Es ist beispielsweise in höchstem Maße widerspruchsvoll, wenn der Staatsbürger über die unerträgliche Höhe der Steuerlast klagt, gleichzeitig aber vom Staate Hilfen erwartet, die diesem das moralische Recht geben, noch immer höherer Steuern einzuheben. Ludwig Erhard, 1897-1977, deutscher Wirtschaftsminister, Bundeskanzler

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Für offene Grenzen kämpfen

Ausländerquoten in EuropaEs stimmt: Die Zuwanderung stellt die Schweiz vor Probleme. Doch Abschottung ist keine Lösung. Denn Europa ist überlebenswichtig für das Land, das ohne den europäischen Binnenmarkt nicht das Paradies wäre, das es heute ist.

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Drei von fünf Franken, die Schweizer Unternehmen im Ausland verdienen, kommen aus Europa. Alleine nach Deutschland geht ein Fünftel der Schweizer Ausfuhren. Das macht die Schweiz sehr verletzlich für eventuelle Strafmaßnahmen der EU, sollte die Schweiz die Personenfreizügigkeit jetzt zu stark beschränken. Genauso – wenn auch weniger dramatisch – würden die EU und Deutschland unter einem Streit mit der Schweiz wirtschaftlich leiden. Am Ende gäbe es nur Verlierer.

Für höher Qualifizierte und Jüngere wird es künftig nicht mehr so attraktiv sein, nach Helvetien zu ziehen. Das wird Wohlstand kosten. Dabei ist die schweizerische Wirtschaft gerade deshalb so wettbewerbsfähig, weil viele hoch qualifizierte Zuwanderer ins Land gekommen sind. Mehr als die Hälfte der Erwerbstätigen, die mit der Personenfreizügigkeit in das Alpenland wanderten, hat einen Hochschulabschluss. Zudem sind durch die Zuwanderung mehr Stellen auch für Schweizer Arbeitnehmer entstanden – und zwar bei weiter steigenden Löhnen.

Das alles bedeutet nicht, dass der enorme Bevölkerungszuwachs nicht auch Probleme mit sich bringt. Statt 7,2 Millionen im Jahr 2001 leben nun 8,1 Millionen Menschen in dem kleinen Land. Aber auch, wenn die Lebenshaltungskosten dadurch gestiegen sind, haben die gebürtigen Schweizer profitiert und verdienen heute durch den stärkeren Lohnanstieg mehr zum Leben als vor zwölf Jahren.

Allein die Gruppe der höher Qualifizierten ist unter Druck geraten. Wo sich die gut ausgebildeten Schweizer auf den höheren Ebenen früher gut von der Konkurrenz abschotten konnten, sind heute mit der Personenfreizügigkeit Netzwerke aufgebrochen worden, die viel mit der aktiven Militärzeit der meisten Schweizer Konzernlenker zu tun haben. Hinzu kommt der Wandel im Alltag: Im Krankenhaus, im öffentlichen Dienst oder in den Medien sind die Schweizer inzwischen häufig gezwungen, Hochdeutsch zu sprechen. Beides hat das Volksbegehren sicher zu einem guten Teil getragen.

Wirklich erschreckend sind aber die Reaktionen aus Deutschland. Die allermeisten Kommentare enthalten Begeisterung für das, was gerade in der Schweiz passiert. Das zeigt, wie wichtig es ist, immer wieder für offene Grenzen zu kämpfen, damit nicht plötzlich auch andere Europäer die Freizügigkeit in Frage stellen.

  • Autor

    Prof. Dr. Thomas Straubhaar

    früherer Direktor des Hamburgischen WeltWirtschaftsInstituts (HWWI) und Universitätsprofessor für Volkswirtschaftslehre, insbesondere internationale Wirtschaftsbeziehungen, an der Universität Hamburg.

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