher profitieren wir jetzt von der internationalen Verflechtung unserer Industrie: zieht die Weltkonjunktur an, steigt auch der Umsatz der exportorientierten Unternehmen. Das alleine macht Deutschland aber noch nicht zur Wachstumslokomotive: Deutschland profitiert jetzt von seiner Veränderungsbereitschaft vergangener Jahre. Das Land des rigiden Flächentarifvertrags und der starren Ladenschlusszeiten gibt es nicht mehr. Der “Rheinische Kapitalismus” mit der Macht der Verbände hat Schritt für Schritt einer Marktwirtschaft (Marke: “Berliner Republik”) Platz gemacht. Dies ist letztlich die Folge zweier epochaler Ereignisse: der Deutschen Einheit und der Globalisierung.

In Ostdeutschland entstand nach der Wiedervereinigung eine moderne Industrie außerhalb des Tarifkorsetts – und wurde so auch zum Vorbild für viele Betriebe im Westen. Mit der günstigen Entwicklung der Lohnstückkosten stieg auch die globale Wettbewerbsfähigkeit beider Landeshälften spürbar an. Mit der Leiharbeit wurden die rigiden Vorschriften des Kündigungsschutzes umschifft. Kurz gesagt: Deutschland rückte ein Stück näher an Amerika, und zwar genau dort, wo es besonders nötig war: in der marktwirtschaftlichen Flexibilität. All dies geschah nicht ohne Protest. Aber es geschah. Und heute profitieren wir davon.


* Ursprung dieses Blogbeitrages ist ein Namensartikel im Handelsblatt – diesen können Sie hier nachlesen.
* Eine Rezension zum Buch „Wachstum“ von Karl-Heinz Paqué finde Sie hier.

  • Autor

    Prof. Dr. Karl-Heinz Paqué

    ist Dekan der Fakultät für Wirtschaftswissenschaft Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg und Botschafter der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft.

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  • Surp

    Die Kosten für viele Menschen sind aber zu hoch in meinen Augen. Da wir nicht fähig oder willens sind die Erträge aus der Flexibilität, die ich sehr begrüße gerechter zu verteilen. Ich persönliche würde den Kündigunsschutz ganz abschaffen, jenes würde das Problem mit der Zeitarbeit lösen, da man sie fast nicht mehr braucht.

    Außerdem muss man ernsthaft darüber sprechen wie wir unsere Wohlfahrtssteigerung berechnen.

    Für mich ist nicht nachvollziehbar, wie ein Bürogebäude oder ein Steuerbüro etc., die tatsächliche Wohlfahrt steigern soll. Gleiches gilt für die ganzen Verwaltungsapperate in Unternehmen. Eigentlich müsste man diese doch eher als negativen Beitrag zu unsere Wohlfahrt sehen und auch entsprechend behandeln.

    Wird dies nicht gemacht, da das Ergebnis die Menschen erschrecken würde?

  • Realist

    “Deutschland hat bei der ökonomischen Aufholjagd nach der Krise die Nase vorn”. Schön wärs. Das deutsche BIP ist immer noch unterhalb des vorkrisen Niveaus. Und noch schlimmer: Das amerikanische BIP erholt sich schneller als das deutsche. Gut, das deutsche BIP wächst schneller als das griechische. Hier haben wir tatsächlich die “Nase vorn”.
    In Deutschland ist der private Verbrauch immer noch erschreckend schwach. Dies wird sich vermutlich auch nicht ändern. Richtig ist das Jobs geschaffen werden. Aber: Viele dieser Jobs sind sehr schlecht bezahlt. Die Arbeitsnehmer haben kaum mehr Einkommen als Transferempfänger zur verfügung. Die einzige Möglichkeit zur Steigerung des privaten Konsums ist eine stärkere Fokussierung auf den kreditfinanzierten Konsum.
    Interessant ist, dass Herr Paqué scheinbar nicht weiss, was eine Lokomotive ist. Der Zweck einer Lokomotive ist nicht, das sie alleine möglichst schnell durch die Landschaft fährt, sondern dass die eine größere Zahl Waggons hinter sich herzieht. Übertragen auf die Ökonomie hieße das: Deutschland wäre eine Wachstumslokomotive, wenn es dafür sorgen würde, dass auch unsere Nachbarländer wachsen. Dies ist aber nicht der Fall. Das Gegenteil ist wohl eher richtig.
    Dass die Verbände in der “Berliner Republik” nichts mehr zu sagen haben widerlegen die Hotelliers und bayrischen Skiliftbetreiber.
    “Deutschland rückt näher an Amerika und jetzt profitieren wir davon”. Ich würde mich freuen, wenn Herr Paqué das nochmal auf einem Marktplatz in Wedding, Mühlheim oder Altona wiederholen könnte. Richtig ist: Wer in diesem Land über Kapital verfügt wird immer reicher. Richtig ist auch: Wer für sein Geld arbeiten muss arbeitet immer länger und erhält dafür immer weniger.

  • Markus

    Dieser Lobpreis stammt wohl von einem wahlkämpfenden Politiker und nicht von einem seriösen Wissenschaftler. Die INSM ist ja auch ein einziger PR-Gag ;-)

  • “Aber es geschah. Und heute profitieren wir davon.”
    Herr Paqué schreiben sie ruhig wer davon profitiert. Etwa die 10% Menschen, welche jetzt unter der Armutschwelle trotz arbeit leben. Der Binnenmarkt, welcher seit 10 Jahren stagniert? Die Masse der Bevölkerung hat sicher nicht von dieser Entwicklung profitiert. Stagnierende bis sinkende Löhne, aber dafür einen steigenden Export. Ihren Verweis auf Ostdeutschland können sie nicht ernst meinen. Ich weiß nicht wann sie das letzte mal die Wirtschaftsdaten angesehen haben.

  • Karl-Heinz

    “Kurz gesagt: Deutschland rückte ein Stück näher an Amerika, und zwar genau dort, wo es besonders nötig war: in der marktwirtschaftlichen Flexibilität. All dies geschah nicht ohne Protest. Aber es geschah. Und heute profitieren wir davon.”

    Kurz gesagt:
    Ergebnis in Amerika:
    Über 40 Millionen Menschen leben unter der Armutsschwelle.
    Über 50 Millionen Menschen können sich keine Krankenversicherung leisten.

    Ich denke Otto Waalkes kam der Wahrheit vor ca. 40 Jahren schon etwas näher als er das “wir” mit vier übesetzte.
    Und heute profitieren vier davon.
    Wer sind diese vier?
    Ist es der Niedriglöhner? Ist es der 1 Euro Jobber ? Ist es die 300 Euro Rentnerin, deren 4 Kinder jeden Monat dafür sorgen , dass ein Bundespräsident im Ruhestand mehr als 60 mal soviel erhält ?
    Oder ist es gar der Arbeitnehmer dem man nach über 40 Jahren Treue zu seinem Betrieb mit 58 Jahren vor die Tür setzt ?

    DEUTSCH sind wir geworden.
    Laut Wikileaks wollte man in Amerika den Sklavenhandel wieder einführen.
    Lohn: Unterkunft und Essen.

    Führende Ökonomen sahen im deutschen Weg aber eine kostengünstigere Alternative.
    Jetzt will man dort auch den 1 Dollar Job einführen. Der Arbeitgeber erhält , das ganze exakt berechnet, monatlich 731,27 Dollar. Davon zahlt er 160 Dollar für 160 Stunden. Etwaige anfallende Überstunden sind bei diesem Spitzenlohn natürlich unentgeltlich zu leisten. So blieben für den Arbeitgeber noch 571,27 Dollar übrig.
    Dadurch erwartet man auch in den Personalabteilungen einen zusätzlichen Eistellungsboom für 1 Dollar Jobber.
    McKinsey sieht eine schwarze 0 bei den Arbeitslosenzahlen spätestens am 15. Februar 2011.

  • @Karl-Heinz
    Als Professor für Wirtschaft sind solch belanglosen Dinge wie Menschen nicht wichitg. Hauptsache das BIP Wachstum ist groß. Dann ist alles in Ordnung. Wenn einer isst bis er kotzt und einer hungert, sind schließlich auch beide satt.