Arbeit ist häufig der Vater des Vergnügens. François-Marie Arouet Voltaire, 1694-1778, franz. Philosoph und Dichter

8 Soziales

Was ist gerecht?

In modernen Wohlstandsgesellschaften gehören Gerechtigkeitsdebatten nicht nur zu Wahlkampfzeiten zur Tagesordnung.  Wie viel darf ein Manager höchstens verdienen? Welches Einkommen muss ein Arbeitnehmer mit seiner Hände Arbeit mindestens erzielen? Unklar bleibt aber oft: Was ist (soziale) Gerechtigkeit?

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Menschen wollen, dass es gerecht zugeht. Im juristischen Sinne bestimmen Gesetze was gerecht ist und was nicht. Darüber hinaus haben moderne Gesellschaften einen Ordnungsrahmen, der Regeln und Rahmenbedingungen des wirtschaftlichen Handelns festlegt – und somit (mit-) entscheidend ist für den Zuwachs an Gütern und Dienstleistungen – aber auch für deren (Um-)Verteilung. Denn neben der juristischen Gerechtigkeit, ist modernen Gesellschaften viel an sozialer Gerechtigkeit gelegen. Dabei ist oft nicht klar, was mit Gerechtigkeit gemeint ist und wie sie sich messen lässt.

Grundsätzlich lassen sich sechs Gerechtigkeitsprinzipien unterscheiden:

  1. Einkommensgerechtigkeit: Darunter  versteht man, dass Güter und Lasten möglichst gleich zwischen den Menschen verteilt sein sollen. Absolute Einkommensgerechtigkeit wäre demnach erreicht, wenn alle Gesellschaftsmitglieder genau das gleiche Einkommen hätten.
  2.  Bedarfsgerechtigkeit: Eine Gesellschaft ist dann gerecht, wenn ein –wie auch immer definierter- Mindestbedarf an Gütern jedem Menschen zusteht. Über die Höhe des Mindestbedarfs lässt sich trefflich streiten, wie die Vielzahl der Auseinandersetzungen um die Höhe der Sozialhilfe zeigt.
  3. Leistungsgerechtigkeit: Danach gemessen ist es sozial gerecht, wenn jeder Mensch das verdient, was er erwirtschaftet. Offenkundig besteht zwischen Einkommensgerechtigkeit und Leistungsgerechtigkeit ein Trade-Off. Menschen besitzen unterschiedliche Talente. Absolute Einkommensgerechtigkeit und Leistungsgerechtigkeit können nicht gleichzeitig erreicht werden.
  4. Chancengerechtigkeit: Alle Menschen sollen die Chance habe, ihre gegebenen Talente zu nutzen und die eigene Lebenssituation zu verbessern.
  5. Regelgerechtigkeit: Regeln des gesellschaftlichen Zusammenlebens müssen fair und allgemeingültig sein.
  6. Generationengerechtigkeit: Sie gilt als erfüllt, wenn die nachfolgenden Generationen die gleichen Voraussetzungen vorfinden als die Lebenden und wir heute nicht auf Kosten zukünftiger Generationen leben.

Welche Schwerpunkte gewählt werden, ist in einer pluralistisch demokratischen Gesellschaft schwer vorherzusagen. Es sind jeweils die politischen Mehrheitsverhältnisse, die über die Umsetzung oder Nichtumsetzung gewisser Gerechtigkeitsprinzipien entscheiden. Während in sozialistischen Regimen vor allem auf Einkommensgerechtigkeit – vielfach zu Lasten der Leistungsgerechtigkeit – gezielt wird, wird in rein kapitalistisch geprägten Ländern der Fokus auf die Leistungsgerechtigkeit gelegt.

Die Soziale Marktwirtschaft geht einen Mittelweg. Sie verbindet die marktwirtschaftlichen Vorzüge mit sozialem Ausgleich. Der Ordnungsrahmen stellt sicher, dass durch Umverteilung die übrigen Gerechtigkeitsdimensionen erfüllt werden. So werden die Stärken einer freien Marktwirtschaft mit den Vorzügen sozialer Absicherung  verknüpft. Die Kunst ist es ,ein Maß zu finden, das auf der einen Seite die verteilungspolitischen Gerechtigkeitsdimensionen berücksichtigt, auf der anderen Seite aber die Leistungsanreize und die Regelgerechtigkeit nicht aushebelt.

Wie gerecht geht es in Deutschland denn zu? Gemessen an allen sechs Gerechtigkeitsdimensionen belegt Deutschland im internationalen Vergleich Rang 7. Vor allem den skandinavischen Ländern ist die Verbindung aus Markt und Staat besser gelungen als Deutschland. Aufholbedarf besteht insbesondere in puncto Chancengerechtigkeit (Platz 14) – dem zentralen Versprechen der Sozialen Marktwirtschaft. Hier ist die Bildungspolitik gefragt. „Mehr Arbeit und mehr Bildung gleich mehr Chancen“ – so lautet die Faustformel. Auch die Einkommensgerechtigkeit steigt in Folge dessen: Je gleicher die Bildungschancen verteilt sind, umso besser steht es am Ende um die Einkommensgerechtigkeit. Und wenn weniger umverteilt werden muss, steigt die Leistungsgerechtigkeit. „Wohlstand für Alle“ heißt „Bildung für Alle“.


Weitere Informationen zum Gerechtigkeitsmonitor finden Sie hier.

  • Autor

    Prof. Dr. Dominik H. Enste

    leitet das Kompetenzfeld „Institutionenökonomik“ am Institut der deutschen Wirtschaft Köln (IW).

    Alle Beiträge

  • chri

    “Insgesamt konnten nach intensiver Datenrecherche 33 Indikatoren identifiziert werden, die diesen Anforderungen entsprechen und aus unserer Sicht für die sechs Gerechtigkeitsdimensionen genutzt werden können. Die Variablenauswahl ist dabei in vielen Fällen ein Kompromiss, bei dem die Datenverfügbarkeit letztlich gegenüber der theoretischen Wünschbarkeit ausschlaggebend sein muss, weil die Daten nicht nacherhoben werden können”

    Das nenne ich eine solide Basis. In der Studie fehlen die Standardabweichungen. Somit kann man keine Aussage treffen wie gut die Ergebnisse eigentlich sind.

  • Markus

    Ich möchte anmerken:
    “Gerechtigkeit” beurteile ich als dynamische Variable, welche sich nach einem bestimmten Zeitrahmen ändern kann – was heute gerecht ist kann in X Jahren ungerecht wirken.

    Egoismus: Nach der Maxime “Jeder ist sich selbst der Nächste” glaube ich nicht an die Objektivität von “Gerechtigkeit”. Ebenso würde ich niemals in diesem Kontext die Rechtsprechung als “gerecht” bezeichnen – da wir hier Einflüsse wie zB Moral haben, welche sich auf Einzelaspekte auswirken können.

    Gerechtigkeit zu messen ist sicherlich eine Herausforderung. Aber ich entnehme dem Bericht, dass man keine endgültigen Messgrössen finden kann und damit erscheint “Gerechtigkeit” als nicht operationalisierbar. Vielleicht ein Einzelfällen – aber nicht im Allgemeinen.

    Dennoch ein interessanter Ansatz.

  • LiFe

    Wer der Gerechtigkeit folgen will durch dick und dünn, muß lange Stiefel haben.

    Wilhelm Busch

  • Kammerjäger

    “Je gleicher die Bildungschancen verteilt sind, umso besser steht es am Ende um die Einkommensgerechtigkeit. Und wenn weniger umverteilt werden muss, steigt die Leistungsgerechtigkeit. ”

    Das ist naiv. Die Gehälter haben in Deutschland wenig Bezug zur Leistung, ja nicht einmal zur Wertschöpfung. Gehälter sind Ausdruck tradierter Normen (wie viel wird typischerweise für die Tätigkeit bezahlt?) und der Machtverhältnisse bei der Verteilung des Geldes.

    Ein Beispiel: Investmentbanker sind nicht extrem leistungsfähig, ihre Arbeitgeber geben diesen Personen Werkzeuge in die Hand, mit denen viel Geld verdient werden kann. Die Banken haben zudem eine System geschaffen, dass der größere Teil des erwirtschafteten Geldes an die Mitarbeiter und nicht an die Eigentümer ausgezahlt wird (das ist Ausdruck der Machtverhältnisse).

    Anderes Beispiel: Ist die Pensionsrundumversorgung unserer Politiker ein Ausdruck ihrer hohen Leistungsfähigkeit, oder besitzen Sie nur die gesellschaftliche Macht sich dieses Einkommen zu sichern?

    Der Verteilungsmechanismus in der Wirtschaft ist tendenziell bereits ungerecht. Daher ist mehr staatliche Umverteilung nicht per se schon eine Verstoß gegen die Leistungsgerechtigkeit.

  • LiFe

    ihre Arbeitgeber geben diesen Personen Werkzeuge in die Hand, mit denen viel Geld verdient werden kann.

    Man muss sich vorstellen, wie sie es auf vermögende Senioren abgesehen haben. Wie sie beraten etc. Es ist extrem schlau, aber kontraproduktiv. Was ist, wenn Nachkommen tolle Projekte haben? Es ist bekannt, dass die Älteren sehr stark an ihr Vermögen hängen. Sollen sie. Schließlich haben sie entbehrt. Hart dafür gearbeitet. Die Nachkommen, so lautet die Botschaft soll selber dafür arbeiten. Stimmt auch. Nur heute nicht anwendbar. Während Nachkommen Anstand besitzen und Senioren nicht bedrängen finanzielle Hilfe zu leisten, damit Projekte umgesetzt werden können nutzen die Banken ihre Mächte aus und verkaufen Fonds, die allesamt Senioren und Nachkommen in den Ruin treiben. Bravo! An sich kommt es nicht von ungefähr, warum Ideen und Innovationen vollkommen stagnieren. Im Handelsblatt stand ein Artikel, dass Innovationen blockiert werden. http://www.handelsblatt.com/politik/deutschland/kritik-an-merkel-technologieberater-pochen-auf-steuerbonus-/3871966.html
    Mir ist es egal. Ich befasse mich heute musikwissenschaftlich. Ich lese gerade über Leo Kestenberg. Wie Musiklehrer in der Musiklandschaft verloren gingen. Sehr interessant. Ist besser als Trübsal blasen, weil Ideen und Innovationen nicht umgesetzt werden können. Wie sagt der Franzose? Tempis!

  • GET

    Gleichheit ist eine Form der Gerechtigkeit und gleichzeitig kann sie ungerecht sein. Eine “Gerechtigkeit” muss, um als GERECHT zu gelten, von ALLEN anerkannt sein. Gibt es nur einen, der die obigen Aussagen als UNGERECHT empfindet, so kann es sich um keine Gerechtigkeit handeln, denn für diese eine Person ist die dargelegte Gerechtigkeit ungerecht.

    Im Übrigen gibt es Gerechtigkeiten (http://www.spektrum.de/alias/fairness/die-mathematik-der-gerechtigkeit/840305) die OHNE Gleichmacherei auskommen.

    Bsp.: Stellen Sie sich vor, Sie haben zwei Menschen der eine liebt Birnen und mag keine Äpfel. Der andere liebt Äpfel und mag keine Birnen. Weiterhin haben Sie einen Haufen mit zwei Birnen und zwei Äpfeln. Wie wird gerecht geteilt? Bei Ihrem Gleichmachereiansatz teilen Sie wie folgt: Jeder erhält je einen Apfel und eine Birne. Jedem normal denkendem Menschen jedoch ist klar, unter den gegebenen Voraussetzungen wäre ein Teilen der Form der der Äpfel liebt bekommt die Äpfel und der der Birnen liebt bekommt die Birnen “gerechter”. Warum nur?

  • LiFe

    Interessant die Gleichung. Ich denke ein Macht-Mensch ignoriert die Vorliebe der Empfänger. Teile gerecht, aber so wie es nach deinem Empfinden gerecht ist.

  • Markus

    @ GET

    Die Gleichung ist gut, das Beispiel wirklich gelungen.

    Nur eine Frage hierzu: Wenn es nun 10 Äpfel sind und 15 Birnen, wäre dann Ihre Aufteilung immer noch gerecht?
    Ich denke, dass in diesem Fall der Apfelliebhaber zwar immer noch keine Birnen mag, aber dennoch die Aufteilung als ungerecht empfindet und deshlab eher noch zwei Birnen nehmen würde als gar keine. Gerechtigkeit ist m.E. keine Frage des Nutzens, eine Versachlichling empfinde ich als schwer, daher auch das Problem der mathematischen Gleichung – denn diese setzt faktisch eine grundlegende Gleichheit (Hier: Gesamtmenge der Ressource) voraus!

    Im Übrigen erinnert mich das sehr stark an die Spieltheorie und die Suche nach dem Nash-Gleichgewicht. Vielleicht findet man durch die Spieltheorie die absolute Gerechtigkeit.