In neuerer Zeit ist Wachstum zum wichtigsten Heilmittel gegen Arbeitslosigkeit geworden. John Kenneth Galbraith, 1908-2006, Ökonom

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Trump als Chance? Welche Lehren die Politik aus dem Verhalten des US-Präsidenten ziehen könnte

Donald Trump ist ein Egozentriker und notorischer Wahrheitenverdreher. Und er pfeift auf politische Konventionen. Letztere ist eine Chance, unsere bisweilen tradierten politischen Umgangsformen auf den Prüfstand zu stellen.

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Wir wissen nicht, ob der amerikanische Präsident Joseph A. Schumpeter im Original gelesen hat. Dafür spräche: der österreichische Nationalökonom hat seinen Klassiker „Kapitalismus, Sozialismus und Demokratie“ 1942 in englischer Sprache veröffentlicht. Drei Jahre zuvor, mit Beginn des Zweiten Weltkrieges hatte er die amerikanische Staatsbürgerschaft angenommen. Im Gegensatz zu vielen anderen Ökonomen verfügte Schumpeter zudem, ganz ähnlich dem amerikanischen Präsidenten, über Wille und Gabe, kurz, prägnant und schonungslos Kernelemente seiner Überlegungen auf den Punkt zu bringen. Den berühmten „Prozess der schöpferischen Zerstörung“ beschrieb er als „Mutation“, die „unaufhörlich die Wirtschaftsstruktur von innen heraus revolutioniert, unaufhörlich die alte Struktur zerstört und unaufhörlich eine neue schafft“.

Mit derartigen, nahezu Twitter-fähigen Formulierungen widerstand Schumpeter der Versuchung, Innovation, Wettbewerb und konjunkturelle Zyklizität in politischer Korrektheit schönzureden, für alle verträglich zu machen, weichzuspülen. Er beschreibe vielmehr einen „Substitutionsprozess, in dem nicht nur der Beste gewinnt, sondern der schlechtere ausgemendelt wird“, ordnete Professor Birger Priddat von der Uni Witten/Herdecke Schumpeter einmal ein.

Evolutionäre Entwicklung ohne Endpunkt

Und Dieter Schnaas hatte in der „Wirtschaftswoche“ geschrieben: „Schumpeter verstand die moderne Wirtschaftsordnung als evolutionäre Entwicklung ohne Endpunkt, als Fortschritt ohne Ziel, ständig in Bewegung.“ Schumpeter habe außerdem den dauernden Versuch unternommen, „analytische Gebäude in nimmer endender Form aufzubauen, auszubauen – und niederzureißen“. Permanenter Wandel, Disruption, Zerstörung als Motor von Innovation und Weiterentwicklung –  Notwendig und verstörend zugleich für Gesellschaften wie unsere, denen „Mehr“ und „Neues Wollen“ wesensimmanent sind, die Unruhe und Veränderung dennoch scheuen und verdammen.

Übertragen aus der Ökonomie auf die Politik: ob belesen oder nicht, es scheint dass das wirtschafts- und außenpolitische Programm des amerikanischen Präsidenten in frappierender Analogie zu Schumpeter darauf ausgerichtet ist, im westlichen Staatenverbund bestehende Strukturen, Dogmen und Mechanismen herauszufordern, zu zerstören, durch vermeintlich Besseres zu ersetzen. Bilaterale Handelsvereinbarungen statt WTO-Regeln, De-Regulierung statt Bürokratisierung, das Hinterfragen der Sinnhaftigkeit von geldpolitischen Maßnahmen der Fed statt Kritikverzicht unter dem Vorwand der Unabhängigkeit der EZB, die offene Attacke auf geostrategische Gegner wie China und Iran statt multilateraler Beschwörungen, doch alle im selben Boot zu sitzen, die unverblümte Forderung nach mehr Geld für militärische Verteidigung statt Umwidmung millionenfacher Flüchtlingshilfe als vermeintliche Sicherheitsleistung – die Liste der politischen Zumutungen Donald Trump’s für das Establishment der westlichen Staatengemeinschaft ist lang und hier nicht vollständig beschrieben.

Es ist müßig, das Für und Wider der amerikanischen Regierungspolitik und ihrer Gegenpositionen in den USA selbst und in Europa an dieser Stelle in Gänze zu analysieren oder gar zu entscheiden. Exemplarisch: Allein der mögliche Erfolg der chinesisch-amerikanischen Handelsgespräche lässt die Vermutung zu, dass die frontale Konfrontation mit einem Land, das „2049 Weltmacht Nummer eins sein will“ (so der Asien-Experte der deutschen Wirtschaft Hubert Lienhard) zielführender sein könnte als formelhafte G7-Erklärungen zum Abbau von Handelsungleichgewichten.

Mir geht es hier nicht um die Bewertung, wo der amerikanische Präsident richtig handeln mag oder nicht, schon gar nicht um die Rechtfertigung bizarrer persönlicher Verhaltensweisen mit Hilfe des Konzepts der schöpferischen Zerstörung Schumpeters. Gewinnen könnte der westliche Staatenverbund gleichwohl dadurch, dass er den von Donald Trump aufgerufenen Systemwettbewerb annimmt und allen Provokationen zum Trotz die eigenen politischen Konzepte auf den vorbehaltlos auf den Prüfstand stellt.

Dass unsere aktuellen Anführer wie Merkel, Macron und Trudeau diese Bereitschaft zumindest öffentlich vermissen lassen, ist bedauerlich. So wächst die Gefahr, dass vier oder acht Jahre Trump für die USA ein Gewinn sein mögen, für den Rest des Westens dagegen strategisch verlorene Zeit. „Denke immer das Neue ins Offene“, lautet die Forderung von Schumpeter – ein guter Wegweiser, wenn die Zukunft so ungewiss ist wie – eigentlich immer.

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  • Autor

    Hans Obermeier

    ist Inhaber von Obermeier Communications und langjähriger Journalist sowie Kommunikations- und Markenchef verschiedener Unternehmen und Organisationen.

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