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Vater Kurt

Buchkritik: Kurt Biedenkopf: Wir haben die Wahl – Freiheit oder Vater Staat, Berlin 2011

Sind wir verantwortungsbegabte Bürger oder Untertanen, fragt Kurt Biedenkopf. Und die Wortwahl des Demokraten zeigt schon, wohin die Reise gehen soll. Viele Menschen in Deutschland beginnen die mit der Freiheit verbundene Verantwortung als Last oder gar als Zumutung zu empfinden, schreibt er in seinem Buch „Wir haben die Wahl“. Gleichzeitig aber verhindere das „vormundschaftliche Konzept der Sozialpolitik“ Eigenverantwortung. Damit komme den Menschen das Glück abhanden, das der freie Bürger empfände, wenn es ihm durch persönlichen Einsatz gelänge, Gemeinsamens zu gestalten und stolz darauf zu sein, was durch die freie Leistung vieler geschaffen wurde, erklärt Biedenkopf.

Freiheit und Vormundschaft – sie sind nicht vereinbar. Den ehemaligen Ministerpräsidenten Sachsens treibt das alte Problem: Wie kann sich Freiheit im Rahmen ihrer Verantwortung für Gerechtigkeit und Solidarität zum Wohl der Bürger und des Landes entfalten. Dass er sich den Übervater bundesrepublikanischer Ökonomie, Ludwig Erhard, zum Paten seiner Ausführungen erwählt, hat zunächst mit seiner persönlichen Verehrung für den alten Meister zu tun. Aber auch ist es Biedenkopfs gewisser Koketterie geschuldet, dass er sich als Erhards Epigone ins Spiel bringt, um scheinbar unantastbar den jungen Eliten in Politik und Wirtschaft als Mahner sozialstaatlicher Vernunft ins Gewissen zu reden.

Für Erhard galt das magische Dreieck „Preisstabilität, hoher Beschäftigungsstand und außenwirtschaftliches Gleichgewicht“. Wachstum war daraus eine natürliche Folge. Heute diene Wachstum nicht in erster Linie der wirtschaftlichen Stabilität, sondern der Expansion der Politik, erklärt Biedenkopf.

So entspannt lässt es sich sprechen, wenn man nicht mehr politisch gestalten muss. Zwar erklärt Biedenkopf, dass er es schon 1978 für halsbrecherisch gehalten habe, Wachstum zu einer existenziellen Voraussetzung für die Regierbarkeit westlicher Länder zu erklären. Doch auch auf die Frage, wie binnenwirtschaftliche Verpflichtungen im Rahmen des sozialen Sicherungssystems auch dann erfüllt werden können, wenn sie nicht vom Zuwachs, sondern vom Vorhandenen bezahlt werden müssen, wussten weder er noch andere damals eine Antwort.

Biedenkopfs heutiger Ruf nach Erneuerung zielt – nicht unbedingt originell – auf das Prinzip der Subsidiarität, um die Innovationspotenziale der Gesellschaft endlich voll zu erfassen, und – auch nicht überraschend – auf die Familie. Gerade sie gelte es als Fundament der Sozialordnung neu zu entdecken und zu stärken.Wenn Biedenkopfs Buch wirklich etwas schafft, dann ist es das: wieder Interesse für Ludwig Erhard zu wecken. Und ihn zu lesen. Am besten aber gleich im Original.

5 Kommentare zu “Vater Kurt”

  1. Erst zieht der Sozialstaat alle sozialen Interaktionen an sich und erklärt seine Bürger für in den verschiedensten Bereich unmündig: Sie fressen sich kugelrund, müssen vor ihren eigenen Investitionsentscheidungen geschützt werden, rauchen bis die Lunge einer karzinogenen Invasion klein bei gibt, haben traditionelle Männlichkeitsbilder, die ihnen in der Schule und anderswo abtrainiert werden müssen und benötigen zum Leben die Unterstützung eines Heers von Coaches, Sozialarbeitern und institutionellen DoGooders, die alle eines gemeinsam haben: Sie hängen am Tropf eben jenes Sozialstaats.

    Wenn sich dann erste Finanzierungsprobleme abzeichnen, weil eben entgegen dem, was man in den 1970 Jahren zu wissen glaubte, die Zukunft nicht plan- und steuerbar ist, dann fällt den verantwortlichen Politikern nichts anderes als der Ruf nach der Familie ein? Ausgerechnet die Familie soll es richten, der Hort des Konservatismus, in dem bereits Max Horckheimer den Ursprung allen beharrenden Übels gesehen hat? Das ist ein klassischer Widerspruch, den man als neue Ideologie der “revisinistischen Innovation” bezeichnen könnte…

  2. Markus sagt:

    Dumm nur, dass es eben immer weniger Familien im klassischen Sinne gibt. Damit wäre Biedenkopfs “Fundament” erledigt.

  3. @ Michael Klein

    Sehr schön formuliert, könnte von Chuck Palahniuk kommen, ehrlichen Respekt!

  4. Kammerjäger sagt:

    Für Erhard galt das magische Dreieck „Preisstabilität, hoher Beschäftigungsstand und außenwirtschaftliches Gleichgewicht“.

    Die Ursache der europäischen Schukdekrise liegt dadrin , dass man den letzten Teil vergessen hat.

  5. @Kammerjäger
    “Die Ursache der europäischen Schukdekrise liegt dadrin , dass man den letzten Teil vergessen hat.”
    Nicht nur den letzten Teil auch den zweiten. Die hohe gut bezahlte Beschäftigungsquote gibt es nur dank statistischer Tricks.

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Der Autor:

Dr. Martin Roos

ist freiberuflicher Journalist. Er arbeitet als Autor, Ghostwriter und Redenschreiber für Unternehmen und Topmanager.

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